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Algebra fürs Klima

Drei simple Zahlen addieren sich zur globalen Klimakatastrophe.

von Bill McKibben , erschienen in 16/2012

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© Foto: nancie battaglia

Im Juni wurden in den USA 3215 Temperaturrekorde erreicht oder gebrochen. Der Vormonat war der wärmste Mai in der nördlichen Hemisphäre seit Beginn der Klimaaufzeichnung – im 327. Monat in Folge überstieg die Welttemperatur das Mittel des 20. Jahrhunderts; die Wahrscheinlichkeit eines Zufalls liegt bei 3,7 × 10⁹⁹, einer Zahl, deutlich größer als die aller Sterne im Universum. Meteorologen zufolge war dieses Frühjahr das wärmste seit Beginn der Klimaaufzeichnungen in den USA – es wies sogar die »größte je aufgezeichnete Temperaturabweichung« auf. In derselben Woche wurden aus Mekka Regenfälle bei 43 Grad Celsius gemeldet, der heißeste, je auf unserem Planeten gemessene Niederschlag. Die Politik schien ungerührt. Im Juni kamen die Nationen der Welt nach Rio zum 20. Jahrestag des Erdgipfels von 1992 und erreichten – gar nichts.
Ich, der ich 1989 eines der ersten populärwissenschaftlichen Bücher über die Erderwärmung verfasst und mich seitdem an deren Verlangsamung ­abgearbeitet habe, kann heute mit einer gewissen Überzeugung sagen, dass wir dabei sind, den Kampf zu verlieren, rapide und auf ganzer Linie; und zwar vor allem deshalb, weil wir die Lebensgefahr, in der die Menschheit schwebt, nach wie vor leugnen. Um den Ernst der Lage zu erfassen, genügen ein paar einfache Rechnungen. Eine simple und überzeugende arithmetische Analyse, veröffentlicht von britischen Finanzanalysten, straft die herkömmliche politische Meinung Lügen. Und sie ermöglicht es, unsere brenzlige – nahezu, wenn auch nicht völlig hoffnungslose – Lage anhand dreier schlichter Zahlen zu verstehen.

Die erste Zahl: 2 Grad Celsius
Kopenhagen ist grandios gescheitert. Weder China noch die USA, die zusammen 40 Prozent der weltweiten CO₂-Emission verantworten, waren zu nennenswerten Zugeständnissen bereit, weshalb die Konferenz zwei Wochen ziellos dahindümpelte, bis die Führer der Welt am Schlusstag einflogen. In all dem Chaos setzte sich Präsident Obama den Hut für den Entwurf der »Übereinkunft von Kopenhagen« auf – völlig freiwillige Alibi-Bekenntnisse ohne jede Verbindlichkeit. Immerhin enthielt die Übereinkunft eine wichtige Zahl: Paragraf 1 erkannte »die wissenschaftliche Erkenntnis, dass die Erderwärmung auf unter 2 Grad Celsius begrenzt werden solle«, förmlich an. Bisher haben wir die Durchschnittstemperatur des Planeten um rund 0,8 Grad erhöht, was weit größeren Schaden anrichtete, als die meisten Wissenschaftler erwartet hatten. (Ein Drittel des arktischen Sommereises ist geschmolzen, der Säuregehalt der Ozeane um 30 Prozent gestiegen, und da warme Luft mehr Wasserdampf bindet als kalte, ist die Atmosphäre über den Ozeanen um erschreckende 5 Prozent feuchter, was verheerende Überflutungen nach sich zieht.) Viele Wissenschaftler sind deshalb zur Ansicht gelangt, dass 2 Grad Celsius ein viel zu laxes Ziel seien. Trotz wohlbegründeter Zweifel obsiegte politischer Realismus über wissenschaftliche Daten, und die Welt einigte sich auf das 2-Grad-Ziel – das einzige, worin sich die Welt in Hinblick auf den Klimawandel bisher einig ist.

Die zweite Zahl: 565 Gigatonnen
Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge besteht begründete Hoffnung, dass die Erwärmung unter 2 Grad bleibt, wenn die Menschheit bis 2050 nicht mehr als 565 Gigatonnen CO₂ in die Atmosphäre bläst. Die Idee eines globalen »CO₂-Budgets« kam vor zehn Jahren auf, als Wissenschaftler berechneten, wieviel Öl, Kohle und Gas noch ohne ernsthaften Schaden verbrannt werden könnten. Mit 0,8 Grad Erwärmung haben wir unser Ziel bereits auf halbem Weg erreicht. Computermodelle zeigen jedoch: Selbst wenn wir sofort aufhörten, den CO₂-Ausstoß zu erhöhen, wäre ein Anstieg um weitere 0,8 Grad wahrscheinlich, da das bisher ausgestoßene CO₂ die Atmosphäre weiter überhitzt. Demnach haben wir bereits zwei Drittel der Strecke zum 2-Grad-Ziel zurückgelegt.
Niemand behauptet, diese Zahlen seien exakt, doch kaum jemand stellt sie grundsätzlich in Frage. Die 565 Gigatonnen ergab eine der ausgefeiltesten Computersimulationen, von internationalen Klimaforschern über Jahrzehnte entwickelt. Auch jüngste Simulationen, die derzeit im Vorfeld des nächsten Berichts des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen abgeschlossen werden, bestätigen diese Zahl. Studie um Studie prognostiziert einen CO₂-Anstieg um jährlich circa 3 Prozent. Bei dieser Rate würden wir unser Budget von 565 Gigatonnen in 16 Jahren ausgereizt haben, also dann, wenn die Krippenkinder von heute Abitur machen. »Die neuen Daten bieten weitere Belege, dass wir die Chance auf Einhaltung des 2-Grad-Ziels bald verspielt haben«, sagt Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur IEA. »Die Daten weisen sogar eher auf einen Anstieg von 6 Grad Celsius hin.« So würden wir einen Science-Fiction-artigen Wüstenplaneten erschaffen.

Die dritte Zahl: 2795 Gigatonnen
Diese Zahl ist die erschreckendste, weil sie erstmals die politische mit der wissenschaftlichen Dimension unseres Dilemmas verknüpft. Sie wurde vergangenen Sommer von der »Carbon Tracker Initiative«, einer Gruppe Londoner Finanzanalysten und Umweltaktivisten, die Investoren über mögliche Risiken des Klimawandels auf ihr Wertpapierportfolio aufklärt, veröffentlicht und beziffert die CO₂-Menge, die in den Öl-, Kohle- und Gasvorräten von Energiekonzernen oder Staaten, die sich wie solche Konzerne gebärden, gebunden ist – kurzum: die fossilen Brennstoffe, die wir zu verbrennen planen. Entscheidend ist: 2795 ist fünfmal mehr als 565.
Wir planen, fünfmal mehr Öl, Kohle und Gas zu verbrennen, als Klimaforscher uns raten. Wir müssten 80 Prozent dieser Vorräte in der Erde lassen, um unser Schicksal abzuwenden. Technisch betrachtet, sind diese Kohle-, Gas- und Ölvorräte noch unter der Erde; doch ökonomisch betrachtet, sind sie bereits an der Erdoberfläche: abgebildet in Aktienpreisen, beliehen durch Unternehmen, die projektierten Erträge budgetiert in Staatshaushalten. Deshalb kämpfen fossile Energiekonzerne so erbittert gegen CO₂-Regulierungen: Diese Vorräte sind ihr Hauptkapital, das, was ihren Unternehmen Wert verleiht. John Fullerton, einst Geschäftsführer von JP Morgan, heute Leiter des Capital Institute, bezifferte diese 2795 Gigatonnen mit einem Marktwert von 27 Billionen Dollar. Wenn wir also auf die Wissenschaftler hörten und 80 Prozent davon in der Erde ließen, müssten wir 20 Billionen Dollar an Vermögenswerten abschreiben. Nun wird deutlich: Man kann entweder eine gesunde Energiekonzernbilanz oder einen relativ gesunden Planeten haben. Entweder oder. Rechnen Sie nach: 2795 ist fünfmal mehr als 565. Punktum.
Alle unsere Versuche, der Erderwärmung ­entgegenzuwirken, bewirkten nur graduelle, stockende Veränderungen. Für eine schnelle Transformation wäre die Bildung einer Bewegung erforderlich, und Bewegungen brauchen Feinde. Doch »Feinde« sind genau das, was dem Klimawandel bisher fehlte. Was diese Zahlen auf erschreckende Weise greifbar machen: Der Planet hat tatsächlich einen Feind – einen, der ungleich handlungsbereiter als Regierungen oder Individuen ist. Angesichts der harten Zahlen müssen wir die fossile Energiewirtschaft in neuem Licht sehen. Sie hat sich zu einer »Schurkenindustrie« entwickelt, rücksichtsloser als jede andere Macht der Erde. Sie ist der größte Feind des Überlebens der Erdzivilisation. Als einzige verfügt diese Industrie über die Macht, die physische und chemische Zusammensetzung unseres Planeten zu verändern, und sie will davon Gebrauch machen.
Sie weiß bestens über die Erderwärmung Bescheid – immerhin beschäftigt sie einige der weltbesten Wissenschaftler und schließt Ölkontrakte auf Kosten schmelzenden Arktiseises. Und doch giert sie unablässig nach mehr Kohlenwasserstoff. Die fünf größten Ölunternehmen haben seit Beginn des Jahrtausends über 1 Billion US-Dollar Gewinn gemacht – mit Öl, Gas und Kohle lässt sich schlichtweg zu viel Geld verdienen, als dass die Erforschung von Wind- und Sonnenenergie attraktiv wäre.
Das Gros dieser Gewinne ist einem historischen Unfall geschuldet: Die fossile Energiewirtschaft ist die einzige Industrie, die ihren Müll – CO₂ – einfach kostenfrei wegkippen darf. Für niemanden sonst gilt diese Ausnahme. Jeder Wirt muss dafür bezahlen, dass jemand seinen Müll abholt, da Müllberge in den Straßen zu einer Rattenplage führen. Für Energiekonzerne gilt eine Ausnahme, und das aus guten historischen Gründen: Bis vor einem Vierteljahrhundert kannte kaum jemand die Gefahren von CO₂. Doch nun, da wir wissen, dass Kohlendioxid die Atmosphäre aufheizt und die Ozeane in Säure verwandelt, ist es von zentraler Bedeutung, dies durch direkte oder indirekte Steuern mit einem Preis zu belegen. Die Märkte wären so Mitstreiter im Kampf gegen die Erderwärmung. Da gibt es nur ein Problem: Ein Preis für Kohlenstoff würde die Profitabilität der fossilen Energieindustrie schmälern. Je höher der Preis für Kohlenstoff, desto geringer der Wert jener Reserven.
Wo reines Eigeninteresse zu keiner Transformation der fossilen Energiewirtschaft führt, könnte dies durch moralische Empörung gelingen – darin liegt die wahre Bedeutung dieser neuen Algebra. Sie könnte tatsächlich eine neue Bewegung entstehen lassen. Die Auswirkung einer Bewegung lässt sich zwar nicht vorhersagen, doch jede Kampagne, die das politische Ansehen der fossilen Energiewirtschaft verringert, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass deren Sonderbehandlung endet. Haben genügend Menschen diese kalte mathematische Wahrheit verstanden, könnte ihre Stimme laut genug werden, um politisches Gewicht zu erlangen. Doch selbst wenn so eine Kampagne möglich wäre, könnte es bereits zu spät sein. Die drei genannten Zahlen sind entmutigend – sie weisen in eine letztlich unmögliche Zukunft. Immerhin liefern sie uns Gewissheit über die größte Herausforderung, der die Menschheit je gegenüberstand. Wir wissen, wieviel wir noch verbrennen dürfen, und wir wissen, wer plant, mehr zu verbrennen.
Indessen hält die Flut an Zahlen an. Wie in der Woche nach Rio gemeldet wurde, schmolz das arktische See-Eis auf ein historisches Minimum zusammen. Einer im Juli veröffentlichten Studie zufolge erhöht die Erderwärmung die Wahrscheinlichkeit schwerer Hitze- und Dürrewellen. Während ich dies schreibe, müssen eine Billiarde Maiskörner im amerikanischen Korngürtel bestäubt werden – bei anhaltend extremen Temperaturausschlägen ist dies nicht möglich. Ebenso wie wir selbst ist auch unser Getreide ans Holozän gewöhnt, jenen 11 000 Jahre währenden Zeitraum klimatischer Stabilität, den wir gerade verlassen ... vor uns: eine Wolke aus Staub. 


Deutsche Erstveröffentlichung, aus dem Englischen übersetzt und gekürzt von Matthias Fersterer. © 2012 Rolling Stone. First published in Rolling Stone Magazine®. All rights reserved. Distributed by Tribune Media Services. Originaltext: www.rollingstone.com/politics/news/global-warmings-terrifying-new-math-20120719

Bill McKibben (52) zählt zu den weltweit führenden Umweljournalisten und Klima-Aktivisten. Nach dem Studium der Journalistik an der Harvard-Universität war er als Redakteur und Kolumnist bei der Wochenzeitschrift »The New Yorker« tätig. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Artikel. Sein 1989 erschienenes Buch »The End of Nature« (»Das Ende der Natur«) war eines der ersten Bücher, das eine breite Leserschaft über den Klimawandel informierte; es wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. 2007 gründete McKibben die Kampagne 350.org, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die CO₂-Konzentration in der Erdatmosphäre unterhalb des kritischen Werts von 350 ppm zu halten. Sie möchte in eine weltweite Bewegung münden. 2011 wurde der Aktivist und Autor vor dem Weißen Haus in Washington D. C. bei einer Demonstration gegen das US-kanadische Pipeline-Projekt Keystone XL als Anführer einer der seit Jahrzehnten größten Bürgerproteste in den USA festgenommen und für drei Tage inhaftiert. McKibben ist Schumann Distinguished Scholar am Middlebury College, wo er das Stipendiatsprogramm für Environmental Journalism leitet. Er ist Fellow des postfossilen Think Tanks »Post Carbon Institute« und Mitglied der American Academy of Arts and Sciences. Er lebt mit seiner Frau und Tochter in Vermont.
www.billmckibben.com

 

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