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Gesundheit selbst gemacht

Michael Götting sprach mit Urban Vogel über die Solidargemeinschaft »Samarita«, in der eine Absicherung im Krankheitsfall weit über finanzielle Aspekte hinausgeht.

von Michael Götting , Urban Vogel , erschienen in 14/2012

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Ende der 90er Jahre haben Sie die Solidargemeinschaft Samarita ins Leben gerufen. Wie kam es dazu ?

Wir haben zunächst mit der Firma »Andere Wege« angefangen, die Personenversicherungen und sinnvolle Geldanlagen vermittelt. Im Umgang mit privaten Krankenversicherungen haben wir erfahren, was es bedeutet, im Krankheitsfall mit der Frage konfrontiert zu sein, ob die Versicherung für gewisse Leistungen aufkommt. Wir waren der Meinung, dass es die eigentliche Aufgabe einer Krankenkasse ist, den Menschen zu helfen und nicht sich herauszuziehen, wenn sie Hilfe leisten soll.
Die Samarita haben wir gegründet, um den Bereich der Krankenabsicherung selbst zu organisieren. Das Angebot einer privaten Versicherung gab uns die Möglichkeit, einen Großschadenstarif mit einer Selbstbeteiligung von 10 000 D-Mark jährlich bei niedrigen Monatsbeiträgen abzuschließen. Anfangs haben alle den gleichen Beitrag wie vorher bei ihrer Krankenkasse eingezahlt, aber bereits nach einem Jahr gab es die ersten Überschüsse.

Wo liegt der Unterschied zu herkömmlichen Krankenkassen?

Ich war gerade Anfang 30 und hatte wenig Erfahrung mit Krankheit. Aber die Menschen, mit denen wir gesprochen haben, sagten: »Wir möchten frei entscheiden, zu welchem Arzt wir gehen«. Sie wollten auch Angebote der Alternativmedizin nutzen und erfahren, welche Kosten sie der Kasse verursachen. Bei der Samarita sind die Kosten einer Behandlung, aber auch die Abläufe innerhalb der Solidargemeinschaft transparent. Die Mitglieder wissen, mit wem sie sich solidarisch erklären. Deswegen ist es wichtig, dass sich die Menschen auch tatsächlich begegnen. Nur wenn man sich trifft und miteinander redet, kann man Solidarität und Verantwortlichkeit entwickeln.
Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wenn Sie Ihr Aufnahmegerät hier am Tisch vergessen, ist die Chance groß, dass ich es Ihnen später zurückbringe. Wenn Sie es aber am Berliner Hauptbahnhof verlieren, ist die Aussicht, es wiederzubekommen, sehr gering. Damit will ich auf ein Prinzip hinweisen, das man immer wieder sieht: Anonymität erhöht die Gefahr des Missbrauchs. Mit Transparenz und Vertrautheit können wir aber wahre ­Solidarität erreichen.

In der medizinischen Versorgung wird oft die mangelnde menschliche Zuwendung beklagt. Zur Philosophie von Samarita gehören auch die persönlichen Aspekte.

Im Krankenhaus kann man nicht verlangen, dass Ärzte oder Krankenschwestern einen anlächeln. Das ist ein menschliches Geschenk, das sich nicht kaufen lässt. Bei der Samarita geht es um den finanziellen Aspekt der Krankheit, aber eben auch um die menschliche Seite. Das funktioniert ähnlich wie in der Nachbarschaftshilfe. Eines unserer Mitglieder hatte sich beispielsweise beim Skifahren im Urlaub das Knie verdreht. Er hat dann bei einem anderen Mitglied, einem Arzt, angerufen und gefragt, was er am besten machen soll. Der hat ihm empfohlen, sich röntgen zu lassen und dann die Bilder mitzubringen, damit sie gemeinsam die nächsten Schritte besprechen können.
Wir wollen mehr zwischenmenschliche Bezüge herstellen und der Vereinzelung der Menschen entgegenwirken. Das betrachte ich allgemein als eine gesellschaftliche Aufgabe. Ein Ziel unserer Gemeinschaft ist, dass sie schon in der Art und Weise, wie wir sie leben, gesund-machend wirkt. Gängig ist ja, dass man die Frage danach stellt, was krank macht. Wir fragen aber umgekehrt nach dem, was gesund macht, und haben festgestellt, dass es dabei in erster Linie um das Gefühl der Stimmigkeit geht. Wenn jemand seine Arbeit gerne macht, ist das Gesundheitspotenzial viel höher als bei einem Menschen, der seine Arbeit nicht mag. Wenn man in einer guten Beziehung lebt, ist auch das ein gesundheitsfördernder ­Faktor.

Wie ist die Solidargemeinschaft aufgebaut, und wie hoch sind die Beiträge?

Die Samarita ist ein Verein, der sich in Regio­nalgruppen gliedert, beispielsweise in Kiel, Hamburg, München, Freiburg und einigen anderen Städten. Jede Regionalgruppe wählt zwei Verantwortliche. Unsere Geschäftsstelle, das Zentrum, ist in Bremen. Über die Regionalvorstände findet der Austausch zwischen Zentrum und Peripherie statt. Sie sind diejenigen, die in die Regionen vermitteln, was notwendig ist. Wir vom Vorstand tragen ihre Anregungen zusammen und beziehen sie in unsere Arbeit ein.
Es gibt bei der Samarita eine Beitrags- und eine Zuwendungsordnung. Die Beiträge werden nach dem Einkommen berechnet. Ein Dreißigjähriger, der 2000 Euro brutto verdient, zahlt genauso viel wie ein Sechzigjähriger. Es wird kein Unterschied zwischen Männern und Frauen, Älteren und Jüngeren gemacht. Die Zuwendungsordnung regelt, wie wir mit Krankheitsfällen umgehen. Sie gibt einen Rahmen, der flexibel ist, aber auch Grenzen hat. Wir setzen uns mit der Frage auseinander, was gesunde Lebensführung bedeutet und wo die Aufgaben der Gemeinschaft beginnen.
Gute Ideen zur Veränderung der Beitrags- und Zuwendungsordnung nehmen wir gerne auf. Letztlich entscheidet aber der Vorstand darüber. Das ist auch sehr wichtig, wenn man bedenkt, dass im Rahmen einer schweren Erkrankung eine Beitragserhöhung notwendig werden kann. Um die Krankheitsabsicherung aller Mitglieder gewährleisten zu können, muss die Möglichkeit bestehen, das zu entscheiden, auch wenn es dem ein oder anderen vielleicht nicht so gefällt.

Gibt es Mitglieder bei Samarita, die gleichzeitig in einer gesetzlichen oder privaten Kasse versichert sind?

Bei der Samarita geht es um eine Vollabsicherung. Menschen, die gerne bei uns mitmachen möchten, werden teilweise richtig zornig, wenn sie nicht aus den gesetzlichen Kassen herauskönnen. Trotzdem ist die berufliche Zusammensetzung unserer Mitglieder ziemlich gemischt. Es gibt Freiberufler, Selbständige und Beamte, Lehrer zum Beispiel. Viele stammen auch selbst aus Heilberufen.

Sind gesetzliche, private und solidargemeinschaftliche Krankenkassen gleich­berechtigt?

Grundsätzlich muss man sehen, dass sich die Solidargemeinschaften als eine dritte Form der Absicherung entwickeln. Bei der Einführung der Absicherungspflicht im Krankheitsfall im Jahr 2007 wurden wir zuerst übersehen und haben daraufhin unverzüglich Kontakt zur Politik aufgenommen. In diesem Zusammenhang gründete sich die Bundesarbeitsgemeinschaft von Solidargemeinschaften im Gesundheitswesen (BASSG).
Es gibt aber bereits auch deutliche Versuche, die Solidargemeinschaften zurückzudrängen, was unserer Beobachtung nach vor allem mit dem Verband der privaten Krankenversicherungen zusammenhängt, die nicht möchten, dass die Solidargemeinschaften mit anderen Kassen in Konkurrenz treten. In unserem Auftrag wird gerade ein Musterprozess geführt, der feststellen soll, dass eine Mitgliedschaft in der Samarita die Voraussetzung einer anderweitigen Absicherung im Krankheitsfall erfüllt.
Es gibt noch andere Solidargemeinschaften im Gesundheitswesen, wie zum Beispiel die Artabana. Wie unterscheidet sich Samarita davon?
Was ich als Gemeinsamkeit sehe, ist die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Veränderung und auch grundlegende Dinge wie die Therapiefreiheit. Aber die Umsetzung dieser Ideen kann sehr unterschiedlich sein.
In der BASSG hat sich die Samarita mit dem Werk gegenseitiger Hilfe in Rheinland-Pfalz, der Polizeikasse Münster und der Justizkasse in Bielefeld zusammengeschlossen. Es gibt außerdem noch eine Reihe von Initia­tiven, wie die Solidarkunst in Freiburg, die sich als Zusatzfonds organisiert haben.

Die Solidargemeinschaften im Gesundheitswesen haben in den vergangenen Jahren starken Zulauf gehabt. Wo liegen die Grenzen des Wachstums einer Gemeinschaft wie Samarita?

Uns ist es nicht wichtig, schnell zu wachsen. Wir achten eher auf eine organische Entwicklung. Es gibt viele Anfragen, aber wir haben den Eindruck, es sollte nicht zu schnell gehen, weil sonst die Gefahr besteht, anonym zu werden.

Wie wird man Mitglied bei Samarita?

Zuerst muss natürlich jeder für sich die Frage beantworten, ob er wirklich Mitglied werden will. Wir möchten, dass die Interessenten eine bewusste Entscheidung treffen, und fragen auch umgekehrt, ob sie zu uns passen. Das persönliche Kennenlernen geschieht meist durch den Besuch in einer der Regionalgruppen.
Wir müssen auch darauf achten, dass der Bedarf der Gemeinschaft abgedeckt werden kann. Wenn wir Menschen haben, die weniger einzahlen, brauchen wir andere, die größere Beträge beisteuern können. Der ­finanzielle Beitrag ist aber nur ein Aspekt. Es gibt auch Mitglieder, die sehr viel über die menschliche Seite einbringen.
Wir hatten zum Beispiel eine ältere Frau, die schwer krank war und im Sterben lag. Sie hat uns gezeigt, wie man positiv mit der Situation des Sterbens umgehen kann, in die wir alle eines Tages kommen werden. Ich habe deutlich wahrgenommen, dass sie die Krankheit nicht negativ gesehen hat, sondern als Entwicklung. Das war sehr beeindruckend und hat mir und den anderen Mitgliedern sehr viel gegeben. Erfahrungen dieser Art vermitteln einem auch ein Gefühl für das, worauf es im Leben eigentlich ankommt. Es gibt nicht nur das Materielle. Es gibt etwas, das viel wichtiger ist und das ich bei der Samarita erfahren kann, speziell in solchen Begegnungen.

Entwickelt sich Samarita durch solche Erfahrungen weiter?

Wenn wir, wie in diesem Fall nach einem guten Konzept für eine individuelle Betreuung suchen, zeigen sich oft Wege, die wir vorher nicht gesehen haben. Die Erfahrung, wie gut nachbarschaftliche Hilfe funktionieren kann, hat uns deutlich gemacht, dass wir in dieser Richtung weitergehen sollten.

Könnte die menschliche Qualität, die bei Samarita lebt, auch in gesetzlichen Kassen und anderen gesellschaftlichen Bereichen entstehen?

Was wir miteinander leben, kann man nicht einfach auf 80 Millionen Menschen übertragen. Mit unserer Arbeit wollen wir aber so vorgehen, dass sie eine Vorbildfunktion für die Gesellschaft haben kann. In der Samarita erleben sich die Mitglieder als Teil einer Gemeinschaft. Dies hängt meines Erachtens damit zusammen, dass wieder regionale und überschaubare Bezüge entstehen. Ich halte es durchaus für möglich, dass auch eine gesetzliche Kasse sich regional gliedert.
Die Solidargemeinschaften machen auch darauf aufmerksam, dass Hilfe im Krankheitsfall nicht nur in Geld erfolgen kann, sondern dass es ebenso um die unmittelbare gegenseitige menschliche Unterstützung geht. Mit einer solchen Bewusstseinsänderung ist der Beginn für eine positive gesellschaftliche Veränderung gemacht.

Herr Vogel, haben Sie vielen Dank für das Interview. 



Urban Vogel, (46) ist Mitbegründer und Vorstandssprecher der Samarita Solidargemeinschaft, Vorstand der BASSG und Geschäftsführer der Andere Wege GmbH. Er studierte Vertriebswirtschaft für Finanzdienstleistungen (Hochschule Bremen) und absolvierte Ausbildungen zum Bank- und Versicherungskaufmann. 

Michael Götting (41) studierte an der Freien Universität Berlin Neuere deutsche Literatur und die Kulturen Nordamerikas. Er schreibt auch für Zeit Online und die Wochenzeitung Der Freitag.

Solidargemeinschaften im Netz:
www.samarita.de
www.bassg.de
www.artabana.de
www.pfarrerblatt.de/werk.pdf
www.spuka.de
www.ukjvabi.de
www.solidarkunst.de

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