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Was uns wirklich antreibt

Der Neurobiologe Joachim Bauer erklärt das Triebwerk des Menschen neu.

von Christoph Pfluger , erschienen in 12/2012

Fast hundert Jahre lang vergiftete eine Fiktion das gesellschaftliche Leben – der sogenannte Aggres­sionstrieb. Die Neurobiologie hat jetzt endlich aufgedeckt: Es gibt ihn nicht.

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Ein unheilvoller Zwang regiert die Welt: Nur die Stärksten können überleben, sagen die Darwinisten. Weil wir einen Aggressionstrieb haben, können wir diesem Gesellschaftsprinzip gar nicht ausweichen, sagen die Nachfolger von Sigmund Freud und Konrad Lorenz. Und weil wir der Biologie nicht dauerhaft Widerstand leisten können, müssen sich die Starken zum Nutzen von uns allen auch in der Gesellschaft ungehindert entfalten können, sagen die Sozialdarwinisten und Neoliberalen. Dieses Gesellschaftsprinzip steht wissenschaftlich auf tönernen Füßen. Dies belegt Joachim Bauer, Professor für Neurobiologie an der Universität Freiburg im Breisgau in seinem neuen Buch »Schmerzgrenze«.
Aggressionstrieb und »egoistische Gene« seien Theorien, die perfekt in das derzeitige globale Wirtschaftssystem eines ungebremsten Raubtierkapitalismus passen, schreibt Bauer. In einer solchen Gesellschaft kann man letztlich nur als Egoist überleben und fördert dadurch direkt das Aggressionspotenzial anderer. Der Ausstieg aus diesem Teufelskreis wird daher täglich schwieriger.

Vertrauen motiviert
Die Frage nach den grundlegenden Trieben des Menschen ist nicht einfach zu beantworten. Freud hat den Aggressions­trieb vermutlich postuliert, weil Gewalt so häufig und gelegentlich auch aus unerfindlichen Gründen vorkommt. Genauso gut könnte man von einem Erwerbstrieb ausgehen, weil heute praktisch sämtliche Menschen nach Geld streben.
Bauer schreibt dazu: »Eine definitive Klärung der widersprüchlichen Positionen zur Natur der Aggression war erst möglich, nachdem neurobiologische Untersuchungen in den letzten etwa 25 Jahren im Gehirn ein Nervenzellensystem aufgedeckt hatten, das heute als ›Motivationssystem‹ bezeichnet wird. Es ist nicht nur beim Menschen, sondern bei allen Säugetieren anzutreffen und hat seine Position im sogenannten Mittelhirn. Wie sich zeigen sollte, hat es als einziges neurobiologisches System die Möglichkeit, menschliche Verhaltensweisen im Sinne einer Triebhaftigkeit zu verstärken. Die Macht des Motivationssystems beruht darauf, dass die Nervenzellen dieses Systems Botenstoffe produzieren, ohne die wir uns nicht wohlfühlen, ja ohne die wir auf Dauer gar nicht leben könnten. […] Verhaltensweisen, die eine Voraussetzung dafür sind, dass im Gehirn Motivationsbotenstoffe ausgeschüttet werden und sich ein Lebewesen wohl, fit und vital fühlt, erfüllen die Bedingung für das, was früher als ›Trieb‹ bezeichnet wurde.«
Die erste wichtige Erkenntnis: Unprovozierte Aggression löst keine Glücksbotenstoffe aus, ist also keine spontan auftretende Grundmotivation. Aggression sei ein reaktives Verhaltensprogramm, dessen biologische Funktion darin bestehe, äußere Umstände bewältigen zu können, die das Angst- und Aggressionsprogramm ausgelöst hätten, schreibt Bauer. Anders gesagt: Aggression ist eine Reaktion auf eine Störung der grundlegenden Motivation.
Diese grundlegende Motivation, das ist die zweite Erkenntnis, besteht in vertrauensvoller sozialer Interaktion und guter Zusammenarbeit. Bereits die freundliche Begegnung von Menschen löst in ihnen Wohlfühlbotenstoffe aus. Das Motivationssystem wird sogar auch aktiviert, wenn wir selbst Gutes tun. Bauer: »Das menschliche Gehirn ist, wie Experimente belegen, nicht nur auf sozialen Zusammenhang geeicht. Es besitzt einen biologisch verankerten Fairness-Messfühler und strebt im Sinn einer natürlichen, durchaus ›triebhaften‹ Tendenz nach einem Mindestmaß an fairer Ressourcenverteilung.«
Ungerechtigkeit, auch wenn bloß andere darunter leiden, hemmt also unser Motivationssystem in durchaus ernstzunehmender Weise.

Unser historischer Gemeinschaftssinn
Der biologisch eingebaute Gemeinschaftssinn lässt sich über die Evolution leicht verstehen. In den fast 200 000 Jahren bis zum Beginn der Zivilisation konnte der Mensch nur in Gruppen und Horden mit guter Zusammenarbeit überleben. Auch die Intelligenz konnte sich vermutlich nur im sozialen Kontext entwickeln. Von der Gemeinschaft ausgestoßen zu werden, bedeutete für den frühen Homo sapiens in der Regel den sicheren Tod. Die alten Sammlergesellschaften kannten kein Eigentum über das hinaus, was ein Einzelner tragen konnte. Was gesammelt und gelegentlich gejagt wurde, musste geteilt und gemeinsam verbraucht werden – Haltbarmachung im großen Stil war unbekannt. »Niemand hungerte, wenn nicht alle hungerten«, fasst Bauer zusammen. Der soziale Zusammenhalt der prähistorischen Gesellschaften wird übrigens von der Forschung über die letzten Urvölker weitgehend ­bestätigt.
Wenn man das auf Kooperation und Fairness ausgerichtete Motivationssystem kennt, kann man auch die Grundregeln der Aggression verstehen. Wer andere unfair behandelt, tangiert die neurobiologische Schmerzgrenze und setzt den Aggressionsapparat in Gang, der dieser Ungerechtigkeit ein Ende setzen will. Experimente haben gezeigt, dass Gewaltausübung nur in einer solchen Situation attraktiv ist. Störungen der sozialen Akzeptanz aktivieren übrigens dieselben Areale des Aggressionsapparats wie körperlicher Schmerz – ein deutlicher Hinweis auf die fundamentale Bedeutung der Gemeinschaftlichkeit.
Aggression ist zunächst ein Signal für eine Störung des sozialen Gewebes. Sie äußert sich in Ärger, Wut, später Hass und schließlich in physischer Gewalt, wenn die Ursache der Störung nicht behoben wird. Schwierig wird die Situation vor allem dann, wenn die Signale nicht wahrgenommen werden. In einem solchen Fall erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass die Aggression zeitlich verzögert auftritt, sich Unbeteiligte zum Ziel nimmt oder in falscher Dosis angewandt wird. Dann verliert die ­Aggression ihren kommunikativen Wert, verschlimmert das Problem, das sie beseitigen sollte und setzt einen unheilvollen Gewaltkreislauf in Gang.
Im Gegensatz zu den Reptilien durchläuft die Aggression bei den Säugetieren und vor allem bei Menschen gewissermaßen eine »neurobiologische Kontrollschleife« (Bauer). Im Stirnhirn werden die Folgen einer aggressiven Handlung vor ihrer Ausführung geprüft und in der Regel gemäßigt. Dieser Prozess hört aber auf, sobald die aggressive Handlung ausgelöst wird.
Eine gewaltfreie Welt ist möglich
Den großen Bruch in der Menschheitsentwicklung brachte die »neolithische Revolution zwischen 9000 und 4000 vor unserer Zeitrechnung: Der Mensch entdeckte als Antwort auf den Ressourcenmangel den Ackerbau, wurde sesshaft und erfand das Eigentum. Die harte Feldarbeit verschob das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern zum Mann. Seither versucht die Menschheit, den sie begleitenden Mangel mit Eigentum und Eigennutz zu mildern. Die Zivilisation bedeutet gemäß Bauer für den nachneolithischen Menschen vor allem eines: »Entfremdung, Stress und eine massive Aufladung der gesellschaftlichen Situation mit Reizen, die nach dem Gesetz der Schmerzgrenze Aggression fördern. Leistungsprinzip statt einer egalitär definierten Gerechtigkeit, Konkurrenzneid statt Kooperation, Ausgrenzungserfahrung statt bedingsloser sozialer Akzeptanz, der Mensch als Ware anstatt vorbehaltloser Daseinsberechtigung, Machtausübung statt Reziprozität.«
Und um die aus dieser Ungleichverteilung entstehende Aggression im Zaum zu halten, erfand die Menschheit die Moral. Sie ist für Bauer »nicht die Ursache, sondern die Folge der menschlichen Fähigkeit zur Kooperation«. Aber sie ist von begrenzter Wirkung. Lärm, Zeitnot und allgemeiner Stress, das haben Experimente gezeigt, vermindern die Bereitschaft von Testpersonen erheblich, Menschen in Not zu helfen.
Nicht nur Individuen haben eine Schmerzgrenze, bei deren Überschreiten eine aggressive Reaktion eintritt, auch die Gesellschaft. Je größer die Vermögensunterschiede, desto höher liegen die Homizidraten und desto schlechter ist die Gesundheit. Überall spüren wir die Folgen, wenn die Ökonomie die Menschlichkeit verdrängt.
Eine gewaltfreie Welt, in der wir alle sicher leben können, ist wohl nur mit ökonomischer Gerechtigkeit zu haben. Da spielt unser Geldsystem die entscheidende Rolle. Es perpetuiert unnötigerweise den Ressourcenmangel, mit dem wir jahrtausendelang gekämpft haben. Und solange es über den Zins die Umverteilung von den Arbeitenden zu den Vermögenden antreibt, wird sich die Schmerzgrenze ausdehnen und immer mehr Menschen an den Punkt treiben, wo Aggression als einzige Lösung erscheint. Geld als Symbol des Mangels ist uns ­derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass der bloße Anblick von Geldscheinen egoistischer macht, wie Experimente gezeigt haben. Die Geldkrise ist deshalb die große Chance für Gerechtigkeit und Frieden.
Auch wenn Joachim Bauers Buch in seinen Zukunftsperspektiven nicht besonders erfreulich ist, so ist es doch ein echter Glücksfall. Es zeigt überzeugend: Es gibt keine Erbsünde namens Aggressionstrieb. Der Mensch ist biologisch auf Gerechtigkeit geeicht – und das Wohlergehen des Nächsten ist auch unser Glück. 

Christoph Pfluger (57) ist Herausgeber des Magazins Zeitpunkt (www.zeitpunkt.ch) und schreibt seit zwei Jahrzehnten über den Weg zu einer empathischen Kultur. Sein neues Buch
»Das nächste Geld« erscheint im Frühjahr 2012.

Lesen und ab sofort gewaltfrei leben:
Joachim Bauer: Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. Blessing, 2011 

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