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Der geheime Garten

Geschichte und Zukunft des Hirschhofs.

von Astrid Mosch , Peter Wawerzinek , Robert Greiner-Pohl , Sebastian van Schie , erschienen in 09/2011

Lange vor Szene-Chic, Latte macchiato und »Schwabifizierung« entstand in Prenzlauer Berg eine Oase, in der die Ost-Berliner Nischen-kulturen rauschende Feste feierten und kreativen Protest erblühen ließen. ­Erlebt dieses einzigartige Nachbarschaftsprojekt heute einen zweiten Frühling?

Robert Greiner-Pol Wir befinden uns heute in Berlin in der Oderberger Straße in der Wohnküche von Astrid Mosch, und hinter uns liegt der legendäre Hirschhof. Ich freue mich auf das Gespräch mit euch. Als Youngster will ich viel von euch wissen. Was verbindet euch mit dem Hirschhof, wie seid ihr zum Hirschhof gekommen?
Astrid Mosch Der Hirschhof ist zu uns gekommen. Wir hatten hier eine Wohnung besetzt. Das konnte man zu DDR-Zeiten so tun. Eines Tages klopfte der Puppenspieler Gerhard Götz mit einer Unterschriftenliste an: »Habt ihr nicht Lust, hier zu unterschreiben? Diese schönen, alten Kastanien sollen gefällt werden.« – »Klar, wir machen mit.« So kamen wir zueinander. Unterschriften zu sammeln, war etwas sehr Revolutionäres. Aber wir und die Nachbarn haben weder gezögert noch uns als politische Helden gefühlt, sondern mitgemacht, weil wir Natur für unsere Kinder wollten.
Sebastian van Schie Anfang der 80er Jahre war dieses Wohngebiet sehr marode. Es gab sogar mal Pläne, die Gebäude in der Oderberger Straße abzureißen und durch sozialistische »Prachtbauten«, genannt Plattenbauten, zu ersetzen. Dagegen regte sich schnell der Widerstand der Anwohner. Hier wohnten vor allem Künstler, Arbeiter und alte Menschen, alle mit sehr regionalem Bewusstsein: Die Oderberger ist unser Kiez, den lassen wir uns nicht kaputtmachen.
RGP Was gab den Anlass, hier am Hof etwas zu machen?
AM In der Unterschriftenliste ging es nicht nur gegen die Abholzung der Bäume, wir machten gleich den Vorschlag, einen Spielplatz und Grünanlagen zu schaffen. Bei uns war nämlich diese Sackgassensituation: Nebenan war die Mauer, und es gab kein Grün hier, nichts für die Kinder – und dann sollten auch noch die Kastanien abgeholzt werden? – Wir waren eben die »frühen Grünen«.
RGP Wie habt ihr euch organisiert und gemeinsam diesen Freiraum erschaffen? Wie seid ihr an die Regierung herangetreten?
AM Unser Glück war, dass der damalige Vorsitzende des Wohnbezirksausschusses, Dr. Erhard Tapp, sich dieser Sache wohlwollend angenommen hat. Dem Senat war das ein Dorn im Auge. Eine nicht genehmigte Bürgerinitiative war ja im Osten so etwas wie eine konspirative Veranstaltung. Das hätte Wellen schlagen können. Aber durch Tapps Engagement konnte der Wohnbezirksausschuss sein Gesicht wahren, und wir konnten diese Oase erschaffen.
SvS Zuerst ging es darum, die Bedürfnisse aller Beteiligten herauszufinden, dann um die Umsetzung. Es galt, Mitstreiter zu finden. Etwa die Künstler Anatol Erdmann, Hans Scheib und Stefan Reichmann, denn es sollte ja nicht nur eine Grünanlage, sondern auch ein Kultur-Kleinod entstehen. Bei der Begrünung stieg ich dann als Landschaftsgärtner ein. Das Projekt am Leben zu halten, war Sache der Veranstaltungen. Wir haben eine Bühne geschaffen für damals weitgehend unbekannte Menschen, die sich ausdrücken wollten – völlig frei und undogmatisch, aber in dem Bewusstsein, dass wir als Bürgerinitiative ständig unter Beobachtung standen.
Peter Wawerzinek Der Hirschhof war meine erste Bewährungsprobe in der Öffentlichkeit. Von Anfang an hatte ich mich in diese Anlage verliebt. Gleich zu Beginn meiner Laufbahn war ich dort angelangt, wo ich immer hinwollte: Wichtige Texte zu machen, die ich selber veralbere, so dass gar nicht mehr rauszuhören ist, wie verschärft oder wie hinterhältig das Ganze angelegt ist. Plötzlich waren da bis zu 280 Leute – das war ein Publikum! Das habe ich erst jetzt nach dem Bachmann-Preis wieder gehabt. Im Hirschhof hattest du an einem Abend 70 Prozent der künstlerisch interessierten Szene Berlins als Zuhörer und gleich einen Bekanntheitsgrad in der ganzen Stadt. Am nächsten Tag wurde ich als »ScHappy« (sprich: Schappi) aus der Oderberger angesprochen. Der Hirschhof war der Beginn einer Karriere vom Schreibtisch hinein in die Öffentlichkeit und ins Ausprobieren. Jeder wusste, es gab kein eintrainiertes Programm. Wer es verpasste, hatte wirklich was verpasst.
RGP Könnt ihr einen typischen Abend beschreiben? Wie seid ihr an die Leute herangetreten?
AM Das hat sich gefügt. Es gab keinen Organisator, man hat sich gefunden. Zum Beispiel gab es einmal anlässlich einer Ausstellung junger Künstler im Fernsehturm eine Feier im Pratergarten. Der musste um acht Uhr abends schließen, aber keiner hatte Lust, bei schönstem Sommerwetter nach Hause zu gehen. Da sind wir in den Hirschhof gegangen. Eine Sinti-Band spielte, wir tanzten im Sandkasten. Am nächsten Tag musste ich vorsprechen und Strafe zahlen, weil ich als Anstifterin dieses Ungehorsams galt. Das war eben die DDR. Trotzdem haben wir uns die Freude nicht nehmen lassen.
PW Was mir gerade auffällt: Es wurde nicht getrickst. Viele haben ja offiziell Hochzeiten oder Wohnungseinweihungen veranstaltet, und dann kam heimlich Kultur dazu. Nicht so im Hirschhof, hier war kein Kinderfest, das in Kunstaufführungen überging, sondern es gab angesagte Veranstaltungen zu einer angesagten Zeit.
AM Es war ein wichtiger kultureller Kommunikationsort.
PW Durch meinen Auftritt kam ich erstmals mit der Stasi zusammen. Ich hatte hier nämlich eine Gedenkminute gemacht, in der ich vorweggenommen hatte, dass die Mauer irgendwann porös werden und fallen würde. Deswegen sollte noch einmal aller Menschen gedacht werden, die sich mit dem Thema beschäftigt hatten. Natürlich wurde der Text mitverfolgt. Ein Auftritt im Hirschhof schlug plötzlich Riesenwellen. Da kam Erhard Tapp, genannt Tappi. – Wir hatten immer so ein Kürzel: »Tappi grüßt Schappi, Schappi grüßt Tappi«. Wir wohnten nicht nur drei Häuser voneinander entfernt, sondern waren auch herzlich. Bei unseren sudanesisch-jüdischen Geheimtreffen, wie wir sie nannten, diskutierten wir nächtelang, auch immer wieder über das Gedeih der Oderberger. Mit dem Auftritt hatte ich ja nicht nur mich in Gefahr gebracht, sondern auch die Anwohnerschaft. Das war, glaube ich, einmalig, dass ein ganzer Straßenzug in Verruf kam, wenn dort etwas aus den Fugen geriet.
SvS Aus den sozialistischen Fugen.
PW Sonst gab es ja nur die Wohnungslesungen von engagierten Einzelpersonen. Aber ein Projekt mit vielen Menschen, die durch solche Auftritte auch gefährdet waren – das war manchmal hart an der Grenze. Auch Tappi hat da Blut und Wasser geschwitzt: »Wawerzinek, du Schweinehund, was ich für dich kämpfen musste und für den Hirschhof, das glaubt mir ja keiner«, sagte er einmal. Aber er fand alles, was im Hirschhof lief, mächtig gut.
AM Erhard Tapp ist wirklich nicht hoch genug einzuschätzen. Der hat nicht nur dieses Grünprojekt von Anfang an geschützt, sondern war auch kulturell absolut offen. Er selbst war Biologe, verehrte aber die künstlerisch Kulturellen aus tiefstem Herzen.
SvS Wir dürfen nicht vergessen, er war ein Vertreter des Staates.
AM Aber ein kritischer Vertreter des Staates. Außerdem trank er gerne und war den Frauen zugetan.
PW Auch in den staatlichen Organen, wo er vorsprechen musste, waren oft Frauen, die er während des Gesprächs anhimmelte. Das hat dazu beigetragen, dass die immer ein Auge zugedrückt haben.
AM Er konnte sehr charmant sein!
PW Der Hirschhof war ja nicht nur ein Veranstaltungsort, sondern auch ein geschützer Ort, wo du abhängen und über dein Leben nachdenken konntest. Unter der Birke und zwischen all den Kunstwerken konntest du mit dir ins Reine kommen. Wie in einem kleinen Paradies konntest du da liegen, ohne dass dich jemand wegscheuchte, und den Himmel über dir einschätzen, ablesen, betrachten, bestaunen und konntest dich erden. Du konntest aus dem Hirschhof hinausgehen und warst ein anderer Mensch.
AM Es war eine Oase, ein meditativer Ort.
PW Dieser Ort hat viele verzweifelte Menschen einfach durch sein Vorhandensein geheilt und gerettet. Dieser stille, abwechslungsreich gestaltete Ort war einmalig in Ostberlin.
RGP War der Hirschhof in seiner Enge auch ein Schutzraum, so dicht an der Grenze?
AM Es war eben kein kleinlicher Schrebergarten, sondern hatte eine ganz eigene Großzügigkeit. Dieser künstlerische Anspruch wirkte in höchstem Maße freiheitlich.
PW Und dort wurde nichts nachgemacht. Wohnungslesungen waren beispielsweise eine Nachmache der 68er-Gewohnheiten aus dem Westen. Dieser Hirschhof hat nichts abgekupfert, sondern sich selbst geschaffen, seine eigene Rhythmik gehabt und dadurch Maßstäbe gesetzt. Und wurde dann auch nicht abgekupfert. Auch im Westen habe ich nichts gesehen, wo so schöne Feste stattfanden, ohne dass die Leute zu irgendetwas bekehrt werden sollten. Es hieß nie: Unterschreibt noch dieses und tut noch jenes. Sondern aus dem Hof und den Zusammenkünften heraus bildeten sich Gruppen, die sich woanders fortpflanzten. Es wurde sehr viel Sinn gestiftet, dennoch war der Hof unaufdringlich. Es gab keinen Anführer, der sagte: Wir müssen jetzt alle grüner, roter oder bewusster werden.
SvS Rückblickend glaube ich, dass gerade in den Anfängen des Hirschhofs die Stasi kurioserweise selbst eine tragende Kraft war. Es wurde ein Ventil geschaffen, als politischer Druck in der DDR entstand. Nach dem Motto: Lassen wir sie mal machen, hier haben wir die Jungs …
AM … und Mädchen …
SvS … schön unter Kontrolle. Hier haben wir ein abgegrenztes Areal, das können wir gut beobachten. Dass das mal so eine Eigendynamik entwickeln würde wie beim Zauberlehrling, konnte man sich damals sicher nicht vorstellen. Und dann war es zu spät. Eine kleine Sache konnte man schnell verschwinden lassen, aber der Hirschhof wurde weit über Ost-Berlin hinaus bekannt.
Und dann war der Hirschhof auch eine Initialzündung für eine neue Art der Stadtbegrünung. Anfang der 80er Jahre war die Oderberger Straße fast völlig blank, und die Kastanienallee war völlig abgeholzt worden. Es war eine furchtbar kahle Fläche. Und plötzlich fing die Bürgerbewegung hier an, die Fassaden zu begrünen und Bäume zu pflanzen, das sprang dann auf den ganzen Prenzlauer Berg über.
RGP Dann kam die Wendezeit. Wie ging es mit dem Hirschhof weiter? Für meine Freunde und mich war dieser Ort Anfang der 90er Jahre ein Platz, um abzuhängen. Damals war hier nichts los – einfach ein freier Raum, es hatte etwas Paradiesisches.
AM Ich bin vor der Wende ausgereist. Diese Zeit habe ich hier nicht erlebt.
SvS Zu dieser Zeit war ich auch schon aus Berlin weggezogen.
PW Ich hatte nach der Wende im Hirschhof noch zwei, drei Auftritte. Alle Leute hatten damals anderes zu tun, als sich um Kultur zu kümmern. Der Mauerfall hat ja eine ganz bestimmte soziale Schärfe hereingebracht, Ängste ausgelöst. Viele sind sich bewusst gewesen, dass bestimmte Lebensformen, die sie so lange nutznießend gelebt hatten, nun nicht mehr möglich sind, dass jetzt eine härtere Gangart angezogen wird. Bert Papenfuß sagte einmal: Jetzt geht es wieder ums Überleben, nicht ums Leben, sondern dar­um, Pfründe zu sichern. Kultur wurde da nebensächlich.
Früher war es im Hirschhof selbstverständlich, dass jeder etwas mitbrachte. Als Veranstalter besorgte man höchstens ein paar Kisten Bier oder Wein. Der Rest, vom Brot über den Kartoffelsalat bis hin zum Nachtisch, wurde mitgebracht. Das ist untergegangen, dieses wirkliche Fest, dass die Leute sich gegenseitig überraschen.
RGP Ich möchte noch mal auf den »Ernst des Lebens« zurückkommen, der nach der Wende Einzug hielt. Plötzlich gab es Privatisierung, Erbengemeinschaften und einzelne Mieter statt Mietergemeinschaften. Astrid, was hat dich bewogen, wieder hierher zurückzukommen?
AM Vermutlich wäre ich nicht ausgereist, wenn ich gewusst hätte, dass sie die Tür sowieso aufmachen würden. Früher wohnte ich in dem Haus nebenan. Die Oderberger Straße ist mein Zuhause.
SvS Es ist einfach ein Stück Heimat.
PW Wann bist du denn zurückgekommen, Astrid?
AM Ungefähr drei Jahre nach der Wende. Ich konnte bei alten Freunden, Eberhard und Gisela Neumann, zur Untermiete wohnen. Die waren übrigens auch ganz wichtig für den Hirschhof. Gisela ist jetzt Ende sechzig und wohnt seit über vier Jahrzehnten hier.
SvS Heimat ist ja einmal der Ort, wo du geboren bist und deine Wurzeln hast. Und dann gibt es noch eine Wahlheimat, die liegt dort, wo Menschen dir nahe sind. Jetzt wohne ich auf der ­schönen Insel Rügen, die mir auch ein Stück Heimat geworden ist, aber hier ist mein Ursprung. Da schmerzt es ganz besonders, wenn man sieht, wie das Herzblut, das man in eine Allmende gesteckt hat, aus Profitgier zerschlagen wird.
AM Jetzt kommt die Kapitalismus-Kritik.
SvS Ja, ich musste erfahren, dass der Kapitalismus so ist, wie er ist – auch mit einigen interessanten Nuancen, die ich für mich selbst nutze. Aber hier wird nun versucht, der Allgemeinheit diesen kleinen Hof, dieses Gemeingut wegzunehmen.
AM Der Hirschhof ist schon seit einer Weile nicht mehr begehbar, also regelrecht gesperrt, weil Stadt, Senat oder Bezirk es versäumt haben, diese Grünanlage zu schützen. Die Eigentümer klagen auf Rückgabe ihrer Anteile. Angefangen hat es mit der Klage einer Eigentümergemeinschaft, der sich weitere angeschlossen haben.
PW Also machen die jetzt eine Unterschriftensammlung. Es hat mit einer Unterschriftensammlung angefangen und hört auch damit auf …
AM Und der Hof verwahrlost. Nur Gisela Neumann harkt, fegt und pflegt ihn aus Idealismus und aus Liebe zur Natur. Ansonsten liegt er brach. Der Hirschhof hat den Osten geschafft, aber nun schafft der Westen den Hirschhof. Das ist ein Dilemma.
PW 2003 wollte ich einem sehr großen und sehr bunten chinesischen Drachenfisch den Hirschhof vorstellen, schöne bunte Schuppen hatte der und war ganz leicht. Ich habe versucht, ihn herumzuführen und ihm alles zu erklären. Mit demselben Fisch bin ich dann auf die Beerdigung von Bernd Holtfreter gegangen, den man ja auch erwähnen muss. Ich gehe nicht gerne auf Beerdigungen, aber mit diesem bunten, leichten Fisch traute ich mich dann doch. Und da war sie: die ganze Hirschhof-Gemeinschaft noch mal zusammen – damals habe ich mich gewissermaßen schon verabschiedet. Die Zwiesprache mit dem Fisch war auch ein Abgesang, Fisches Abgesang.
RGP Im Vorfeld des Gesprächs erzählte Astrid, dass man sich trotz des begrenzenden Systems im Hirschhof frei fühlte, seine ­Meinung zu sagen. Heute darf man alles sagen, aber keiner hört zu. Was bräuchte es, um heute Räume zu schaffen, die einen Nährboden für solche Kunstaktionen und so ein Gemeinschaftsgefühl bieten?
SvS Dasselbe wie damals – Selbstermächtigung! Genau das passierte damals nämlich: Ich warte nicht ab, sondern schaffe Tatsachen. Die Dinge werden sich dann fügen, zum Positiven oder zum Negativen. Eine Möglichkeit wäre, dass viele Menschen sagen: »Macht, was ihr wollt, wir behalten diesen Hof, wir gehen hier nicht weg«. Sicher, das wäre auch mit vielen Problemen verbunden, aber es wäre eine Lösung. Die Basis sind engagierte Menschen.
PW Ich mag ja die Iren. Die lassen sich immer irgendwas einfallen: Das sagenumwobene Atlantis liegt unter dem Hirschhof begraben. Oder ein jüdischer Friedhof. Oder hier wird ein ganz seltener, schützenswerter Käfer entdeckt. Oder die Umrandung des Sandkastens könnte ein öffentliches Kunstwerk sein.
AM Die Idee mit dem Käfer finde ich gut.
PW Und dann siedelt man den Käfer an, den Goldkäfer, zum Beispiel, der ist schützenswert.
SvS Hirschkäfer!
RGP Der goldene Hirschkäfer.
PW Sensationell! Das ließe sich überall auf die Titelseite bringen.
AM Ansonsten sieht es ganz schön finster aus. Gesetzlich verankert ist, dass Eigentum schützenswert ist. Wir konnten das nur schaffen, weil Gemeineigentum in der DDR selbstverständlich war.
PW Aber privat könnte man den Hirschen noch mal röhren lassen. Manchmal geschehen ja noch angenehm überraschende Dinge, die man mit seinem kleinen Frust und mit seiner Ablehnung der Gesellschaftsform gar nicht mehr für möglich hält.
SvS Was zuerst gebraucht wird, sind Menschen, die sich engagieren und sagen: Ja, das ist uns wichtig.
AM Die gibt es ja auch. Es gibt jetzt einen Prozess, in dem bezeugt wird, der Hirschhof sei nie öffentlich gewesen. Das müsst ihr euch mal vorstellen! Natürlich gibt es auch jede Menge Gegenzeugen, aber ich bin da eher pessimistisch.
SvS Ich bin eigentlich sehr optimistisch.
AM Du wohnst ja auch auf Rügen.
SvS Aus meiner fast zwanzigjährigen Distanz zum Hirschhof, in dem ich fast jeden Baum selbst gepflanzt habe, sehe ich das so: Auch wenn der Hirschhof einmal nicht mehr sein sollte, hat er sehr viel bewirkt, für die Stadt und die Menschen. Heute gibt es andere Orte in Berlin, die vielleicht auch darauf fußen. Schön wäre es, wenn er trotzdem erhalten bliebe.
AM An der Kastanienallee wurden gerade eine 200-jährige Platane und eine 180-jährige Linde gefällt. Der Bezirk hat die Bäume zwar als schützenswert erklärt, aber der Senat hat den Bau trotzdem genehmigt. Dann wurden sie mitten in der Nacht gefällt. Das finde ich widerlich und undemokratisch. Aber vielleicht würden sie ja alle kommen, falls der Hirschhof geschlossen wird. Inzwischen gibt es ja Vereine in der Oderberger Straße, die sich …
RGP … empören.
AM Ja, genau.
PW Man müsste einmal im Monat einen Tag finden, an dem für den Hirschhof gekämpft wird.
AM Jetzt, wo wir hier sitzen, sollten wir vielleicht beschließen, so eine Initiative zu starten. Was sagt ihr dazu?
PW Erst dachte man, man kommt zu einem Gespräch, und dann …
SvS … muss man hier was tun!
AM Wir könnten ja eine Lesung machen.
PW Die würde mit dem Geweih zu tun haben. Wie lange gibt es den Hirschhof denn schon?
AM 1981 war die Unterschriftenaktion und 1985 die Einweihung.
PW Also: Ein 30-Ender! Wollt ihr diesen 30-Ender erlegen?!
SvS Der steht unter Artenschutz! Die Zeit der Trophäenjäger ist vorbei!
PW Klar, ich bin dabei. Wir müssen mal sehen, ob uns das überhaupt erlaubt wird, ansonsten müssen wir illegal reingehen.
AM Haben wir schon mal gefragt, ob uns was erlaubt wird?
SvS Keine Großwildjagd auf 30-Ender!
PW Jagd … Gewalt … Man muss diese ganz erdigen, laubigen, wolkigen Gefühle der Menschen erreichen, dann geht es.
SvS Es geht nicht nur darum, mich gut zu fühlen, weil ich im Biogroßmarkt einkaufe – das ist schon was, aber ich kann mehr tun.
PW Die Passanten auf dem Bürgersteig müssen im Bewusstsein haben, dass dahinter der Hirschhof liegt, müssen ein besseres Gefühl haben, wenn sie wissen: Der wurde gerettet. Jetzt haben sie noch gar kein Gefühl – wir müssen ihnen das richtige Gefühl geben.
SvS Transformation!
PW Wir bauchen bessere Menschen auf den Bürgersteigen! Unbelastetere Menschen, die an Hirschhofeingangsmöglichkeiten vorbeigehen und nicht dauernd im Kopf haben: Oh, oh, der ist weg, der wurde uns genommen …
RGP Das ist ein schönes Schlusswort: Wir brauchen bessere Menschen auf den Bürgersteigen! Habt vielen Dank für das Gespräch.
SvS Und dann geht es los …
PW Wir hauchen den Tugenden von dunnemal wieder Leben ein. Ich würde es gerne nochmal machen. Schon alleine, um zu sehen, ob man sich mit 56 noch im Sandkasten rumwälzen kann.
AM Das geht!
PW Das ist doch 30 Jahre her … Wie nennt man das jetzt?
AM Revival!
PW »Finden wir uns neu!« – So hieß, glaube ich, mal ein Song der Ostband Bürkholz-Formation. Die wurde dann verboten.
AM Ja, schön, dass wir uns wiedergefunden haben! 

Robert Greiner-Pol (31)  ist in Berlin-Prenzlauer Berg aufgewachsen. Seit seinem vierzehnten Lebensjahr steht der Singer-Songwriter auf der Bühne. CD-Veröffentlichungen mit den Bands »Mother’s Little Helpers« und »Stormbirds« sowie als Solo-Künstler. Er lebt als Musiker, Handwerker und Bootsmann in Ostvorpommern.
www.beemusic.net

Astrid Mosch (52)  wurde in Eberswalde geboren und studierte Bildende Kunst an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Im Mai 1989 zog sie nach West-Berlin und kehrte 1992 nach Prenzlauer Berg zurück. Die Bildhauerin und Grafikerin ist Mitglied der Ateliergemeinschaft Oderberger Straße und eröffnete 2007 das Kunsthaus Hohenwalde in der Uckermark.
www.astridmosch.de

Sebastian van Schie (48) wurde im Prenzlauer Berg geboren. Seit 1983 lebte er in der Oderberger Straße, wo er die Begrünung des Hirschhofs in die Hand nahm. 1989 übersiedelte er in die Niederlande und lebt seit 1990 auf der Insel Rügen. Er ist dort als freischaffender Künstler und Landschaftsgestalter tätig.
www.inselgarten.de 

Peter Wawerzinek (52) als Peter Runkel in Rostock geboren. Seit 1977 wird der Lyriker, ­Romancier und Sänger in Prenzlauer Berg gesichtet, wo er noch heute lebt und sich unter dem Pseudonym »ScHappy« einen Namen machte. 2010 erhielt er für seinen biografischen Roman »Rabenliebe« den Ingeborg-Bachmann-Preis und den gleichnamigen Publikumspreis.
www.wawerzinek.de
 
Mehr zu Geschichte und Wiederbelebung des Hirschhofs:
www.oderberger.org (Bürgerinitiative Oderberger Straße)
Daniela Dahn: Prenzlauer Berg-Tour. Rowohlt Berlin Verlag, 2001

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