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Die Gier ist es nicht

von Christoph Pfluger , erschienen in 08/2011

Während die Menschheit jahrtausendelang mehr oder weniger nachhaltig lebte, setzte ab etwa 1750 eine verheerende Dynamik ein – mit exponentiellem Wachstum der Bevölkerung, des Verbrauchs und der Zerstörung. Was ist eigentlich mit uns geschehen?

Weil der Mensch immer mehr will, hat sich die Wirtschaft in die gefährliche Wachstumsspirale hineinmanövriert. Geht es also darum, weniger zu wollen? Oder greift diese Schlussfolgerung zu kurz? Exponentielles Wachstum kommt in der Biosphäre, wo alles wächst, gedeiht und wieder zerfällt, nur in kurzen Phasen vor. Ewiges Wachstum in einer endlichen Welt ist nicht möglich. Der größte Fehler des Menschen ist sein Unvermögen, mit seiner durch die Evolution geschulten Wahrnehmung die Exponentialkurve zu verstehen. Davon ist der emeritierte amerikanische Physikprofessor Alfred Bartlett überzeugt und illustriert dies mit seiner mittlerweile berühmt gewordenen Geschichte von der Flasche, in der sich die Zahl der Bakterien jede Minute verdoppelt und die nach einer Stunde voll ist. Die Bakterien merken zwei Minuten vor zwölf – die Flasche ist zu diesem Zeitpunkt zu einem Viertel gefüllt –, dass es eng wird, und schicken Kundschafter aus. Nach einer Minute kehren sie mit der frohen Botschaft von drei leeren Flaschen zurück, die das Wachstumsproblem ein für alle Mal lösen würden. Die Erleichterung währt nicht lange: Zwei Minuten nach zwölf sind auch diese voll, und das Desaster bricht über die Population herein.
Was man über exponentielles Wachstum wissen muss:
→ Das Wesentliche findet ganz am Schluss statt, wenn es zu spät ist, die Entwicklung zu beeinflussen.
→ Auch ein vergleichsweise bescheidenes Wachstum von jährlich zwei Prozent ist exponentiell. Zur Berechnung der ungefähren Verdoppelungszeit dividiert man 70 durch den Prozentwert; bei zwei Prozent ergibt das 35 Jahre, bei sieben Prozent zehn Jahre.
→ Verdoppelung bedeutet eine markante Erhöhung des absoluten Wachstums. Wenn die Weltbevölkerung um ein Prozent pro Jahr wachsen würde, ein Wert, den sie erst im 20. Jahrhundert erreichte, dann brauchte es 694 Jahre, um von einer Million auf eine Milliarde zu kommen. Die zweite Milliarde wäre in hundert Jahren erreicht, die dritte in 41, die vierte in 29, die fünfte in 22 und die sechste in 18 Jahren. Der jährliche Zuwachs beträgt zur Zeit 1,14 Prozent, und die siebte Milliarde werden wir im Jahr 2011 erreichen.
Als der venezianische Seefahrer Giovanni Caboto als erster seit den Wikingern 1497 die Küsten Nordamerikas erreichte, konnte er den Fischreichtum vor Neufundland fast nicht fassen. Dies war der Anfang einer Fischfangindustrie, die wuchs und wuchs, bis sie in den letzten Jahrzehnten förmlich zusammenbrach und knapp 500 Jahre später, 1992, durch die kanadische Regierung geschlossen werden musste. Die Fischer erkannten das Ausmaß der Zerstörung erst, als es zu spät war. Der mit dem exponentiellen Wachstum einhergehende Wandel zeigt sich erst nach Generationen.
Wenn wir verstehen wollen, was heute auf der Erde geschieht, müssen wir also größere Zeiträume betrachten. Aber da fehlen uns weitgehend die empirischen Daten. Von den großen Indikatoren der Menschheitsentwicklung – Bevölkerung, Produktivität und Naturverbrauch – gibt es nur über die Bevölkerungszahl einigermaßen verlässliche Zahlen. Immerhin. Da entdeckt man im 18. Jahrhundert eine markante Trendwende. Das vorher langsame Bevölkerungswachstum beginnt zu steigen.

Was ist da schiefgegangen?
Welche neue Kraft hat im 18. Jahrhundert die Bühne der Zivi­lisation betreten, so dass sich die Lebensgrundlagen der Menschheit fundamental änderten? In Frage kommen die Demo­kratisierung, die Industrialisierung und die Einführung des Kredit­gelds. Die Identifikation einer einzigen Ursache – wenn es denn eine geben sollte – geht über die Möglichkeiten dieser kurzen Untersuchung hinaus. Aber ein paar plausible Feststellungen lassen sich dennoch machen. Demokratien hat es im antiken Griechenland bereits gegeben, ohne dass sie die Lebensgrundlagen hätten angreifen können. Kommt die Industrialisierung als Hauptursache in Frage? Auch da sind Zweifel angebracht, die sich ausgerechnet am Beispiel der Dampfmaschine, dem Motor der Industrialisierung schlechthin, manifestieren. Der Historiker Tamim Ansary schreibt in »Die unbekannte Mitte der Welt – Globalgeschichte aus islamischer Sicht«: »In der muslimischen Welt gab es die Dampfmaschine schon drei Jahrhunderte, bevor sie im Westen erfunden wurde. Dort löste sie allerdings rein gar nichts aus. Die Dampfmaschine wurde erfunden, um beim Festbankett eines reichen Mannes einen Drehspieß anzutreiben und ein Schaf von allen Seiten knusprig braun zu grillen; eine Beschreibung des Geräts findet sich in einem Buch des türkischen Ingenieurs Taqi al-Din aus dem Jahr 1551. Nach dem Fest fiel niemandem eine weitere Verwendungsmöglichkeit für den Apparat ein, und er wurde wieder vergessen.« Überhaupt war die orientalische Welt, wie viele Jahrhunderte zuvor das chinesische Reich, dem Westen in technischer und wissenschaftlicher Hinsicht weit voraus, ohne dass dies zu einem fatalen Angriff auf die Nachhaltigkeit geführt hätte. Die technisch-indus­trielle Innovation allein führt also nicht zu einer sich selbst verstärkenden Entwicklung, auch nicht in Verbindung mit Gier, vor der vermutlich weder Orientalen noch Chinesen gefeit waren.
Wir kommen der Sache näher, wenn wir die Innovationen im Geldwesen des 18. Jahrhunderts betrachten. Die Gründung der Bank of England 1694, der Mutter aller Zentralbanken, gilt allgemein als Geburtsstunde des modernen Geldwesens. Vorher wurden die Zahlungsmittel, vornehmlich Münzen, von der Obrigkeit herausgegeben und waren durch den Wert des Edelmetalls einigermaßen gedeckt. Die Schöpfung von Zahlungsmitteln durch den Kredit war marginal und beschränkte sich im Wesentlichen auf Wechsel zur Finanzierung des Handels ohne Münzgeld und die Herausgabe von ungedeckten Goldquittungen durch die Goldschmiede, die damit gleichzeitig Bankiers waren. Diese Zahlungsmittel waren privat, sie eigneten sich nur mit Einverständnis des Gläubigers zur Bezahlung von Schulden. Mit der Bank of England wurde dies anders.
Ihre Gründung geht auf einen historischen Demokratisierungsschritt zurück. 1688 wurde der calvinistische Holländer Wilhelm III. von Oranien von den Protestanten im englischen Parlament um Hilfe gegen die Rekatholisierungsversuche von König Jakob II. gebeten. Wilhelm kam, vertrieb seinen Schwiegervater und bestieg mit seiner Frau Maria II. den englischen Thron, allerdings erst, nachdem er die »Bill of Rights« unterschrieben hatte, das Gesetz der Rechte, in dem er sich dem Parlament weitgehend unterwarf. Unter anderem wurde ihm verboten, ohne Zustimmung des Parlaments Steuern zu erheben. Um seinen Krieg gegen Frankreich finanzieren zu können, wurde deshalb die Bank of England gegründet. Als guter Calvinist war er der Zinswirtschaft nicht abgeneigt, auch wenn er, wie in diesem Fall, selber Zinsen zahlte.
Die Gründungsakte verlieh dem privaten, weitgehend unbekannten Konsortium das Recht, nur teilweise durch Gold gedeckte Banknoten als offizielles Zahlungsmittel herauszugeben. Sofort setzte intensives Schuldenmachen ein, das 1720 im berüchtigten Südseeschwindel seinen vorläufigen Höhepunkt bzw. seinen jähen Absturz fand. Durch die brutale Entwertung der Papiere auf noch knapp 20 Prozent ihres ursprünglichen Werts blieben Aktiengesellschaften für fast hundert Jahre in England suspekt.
Ebenfalls 1720 endete in Frankreich John Laws Papiergeld-Euphorie. Seine Banque Royale hatte massenhaft durch königliche Ländereien gedeckte Noten herausgegeben, damit Anteile an der Mississippi-Compagnie gekauft wurden und sie in schwindelerregende Höhen trieb. Nach dem verheerenden Platzen der Blase blieb Papiergeld in Frankreich noch über Generationen verdächtig. Fast wäre der Kapitalismus an seinen Kinderkrankheiten gestorben.
Aber die Magie der neuen Geldschöpfung war stärker. Der Schotte William Paterson, auf den die Lizenz der Bank of England ausgestellt worden war, brachte es bereits 1694 in einem Prospekt auf den Punkt: »Die Bank erhält den Zinsgewinn von all den Geldern, die sie, die Bank, aus dem Nichts erzeugt.« Einer solchen Versuchung ist schwer zu widerstehen.

Der Haken an der Geldschöpfung
Das Problem dieser Form der Geldschöpfung, und damit wollen wir die historischen Streifzüge abschließen, zeigt gleichzeitig die enorme Wachstumsdynamik, die sie auslöst. Geld, das als Kredit entsteht, ist nicht mehr ein vorhandener Wert, sondern einer, der erst noch geschaffen werden muss. Zudem reicht das in der Volkswirtschaft zirkulierende Geld nur zur Rückzahlung des Kredits, nicht aber von Zins und Zinseszins. Damit ein solches Geld seinen Wert behält, müssen die versprochenen Werte geschaffen werden und ständig neue Kreditnehmer die Geldmenge wachsen lassen. Ein solches Schneeballsystem ist zum Wachstum verurteilt, sonst bricht es zusammen.
Wer in einer kapitalistischen Gesellschaft lebt, steigert seine Leistung nicht freiwillig – er muss! Das ist der Schlüssel zum Verständnis der industriellen Revolution, die Europa ab 1750 überrollte – zuerst langsam, dann, getreu dem Gesetz der Exponentialfunktion, immer schneller. Zwar bremste die nach wie vor erforderliche teilweise Golddeckung die Geldschöpfung, aber nicht entsprechend den Bedürfnissen der Volkswirtschaft, sondern der Verfügbarkeit von Gold. Wurden neue Goldvorräte entdeckt, stieg die Geldmenge, und die Wirtschaft wuchs, sank sie, folgte eine Rezession.
Eine wichtige Marke in der Geldgeschichte ist die Aufhebung des Goldstandards in den europäischen Ländern am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Damit wurden die finanziellen Fesseln zur Bezahlung dieses schrecklichen Abenteuers gelöst, auf Kredit natürlich, der nach dem Krieg im Wesentlichen von Deutschland mit den Reparationen des Versailler Friedensvertrags beglichen werden musste – mit verheerenden Folgen für das Land, die Demokratie und letztlich für die ganze Welt.
Seit Richard Nixon 1971 die letzte Bindung des Dollars an das Gold aufheben musste, weil sich die USA mit dem Vietnamkrieg in übergroße Schulden stürzten, wird die Geldschöpfung nur noch durch die Zahl der Kreditnehmer, die ein finanzielles Wachstum versprechen, und durch die kaum vorhandene Spardisziplin von Staaten, die bis vor kurzem noch im Ruf standen, nie bankrott gehen zu können, beschränkt. Ob dieses Wachstum den Bedürfnissen der Menschen entspricht, ist dabei sekundär. Volkswirtschaftlicher Unsinn ist zum Beispiel das Gesundheitswesen mit seiner Fokussierung auf teure Reparaturen statt günstiger Prävention. Und bei den meisten Konsumartikeln ist die Antwort auf die Schlüsselfrage eindeutig: Existieren sie, weil jemand ein Geschäft machen will (oder muss), oder entsprechen sie einem realen Bedürfnis? Eine Nachfrage, die erst mit milliardenteurem Marketing angekurbelt werden muss, ist synthetisch. Die Förderung der Gier ist eben nicht umsonst.
Die Echtheit synthetischer Bedürfnisse in einer solchen Wirtschaft ist nicht einfach zu beurteilen. Legendär sind die Einschätzungen von Daimler-Benz um 1900, es bestehe ein Markt für maximal hunderttausend Automobile, da es gar nicht mehr Kutscher gäbe, oder des IBM-Chefs Thomas Watson, der in den 50er Jahren von einem weltweiten Bedarf von vielleicht fünf Computern sprach. Heute ist die Notwendigkeit von Autos und Computern so groß, dass die zivilisierte Welt ohne sie augenblicklich zusammenbrechen würde. So schafft sich das Kreditgeld die Welt, die es für sein ewiges Wachstum braucht. Wir wollen nicht wachsen, wir müssen! Und wir zerstören fortlaufend die Brücken, die zu einem menschlichen Maß zurückführen. Die Welt des Wachstums macht sich unentbehrlich.

Grenzenlos wachsende Lernfähigkeit
Es scheint, als würde der österreichische Nationalökonom Ludwig von ­Mises mit seinem Diktum Recht bekommen: »Es gibt kein Mittel, den finalen Zusammenbruch eines Booms zu verhindern, der auf der Kreditausweitung beruht. Die Alternative ist nur, ob die Krise früher durch eine freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion eintritt oder später als finale und totale Katastrophe des betreffenden Währungssystems.«
Den Boom, den er zwar nicht meinte, aber um den es hier geht, ist die industriell-kapitalistische Revolution, die den Planeten Erde seit 1750 in eine gigantische Maschine umgebaut hat und die zwanghaft immer mehr natürliche und menschliche Ressourcen in gewinnträchtige Elemente verwandelt. Das ist die ultimative Blase, die wie jede ihrer Vorgängerinnen platzen muss.
Bei den drei gewaltigen exponentiellen Wachstumsdynamiken Bevölkerung, Produktion/Verbrauch und Umweltzerstörung schnell genug eine Trendwende zu erreichen, scheint unwahrscheinlich. Konferenzen, Steuern, Technologien, Gesetze, Appelle – so gut gemeint sie auch sind, sie werden die historischen Kräfte, die sich über die letzten Jahrhunderte aufgebaut haben, nicht in zehn oder zwanzig Jahren neutralisieren können, zumal der dahinterstehende Antrieb, unser Geldsystem, seinerseits mit exponentieller Wucht zuschlägt. Und auch wenn es paradox erscheint: Wenn wir es zähmen, wird es zusammenbrechen.
Ungewollt, aber gezwungenermaßen sind wir damit bei einer apokalyptischen Perspektive angelangt. Nur – bedrohlich ist sie allerdings nicht. Je größer der Schaden, desto größer könnte auch die daraus erwachsende Klugheit sein. Nichts spricht dagegen, eine hyper-exponentielle Lernfähigkeit zu postulieren. Wenn das Geldsystem auseinanderfällt, wird sich die Erkenntnis über die Wirkungen des Kreditgelds und eines zinsfreien, nachhaltigen Gelds leichter verbreiten. Denn einen großen Vorteil hatte die technisch-industrielle Entwicklung der letzten 250 Jahre: Sie hat das Wissen und die Infrastruktur zur Überwindung des Mangels geschaffen, der die Menschheit seit Beginn der Evolution begleitet hat. Bei gerechter Verteilung und intelligenter Umnutzung, und dazu gehört ein gerechtes Geld, ist genug für alle da. 

Christoph Pfluger (56) ist Herausgeber des Magazins Zeitpunkt und schreibt seit 24 Jahren über Geldfragen. Sein Buch »Das nächste Geld« erscheint im August.
Mehr über den Exponentialkurven-Wahnsinn:
Eine längere Version dieses Artikels erschien in der Zeitschrift Zeitpunkt: www.zeitpunkt.ch/archiv/2011.html. 

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