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Wenn Geld einmal nicht die Welt regiert

von Lara Mallien , erschienen in 08/2011

In der Ausgabe 8 von Oya wird aus höchst unterschiedlichen Blickwinkeln über Geld diskutiert. Das folgende Panorama, für das mehrere Autoren Beiträge verfasst und Zitate beigesteuert haben, versucht, die unterschiedlichen Welten erkennbar zu machen.

»Die Krise ist die Folge eines scheiternden ökonomischen ­Modells, das auf Wachstum beruht. Eine internationale Elite und eine ›globale Mittelklasse‹ verursachen verheerende ökologische Schäden durch einen auffallend übertriebenen Konsum und eine überzogene Inbesitznahme der natürlichen Ressourcen und des Humankapitals«, heißt es in der »Postwachstumserklärung« einer Konferenz, die im April 2010 in Barcelona mit über 400 Teilnehmenden aus Wissenschaft, sozialen Bewegungen und der Zivilgesellschaft aus über 40 Ländern stattgefunden hat.
Übertriebener Konsum und übertriebene Inbesitznahme – das klingt nach Gier. Jedoch: »Die Gier ist es nicht!« Diese Ansicht vertreten eine Reihe Autoren in dieser Ausgabe von Oya. Aber auch die andere Position wird gehalten: Selbstverständlich geht es hier auch um Gier. Wie fängt man es an, das Wirtschaften jenseits von Über­nutzung und Ausbeutung? Anhand der Frage, welche Rolle das Geld bei einem Lösungsweg spielt, treten interessanterweise die unterschiedlichen Herangehensweisen an den gordischen Knoten aus Wachstumszwang und Ungerechtigkeit deutlich hervor.

Wachstumsmotoren
Hans-Christoph Binswanger, Schweizer Ökonom und Autor des Buchs »Die Wachstumsspirale«, sieht bei der Geldschöpfung und Kreditvergabe durch die Banken bereits den Wachstumszwang angelegt: Wer investieren will und dafür einen Kredit erhält, muss ihn mit seinen zukünftigen Gewinnen zurückzahlen. Wenn alle Unternehmen Gewinne machen wollen, muss die Kaufkraft der Konsumenten wachsen, und damit sie wächst, muss wieder neu investiert werden, so dass mehr Arbeit und mehr Einkommen entstehen – was ja aus marktwirtschaftlicher Sicht nur gut sei, wenn bloß die Ressourcen der Natur nicht so verflixt endlich wären. Deshalb plädiert Binswanger dafür, das Wachstum zu bremsen. Anstelle von auf Gewinn fixierten Aktiengesellschaften sähe er lieber Stiftungen und Genossenschaften.
Nun lässt sich aber nicht nur mit unternehmerischem Handeln Gewinn machen, sondern auch mit dem Geld selbst: Da entstehen »Kapitalerträge«, und wenn die wieder renditebringend angelegt, statt ausgegeben werden … – Über die Frage, ob der Zinseszins-Effekt nicht der Hauptmotor für den Wachstumszwang sei, kann fast so etwas wie ein Religionsstreit ausbrechen. Warum ist das so ein heißes Eisen?
Mit der Zinskritik wird besonders die sogenannte Freiwirtschaftsbewegung assoziiert. Was steckt dahinter? Peter Berner, dem es ein Anliegen ist, dass deren Gedankengut in breiteren Kreisen wahrgenommen werden, erklärt:
»Die freiwirtschaftliche Systemkritik des deutschen Kaufmanns Silvio Gesell (1862–1930) stellt Selbstverständlichkeiten in Frage, die die Funktion des Geldes betreffen. Bürgerliche und marxistische Ökonomie sind sich darin einig, dass dem Geld nur eine Vermittlerfunktion zukommt.«
Letzteres beurteilt die Freiwirtschaft anders. Dass es sich lohne, mit Geld Geld zu verdienen, sei das zentrale Problem.
»Das Wachstum verzinsten Vermögens folgt einer Exponentialfunktion. Das Wachstum der Realwirtschaft aber erfolgt, empirisch belegt, in Deutschland seit 50 Jahren ungefähr gleichmäßig – linear. In den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit konnten die Zinskosten aus dem Wirtschaftswachstum locker bedient werden und ließen noch einen Kuchen über, den man verteilen konnte. Etwa um 1980 aber überholte die Wachstumskurve des Finanzsektors die der Realwirtschaft, und seitdem gibt es immer härtere Kämpfe um die ›Verteilung‹ des immer krasseren Mangels – denn von den genauso rasant steigenden Zinseinnahmen profitieren nur etwa 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung, während alle anderen diese Reichen schleichend ständig weiter subventionieren – in Deutschland zur Zeit mit einem Betrag in der Größenordnung von einer Milliarde Euro täglich.«
Reformvorschläge, die sich daraus ableiteten, seien kein Zinsverbot, sondern eine Umstrukturierung des Geldes. Zahlungsmittel sollten mit einer Art Liegegebühr (Demurrage) belastet z. B. indem umlaufende Geldscheine mit einem Verfallsdatum versehen werden, nach dessen Ablauf sie mit einem gewissen Wertverlust umgetauscht werden müssen. Die Gebühren kämen dem Staat und nicht (wie heute die Zinsen) den Geldvermögensbesitzern zugute. In diesem Modell würde es sich rechnen, Geld auch zum Nullzins zu verleihen, weil es anderenfalls durch die Liegegebühr Kosten verursachen würde. Keiner hätte mehr das Interesse, es zu horten, sondern es durch Kaufen, Verschenken oder Verleihen möglichst umgehend loszuwerden.
»Fließendes Geld« ist hier das Schlagwort. Es geht aber nicht darum, Geld immer schneller ausgeben, so dass sich das Ressourcen-Karussell noch irrwitziger drehen würde. Es soll kontinuierlich fließen und nicht in Geldvermögen steckenbleiben. Alles bliebe in einem vernünftigen Rahmen, wenn die Volkswirtschaft nicht ständig der »Saugglocke« der Finanzwirtschaft ausgesetzt sei, meint die Freiwirtschaft zum Wachstum. Das klingt gut, aber schon wenn der Name Silvio Gesell fällt, machen Ökonomen in der Regel die Läden dicht.
Thomas Seltmann (siehe Seite 50) kann das erklären: »Gesell war überzeugter Anhänger einer freien Marktwirtschaft – einer Marktwirtschaft, befreit von Monopolen und Monopolgewinnen, leistungslosen Einkommen aus dem Besitz von Vorrechten wie Land, Ressourcen und Patenten. Er war eine ungewöhnliche Mischung aus Liberalem und Sozialisten. So wundert es nicht, dass ihn sowohl linke wie rechte Parteien ablehnten. Bis heute krankt die Wahrnehmung für Gesells Vorschläge auch an einem messianisch anmutenden Personenkult vieler seiner Anhänger sowie daran, dass er aus heutiger Sicht fragwürdige philosophische und weltanschauliche Thesen publizierte, die den damaligen Zeitgeist widerspiegeln. Andererseits trat er in Kommentaren zum Zeitgeschehen antisemitischen, rassistischen und nationalistischen Ideologien ausdrücklich entgegen. John Maynard Keynes (1883–1946), einer der wichtigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, beklagte, dass ihn die Freiwirtschaftler so penetrant mit Schriften bombardierten, dass ihm die Lust auf deren Studium fast vergangen sei und er Gesells Verdienste erst spät entdeckte.«
So geht es wohl auch den Bundestagsabgeordneten, die von Gesell-Anhängern in ihrer Verzweiflung, nicht wahrgenommen zu werden, wieder und wieder angeschrieben werden. Dass sie nicht »landen«, ist kein Wunder, geht doch die neoklassische Wirtschaftstheorie davon aus, der monetäre Sektor der Wirtschaft habe keine Auswirkungen auf den Bereich der Realwirtschaft.

Wettbewerb und Ethik
Für diejenigen, die heute Währungen neu gestalten möchten, ist Gesell nur einer unter vielen, die in der Vergangenheit interessante Vorschläge zur Geldkonstruktion gemacht haben. Sie wollen nicht in eine Schublade gesteckt werden, sondern frei experimentieren. Der Komplementärwährungs-­Experte Ludwig Schuster (siehe Seite 36) bezieht sich zum Beispiel lieber auf Jane Jacobs »Ökonomie der Regionen« und auf den liberalen Ökonomen Friedrich August von Hayek, der für einen freien Währungswettbewerb plädiert. »Nicht eine menschheitsbeglückende Universallösung wird der Schlüssel zu einem nachhaltigen Geld- und Finanzsystem sein, sondern das gleichzeitige Neben- und Miteinander ganz unterschiedlich konzipierter Gelder«, meint Schuster.
Ralf Becker, der sich bei der Money Network Alliance zur Erforschung und Entwicklung komplementärer Währungen engagiert, setzt sich mit vielfältigen Aspekten von Wirtschaft auseinander: »Unsere Marktwirtschaft und unser Geldsystem unterstützen heute viel zu einseitig das Konkurrenzprinzip. Die Vergabe von Geldkrediten – allein oder hauptsächlich – nach Renditegesichtspunkten wird dem auch sozial ausgerichteten und ökologisch eingebundenen Menschen nicht gerecht. Ich setze auf eine allmähliche Überwindung der einseitigen Wettbewerbsausrichtung. So könnte die Kreditvergabe in Zukunft z. B. zur Hälfte nach dem Renditeprinzip und zur Hälfte nach sozialen und ökologischen Kriterien erfolgen.«
Ist Wettbewerb nicht das Wirtschaftsprinzip schlechthin und im übrigen großartig, weil alle versuchen, immer effizienter zu produzieren und immer neue Erfindungen zu machen? Alle profitieren davon: Konkurrenz belebt das Geschäft, und die Preise fallen. Dabei wird durch Konkurrenz nicht nur etwas geschaffen, sondern auch zerstört: Wenn aus Gründen der Konkurrenzfähigkeit Billiglöhne gezahlt, Regenwälder abgeholzt werden oder jemand pleitegeht, gibt es Gewinner und Verlierer. Ein Verlierer muss sich wieder neu organisieren, seine neue unternehmerische Nische finden, und das Wachstum geht weiter. Der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann plädiert für einen Schutz der Lebenswelt vor den kolonialisierenden Übergriffen des Markts, indem die Akteure bewusst darauf verzichten, alles auszunutzen, was sich ausnutzen lässt, also Ethikstandards akzeptieren.
Auch Niko Paech, der eine Postwachstumsökonomie entwirft (siehe Seite 36), bringt die Ethik ins Spiel. Ein Unternehmer könnte sich auch mit einem bescheidenen Gehalt begnügen. »Niemand ist gezwungen, expansive Ziele, wie 25 Prozent Rendite im Jahr, festzulegen.« Paech problematisiert über die Finanzwirtschaft hinaus die Arbeitsteilung als solche, die Wachstumszwänge verursache, denn sie sei der Grund für stetigen Kapitalbedarf. Wenn ein Produkt nicht an einem Ort, sondern an sieben verschiedenen Orten auf der Welt hergestellt wird, sind überall dort jeweils Investitionen notwendig, müssen alle sieben Unternehmen wieder Gewinne machen. Außerdem dürfe man den Konsumenten nicht außer acht lassen: Nur wenn eine Nachfrage da ist, bringt man das »immer mehr« unter die Leute.
Überhaupt wird in der Diskussion in der Regel der Konsument in den Mittelpunkt gestellt. So tut es Tim Jackson in seinem in der Presse vielbeachteten Buch »Wohlstand ohne Wachstum«. Der Wachstumstreiber sei vor allem das Konsumverhalten der Menschen. Die Frage sei, warum sich die Menschen innerhalb der Gesellschaft vor allem über materielle Dinge definierten, indem sie Waren mit »gesellschaftlicher und psychologischer Bedeutung« auflüden. Also ist es doch die Gier? Und die Ethik-Diskussion genau die richtige?
Christian Felber, der in seinem Modell der Gemeinwohl-Ökonomie eine Marktwirtschaft ohne Streben nach maximalem Profit und ohne Wachstumszwang vor sich sieht, geht nicht davon aus, dass ethische Standards und menschliche Vernunft allein ausreichen, sondern er will einen demokratischen Prozess anstoßen, der dazu führt, gesetzlich verankerte, handfeste »Anreize« zu schaffen, so dass zum Beispiel Kredite nach sozialen und ökologischen Kriterien vergeben werden (siehe Seite 26). Auf diese Weise könne eine Gemeinwohl-Orientierung entstehen und letztlich eine Gemeinwohl-Ökonomie, die Werten wie Vertrauensbildung und Kooperation verpflichtet sei.
Ludwig Schuster setzt wiederum mehr auf unternehmerische Selbstorganisation. Er denkt über eine in Netzwerken organisierte Ökonomie nach: »Die Grenzen dieser neuen Räume, erschaffen durch lokale Initiativen oder Communities im ›Social Web‹, sind definiert durch gemeinsame Werte und freiwillige Zugehörigkeit, durch soziale Identitäten und ›Networks of Trust‹ – Vertrauensnetzwerke, die ihre eigenen Währungen und Wirtschaftsweisen kreieren. Jeder kann in beliebig vielen dieser ›Mitgliedsökonomien‹ teilhaben, solange er sich mit deren Geschäftsbedingungen einverstanden erklärt. Wer sich nicht an die Regeln hält, kann sanktioniert und – im Unterschied zu den natio­nalen Währungssystemen – im Ernstfall auch mal von einem Markt und dessen Geld ausgeschlossen werden. Jede dieser Gemeinschaftswährungen ist dadurch, für sich gesehen, exklusiv, aber in ihrer Vielfalt bewirken sie eine breitere gesellschaftliche Inklusion, als sie das bestehende Geldsystem zu leisten vermag.« Ist das freie Marktwirtschaft ins Extrem getrieben? Oder etwas ganz anderes, das erst erfunden werden will?

Der Sprung aus dem Markt
Eines wird jedenfalls deutlich: Bei fast all diesen Vorschlägen wird nur in Märkten gedacht. Und da tut sich ein neuer Graben in der Diskussion auf, der sich nur selten überbrücken lässt. Friederike Habermann erinnert im Gespräch auf Seite 36 an die einfache Logik des Spiels »Mehrwert produzieren«: Auch wenn man nur mit Gummibärchen spielt und keine Banken und keine Finanzindus­trie in diesem Spiel vorkommen, haben die Firmeninhaberinnen am Schluss immer mehr, und die abhängig Beschäftigten stehen immer wieder mit leeren Händen da, nachdem sie einkaufen waren. Das sei doch der Keim für die ganze Spirale aus Konkurrenzdruck, Konzen­tration von Reichtum und dem Drang nach neuen Kapitalanlagemöglichkeiten, wie Marx sie schon erklärt habe.
Warum also dieses in sich schon zweifelhafte Spiel überhaupt spielen? So gut wie alle bleiben in der öffentlichen Diskussion in den Begriffen von Marktwirtschaft, denn wer sich über diesen Rand hinausbewegt, gilt als linksaußen oder derart illusionär, dass es gar keinen Sinn hat, mit ihm oder ihr zu sprechen. Aber über die Gräben hinweg entwickeln sich doch spannende Diskussionen.
Wenn es Christian Felber um Werte wie Vertrauen, Freundschaft, Zuneigung, Kooperation gehe, fragt zum Beispiel Andreas Exner, Ökologe und Redakteur der Zeitschrift »Streifzüge« in einer Buchbesprechung von Felbers Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie, warum sehe er dann nicht, dass genau diese Werte nichts mit Beziehungen von Teilnehmern eines »Markts« zu tun haben? Exner erinnert daran, dass es nicht nur Planwirtschaft und Marktwirtschaft gibt, sondern auch die auf Gemeingüter zielende, bedürfnisorientierte Produktion, die ohne die Struktur »Firma« und »Angestellte« auskommt (siehe Christian Siefkes Text Seite 40). Geld kommt dabei nicht vor, weil es gar nicht ums Tauschen geht. Auf www.keimform.de oder www.demonetize.it wird darüber angeregt diskutiert. Auf letzterer Seite findet sich auch ein Kommentar der Subsistenzforscherin Veronika Bennholdt-Thomsen. Als Antwort auf die Katastrophe in Japan schreibt sie:
»Der erste Hauptsatz der Wachstumsökonomie lautet: Die Anwendung einer Technologie ist richtig, wenn sie der Steigerung der Geldgewinne dient. Und umgekehrt: Das Ziel der Steigerung der Geldgewinne bringt die dementsprechende Technologie hervor und auch zum Einsatz. Der Geldorientierung diametral entgegengesetzt ist die Subsistenzorientierung, d. h. die Orientierung auf das, ›was aus sich selbst heraus Bestand hat‹ – so die Etymologie von ›Subsistenz‹. Darin enthalten ist der Gedanke der Förderung des Lebendigen, der von einem Selbstverständnis des Menschen als Teil des lebendigen Ganzen getragen wird, innerhalb dessen er/sie sich kooperativ verhält.«
Auch Niko Paech unterstreicht die Bedeutung von Subsistenz und schlägt damit Brücken zum Wirtschaften jenseits der Geld­logik. An ihre Stelle setzt Veronika Bennholdt-Thomsen das Prinzip der Gabe. Eine Gabe verlangt keine Gegengabe, sie kommt nicht aus ­einem Altruismus, sondern weil es so selbstverständlich und lebensnah ist, zu geben, zu teilen, sich einzubringen.
Die Kritik, die es gegen diese Auffassung hagelt, schimpft, das sei ein »Zurück in die Steinzeit«. Darauf ließe sich kontern: »Wie wir derzeit wirtschaften, ist alttestamentarisch.« John Locke (1632–1704), der englische Moralphilosoph, gilt als Vater des Liberalismus. Seine Gedanken zum Recht auf Eigentum für jeden Einzeln und die Idee, dass jeder so viel Geld ansammeln könne, wie er wolle, war ein aufklärerischer Impuls und zugleich religiös begründet. Dass jeder sich selbst gehöre und sich für seine Selbsterhaltung Eigentum aneignen dürfe, sei ein »göttliches Recht«. Er verweist auf die Bibelstelle: »Der Himmel ist der Himmel des Herrn, die Erde aber gab er den Menschen.«
Wenn in einer säkularen Welt – die angeblich rational vom Homo Oeconomicus, der stets für ihn vorteilhafte Entscheidungen treffe, gesteuert sein soll – unterschwellig noch der Satz »Macht euch die Erde untertan!« wirkt, komme zumindest ich mir seltsam rückständig vor. Es scheint so folgerichtig, dass sich in der Geschichte der Freiheits­gedanke mit seinen wertvollen Impulsen entwickelt hat, aber wäre es nicht wahrhaft aufgeklärt, ein zeitgemäßes Freiheitsverständnis mit der Idee des Pflegens und Teilens einer Mitwelt zu verknüpfen, zu der ich gehöre, aber die ich mir nicht aneigne und verkaufe?
Von der Wirtschafts-Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom ist soeben bei Oekom das Buch »Was mehr wird, wenn wir teilen« erschienen. Es enthält eine Vielzahl von Beispielen, wie Gemeingüter-Ökonomie funktioniert. Erstaunlicherweise betrachtet niemand dieses Buch als sonderlich radikal. Es zeigt vor allem Praxis, und die ist überzeugend.
In der Praxis verbinden sich die Welten dann doch. Zum Beispiel bilden Regiogeld-Projekte, die ja innerhalb der Marktwirtschaft funktionieren, deutliche Gemeingüter-Strukturen aus. Es scheint mir wichtig, die Paradigmen der unterschiedlichen Diskussionslinien in den Blick zu bekommen, doch wichtiger als alle Theorie ist stets die Praxis, die immer dort, wo etwas für alle Beteiligten Erfreuliches entsteht, von Gemeinschaftlichkeit getragen ist. Ob in dichten nachbarschaftlichen Beziehungen, in pragmatischen Nutzungsgemeinschaften, in einem ökosozialen Unternehmen oder im weltweiten Netz – der Impuls des Miteinander-Wachsens darf sich ungefährdet ­exponentiell ausbreiten. Es wird irgendwann genügend schlaue ­Menschen geben, die dazu neue Wirtschaftstheorien schreiben. 


Literatur zur Vertiefung:
Veronika Bennholdt-Thomsen: Geld oder Leben. Oekom, 2010 • Ulrich Thielemann: System Error. Warum der freie Markt zu Unfreiheit führt. Westend, 2009 • Bernard Lietaer: Das Geld der Zukunft. Riemann, 2002

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