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Schein-Heilung

von Stella Loewenberg , erschienen in 08/2011

Die Verwandlung der gescheiterten Altonaer Regionalwährung »Alto«.

Phönix aus der Asche: Nach ihrem Scheitern fand die Regionalwährung »Alto« zu neuer Bestimmung. Es wäre auch zu schade um die schönen Scheine gewesen.

Heute schenkte man mir Geld, eine Währung mit Vision, nämlich 38 Alto. Das entspricht einem Satz Alto-Scheine, gestaltet von Graffiti-Künstler Daim und 2008 in Hamburg-Altona durch den Verein »Fokus Altona« in Umlauf gebracht.
Es muss im Jahr 2006 gewesen sein, als die Regiogeld-Idee auf fruchtbares Altonaer Pflaster fiel und eine Gruppe Idealisten eine lokale Währung zu entwickeln begann. 2008 waren 45 000 Scheine gedruckt. Das Geld, fälschungssicher und wasserresistent, kam in Umlauf.
In den ersten Monaten schien das eurogedeckte lokale Zahlungsmittel eine glänzende Karriere vor sich zu haben, aber schon 2009 wurde die Komplementärwährung eingezogen, der Alto war in Ehren gescheitert. Warum, frage ich Dieter Bensmann, Mitinitiator und in Gebieten wie Gemeinschaftsgründung und Gesellschaftswandel erfahren. Im Gespräch erhellen sich einige Umstände: 5000 Alto kamen in Umlauf. 67 Teilnehmer, darunter Einzelhändler, Dienstleister und ein Sportverein unterstützten den Start. Das waren zu wenige. Vielen erschien das System zu kompliziert, es fehlte das Vertrauen in eine Zweitwährung, die ein Verfallsdatum hat und prozentweise an Wert verliert. Während ich versuche, das System zu verstehen, erscheint es selbst mir, die ich mich mit diesen Dingen befasse, seltsam umständlich. Ich ahne, dass in einer Zeit, wo die meisten Menschen den Wunsch nach Vereinfachung haben, viel Enthusiasmus für ein solches Alternativ-System nötig ist.
Viele der Einzelhändler haben wohl den Alto als gutes Marketing-Instrument zur Kundenbindung missverstanden, auch fehlte es wohl an den Kassen an Kommunikation mit den Kunden, denen man die neue Währung hätte kurz und prägnant erklären müssen. Im großen Gewimmel der aufmerksamkeitsheischenden Dinge ging die Währung einfach unter, der sagenhafte Alto blieb für viele ungreifbar. Bensmann wundert sich, dass gerade die Bioläden und die stark frequentierten Cafés nicht zu gewinnen waren. Problematisch erscheint auch die Bindung an nur einen Sponsor, der inhaltlich Einfluss nahm, sich durchaus Rendite ausrechnete und – so wird kolportiert – auf einzelne Händler Druck ausübte.
Im Gespräch mit Lore Bergmeier, ebenfalls Mitinitiatorin des Alto, kommt die Frage auf, ob es überhaupt eine hinreichende Identifikation mit dem Stadtteil gebe, oder ob das vordergründige Wir-Gefühl im hippen Altona nicht nur Show sei. Denn Regiogeld basiert auf Beziehungen, was im Widerspruch zur urbanen Anonymität zwischen Konsument und Anbieter steht. Es scheint kein Zufall zu sein, dass die rein großstädtischen Alternativwährungen in Hamburg und Berlin gescheitert sind, aber zum Beispiel der Chiemgauer und der Sterntaler mit einer Reichweite vom Berchtesgadener Land bis zum Inn florieren. Wenn der Kreis der Teilnehmer einer Regionalwährung auf einen Stadtbezirk beschränkt bleibt, deren Bewohner mehrheitlich in einem anderen Bezirk arbeiten und dort auch einkaufen, wird es schwierig.

Ein neues Zuhause für den Alto
»Wir hier in Altona tun etwas für unseren Stadtteil« – so dachte Joachim Schwerdtfeger, Geschäftsführer der Alto GmbH, die unter dem Dach des Nussknacker e. V. ambulante medizinische Versorgung für psychisch Kranke anbietet. Als er vom Alto hörte, war die Währung bereits eingestellt, und die Scheine lagerten in Pappkartons. Schwerdtfeger, den die Namensgleichheit inspirierte, hatte spontan die Idee, den Alto intern in der Unternehmensgruppe von Nussknacker e. V. einzusetzen. Er übernahm einen Teil der Scheine. Zum Vereinsjubiläum erhielten die Gäste diese als Gutscheine, die im vereinseigenen Café »viaCafélier« eingelöst werden können. Außerdem verteilte er den Alto unter den Klienten der Alto GmbH, um sie aus ihren Rückzugsorten in einen öffentlichen Raum zu locken, wo Begegnungen mit dem ganz normalen Leben möglich sind: im »viaCafélier«. Das wird übrigens von Menschen betrieben, die eine Lebenskrise meistern. Nun wirkt das Geld also therapeutisch, und der Alto kommt so doch noch zu seiner Bestimmung, wenn auch ohne Eurobindung und Umlaufsicherung, sondern als Geschenk. Der Gegenwert ist ein immaterieller: Menschlichkeit.
Wie zukunftsfähig Alternativwährungen in Form von Scheinen überhaupt sind, angesichts des zunehmend bargeldlosen Transfers, wie ihn zum Beispiel Norwegen anstrebt, ist in jedem Fall wert, beleuchtet zu werden. Welche Konsequenzen hätte dies für das soziale Miteinander? Der Wert des Geldes jedenfalls basiert vor allem auf Vertrauen. In diesem Punkt sind sich alle einig. 


Stella Loewenberg (42), Theaterregisseurin, Change Managerin (IHK), arbeitet als freie Autorin und Kommunikationstrainerin zu Kultur- und Stadtentwicklung und Zukunftsforschung. www.change-competence.com 

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