Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Wir brauchen Modellprojekte und Aktionen

von Johannes Heimrath , Lara Mallien , Margit Kennedy , erschienen in 08/2011

Johannes Heimrath und Lara Mallien sprachen mit Margrit Kennedy über Komplementärwährungen als Experimentierfeld für eine zukünftige Gesellschaft.

Bild

Wir beobachten nun seit vielen Jahren, wie mit viel Kraft an einzelnen Stellschrauben in der Gesellschaft gedreht wird. Mal heißt die Schraube Ernährung, mal Energie, mal Bildung, mal Geld. Alle denken, wenn sie an ihrer Schraube drehen, ändere sich alles. Aber wir erleben, wie sich in einem vernetzten System alles wieder von selbst stabilisiert. Wieviele Schrauben müssten deiner Meinung nach gleichzeitig gedreht werden, um wirklich etwas zu bewegen?

Man sagt ja immer, für eine (R)Evolution müssen 7 bis 10 Prozent der Bevölkerung wirklich eine Veränderung wollen. In Bezug auf das Thema Geld vermute ich inzwischen, dass es doppelt so viele sein müssten. Die Frage nach dem Expertentum bindet uns hier die Hände. Wenn ich weder meine Waschmaschine noch meinen Computer reparieren kann, wie will ich mir dann anmaßen, unser Finanzwesen zu durchschauen? Niemand traut sich das zu. Dabei geht es nur darum, zu begreifen, dass alle Entwicklungen, die einer Exponentialkurve folgen, im Uferlosen enden und in der Praxis zu einem Zusammenbruch führen.
Inzwischen glaube ich, dass wir nur durch einen totalen Zusammenbruch zu etwas Neuem kommen – oder durch eine Revolution. Aber die Revolution sehe ich nicht, weil die Missstände nicht so einleuchtend begreifbar sind wie es zum Beispiel in der DDR vor der Wende der Fall war. Wenn ein wie auch immer gearteter Zusammenbruch kommt, brauchen wir heute schon Beispiele für neue, positive Lösungen, und deshalb sind Regionalwährungen wichtig. Nicht, weil sie im Moment die große Lösung bieten. Aber sie zeigen, dass Menschen anders wirtschaften und selbständig Geld schaffen können.

Wenn es so kommt, wie wir offenbar gemeinsam fühlen, werden wir in der Post-Kollaps-Gesellschaft vor Voraussetzungen stehen, die wir uns heute schwer vorstellen können. Vielleicht geht es in Zukunft gar nicht mehr darum, Profit zu erwirtschaften.

Ich halte Gewinnstreben nur dann für schädlich, wenn dem Gewinn keine Leistung gegenübersteht, wie auf dem Kapitalmarkt, der wie Raubrittertum funktioniert.
Es existieren ja Konstruktionen für Geld als öffentliche Dienstleistung, das wäre vielleicht ein guter Weg. Ich denke, wir brauchen eine Vielfalt von Währungen. Wie wäre es mit einer Bildungswährung, die Bildung unmittelbar fördern könnte, oder einer Pflegewährung wie das japanische ­Fureai-Kippu-System? Es funktioniert etwa so, dass ich auf einer Zeitbank ein Guthaben erhalte, indem ich einem bedürftigen Menschen helfe. Das Guthaben wird mir selbst im Alter oder bedürftigen Angehörigen, die ich selbst nicht pflegen kann, zur Verfügung stehen.
Heute existieren ja wunderbare technische Möglichkeiten, über elektronische Wechselstuben Waren und Dienstleistungen zu verrechnen. Auf jeden Fall müssen zukünftige Systeme den exponentiellen Wachstumszwang und die ungerechte Umverteilung des Gelds von Arm zu Reich verhindern.

Die Zeit dürfte nicht reichen, um so etwas auf demokratischem Weg zu implementieren. Wenn wir uns einig sind, dass wir auf einen kritischen Zustand zusteuern, müssen wir uns doch fragen: Transportieren wir mit solchen alternativen Systemen des Wertetauschs wie den Komplementärwährungen, die sich alle vor der Folie unseres heutigen Geldwesens entwickelt haben, nicht wieder nur alte Muster? Zeigen nicht auch die bestehenden Alternativen ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Menschen, nämlich dass er nicht bereit sei, zu geben?

Mein Ziel ist, dass wir in einer zukünftigen Gesellschaft eines Tages das tun, was wir am besten können, und das bekommen, was wir zum Leben brauchen. Und dann wäre Geld nicht mehr nötig. Aber wir brauchen ein paar Lernschritte dorthin. Einer wäre zum Beispiel, zu verstehen, was das jetzige Geldsystem bewirkt. Ein weiterer Weg ist, mit alternativen Modellen Erfahrungen zu sammeln, sei es mit einem Tauschring, einem Umsonstladen oder einer eurogedeckten Regionalwährung.
Ich lebe ja im Lebensgarten Steyerberg. Dort haben wir den »Minuto« eingeführt (siehe Seite 18). Das ist das ideale Geldsystem für uns: Jeder, der mitmacht, kann selbst ausgedruckte Minuto-Gutscheine erstellen, und welche Leistung oder welches Produkt welchen Wert hat, besprechen die Beteiligten untereinander. Das bringt nun ein Problem mit sich: Wir wollen ja nicht immer etwas berechnen, wenn wir etwas füreinander tun. Und das ist eine lehrreiche Erfahrung. Wir müssen uns bewusst werden: Verrechnen und Schenken schließen einander nicht aus. Wann ist die Ebene der Gabe, wann die Ebene des Tauschens oder Handelns stimmiger? Aus Auroville kenne ich ein Modell, bei dem in einem überschaubaren Kreis von Menschen allen alles gehört. Es gibt ein paar Spielregeln, wer was darf und wer was bekommt. Das ist ein bisschen wie in einem Kloster, aber nicht so hierarchisch. Parallel existieren noch zwei weitere Wirtschaftsmodelle: eine komplementäre Währung und dann die ganz normale Landeswährung. Ich denke, nur durch die Praxis kann sich herausschälen, was am jeweiligen Ort wirklich sinnvoll ist.
Der Lebensgarten Steyerberg lebt vor allem von Geschenken. Mein Mann ­Declan und ich schenken der Stiftung des Lebensgartens gerade einen fünf Hektar großen Permakulturpark. So wird er über unsere Lebzeiten hinaus in unserem Sinn weiter bewirtschaftet werden. Andere schenken, indem sie im Lebensgarten Musik machen. Auch wenn wir für manchen Austausch untereinander Geld oder Gutscheine verwenden, lebe ich doch gefühlt in einer Schenkökonomie, deren Wert darin liegt, dass »niemand nichts muss«. Wenn du schenkst, darfst du nicht erwarten, dass etwas unmittelbar zurückkommt. Schneller kannst du dich gar nicht unglücklich machen als durch so eine Erwartungshaltung. Aber wenn du diese Erwartung weglässt, erschließt sich die Schönheit des Gebenkönnens.

In unserer Region in Ostvorpommern lohnt sich das Tauschen nicht, weil es gar nicht so viel lokale Produktion gibt, um etwa ­einen Tauschkreis aufzubauen. Deshalb ­gehen unsere Experimente von Anfang an in Richtung Schenken.

Bevor wir im größeren Maßstab beim Schenken ankommen, sind sicherlich noch viele Lernprozesse notwendig. Die beginnen, sobald sich jemand als Teil der Menschheitsfamilie empfindet, sich als Teil des Ganzen sieht. Auch dafür brauchen wir wohl die Erfahrung des Zusammenbruchs: dass Menschen, die früher gut situiert waren, auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Banker lassen sich heute Notrationen in den privaten Keller packen. Sie wissen, dass der Zustand höchst labil ist. Deshalb wollten wir unser Permakultur-Grundstück nie bebauen, sondern zur Lebensmittelproduktion einsetzen. Es wird wohl eine heftige Zeit des Nachdenkens und Umstellens geben.

Die Nahrungsmittelproduktion dieses Jahrs liegt global bereits 10 Prozent unter dem Wert des letzten Jahres. Schon jetzt ist absehbar, dass die Nahrungsmittelpreise weiter steigen. Hast du den Eindruck, dass den meisten in unserem Sinn aktiven Menschen diese globalen Prozesse bewusst sind?

Die Problematik von PeakOil scheint mir inzwischen überall angekommen zu sein. Wenn wir nicht mehr diese günstigen Transportkosten hätten, würden wir uns ganz schnell auf regionales Wirtschaften umstellen müssen. Das wird auch so kommen. Wir wissen nicht, was zuerst kommt, ob zuerst Ressourcen zur Neige gehen oder das Finanzsystem zusammenbricht.
Ich habe davor keine Angst, denn ich habe ja fünfundzwanzig Jahre Erfahrung im Lebensgarten. So viele Menschen kommen jedes Jahr zu uns und sagen: So möchte ich eigentlich gerne leben. Eine Zukunft, in der die Regionen wieder zählen, sehe ich sehr positiv.

Trotz aller Prognosen über die Endlichkeit der wichtigsten Ressourcen unserer Ökonomie glauben viele, dass sich der jetzige Lebensstandard halten ließe. Viele meinen, auch regionale Währungen könnten dazu beitragen und die Wirtschaft ankurbeln. Aber die Post-Wachstums-Bewegung zeigt, dass wir drastisch zurückbauen müssen, um von einem ökologischen Fußabdruck von 6 auf die erforderlichen 0,8 zu kommen. Wie reflektiert das die Regiogeld-Bewegung?

Eine gewisse Schrumpfung ist ja schon dadurch gegeben, dass du mit dieser Währung nur im Umkreis von ein paar Kilometern einkaufen kannst. Die größte Schwierigkeit ist, dass heute so wenig regional hergestellt wird. Selbst der »Chiemgauer«, das erfolgreichste Modell, ist immer noch relativ klein. Heute bauen alle Regiogeldprojekte auf ehrenamtlicher Arbeit auf. Es ist enorm, dass überhaupt so viele von ihnen überleben. Auch im Chiemgau sind die Menschen weit entfernt davon, 50 Prozent dessen, was sie brauchen, mit der Regionalwährung bezahlen zu können. Es müsste einen langfristigen, wissenschaftlich begleiteten Modellversuch in einer größeren Region geben, der parallel mit der Förderung von regional hergestellten Produkten verläuft.

Für Mecklenburg-Vorpommern haben wir ein Modell durchdacht, das vorsah, die nicht abgerufenen Fördermittel des Landes als Regio­nalwährung an alle zu verteilen. Parallel müsste über die Resilienz der Regionen diskutiert werden. Wie lässt sich in einer Region in einer arbeitsteiligen Gesellschaft subsistent leben? Muss man viel Hightech ins Land holen? Wie groß müsste denn deiner Meinung nach eine Modellregion sein?

Es kommt auf ihre Struktur an, nicht auf die Größe. Gibt es eine vielfältige Basis lokaler Handwerks- und Landwirtschaftsbetriebe oder nur eine große Automobilfabrik? Dann wird es schwierig.
Es ist spannend, wieviele Menschen heute für eine Re-Regionalisierung plädieren. Entschleunigung, Degrowth, Überschaubarkeit, Regionalisierung – das gehört alles zusammen. Ob im Bereich Ernährung oder Bankwesen – wenn etwas über eine bestimmte Größe hinauswächst, ist Nicht-Verantwortlichkeit programmiert.

Leider ist nicht zu erkennen, dass von staatlicher Seite Interesse an so einem ­Modellprojekt bestünde. Was können die Bürgerinnen und Bürger selbst tun?

Ich denke, jetzt müssten sich die Gruppen, die jahrelang parallel vor sich hingearbeitet haben, zusammenschließen und sich fragen: Was von dem, was wir in unserem jeweiligen Rahmen aufgebaut haben, können wir gemeinsam transportieren? Und was ist dafür die richtige Form? Machen wir einen großen Film? Eine Ausstellung, ein Festival oder eine große Konferenz? Es kommt darauf an, dass wir herausfinden, was jetzt in dieser Zeit wirklich relevant und wirkungsvoll sein kann. Es geht nicht mehr, dass die einen sagen: »Ihr müsst erst das mit der Dreigliederung der Gesellschaft verstanden haben« und die anderen: »Ihr müsst erst Silvio Gesell begriffen haben« oder »Ihr müsst Karl Marx gelesen haben«; das ist vorbei. Es geht um eine konzertierte Aktion. Und um anschauliche Praxis. Die zeigt immer eine herrliche Vielfalt!

Vielen Dank für das schöne Gespräch. 


---------------------------------------------------------------------
Margrit Kennedy (72), Architektin und Stadtplanerin. Seit fast dreißig Jahren setzt sie sich für neue Geldentwürfe ein und hat mit ihrem Mann Declan die Regiogeld-Bewegung mit angestoßen. Sie ist Gründerin von MonNetA der Money Network Alliance. www.monneta.org

Bücher von Margrit Kennedy:
»Geld ohne Zinsen und Inflation: Ein Tauschmittel, das jedem dient« erschien bereits 1991 im Goldmann Verlag und ist immer noch erhältlich. Mit Bernard Lietaer und Elisabeth Lieble veröffentlichte sie bei Riemann 2004 das Buch »Regional­währungen: Neue Wege zu nachhaltigem Wohlstand«.

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!