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Samenkörner im Sternenbeutel

Ursula K. Le Guins Yin-Utopien laden dazu ein, aus der Fülle der immerwährenden Gegenwart zu schöpfen.

von Grit Fröhlich , erschienen in 59/2020

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© Foto: Marlena Sang

Manchmal ist das Erzählen reine Freude am Spiel. Manchmal dient es der Zerstreuung und Unterhaltung. Geschichten werden vermutlich erzählt, seit es Menschen gibt. Über Generationen hinweg können sie Erinnerungen, Werte und sinnstiftenden Zusammenhalt vermitteln. Sie können aber auch einlullen oder manipulieren. Die Geschichtsschreibung erzählt häufig aus der Perspektive herrschender Interessen. Fernsehserien, unterbrochen durch Werbepausen, werfen ihr Schattentheater an Wohnzimmerhöhlenwände und bieten einen Ersatz für das echte Leben.

Geschichten sind Lebensmittel
Geschichten können jedoch auch Lebensmittel im wahrsten Wortsinn sein. Wir begegnen ihnen heute nicht oft. Es sind Geschichten, die unsere Fähigkeit nähren, sich ein Leben vorzustellen, das wir als unseres spüren, statt etwas hinterherzujagen, das andere für uns erdacht haben. Es gilt, tatsächlich aufmerksam zu sein, was und vor allem wie wir erzählen. Eindimensional wurde in der Vergangenheit immer wieder die Vorstellung vom Leben als Kampf genährt. Davon zeugen nicht nur die allgegenwärtigen Heldengeschichten in Literatur, Filmen und Comics, auch in den Gesellschafts- und Lebenswissenschaften war und ist das Narrativ vom Kampf verbreitet: Geschichte als die Geschichte von Klassenkämpfen oder als »Kampf der Kulturen«; »Evolution« missverständlich übersetzt als »Kampf ums Dasein«; Medizin reduziert auf den Kampf gegen Tod und »Krankheitserreger«. Die große Erzählerin Ursula K. Le Guin (1929–2018) erinnerte in ihren Essays daran, »dass wir ­schleunigst damit anfangen sollten, eine andere Geschichte zu erzählen, eine, die vielleicht dann weitergesponnen werden kann, wenn die alte endgültig ausgedient hat. […] Das Problem ist nur, dass wir alle zugelassen haben, selbst zu einem Teil der Killergeschichte zu werden, so dass deren Ende auch uns den Garaus machen könnte.«

Geschichten vom Sammeln und Tragen
Wie können wir also Geschichten erzählen, die die Perspektive des Kämpfens überwinden? Wie lassen sich Spielräume öffnen, die die ganze Vielfalt menschlicher und mehr-als-menschlicher Potenziale sicht- und vorstellbar werden lassen? Le Guin vertrat die originelle Idee, dass Geschichten die Form eines »Beutels« oder einer »Tragetasche« haben sollten. Behältnisse zum Tragen sah sie mit dem Blick einer Anthropologin als erste Werkzeuge in der Menschheitsgeschichte. Was liegt also näher, als die Vorstellungskraft – »das mit Abstand nützlichste Werkzeug« – ebenfalls als eine Art Tragetasche zu verstehen?
Was sind Tragetaschen-Geschichten? Sie bieten keine Bühne für Helden und folgen nicht dem üblichen Erzählmuster von line­arem Aufstieg und tragischem Fall. Es sind Geschichten, die von so alltäglichen Dingen wie dem Sammeln von wilden Hafer­körnern oder dem Tragen von Säuglingen, von Beziehungsgeflechten und Wandlungsprozessen erzählen – davon, »wie Menschen sich zu allem anderen in diesem riesigen Sack Befindlichen in Beziehung setzen, zu diesem Mutterleib des Universums, zu dieser Gebärmutter der Dinge, die einst kommen, und dieser Grabstätte der Dinge, die einst waren, jener unendlichen Geschichte.«
Solche Erzählungen spielen weder auf flackernden Bildschirmen noch als Schatten an Höhlenwänden oder in abstrakten, reinen Ideenwelten. Sie berühren uns in unserem Hier- und Jetztsein. Als Lebensmittel setzen sie uns in Beziehung zu dem Ort, an dem wir leben, und schaffen Lebensmittelpunkte. Jenseits des verengten Blicks auf Helden, Täter und Opfer ermöglichen sie einen Perspektivwechsel hin zur grundlegenderen Frage: Wer oder was trägt uns, und wen tragen wir?
Ursula K. Le Guins Essay »Die Tragetaschentheorie des Erzählens« ist eine Einladung, überall nach »Tragetaschen« Ausschau zu halten, keineswegs nur in literarischen Erzählmustern. Als Science-Fiction-Autorin entwickelte sie auch eine Vision für Wissenschaft und Technik, die nicht die kriegerische Vergangenheit auf die Zukunft projiziert, sondern aus den unmittelbar wahrgenommenen Bedürfnissen eine tragfähige Perspektive für jetzige und kommende Generationen entwickelt. Ihr zufolge sollten wir auch »Technik und Wissenschaft zu etwas umdefinieren, das in erster Linie eine kulturelle Tragetasche und keine Waffe, kein Herrschaftsinstrument ist«.
Aus der Tragetaschen-Perspektive ergeben sich ganz andere Geschichten über die vielfältigen Beziehungsgeflechte im Gewebe der Welt: Wissenschaft könnte etwa als eine artenübergreifende Geschichte erzählt werden, die nicht in erster Linie das Trennende analysiert, sondern das Zusammenwirken von Lebewesen stärker in den Blick nimmt. Aus dieser Sicht kann die Medizin nicht länger die Geschichte vom festen, abgeschlossenen Körper erzählen, der sich durch seine »Abwehrkräfte« angeblich »frei« von Mikroben halte. Die Mikrobiomforschung erzählt heute eine andere Geschichte über die Kräfteverhältnisse, die unsere Lebensprozesse tragen: Sie zeigt die unablässige fluide Durchdringung mikrobischer und anderer Lebensformen (siehe Seite 54).
Nicht den Illusionen der Vergangenheit aufzusitzen und Geschichte(n) nicht als Aneinanderreihung von Kämpfen mit der Hoffnung auf Erlösung in mehr oder weniger ferner Zukunft zu erzählen, bedeutet jedoch keineswegs, ins Gegenteil zu verfallen und alles in süße, klebrige Harmonien zu tauchen. Le Guins Trage­taschentheorie bewegt sich nicht im ausschließenden Denken von Entweder-Oder, sondern bringt Polaritäten ins schöpferische Zusammenspiel des Sowohl-als-Auch: »Wird das Erzählen […] in der Tradition von Tragetasche/Mutterleib/Kiste/Haus/Medizinbündel betrachtet, dann können Konflikt, Wettbewerb, Stress, Ringen etc. als notwendige Elemente eines großen Ganzen betrachtet werden, das sich nicht einfach entweder als Konflikt oder als Harmonie beschreiben lässt, da sein Zweck weder Auflösung noch Stagnation, sondern schlichtweg die Aufrechterhaltung eines Prozesses ist.«
Was könnte also den Stoff dieser neuen Erzählungen bilden? Oder ist bereits die Art des Erzählens untrennbar mit dem Inhalt der Erzählung verknüpft, so wie die Leere eines Gefäßes die Voraussetzung dafür ist, dass sich darin eine Fülle sammeln, verdichten und verwandeln kann?
 

Heiße und kalte Kulturen
Ein Verständnis dafür, welche Wechselwirkungen beim Erzählen ins Spiel kommen, sobald die Welt als Tragetasche aufgespannt wird, geben uns Le Guins Überlegungen zu »Yin-« und »Yang-­Utopien«. Yin und Yang? Keine Sorge, wir bewegen uns hier meilenweit entfernt von westlichem Esoterik-Kitsch. Le Guins Rückgriff auf die Philosophie von Yin und Yang ist Teil ihres subversiven Denkens. Aufgewachsen in einer Anthropologenfamilie, war sie es gewohnt, die Welt nicht nur aus der eigenen kulturellen Perspektive zu betrachten. So legte sie die eurozentrische Brille ab und ließ sich hier etwa durch den chinesischen Daoismus inspi­rieren. Le Guins Vorstellungen einer von lebendiger Dynamik durchdrungenen Welt sind etwas völlig anderes als das eindimensionale Wachstumsstreben, mit dem die industriemoderne Welt in rasanter Monotonie im Hamsterrad rotiert, sondern integrieren vielmehr die zyklischen Wandlungsprozesse des Lebens.
Geht es dabei etwa um einen Rückgriff auf vormoderne Vorstellungen, um Visionen für die Zukunft zu entfalten? Ist das nicht »reaktionär« und »retrotopisch« – eine Flucht in vermeintlich heile Welten? Nein. Le Guins kulturkritische Essays eröffnen eine Dimension, in der Fragen nach Rückschrittlichkeit oder Fortschrittlichkeit schlichtweg keinen Sinn ergeben, denn dieser Gegensatz existiert nur in der Vorstellung von einem linearen Zeitstrahl. Mit ihrem anthropologischen Blick betrachtete Le Guin Geschichte jedoch nicht aus westlich geprägter Perspektive und bewertete weder traditionelle Gesellschaften als »rückschrittlich« noch moderne als »fortschrittlich«. Sie hielt es stattdessen mit der wertfreien Unterscheidung zwischen »kalten« und »heißen« Gesellschaften, die der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss getroffen hatte.
Unsere westliche Kultur gehört zum »heißen« Pol des Spektrums: Sie wird durch permanenten Innovations- und Wachstumsdruck zu ständiger Veränderung getrieben und versucht, die Welt an die menschlichen Bedürfnisse anzupassen. Heiße Kulturen sind durch hohe Arbeitsteilung und Ausdifferenzierung in Kasten oder Klassen geprägt; die sozialen Ungleichheiten und damit verbundenen Machtkämpfe sind der Motor, der heiße Gesellschaften antreibt. »Kalte« Gesellschaften hingegen neigen dazu, sich möglichst wenig zu verändern, bewahren Traditionen und dynamische Gleichgewichte. Sie halten die Geburtenrate kon­stant, passen ihr Leben an die Gegebenheiten der gewachsenen Welt an und sind durch soziale Gleichheit und Konsensentscheidungen geprägt. Wie könnte also eine Kultur organisiert sein, die den Fortbestand menschlicher Existenz sichert und Merkmale heißer wie kalter Kulturen integriert?

Yin- und Yang-Utopien
Unsere kochend heiße Kultur samt ihren Fortschrittsverheißungen ist Le Guin zufolge das Ergebnis von Yang-Utopien: »Auf die eine oder andere Weise ist jede Utopie seit Platon ein großer Yang-lastiger Motorradtrip: leuchtend hell, trocken, klar, stark, gefestigt, aktiv, aggressiv, geradlinig, progressiv, kreativ, expandierend, vorwärtsstrebend und heiß.« Das Streben heraus aus der Höhle zur Sonne, zum Guten in einem abgehobenen Ideen­himmel; das klare Licht der Aufklärung mit seinen scharfen Schlagschatten; die Arbeiterkämpfe mit dem Lied auf den Lippen: »Brüder zur Sonne, zur Freiheit«; die Gewinnung neuen Ackerlands durch die Trockenlegung von Sümpfen; der Start der ersten bemannten Apollo-Rakete zum Mond. Die fatalen Auswirkungen solcher Yang-lastiger Utopien sind heute unübersehbar: Ein von Verbrennungsmotoren getriebenes Verständnis technischen Fortschritts heizt das Erdklima auf, so dass der Meeresspiegel steigt, während andernorts Wasserkreisläufe versiegen. Wachstumsfantasien mit ihrem Heißhunger nach knappen Ressourcen und billigen Arbeitskräften zwingen Menschen dazu, ihre Lebensorte zu verlassen, führen zu Fluchtbewegungen, Verteilungskämpfen und Kriegen.
Ist es überhaupt vorstellbar, aus dieser überhitzten Situation herauszukommen? Werfen wir einen Blick auf das, was Ursula K. Le Guin tastend »Yin-Utopien« nannte (Seite 20): »Was wäre eine Yin-Utopie? Sie wäre dunkel, feucht, vieldeutig, schwach, nachgiebig, passiv, partizipativ, rund, zyklisch, friedfertig, fürsorgend, zusammenziehend, zurückweichend und kalt.« Sie sorgt für »eine Akzeptanz des Vergänglichen und Unvollkommenen, ein Aushalten des Ungewissen und Provisorischen, eine Freundschaft mit dem Wasser, der Dunkelheit und der Erde«.
Yin-Utopien sind keineswegs als Allheilmittel zu verstehen, um die Probleme unserer heißen Gesellschaften zu »bekämpfen«. Sie helfen uns vielmehr, einen lebenswichtigen, ausgleichenden Pol, der in unseren heißen Kulturen in Vergessenheit geraten ist, wieder stärker in den Blick zu nehmen. Yin und Yang sind im daoistischen Denken für den Erhalt des Lebens grundlegend, wandeln sich ständig in die jeweils andere Qualität, durchdringen einander und enthalten immer schon einen Anteil des jeweils anderen. Die Philosophie von Yin und Yang entwickelte sich ursprünglich aus der Beobachtung leiblich spürbarer Phänomene: Jeder Mensch kann die Unterschiede zwischen heiß und kalt, trocken und feucht, zwischen einer expandierenden Aktivität und einem sammelnden Ruhepol körperlich erfahren.
Die Yang-Aspekte haben sich in unserer Tragetasche und unseren Geschichten so breit gemacht, dass das Yin darin fast bis zur Unkenntlichkeit geschrumpft ist. Im durch Mangel getriebenen Wachstumsstreben sind unserer Gesellschaft die Yin-Utopien abhanden gekommen: Geschichten, die aus echter Fülle schöpfen – und doch sind diese weiterhin als Samen im großen Beutel unseres Universums enthalten.
Eigentlich sind Yin-Utopien gar keine »Utopien« oder »Nicht-Orte«: Wir können sie an jedem Ort zu jeder Zeit finden, wenn wir einen Perspektivwechsel vollziehen. Dazu müssen wir den Blick von der Zukunft hin zur Gegenwart wenden. Es geht darum, im Hier und Jetzt das zu sehen, was bereits da ist, wenn auch vielleicht nur in Keimform oder im Unbewussten. Vielleicht ist die Yin-Utopie das kleine, dunkle Samenkorn im hellen Yang, das selbst im Aktionismus der heißesten Kultur latent präsent ist. Die Möglichkeiten dieses samenhaft angelegten Wandels zu erkennen und zu ergreifen, bedeutet gerade nicht, gegen etwas zu kämpfen oder zu polarisieren, sondern mit Blick auf das Ganze Polaritäten auszuhalten und auszubalancieren.
Wo finden wir solche Yin-Utopien? Nicht auf den schnurgeraden Hauptstraßen, sondern eher auf den verschlungenen Seitenwegen – und wenn wir den Blick vom linearen Zeitstrahl hin zur zyklischen Zeit wenden, wo sich hier und jetzt in jedem Samenkorn gelebte Vergangenheit und künftige Potenzialität zur immerwährenden Gegenwart verdichten, wo mit jedem Keimen Erneuerung möglich ist.
Yin-Utopien haben ihren Platz in allen Technik- und Wissensformen, die nach »Tragetaschenart« funktionieren: die das Vielfältige sammeln und zueinander in Beziehung setzen, die Wandlungsprozesse unterstützen, statt zu kontrollieren und zu beherrschen. Dazu gehören all jene Kulturtechniken, die natürliche Wasserkreisläufe wiederherstellen, beispielsweise die Praxis vom »Wasser säen und ernten« bei den Quechua in Peru (siehe Ausgabe 56) oder Wasser »zu pflanzen«, in Ernst Götschs »syntropischer Landwirtschaft« (Ausgabe 51). Auch »Effektive Mikroorganismen« können das Bodenleben und die Wasserspeicherkapazität von ausgetrocknetem Erdreich regenerieren (Seite 66 und 92). Wir können Yin-Utopien aber auch in uns selber finden, wenn wir uns nicht als festen Körper, sondern als Organismus im Fließgleichgewicht erfahren, als Leib, der sich in jedem Augenblick mit der belebten Welt austauscht. Dazu bedarf es zunächst nicht mehr, als bewusst ein- und auszuatmen. Einen weiteren Wandel können wir vollziehen, wenn wir unser Immunsystem nicht länger als »Abwehrsystem« denken, sondern als Ort der Begegnung mit der Welt, wo Milliarden Kleinstlebewesen tagtäglich unsere Gesundheit erhalten, einfach, weil sie sind.
Yin ist im daoistischen Denken die Kraft, die aus der Fülle und der Vielfalt des Lebens schöpft – ihre Spielarten und Wandlungen sind überraschend und unvorhersehbar. Ursula K. Le Guin ermutigte dazu, die Vorstellungskraft dafür zu schärfen, dass diese Fülle uns in all ihrer Unbeherrschbarkeit tragen kann. //


Ein Beutel für Worte
Ursula K. Le Guin: Am Anfang war der Beutel, thinkOya, 2020.

Grit Fröhlich (45) ist Autorin, Übersetzerin und Mitglied im
Oya-Hütekreis. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

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