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Zukunft wird von uns gemacht!

Das »Konzeptwerk Neue Ökonomie« stellt eine ­Vision fürs Jahr 2048 vor und diskutiert diese Ende August bei einer Konferenz online und in Leipzig.

von Andrea Vetter , erschienen in 59/2020

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»Wir halten es für sinnvoll, nicht nur zu kritisieren, sondern sich das Gute vorzustellen. Das ist eine wichtige Ressource für jede Einzelne, um Sinn zu empfinden und zu wissen, warum einer sich für gesellschaftliche Veränderungen einsetzt«, ist Ronja Morgenthaler, Mitarbeiterin beim Konzeptwerk Neue Ökonomie in Leipzig, überzeugt. Mit aktuell etwa 30 dort arbeitenden Menschen ist das Konzeptwerk im deutschsprachigen Raum eine rele­vante Größe bei der Vernetzung sozialer Bewegungen und der Verbreitung von Konzepten für eine sozial-ökologische Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft geworden.
Etliche Jahre hat die junge Denkwerkstatt mit dem Konzept »Degrowth« gearbeitet, also der Idee von einer Gesellschaft, in der die Wirtschaftsleistung gelenkt zurückgeht. In langen internen Diskussionen kamen die Kollektivmitglieder 2018 zum Schluss, dass eine große Erzählung darüber, wie ein positives Zukunftsbild aussehen könnte, gegenwärtig in vielen Bewegungen, die sich für ein gutes Leben einsetzen, nicht zu finden ist. Das war der Startpunkt für die Entwicklung der »Vision Zukunft für alle«. Die Broschüre wird im August erscheinen, und auf knapp hundert Seiten eine Gesellschaft im Jahr 2048 schildert, die auf Bedürfnisorien­tierung, Offenheit, Vielfalt und Vorsorge aufbaut. Diese Vision wurde jedoch nicht im stillen Kämmerlein am grünen Tisch ersonnen, sondern in zwölf Zukunftswerkstätten im vergangenen Jahr von über 200 Menschen aus sozialen Bewegungen, Organisationen der Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Aktivismus gemeinsam erträumt.
Jeweils zwischen zehn und zwanzig Personen kamen zu klassischen Gesellschaftssektoren wie Bildung, Mobilität, Technik und Digitalisierung, Sorgearbeit oder Finanzwesen zusammen und begaben sich auf eine angeleitete Traumreise: »Stell dir vor, es ist das Jahr 2048. Du wachst morgens auf – und siehst: …«, so begannen die inneren Reisen, die das Kernstück der Werkstätten bildeten, in denen kraftvolle Vorstellungsbilder entstehen konnten, die dann in der Diskussion mit den anderen Teilnehmenden präzisiert wurden. »Erstaunlicherweise haben die meisten Teilnehmenden, die ja alle viel Expertise auf ihren Gebieten mitbringen, sehr bereitwillig an diesem Experiment teilgenommen und es genossen, sich einmal ganz grundlegend für eineinhalb Tage zu ihrem Spezialthema auszutauschen«, berichtet Nina Treu vom Konzeptwerk, die die Zukunftswerkstätten maßgeblich mitkonzipiert und mitveranstaltet hat.

Nicht-Wissen hat seinen Platz
Aus den Ergebnissen dieser zwölf Treffen hat eine vierköpfige Redaktionsgruppe des Konzeptwerks – Anne Pinnow, Kai Kuhnhenn, Matthias Schmelzer und Nina Treu – dann von November 2019 bis Mai 2020 an der »Vision 2048« getüftelt. Das war mitunter knifflig, wie Nina Treu erzählt: »Manchmal war es wirklich schwierig, sich vorzustellen, welche Rolle dann Geld oder Banken noch spielen werden oder wie genau die Daseinsvorsorge ausgestaltet sein könnte.« Wichtig ist den Autorinnen der Broschüre, dass die Vision kein fertiger Plan ist, der auf alles eine Antwort weiß, sondern eine Anregung, sich eine andere Welt als mögliche vorzustellen – das klassische Anliegen jeder Utopie: Alles könnte auch ganz anders sein. Um gar nicht erst den Eindruck der Allwissenheit zu erwecken, sind zwischen die Texte immer wieder Nicht-Wissen-Boxen eingefügt, in denen zum Beispiel zum Thema globale Beziehungen zu lesen ist: »Der Traum vom Weltfrieden ist uralt. Und wie das zu erreichen ist, wissen wir auch nicht. Einige Dinge sind zwar ziemlich einfach: Ohne Waffen und eine Waffenindustrie, die mit dem Verkauf und Export Geld verdient, gäbe es viel weniger gewalttätige Konflikte und Opfer dieser Konflikte. Andere Dinge sind jedoch ausgesprochen kompliziert: Wie lässt sich aus einer Welt von Nationalstaaten und Konkurrenz hin zu einer internationalen Ordnung kommen, die auf Kooperation basiert?« Dieses Nicht-Wissen macht die Vision glaubwürdig, genauso wie die eingestreuten kleinen Geschichten aus der Zukunft, die die ansonsten manchmal etwas technischen Beschreibungen, etwa der Nahrungsmittelproduktion, anschaulicher machen.
 

Alltagsleben an Bedürfnissen orientiert
Der Utopienforscher Richard Saage (siehe Seite 64) spricht davon, dass politische Utopien heute nur dann eine positive Rolle spielen können, wenn sie erstens Utopien im Plural meinen, zweitens die Differenz zwischen utopischem Anspruch und defizitärer Realität anerkennen und drittens selbstreflexiv sind. In diesem Sinn nennt sich der Zukunftsentwurf des Konzeptwerks auch »eine« Vision für 2048. Als zentraler Wert wird deren Offenheit hervorgehoben, wenn da etwa steht: »Offenheit heißt, dass die Gesellschaft mit all ihren Strukturen und Organisationsprinzipien veränderungs- und gestaltungsoffen ist. Die Gesellschaft verändert sich immer. Wir fördern und stärken Kritik, Hinterfragen, Kreativität und Wandel, aber auch Protest und Widerstand.«
Konkret wird mit der Vision 2048 eine Gesellschaft und Wirtschaft skizziert, in der Nationalstaaten eine geringe Rolle spielen und demokratische Prozesse in Räten gehütet werden. Das Alltagsleben der Menschen 2048 ist rund um die »Lebensmittelpunkte« organisiert, an denen Nahrungsmittel bezogen werden, an denen gekocht und Alltag miteinander geteilt wird. Bildung ist über lokale »Häuser des Lernens« für alle Generationen organisiert. Produziert wird so weit wie möglich regional, Waren haben einen sehr eingeschränkten Radius, während die Bewegungsfreiheit für Menschen radikal gestiegen ist, egal aus welchem Erdteil sie kommen. Ernstgemeinte »Willkommenszentren« in jedem Stadtteil oder Dorfverbund helfen Neuankömmlingen, sich zurechtzufinden. Technische Geräte sind sehr viel gerechter verteilt – jeder Mensch hat Anspruch auf genau ein reparierbares, modulares und weiterverwertbares digitales Kommunikations­gerät. Individualverkehr wurde von kostenlosen, postfossilen und schnellen öffentlichen Verkehrsmitteln abgelöst. Kurzurlaube gibt es nicht mehr, dafür viel Zeit für lange Reisen mit dem Schiff und eine Erwerbsarbeitszeit von maximal 20 Stunden pro Woche, bei gleichzeitiger Umverteilung notwendiger Sorgearbeiten wie Hausarbeit, Pflege oder Kinderbegleitung auf alle Geschlechter.

Eine andere Gesellschaft ist möglich!
Ist es naiv, eine solche Vorstellung für die vergleichsweise nahe Zukunft von in 30 Jahren zu propagieren? »Die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, ist – wenn wir bestimmte Werte teilen – leichter zu beantworten als die Frage, wie wir dahin kommen«, meint Nina Treu. »Denn für diese Vision, wie wir sie in groben Zügen skizziert haben, muss sich in sehr vielen Bereichen und auf verschiedenen Ebenen vieles ändern.« Doch das Schlimmste sei, nicht mehr an Veränderungen glauben zu können: »Gesellschaftlicher Wandel wird ja nicht nur durch die Politik vorangetrieben – er kann von jedem und jeder ausgehen: von Menschen aus sozialen Bewegungen, Medien, Pionierinnen, Verbrauchern, Wissenschaftlerinnen, Gewerkschaften, Eltern, Künstlerinnen, Lehrern, Schülerinnen – von uns allen. Grundlegende Veränderungen werden möglich, wenn viele verschiedene Akteurinnen in die gleiche Richtung arbeiten.« Und für eben diese Richtung ist es wichtig, Visionen zu formulieren und deutlich zu machen, dass eine andere Gesellschaft und Wirtschaft denkbar und möglich sind. »Gerecht. Ökologisch. Machbar« ist daher auch der Unter­titel des Kongresses »Zukunft für Alle«, der vom 25. bis 29. August in Leipzig und online stattfinden wird.

Die Utopie vorauslieben
Auf dem Kongress, einer breiten Bündnisveranstaltung mit mehr als 50 großen und kleinen Partnerorganisationen aus der Zivilgesellschaft, wird die Vision 2048 diskutiert werden. Gemeinsam soll ausgelotet werden, was die Eckpfeiler eines breiten gesellschaftlichen Bündnisses für eine sozial-ökologische Transformation sein könnten. Ursprünglich mit mehreren Tausend Menschen in Leipzig geplant, wird die Konferenz nun voraussichtlich eine Mischung aus kleineren Treffen vor Ort und zahlreichen Online-Workshops sein. Die Organisation des Kongresses selbst erfolgt in einem basis­demokratischen Kreis aus über 60 Menschen, wie er in Ansätzen im Kapitel über Demokratie der Vision 2048 beschrieben wird. Ist denn der Orga-Kreis selbst eine Art utopischer Raum? »Wir wollen ja eine Zukunft für alle, also eine herrschaftskritische und gerechtere Zukunft; der Orga-Kreis setzt sich daher viel mit Herrschaftskritik auseinander«, erzählt Ronja Morgen­thaler. Denn auch der Orga-Kreis besteht vor allem aus weißen Menschen zwischen Mitte 20 und Ende 30, die Zeit und Ressourcen haben, sich einzubringen. »Sich überhaupt die Zeit nehmen zu können, um Zukunft zu erträumen, ist ja schon ein Privileg. Wir fragen uns, wie wir es trotzdem schaffen, eine Veranstaltung zu machen, die einem breiteren Kreis von Menschen gerecht wird. Deshalb beschäftigen wir uns mit Sexismus und Rassismus und gestalten Teile des Programms mit anderen Gruppen. Wir haben außerdem einen Solitopf eingerichtet, aus dem Menschen anonym Aufwandsentschädigungen beantragen können. Zudem gibt es eine Awareness-AG, die versucht, einen Raum zu schaffen, in dem sich alle willkommen und gehört fühlen.«

»Frei von Herrschaft« ist das Ziel
Ziel des Kongresses ist es, Menschen zusammenzubringen, die auf vielfältige Weise an einer Zukunft für alle arbeiten, indem sie dar­über schreiben, forschen, selber Projekte gegründet haben oder in einer sozialen Bewegung aktiv sind. Auf der Konferenz können Menschen, die sich in die verschiedenen Bereiche eingedacht ­haben, miteinander ins Gespräch kommen; die Teilnehmenden können sich vernetzen und gemeinsam über die nächsten Schritte auf dem Weg zu einer Transformation nachdenken. Die Relevanz der Konferenz hat durch die Corona-Regulierungen sogar noch zugenommen – davon sind die Organisatorinnen überzeugt: »Gerade bei gesellschaftlichen Brüchen ist es noch viel wichtiger, sich zu überlegen: Wie wollen wir es denn? Wir wollen nicht bestimmte Eliten entmachten und durch andere ersetzen. Sondern wir wollen ein anderes Gesellschaftssystem, das frei von Herrschaft und Unterdrückung ist!« //

Mehr über die Konferenz erfahren?
www.zukunftfueralle.jetzt

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