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Echte Gemeinschaft nährt

Simone Kosog sprach mit Ellen Stephen und Edward Groody, die Gruppen bei der Gemeinschaftsbildung begleiten.

von Edward Groody , Ellen Stephen , Simone Kosog , erschienen in 58/2020

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© Foto: Michal Tesař 

Ellen Stephen und Edward Groody haben die Methode der »Gemeinschaftsbildung« in den 1980er-Jahren in den USA von Scott Peck, dem Begründer des »Community Building«, gelernt und seitdem unzählige Gruppen auf diesem Weg begleitet. Auch in Deutschland wird die Methode in vielen gemeinschaftlichen Zusammenhängen angewendet.

Simone Kosog  Ellen und Edward, wie erklärt ihr die Methode der Gemeinschaftsbildung in einem Satz?
Ellen Stephen  Gemeinschaftsbildung ist ein Weg, der es Menschen, die als Fremde aufeinandertreffen, ermöglicht, wie echte Freunde miteinander zu sprechen.
Edward Groody  Es ist eine Art der tiefen Begegnung, bei der Menschen häufig eine Erfahrung von ungewöhnlicher Sicherheit und außerordentlichem Respekt machen.
SK  Warum ist es wichtig, sich auf diese Weise zu begegnen?
EG  Im Alltag fehlt vielen das Vertrauen, sich wirklich zu zeigen. Aus Angst bleiben sie hinter ihrer Maske und kommunizieren lieber an der Oberfläche. Das ist eines der größten Probleme unserer Gesellschaft: Die Menschen fühlen sich zunehmend isoliert.
SK  Scott Peck entwickelte die Methode in den 1980er Jahren. Wie kam es dazu?
EG  Nachdem er seinen Bestseller »Der wunderbare Weg« geschrieben hatte, hielt Scott Lesungen im ganzen Land und kam in Kontakt mit verschiedensten Gruppen. Manche von ihnen empfand er als echte Gemeinschaften und andere nicht. In den folgenden Jahren untersuchte er die Mechanismen, die dem zugrunde­lagen. Daraus hat er Kommunikationsempfehlungen entwickelt. Wenn Gruppen diese anwenden, erhöhen sie die Chance, zu ­einer ­echten Gemeinschaft heranzuwachsen.
ES  Das können feste Gruppen sein, die zum Beispiel an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Es kommen aber auch viele Einzelpersonen zu den Workshops und werden nur für dieses eine Wochenende zu einer Gemeinschaft. Die Erfahrungen sind in den Alltag übertragbar und können grundlegend dazu beitragen, authentischer zu kommunizieren.
SK  Scott Pecks Kommunikationsempfehlungen passen auf ein Blatt Papier und klingen sehr einfach: »Sprich in der Ich-Form!«; »Vermeide es, jemanden auszuschließen!« oder »Sprich, wenn du dazu bewegt bist. Sprich nicht, wenn du nicht bewegt bist.« Was passiert, wenn die Teilnehmenden diese Dinge berücksichtigen?
EG  Klassischerweise durchlaufen Gruppen vier Phasen der Kommunikation. Die erste Phase ist die Pseudogemeinschaft, auch »Cocktail-Party-Phase« genannt: Die Gruppe sucht nach ­Gemeinsamkeiten;
der Austausch ist freundlich, höflich, oberflächlich. Wenn sich eine Gruppe eine Weile in dieser Phase aufgehalten hat, wird es meist unangenehm. Die Konformität wird erdrückend, und in der Regel beginnt jemand damit, Klartext zu reden und Unterschiede zu benennen. An sich ist das eine gute Sache, das Problem ist nur: Die Leute hören nicht zu! Stattdessen versuchen sie, sich gegenseitig zu überzeugen, zu heilen oder zu reparieren. Während die eine spricht, formuliert der andere schon im Kopf seine Antwort, und die Intro­vertierten sagen gar nichts mehr, weil es ohnehin keinen Sinn hat. Das nennen wir die »Chaos-Phase«.
SK  Das kommt mir bekannt vor. Wie geht es nach dem »Chaos« weiter?
EG  Im Alltag kommen wir oft nicht über die Pseudogemeinschaft und das Chaos hinaus. Deshalb ist die Gemeinschaftsbildung so hilfreich: Sie zeigt Wege auf, wie es auch anders gehen kann. Irgendwann schauen die ersten Teilnehmenden nach innen und reflektieren: Gibt es etwas, das ich loslassen muss, um in Verbindung kommen zu können? Stehen mir vielleicht meine eigenen Erwartungen an die anderen oder meine Vorurteile im Weg? Das kann alles Mögliche sein: Vielleicht habe ich ein Problem mit Autoritäten, oder durch einen Wortbeitrag kam ein Thema aus meiner Kindheit hoch.
ES  Das ist ein wichtiger Moment im Prozess! Die Menschen beginnen, sich leer zu machen, um wirklich zuhören zu können. Die Gemeinschaftsbildung unterscheidet sich von anderen Methoden unter anderem dadurch, dass sie die Bedeutung dieser Phase bewusstmacht. Das ist ein großes Verdienst von Scott Peck. Ich weiß noch, wie ich zu Anfang von der Stille, die oft mit dieser Phase einhergeht, sehr irri­tiert war. Ich begleitete 1986 zum ersten Mal selbst einen Workshop. Als die Gruppe in diese lange, zum Teil schwere Stille eintrat, dachten meine Kollegin und ich, wir hätten es vermasselt! Am Abend rief ich Scott Peck an, um von der Katastrophe zu berichten, doch er beruhigte mich. Tatsächlich erreichte die Gruppe am nächsten Tag die Phase der Gemeinschaft.
SK  Warum ist die Stille so wichtig?
ES  Sie ist wie ein Aufgeben – die Erkenntnis, dass die alten Muster nicht funktionieren. Es braucht diese Resignation, das Loslassen, um den Mut und die Bereitschaft aufzubringen, über das zu sprechen, was einen wirklich im Inneren bewegt.
EG  Man kann das auch als gemeinsamen Meditationsprozess verstehen. Es geht nicht nur darum, dass jede und jeder für sich, sondern auch darum, dass die Gruppe als Ganze leer wird, um wirklich ­präsent sein zu können. Dann können echte Begeg­nungen stattfinden.
SK  Nun fehlt noch die vierte Phase.
EG  Nach der Leere tritt die Gruppe in den allermeisten Fällen in die Phase authentischer Gemeinschaft ein: Diese ist durch echtes Zuhören und Verbindung geprägt. Unterschiede werden bewusst wahrgenommen, aber nicht mehr als störend empfunden. Die Kommunikation verläuft nach einem inneren Rhythmus. Alle in der Gruppe werden gesehen und wertgeschätzt. Wir sprechen hier auch von einer »group of all leaders«, von gemeinsamer Führungsverantwortung.
ES  Fast alle Gruppen kommen hier an, aber wir haben es nicht in der Hand. Wir sagen den Teilnehmenden vorab, dass wir ein Fenster öffnen und es sehr wahrscheinlich ist, dass der Wind auch kommen wird. Aber wir können ihn nicht erzwingen.
SK  Sie beide haben Gruppen über Jahrzehnte in der Gemeinschaftsbildung ­begleitet. Was war für Sie persönlich das Wichtigste dabei?
ES  Ich glaube, dass jeder Mensch die Sehnsucht in sich trägt, als das gesehen zu werden, was er ist. Nicht als Frau oder alter Mensch oder Farbiger oder Mexikaner, sondern als Individuum, ohne all diese Zuordnungen. Wenn das geschieht, ist es ein großes Geschenk. Für mich persönlich bedeutet das Erlebnis echter Gemeinschaft die Freiheit von Angst und bedingungslose Liebe!
EG  Ich habe Scott Peck und die Gemeinschaftsbildung kennengelernt, als ich Mitte 20 war. Meine beiden Großväter waren Alkoholiker, und meine Eltern taten alles dafür, dass unsere Familie ein besseres Bild abgab. Der Fokus lag darauf, gut zu sein und nach außen makellos zu erscheinen. Das hatte ich perfekt verinnerlicht! Die Gemeinschaftsbildung hat mir sehr geholfen, diese Maske abzulegen und mein wahres Ich wiederzuentdecken.
SK  Es ist etwas anderes, Gemeinschaft im Workshop zu erfahren, als im Alltag. Wie können die Teilnehmenden ihre Erfahrungen mit ins Leben nehmen?
EG  Wie bei jeder inneren Arbeit geht es auch hier um einen kontinuierlichen Prozess, der nie aufhört. Aber in vielen Fällen finden schon nach dem ersten Wochenende entscheidende Veränderungen statt: Manche Leute treffen Entscheidungen, die sie jahrelang vor sich hergeschoben haben. Kürzlich hatten wir eine Teilnehmerin, die sich noch während des Workshops telefonisch von ihrem Freund getrennt hat, nachdem sie sich zwei Jahre nicht dazu hatte durchringen können. Eine andere nahm nach Jahren wieder Kontakt zu ihrer Mutter auf. Die Menschen werden ehrlicher zu sich selbst und dem Leben. Viele erzählen, dass ihre Familienmitglieder ganz überrascht seien, weil sie plötzlich viel besser zuhörten. Das hat nichts damit zu tun, dass sie bestimmte Techniken gelernt hätten – sie sind präsenter!
SK  Hat sich die Gemeinschaftsbildung im Lauf der Jahrzehnte verändert?
EG  Abgesehen von Kleinigkeiten sind die Workshops nahezu identisch geblieben. Was sich geändert hat, sind die Anwendungsbereiche. Zu Scott Pecks Zeiten ging es den meisten Teilnehmenden darum, sich persönlich weiterzuentwickeln. Es kamen Psychologinnen, Sozialarbeiter oder religiöse Menschen. Inzwischen hat sich das Spektrum vergrößert. In Milwaukee setzen wir Gemeinschaftsbildung im sozia­len Kontext ein: Wir arbeiten mit jugend­lichen Strafgefangenen, mit Frauen, die sexuelle Gewalterfahrungen gemacht haben, oder mit Teilnehmern von Alphabetisierungskursen. Vor allem in Europa wird auch mehr und mehr in gemeinschaftlichen Wohnprojekten mit der Methode gearbeitet.
SK  Ist es so, dass jede Gruppe von Gemeinschaftsbildung profitiert?
EG  So ziemlich jede! Wir sagen den Leuten: Macht erst Gemeinschaftsbildung und dann euren Job! Wenn Unterschiede sichtbar werden und da sein dürfen, wird alles andere erfahrungsgemäß sehr viel leichter gehen.
SK  Was bewirken die Kurse in der sozialen Arbeit?
EG  Es geht darum, dass Verletzungen heilen können. Wir wissen heute, dass zurückliegende Traumatisierungen ein großes Hindernis für einen Menschen bedeuten können – bis hin zu Auswirkungen auf die Folgegenerationen. Wenn nun in den Workshops ein sicherer Raum entsteht, teilen die Menschen auch ihre tief­sten Wunden und können Frieden damit finden. Wenn eine ganze Gruppe von Menschen wirklich zuhört, hat das große Kraft. Manche können ihr Leben danach ändern. Zum Beispiel sind die Rückfallquoten bei ehemaligen Strafgefangenen deutlich geringer, und in den Alphabetisierungskursen haben wir höhere Lernerfolge. Oft können auch Mitglieder unterschiedlicher Gesellschaftsschichten ihre Vorurteile zur Seite schieben und plötzlich auf Augenhöhe miteinander reden.
ES  Es gibt noch einen anderen Aspekt: Wenn Menschen ihre Vorurteile oder ­ihren Hass aufgeben wollen, brauchen sie etwas, das an diese Stelle tritt. Es reicht nicht, dass jemand sagt: »Das ist schlecht!« Sie brauchen etwas, das sie nährt. Die Erfah­rung von echter Gemeinschaft kann das erfüllen und stark motivieren.
SK  Wie sieht es mit der Wirtschaft aus? Wenden Sie die Gemeinschaftsbildung auch in diesem Bereich an?
EG  Ich habe schon viele Workshops in wirtschaftlichen Zusammenhängen durchgeführt und bin davon überzeugt, dass die Wirtschaft ein ganz entscheidendes Vehikel für die spirituelle Entwicklung und soziale Veränderung der Welt sein wird. Ich glaube, dass es hier in den nächsten 20 Jahren eine Explosion von Methoden wie der Gemeinschaftsbildung geben wird. Grundsätzlich gilt allerdings, dass sowohl der Chef als auch das Team sehr reife Menschen sein müssen!
ES  Es ist harte Arbeit, sich auf diese Ebene von ehrlicher Kommunikation und tiefem Kontakt einzulassen. Die entscheidende Frage wird sein, ob es der Menschheit gelingen kann, in einer achtsamen und bewussten Art miteinander umzugehen! Nur dann können wir die großen Her­ausforderungen bewältigen.


Ellen Stephen (87) lebt als Nonne in einem episkopalen Kloster in den USA. Sie war eine der ersten Facilitatorinnen für Gemeinschaftsbildung und neun Jahre lang im Vorstand der von Scott Peck gegründeten »Foundation for Community Encouragement« (FCE).

Edward Groody (61) ist Vorsitzender des »Community Building Institute«. Er wendet Gemeinschaftsbildung seit Jahrzehnten in der Wirtschaft wie auch in sozialen und anderen Zusammenhängen an. Mehrmals im Jahr gibt er auch in Deutschland und Tschechien Workshops (auf Englisch; Termine unter www.gio-facilitation.com sowie www.netzwerk-gemeinschaftsbildung.com).

Simone Kosog (52) ist freie Journalistin und Autorin. Aktuell absolviert sie eine Ausbildung in Gemeinschaftsbildung und freut sich darauf, selbst Workshops zu begleiten.

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