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Der Müllberg und die schwimmende Stadt

Keine Lösung des Wegwerfproblems – aber ein Lehrstück über die Frage, was wir wirklich, wirklich brauchen.

von Luisa Kleine , erschienen in 58/2020

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© Foto: Flydende By

Ein halbes Jahr lang war 2016 ein Katamaran aus Müll mein Zuhause. Genauer gesagt, ein alter Dieseltank, in dem ich schlief und der mit fünf weiteren Tanks das Boot zum Schwimmen brachte. Mein Zuhause war die »Flydende By« (Schwimmende Stadt) in Kopenhagen, wo ich mit Menschen aus der ganzen Welt Dinge, vor allem Boote, aus Müll baute.
Das Projekt wurde um das Jahr 2005 durch Menschen initiiert, die damals in der dänischen Hauptstadt Häuser besetzten und Freiräume für alternative Kulturen schaffen wollten. Als den besetzten Häusern die Räumung drohte, war es naheliegend, den großen Freiraum des Kopenhagener Hafens zu nutzen. Und so fingen einige Punks an, Boote zusammenzuschweißen. Doch dabei ging es um weit mehr als nur darum, temporären Wohnraum für ein paar Menschen zu schaffen. Es ging darum, der Gentrifizierung zu trotzen, zu zeigen, wie viel sich aus dem, was andere Menschen als Müll verstehen, erschaffen lässt, und darum, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten kreativ auf die massiven Herausforderungen einer Welt mit ansteigenden Meeresspiegeln, sich beschleunigender Erdüberhitzung und zunehmender Vernutzung von Lebensquellen zu reagieren.
Es entstanden verschiedene Boote, die alle unterschiedliche Funktionen hatten: Ein Gartenhausboot, ein Saunaboot, ein Segelboot, ein Katamaran als Wohnzimmer und ein Höhlenboot. Gebaut wurden die Boote in einer Lagerhalle mitten in der Stadt, die verschiedene Werkstätten beherbergte. Dort wurden nicht nur Boote fabriziert, sondern auch Windräder, Kompostiermaschinen, Kunstobjekte und ein Pfannkuchenfahrrad. Die Lagerhalle war auch Ort für viele Feste, Workshops und Konzerte. Die meisten Leute, die die Halle betraten, blieben nach den ersten Schritten stehen und mussten erst einmal über die vielen wundersamen Dinge staunen, die auf hohen Gerüsten und Regalen in der Halle lagerten: Da ein riesiger Kopf, dessen Rückseite als Bücherregal diente, Fahrräder mit vier Rädern oder ein kleines Segelboot, das bei unseren Partys als Bühne diente. Vermutlich staunten sie auch darüber, wie Menschen in so einem Chaos ­leben konnten. Die Flydende By ist ein fester Bestandteil der Kopenhagener Subkultur; hier treffen sich Menschen, um ihre Fahrräder zu reparieren, Kaffee zu trinken oder bei einer der vielen, wohl nie endenden Aufräumaktionen mitzuhelfen. Getragen wird das Projekt von einer sich stetig wandelnden Gemeinschaft, die keine rechtliche Form hat.

Ein gutes Leben – aus Abfall
An wilden, bunten Sommertagen, an denen wir zusammen von den Booten ins saubere Hafenwasser purzelten und aus containerten Bananen zubereitetes Eis aßen, waren wir manchmal vierzig Menschen aus allen Ecken und Winkeln der Welt. An dunklen Wintertagen, an denen ich verschlafen am Ofen Pfannkuchen buk, waren wir manchmal nur zu acht.
Die hohe Fluktuation gehört zu den größten Herausforderungen des Projekts: Kaum hatten Menschen verstanden, welche Arbeitsgruppen es gab, wie ein Plenum funktionierte und wo die besten Mülltonnen standen, aus denen wir unser Essen retteten, waren sie schon weitergezogen und hinterließen ihre unfertigen Projekte. Es gab eine Kerngruppe aus fünf Menschen, die seit einigen Jahren dort lebten, und nur ein Mensch aus der Anfangszeit war geblieben. Immer wieder versuchten wir, die daraus entstehenden Wissens­hierarchien abzubauen und die Verantwortung auf viele Schultern zu verteilen, was aber nur teilweise gelang. Die vielen Umschwünge und neuen Menschen mit ihren Ideen brachten jedoch auch viele Abenteuer und Perspektiven, die wir wohl nie bekommen hätten, wenn die Flydende By ein statischeres Projekt wäre.
Monat für Monat die Miete für die Liegeplätze der Boote und die Lagerhalle zu bezahlen, war ein Kraftakt. Manchmal retteten wir uns in letzter Minute mit einer großen Party oder einem gut bezahlten Workshop – oft genug herrschte jedoch drückende Ratlosigkeit, und ich sah uns schon das ganze Projekt abblasen. Dabei brauchten wir nur für wenige Dinge Geld. Denn schließlich schwammen wir regelrecht in Ressourcen! Gleich neben der Lagerhalle liegt der Wertstoffhof, wo Menschen Mobiliar aus ausgeräumten Wohnungen in Containern entsorgen. Jeden Morgen, noch vor der Öffnung, stiegen wir in gelben Warnwesten in die Container und holten heraus, was wir gebrauchen konnten. Wie viele hochwertige, völlig gebrauchsfähige Dinge ich dort zu Gesicht bekam, schockierte mich: alte Holzschränke, Hochzeitskleider, Waschmaschinen, Geschirr, Teppiche, Plattenspieler, Bücher – fast alles war in den Containern zu finden! Menschen brachten uns noch zu gebrauchende oder zumindest reparierbare Sachen, weil das für sie wohl einfacher war, als sie anderweitig weiterzugeben oder instandzusetzen.
Ausschließlich Dinge zu nutzen, die andere Menschen weggeworfen hatten, nachts auf selbstgebauten Lastenfahr­rädern in den ausgedienten Jacken dänischer Omas und in Blaumännern durch die feinen Kopenhagener Straßen zu sausen, um aus den Mülltonnen der Supermärkte unser Essen für die nächsten Tage herauszu­fischen – das hinterließ ein besonderes Gefühl in mir: Ich kam mir damals vor, als lebte ich hinter den Kulissen der Gesellschaft, empfand mich wie abseits des normalen Lebens, das wesentlich aus Erwerbsarbeit und Konsumieren bestand – weil ich nichts davon tat. Ich bekam die Schattenseiten ständigen Wirtschaftswachstums zu Gesicht: Container, in denen ich in Brot baden konnte, Berge an Klamotten, die Menschen gegen immer wieder neugekaufte austauschten, und tagtäglich immer neue junge Paare, die ihre komplette Wohnungseinrichtung bei uns »entsorgten«. Nicht nur davon zu lesen, dass jeden Tag in Deutschland ein Drittel aller Lebensmittel und jedes Jahr in Europa 750 000 Tonnen Kleidung weggeworfen werden – ganz zu schweigen von den vielen anderen Stoffen, Materialien, Lebensquellen, deren alsbaldige Entsorgung Teil unseres auf immer mehr Konsum und Wachstum angelegten Wirtschaftssystems ist –, sondern in meinem Alltag ganz konkret mit einem kleinen Ausschnitt dieser enormen Müllberge konfrontiert zu sein, machte mich betroffen und löste eine Empörung in mir aus, die mich noch heute antreibt.
So viele der Dinge, die wir hätten weiterverteilen können, ließen wir an uns vorbeiziehen, dass auch für mich viele Sachen bald ihren Wert verloren. Es war irgendwann nur noch unendlich viel Zeug, zu großen Bergen aus Kram aufgetürmt. Zu manchen Zeiten hörte ich auf, meine Kleidung zu waschen, und zog stattdessen jeden Tag ein neues Stück aus dem Klamottenberg heraus. Die Dinge wurden zu bloßer Spielmasse. Die Grenzen zwischen Müll und Brauchbarem verschwammen, alles wurde zu potenziellem Material für Projekte, zu gestaltbarem Stoff: Aus altem Geschirr wurde ein Mosaik, aus Büchern wurden Pappmachéplastiken, aus Kompost wurde Erde, aus Holz ein neuer Schrank oder Wärme für unsere Küche.

Ein Alptraum aus unserem Abfall
Immer wieder staune ich inzwischen darüber, wie unbedacht und verschwenderisch wir mit Ressourcen umgehen: Die Dinge, die ich gebrauche, kommen scheinbar aus dem Nichts – ich weiß nicht, wer die Baumwolle gepflückt, wer das Koltan geschürft und wer die Bäume gefällt hat, die zu ihrer Herstellung erforderlich waren. Die Dinge kommen zu mir, ohne dass ich eine tiefere Beziehung zu ihnen oder wirkliche Kenntnis über ihre Herkunft hätte – einfach so, indem ich für sie bezahle! Und wenn ich meine, sie nicht mehr zu benötigen, verschwinden sie durch das »schwarze Loch« der Mülltonne wieder ins Nichts. Was passiert mit all den alten Möbeln, dem Krimskrams aus Plastik, den zahllosen Elektrogeräten?
Es ist wahrscheinlich, dass Letztere in Agbogbloshie landen – auf Europas größter Elektroschrotthalde, die nicht auf dem europäischen, sondern auf dem afrikanischen Kontinent liegt. Die Einheimischen nennen die gigantische Müllstadt vor den Toren der ghanaischen Hauptstadt »Accra«, in Anlehnung an den biblischen Mythos »Sodom und Gomorrha« oder schlichtweg »Toxic City« (Giftstadt). Auf Elektroschrottbergen weiden sich Ziegen an grellbunten Kabelhülsen, in infernalischen Feuern werden elektrische Leiter und Edelmetalle aus unseren ausgedienten Smartphones, Tablets und Laptops herausgeschmolzen. Die Lebenserwartung der Erwachsenen und Kinder, die dort schuften, hausen und hochgiftige Dämpfe einatmen, ist extrem verkürzt. Ein virtueller Besuch der alptraumhaften Megamüllstadt – ermöglicht durch den Dokumentarfilm »Welcome to Sodom« von Christian Krönes und Florian Weigensamer – führt schmerzlich vor Augen, wie kurzsichtig und verheerend das, was wir in westlichen Gesellschaften lapidar als »Wegwerfmentalität« bezeichnen, wirklich ist.
Die vergleichsweise idyllische Lebenswirklichkeit in der schwimmenden Stadt im Kopenhagener Hafen ist freilich eine völlig andere, und doch sind beide Orte Reaktionen auf ein und dasselbe hausgemachte Problem: Der systemimmanente Wachstumszwang in Gesellschaften mit kapitalistischer Verwertungslogik diktiert, dass immer mehr Dinge immer schneller produziert, konsumiert und entsorgt werden, weil diese Güter gar nicht dafür geschaffen wurden, lange zu halten. Die Flydende By ist keine Lösung für dieses Problem, findet jedoch einen Weg, kreativ mit der kollektiven Verschwendungssucht umzugehen: nämlich schöne, nützliche und lustige Dinge – Boote, Fahrräder, Weihnachtsbäume, Kunstwerke und vieles andere mehr – aus Weggeworfenem herzustellen.

Träume und Alpträume aus Abfall
kurzlink.de/FlydendeBy
welcome-to-sodom.de

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