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Vom Werden und Vergehen

Warum wir uns mit der gebauten Umgebung beschäftigen – und warum dies wie von selbst zur Frage nach Giftstoffen und alter Handwerkskunst führt.

von Andrea Vetter , Matthias Fersterer , erschienen in 58/2020

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Wir leben in einer gebauten Welt. Die Straßen sind aus Teer, die Häuser aus Ziegeln oder Stahlbeton und manchmal noch aus Feldsteinen. »Ich«, als menschlicher Organismus, lebe zusammen mit asbesthaltigem »Teppich­kleber« aus den 1950er Jahren, mit Ruß aus dem letzten Menschenkrieg, als das Haus brannte, der aus der Wand rieselt, sobald ich mit einem »Bohrer« genannten Gerät aus Stahl, Plastik und für mich unnennbaren weiteren Komponenten ein Loch in die Wand bohre, um an eine »Eisenschraube«, zu deren Produktion ein ganzer Industriekomplex erforderlich ist, ein Bild von einer grünen Wiese zu hängen. Wenn es kalt ist, verbrennen durch den »Schornstein«, den ein Mensch, welchen ich nie zu Gesicht bekommen habe, gemauert hat, die zu Öl gewordenen fossilierten Überreste von Pflanzen und Tieren, die vor unvorstellbar langer Zeit gelebt haben.
Wir leben in dieser Welt, die den allermeisten von uns gar nicht näher bekannt ist. Wer hat denn den Teppichkleber erfunden, und was ist da drin? Wer hat diese Tapete da hinten angebracht? Woraus besteht überhaupt der Belag auf unseren Straßen? Woraus ist die »Platte« im Plattenbau, woraus jene im Plattenweg gemacht? »Ich« lebe in einem mir völlig unbekannten Universum aus »Verbundmaterialien«, eingehaust in zwei Zimmer, weil sich vor 120 Jahren ein Bauherr gedacht hat, zwei Zimmer reichen doch aus, um in einer Kleinfamilie die Arbeiter von morgen herzustellen. Ich lebe in »Ziegelsteinen«, die von anderen gemacht, in massiven Strukturen, die von anderen erdacht worden sind.

Alles Gebaute muss gepflegt werden
Zugleich ist diese gebaute Welt nur scheinbar stabil. »Artefakte ruft es unwiderstehlich danach, in tausend Stücke zu zerfallen«, schreibt die Philosophin Rosi Braidotti, die sich viele Gedanken darüber gemacht hat, wie Menschen mit der nicht-menschlichen Welt zusammenleben können. Zu dieser praktisch angewandten Erkenntnis des Entropie-Prinzips (aus Ordnung wird Unordnung) sind vermutlich alle Menschen, die Verantwortung für ein älteres Gebäude übernommen haben, auch schon gekommen: Wenn ich mich nicht kümmere, geht ständig etwas kaputt. Wir haben in dieser Ausgabe zwei neue Gemeinschaften – die »Freie Feldlage« im Harz und das »Haus des Wandels« in Ostbrandenburg – befragt, wie sie damit umgehen (siehe Seite 62). Ein Sturm wirft Dachziegel herab, die Ummantelungen der Elektroleitungen werden brüchig und drohen, alles in Flammen aufgehen zu lassen, das Abwasserrohr im Keller hat ein Leck, die Feuchtigkeitsbarriere hält nicht mehr und die Kellerwände sind nass, die Regenrinnen verstopft und so weiter und so fort. Sich um die eigene Behausung zu kümmern – seien es eine Jurte, ein Bauwagen, ein Eigenheim oder ein umgenutztes Kasernengebäude für eine große Gemeinschaft –, das frisst viel Zeit, hält aber auch die Belohnung bereit, das menschliche Grundbedürfnis nach warmem und trockenem Obdach zu befriedigen. Eben dafür sind Menschen, seit sie sesshaft geworden sind, ganz offensichtlich bereit, beträchtliche Teile ihrer Lebenszeit einzusetzen.

Jenseits der eigenen vier Wände wartet auf die sogenannten modernen Menschen jedoch ein weiteres Sammelsurium an Zeug, und auch um dieses muss sich bei ständig drohendem Zerfall gekümmert werden. Nach jedem Winter mit Frost und Schnee klaffen Schlaglöcher in den Straßen, die nach nur wenigen Jahren so tief werden, dass die Autos, die darüber fahren, ebenfalls Schaden zu nehmen drohen. Unter den Straßen liegen innerhalb von Häuseransammlungen ganze Konvolute lebenswichtiger Rohre und Kabel, um Brauch- und Abwasser, Strom, Gas und Daten zur Telekommunikation, Information und Zerstreuung zu- und abzuleiten. Sanft schmiegen sich die großen, von stinkender Brühe durchflossenen Betonröhren an die vielfachen, aus geheimnisvollen Plastikpartikelchen bestehenden Ummantelungen der Teilchen und Wellen leitenden Kupfer- und Glasfaserkabel. Die Adern und Gedärme dieser Zivilisation liegen verborgen unter dicken Teer- und Betondecken. Beständig werden Stoßtrupps menschlicher Kümmerer von den Wasserwerken, den Tiefbauämtern, den Telekommunikationsnetzbetreiberfirmen entsandt, um ungeplante Aderlässe und Inkontinenzen einzuhausen und zu kurieren.

Am Anfang war das Nest
Könnte es sein, dass uns als Vertreterinnen und Vertretern der menschlichen Spezies das Bauen schlichtweg eingeschrieben ist, weil es für Lebewesen, die des Schutzes, der Wärme und eines Obdachs bedürftig in die Welt geworfen werden, schlichtweg nichts Naheliegenderes gibt? Wie das Bedürfnis nach Wärme gestillt werden kann, ist ab Seite 30 nachzulesen. Das Bauen ist nicht nur tief in der Menschheitsgeschichte verankert, sondern scheint auch eine der grundlegenden Ausdrucksformen des Lebendigen zu sein: Ameisen, Termiten, Bienen, Spinnen, Korallen, Vögel, ­Biber und auch unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, tun es. Bonobos, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans bauen Nester aus Zweigen, Blättern, Grashalmen. Manche Affenarten errichten getrennte und über längere Zeiträume hinweg bewohnbare Tages- und Nachtnester, andere, wie die Orang-Utans, bauen sich ihre Schlafstätten täglich neu. Ähnlich könnten auch die nestartigen Behausungen, die unsere frühesten menschlichen Vorfahren geflochten haben, ausgesehen haben – wie Körbe, Bündel oder Beutel.
Daran schließt eine Erkenntnis der Schriftstellerin Ursula K. Le Guin an, auf die wir in ihrem 1989 veröffentlichen Aufsatz »Die Tragetaschentheorie des Erzählens« (siehe auch Seite 56) gestoßen sind. In diesem erinnerte sie daran, dass die ersten Werkzeuge nicht der Materialbearbeitung und schon gar nicht der Verteidigung dienten, sondern höchstwahrscheinlich Behältnisse waren. Le Guin beschrieb es als typisch menschliche Verhaltensweise, »etwas, das wir haben möchten, weil es nützlich, essbar oder schön ist, in eine Tasche oder einen Korb oder ein Stück gebogene Borke oder ein gerolltes Blatt oder ein aus den eigenen Haaren gewebtes Netz oder dergleichen mehr zu geben, und es dann mit nach Hause zu nehmen, wobei das Zuhause schlichtweg eine weitere, größere Art von Beutel oder Tasche, ein Behältnis für Menschen, ist.«
Für den schweizerischen Architekturanthropologen Nold Egenter liegt der Ursprung solcher »Behältnisse für Menschen« und der Architektur überhaupt bei Baum- und Bodennester konstruierenden Menschenaffen. Das Auftreten »turmartiger vertikaler Bodennester« könnte seiner Deutung zufolge mit dem Aufkommen des aufrechten Gangs zusammenfallen. Während der längsten Zeit unserer Kulturgeschichte waren Behausungen nichts anderes als große korb- oder beutelartige Behältnisse – und sind es in vielen Teilen der Welt immer noch. Wenn solche aus Ästen, Zweigen, Blättern, Halmen, Lehmerde oder Natursteinen gefertigten »Nester« verlassen werden – sei es am Morgen, um am Abend darauf das nächste Nachtlager zu errichten, sei es nach einer Generation oder nach einem Jahrhundert, weil sich die Bestimmung der Behausung erfüllt hat und sich nun diese »schlafenlegen« darf –, dann verrotten diese Bauwerke, werden wieder zu Erde und zu Nährstoffen für andere Wesen. – In krassem Gegensatz dazu stehen unsere hoch in den Himmel ragenden Türme, unsere Eigenheime, unsere Spiegelglaspaläste, unsere Plattenbauten, die aus Hunderten von Kunst- und Verbundstoffen bestehen, deren Lebensspannen und Halbwertszeiten jeden menschlichen Maßes spotten.

Werden ohne Vergehen
Menschen haben Kunststoffe und Beton, Ziegel und Aluminium, Lehmputz und Linoleum, Styropor und Uranbrennstäbe entgegen den eigentlich ablaufenden Prozessen in Stein und Erde entwickelt. Sie haben die Moleküle in eine neue Form gezwungen, die meist viel weniger stabil als die vorhergehende ist – ein Bauwerk aus Beton ist keineswegs so langlebig wie ein Felsen. Ab Seite 44 erzählen drei Menschen davon, wie sie einen Umgang mit Teerpappe, Asbest und anderen Baustoffen gefunden haben. Allerdings können solche »Kunst-Stoffe« – wie viele erdölbasierte Plastikmaterialien, Aluminium oder Uran – auch weit mehr als sieben Menschengenerationen überdauern. Die langfristigen Auswirkungen auf die menschliche und nicht-menschliche Welt sind uns ­bislang nur in Ansätzen bekannt – und nicht besonders vielversprechend.
Könnte es sein, dass uns nicht nur das Bauen selbst evolutionär in unser Zellgedächtnis eingeschrieben ist, sondern auch ein Urvertrauen darin, dass etwas, das uns für eine Weile als Behausung – als dritte Haut – diente, wenn wir es zurücklassen, wieder in den großen Haushalt der Erde eingehen werde – ohne uns, unseren Mitlebewesen und denen, die nach uns kommen, Schaden zuzufügen? Könnte es darüber hinaus sein, dass uns eben dieses Urvertrauen – das eine Art Bindegewebe zwischen dem Impuls, sesshaft zu werden und zu bauen, und dem Impuls, nomadisch weiterzuziehen, bildet – im Zeitalter von Asbestverkleidung, Poly­styroldämmung, Teerdachpappe, Stahlbeton und toxischen Farben, Lacken und Anstrichen zum fatalen Verhängnis wird? Ist doch dieses Urvertrauen in die Kreisläufe des Lebendigen in einer linearen Verwertungslogik – in der überwiegend synthetisch fabri­zierte Materialen verbaut werden, die noch viele Generationen nach uns ein spukhaftes Nachleben als untote Baustoffleichen und Ruinen fristen werden – völlig fehl am Platz, ja, tatsächlich Ausdruck eines unrealistischen Optimismus kolossalen Ausmaßes!
Die heutige Art, Baustoffe zu entwickeln, hat eine lange Tradition in den in Europa entstandenen Naturwissenschaften, die von der Alchemie bis zur modernen Chemie reicht. All diese »Wissenschaften« basieren auf der Grundannahme, dass sich der Mensch (häufig nur als westlicher weißer Mann gedacht) in einem immerwährenden Kampf mit dem Nicht-Menschlichen befinde. »List-Technik« nannte das vor achtzig Jahren der Philosoph Ernst Bloch, eine Technik also, die versucht, nicht-menschliche Prozesse zu überlisten. Dem gegenüber sah Bloch eine »Allianztechnik«, die mit den Gegebenheiten von Wasser und Erde, von Tieren und Pflanzen arbeitet und sich in die dort existierenden dynamischen Fließgleichgewichte einfügt. Wir könnten auch von einer »konvivialen«, also lebensfreundlichen und umfassend gemeinschaftsstiftenden Technik sprechen, wie der Kulturkritiker Ivan Illich das genannt hat. Wie wäre es, wenn wir nur noch Technik entwickelten und Häuser bauten, die eine respektvolle Verbundenheit zwischen Menschen und Nicht-Menschen stärken, die zugänglich für alle Menschen und anpassungsfähig an verschiedene Bedürfnisse sind, die in einer erhaltenden und vielleicht sogar befördernden Wechselwirkung mit allem Lebendigen stehen und der Sache angemessen sind? Das wäre der Weg, den es einzuschlagen gälte, wenn wir jetzt sofort die Möglichkeit hätten, alles neu und anders zu bauen. Das ist der Weg, den es einzuschlagen gilt, immer dort, wo wir in der Verantwortung stehen, etwas Neues zu bauen (siehe Oya Ausgabe 24, »Hausen in Holz und Halm«).

Wir kompostieren mit
Im Alltag befinden wir uns, realistisch betrachtet, jedoch selten in der Position, alles neu aufzubauen, und das ist so manches Mal auch nicht klug, weil ja in den Städten und auch im ländlichen Raum schon so viele Häuser stehen, die nur darauf warten, von Menschen gepflegt, genutzt und belebt zu werden. Über den Widerspruch zwischen ökologischen Neubauten und dem Erhalt bestehender Gebäude sprechen die Soziologin Corinna Vosse und der Architekt Jeroen Meissner ab Seite 36. Wie also können wir mit all dem Zeug umgehen, das als List-Technik hergestellt wurde und nun unter Androhung des Zerfalls von uns erwartet, weiter – eben diesen Zerfall überlistend – in Stand gehalten zu werden? Gibt es Wege, wie wir mit dem trennenden, gewaltvollen Umgang, den unsere Ahninnen und Ahnen ihrer Mitwelt angedeihen ließen, unseren Frieden – und neue lebensdienliche Perspektiven finden können?
Wie Gemeinschaften heute mit den auch immateriellen »Altlasten« ihrer Orte umgehen, wird ab Seite 58 erzählt. Können wir inmitten von all dem Asbest und Blei, Atommüll und krebserregenden Brom zu Wesen werden, die das »Mitwerden« (Rosi Braidotti) üben? Wenn es das Ziel ist, »Kompostisten« (Donna ­Haraway) zu werden, ist dann der Preis dafür, dass unsere Körper auch all den Unrat der Vergangenheit mitkompostieren? Sind wir wandelnde Stoffwechselorgane für Plastikpartikel und radioaktive Strahlung, für Lacke und Medikamenten- und Pestizidrückstände im Boden und für die Ausdünstungen DDT-haltiger »Holzschutzmittel«? Ist es möglich, eine aufgeklärte, gegründete und liebevolle Haltung zu finden, die uns den tagtäglichen schizophrenen Grenzgang erleichtert, in Artefakten leben zu müssen, die aus einer – damals noch kaum bewusst, doch heute unübersehbar – todbringenden Haltung heraus produziert worden sind? Die »schwimmende Stadt« am Kopenhagener Hafen pflegt damit einen künstlerischen und spielerischen Umgang, der ab Seite 48 geschildert wird.
Eine andere Antwort hat Gesine Stöcker gefunden. Die Architektin aus dem Odenwald saniert seit den 1980er Jahren alte Fachwerkhäuser ökologisch. »Ich bin dazu gekommen, weil es mich selbst einfach viel zu viel Kraft gekostet hat, Sachen zu verbauen, die aus Erdöl sind, die Verbundmaterialien sind, von denen ich jetzt schon weiß, dass ich sie nicht werde entsorgen können.« Heute sorgt sie dafür, dass solche Stoffe, die eine Belastung in einem alten Gebäude sind, aus dem Haus herauskommen. Und dann wird mit lokalen Materialien denkmalgerecht saniert: »Das heißt für den gesamten Aufbau vom Keller bis zum Dach: Lehm zu Lehm und Holz zu Holz.« Dass es durchaus möglich ist, ein modernes Gebäude mit Lehm und Holz auszukleiden, zeigt die Regenbogenschmiede im Hunsrück (siehe Seite 66). Die meisten Dinge, die Menschen im Baumarkt einkaufen, werden bereits in dem Augenblick, in dem sie aus der Schiebetür auf den Parkplatz gerollt werden, zum Schadstoff, der sehr alte Gebäude zerstören und langfristig belasten kann. Dazu erläutert Gesine Stöcker: »Mit billigen Materialien oder Reparaturen können Fachwerkhäuser, die zuvor 400 Jahre gestanden haben, in kürzester Zeit zerstört werden: Die Kunststoffe – PVC-Böden innen, EPS außen – sperren Bauteile ab, emittieren schädliche Stoffe und sorgen für Schimmel im Haus.« – Einen denkbar großen Kontrast dazu bilden Werkzeuge, die nicht aus dem Baumarkt kommen, sondern auf alte Traditionen der Holzbearbeitung und des Transports, die in dauerhafte Kreisläufe eingebettet sind, verweisen (siehe Seite 52).
Gegenwärtig leben die Hälfte aller Menschen, die jemals auf dieser Planetin existiert haben. Neben all dem, was wir bald acht Milliarden Menschenwesen Tag für Tag fabrizieren, müssen wir auch mit den materiellen wie immateriellen Hinterlassenschaften jener anderen Hälfte, die vor uns da war, umgehen: Und diese Menschen haben uns nicht nur heimelige Nester, warmes Wasser, Schutz und Schönheit vererbt, sondern auch einen gewaltigen Berg an Abfällen, an unterirdischen Bauwerken und an giftigen Materialien. Nun ist es an uns, unsere eigenen Antworten auf den Umgang mit jenen »Altlasten« zu finden – am je eigenen Ort, an dem wir uns beheimaten wollen, eingedenk der Generationen, die da vielleicht noch kommen mögen.

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