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Lernen in Bewegung

Die wegen der Erdüberhitzung streikenden ­Schülerinnen und Schüler kritisieren nicht nur die Politik, sondern auch sinnlose Beschulung.

von Luisa Kleine , erschienen in 56/2019

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© Foto: Luisa Kleine

Ich stehe inmitten eines riesigen Menschenmeers mit bunten Plakaten, auf denen Sätze stehen wie »Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsre Zukunft klaut!« oder »Dumbledore hätte das nicht zugelassen!«. Heute haben sich in Berlin 270 000 Menschen zum Klimastreik auf die Straße bewegt, um gegen die unzureichende Klimapolitik der Bundesregierung zu demonstrieren. Zwischen den vielen Schildern zur Klimakrise entdecke ich aber auch einige zum Thema Bildung: »In einer zerstörten Welt hilft mir mein Abi nichts« oder »Eure Klimapolitik ist so ranzig wie das Schulsystem«. Die Bewegung Fridays for Future kämpft nicht nur gegen eine ungebremste Erdüberhitzung. Viele der Menschen, die seit fast einem Jahr freitags die Schule bestreiken, wenden sich auch gegen sinnlose Beschulung!
Wie die Zukunft aussehen wird, weiß niemand. Gewiss ist nur, dass sich sehr, sehr vieles ändern wird. Welche Rolle spielt Bildung in einer Zeit so vieler Wandlungen, in der Strukturen erschüttert werden und bekannte Orientierungsgrößen wie Wirtschaftswachstum, sichere Arbeitsplätze und Profit aus dem Mittelpunkt rücken? Es geht für die Menschen, die laut Gesetz dazu gezwungen sind, in der Schule etwas über Stammwurzeln und Metaphern zu lernen, nicht mehr vorrangig darum, ob sie in 30 Jahren einen guten Job haben werden oder nicht. Es geht darum, ob und wie sie auf diesem Planeten noch leben können! Tausende Menschen verlassen jeden Freitag das Klassenzimmer und gehen auf die Straße. Das, was sie dort lernen, steht nicht in Büchern. Drei von ihnen lasse ich hier zu Wort kommen:

Zoé, Lebensaktivistin im Kontext von »living utopia«:
»Seitdem ich in sozialen Bewegungen aktiv bin, lerne ich immer mehr, auf mich selbst zu hören statt darauf zu warten, dass andere mir sagen, was ich zu tun habe. In den Gemeinschaften und Netzwerken, in denen ich mich bewege, darf ich immer wieder die Erfahrung machen, dass ich eine Stimme habe, die mit all den Bedenken und Visionen, die ich in mir trage, gehört wird. Mich prägt die Erfahrung, dass wir zusammen Hand in Hand an diesem Punkt der Geschichte stehen und uns in unserem Schmerz über die Zerstörung des Planeten halten können. Für unser gemeinsames Wirken sind genau dieses Einander-Halten und die Beziehungen, die uns tragen, der Nährboden, der mich immer wieder ermutigt, über meinen Schatten zu springen. Ich lerne durch das gemeinsame Weben an einer Utopie Schritt für Schritt, lebendig zu sein.«

Nele, Tänzerin aus Berlin:
»Dieses Jahr war ich erstmals Teil größerer klimaaktivistischer Aktionen mit ›Ende Gelände‹, Fridays for Future und Extinction Rebellion. Ich bin beeindruckt von der Willensstärke und dem Herzblut so vieler Menschen, die der monatelangen Organisation und Realisierung dieser Aktionen zugrunde liegen. Ich bin gerührt, wenn ich mir bewusstmache, dass all das ohne Bezahlung passiert – dass die Verwirklichung der Vision einer gemeinsamen, lebenswerten Zukunft Belohnung und Anreiz genug ist. Ich bin beeindruckt von der Achtsamkeit im Umgang miteinander und dem Willen, solidarisch, nicht exklusiv zu sein. Ich lerne von der Kommunikation großer Menschengruppen, die auf systemischem Konsensieren, gewaltfreier Kommunikation, und einer Rätestruktur beruht. Eine Organisation, in der jede Person gehört wird und entscheidungsbefugt ist, ist mir neu und fühlt sich groß an. Ich spitze Ohren und Bleistift – versuche, das Neue und Große zu begreifen, um es später in mein Umfeld tragen zu können. Mich prägt die Erfahrung, dass die Zusammenarbeit von einigen Tausend Menschen auf der Basis von Wertschätzung und Solidarität möglich ist – die Erfahrung, dass meine Kompetenzen und Wünsche für den gesellschaftlichen Wandel relevant sind und in einem kooperativen Netzwerk mit den Wünschen und Kompetenzen Anderer etwas ganz Konkretes bewegen. Teil klimaaktivistischer Aktionen zu sein, hat mich politisiert in dem Sinn, dass ich mich mehr denn je als handlungsfähiges Subjekt innerhalb unserer Gesellschaft begreife – auch, weil ich mich mit meinen Wünschen nicht mehr isoliert, sondern als Teil eines Netzwerks erfahre. Ich glaube wieder daran, dass wir gemeinsam, jetzt und genau so, wie wir sind, den Wandel zu einer lebenswerten Zukunft für alle gestalten können.«

Laurina vom Verband freier Bildungsalternativen:
»In Bewegung zu lernen, bedeutet für mich, die Bildung, die im Alltäglichen passiert, zu sehen und wertzuschätzen. In jeder Situ­ation – nicht nur in Vorlesungen – können wir etwas lernen, selbst in der Gefangenensammelstelle nach einer Kleingruppenaktion oder wenn ich ein Hausprojekt aufbaue. Besonders am Lernen in Bewegung ist für mich, dass ich in jeder meiner Handlungen ihre Auswirkungen mitdenke und in einen Bezug stelle. Das ist für mich Aktivismus. Etwas zu blockieren, kann genauso daraus folgen, wie der Aufbau von etwas Neuem oder ein Bewusstseinswandel.«

Schule für die Zukunft
Während Teile von Berlin lahmgelegt sind und Menschen mit bunten Kostümen und Schildern auf den Straßen, auf deren vier Spuren sonst Autos fahren, kreativ umgeschriebene Klimaschutzlieder singen, kritisiert der Bundeslehrerverband immer noch das Streiken der Schüler. Ein befreundeter Lehrer erzählte mir, dass er immer wieder offizielle Mails bekomme, in denen er unter Druck gesetzt wird, Schulschwänzerinnen zu bestrafen.
Hätten Bildungsinstitutionen nicht die Aufgabe, junge Menschen in ihrem Wirken in der Gesellschaft zu unterstützen und sie auf die turbulenten Zeiten, die unweigerlich auf uns zukommen werden, vorzubereiten? Wäre es nicht ihre Aufgabe, Menschen dabei zu helfen, sich in sich selbst und in ihren Beziehungen so zu festigen, dass sie den Erschütterungen, die kommen werden, standhalten können? Wenn wir die wissenschaftlichen Fakten ernstnehmen und verstehen, dass radikale Wandlungen nötig sind – welche Rolle spielt dann Bildung in diesem Kontext?
Ich blicke auf die vielen jungen Menschen um mich herum und frage mich, welche Kompetenzen und Inhalte wohl in einer »School for Future« vermittelt werden würden.

Während ich noch nachdenklich in die Menge starre, schiebt sich eine kleine braune Hand in meine. Verwundert blicke ich hinunter und entdecke einen Jungen, der mich verschmitzt angrinst. »Ich muss dir mal was zeigen!«, ruft er, und ich folge ihm wortlos. Ziemlich aufgeregt machen wir uns auf zu einem Ort, an den man nur durch eine geheime blaue Tür auf dem Dachboden des Bildungsministeriums gelangen kann. Als sich die Tür öffnet, tut sich mir eine ganz neue Welt auf.
Ich entdecke Menschen jeden Alters, die sich mit unterschiedlichsten Dingen beschäftigen. Manche sehe ich alleine lesen, andere bauen an Windrädern oder anderen seltsamen Maschinen, deren Sinn ich noch nicht ergründen kann; wieder andere malen große Banner oder bauen »Lock-ons«, mit denen Menschen sich anketten können, um beispielsweise Schienen zu blockieren. Alles kommt mir sehr chaotisch vor, als wäre ich in einen Ameisenhaufen gelangt, und ich werde erst mal auch gar nicht bemerkt. Dann kommt ein kleiner Mensch auf mich zu, fragt mich, mit welchem Namen und Pronomen ich angesprochen werden möchte, und lädt mich zu einer veganen Schwarzwälder Kirschtorte ein. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Neugierig folge ich ihm durch die Küche voller satter Gerüche in einen großen Garten, in dem einige Menschen gerade viele kleine Apfelbäume ausgraben, um sie zu verpflanzen. Ich setze mich zu einer Gruppe, die damit beschäftigt ist, ein Erntedankfest zu planen, und höre einfach zu.
Plötzlich kommen wichtig aussehende Menschen in den Garten; ich erkenne die Bundesumweltministerin mit einem Teller Schwarzwälder Kirschtorte zwischen den großen orangefarbigen Kürbissen. Sie blickt etwas orientierungslos und doch neugierig auf die Kohlköpfe. »Die Politikerinnen lernen hier, wie unsere Gesellschaft sich wirklich nachhaltig organisieren lässt und wie wir dorthin kommen«, flüstert mir eine ältere Frau zu, die gerade einen Toaster repariert. Ich wandere weiter durch den Garten, entdecke mehr Häuser, Werkstätten, Felder, Obstbaumplantagen und ein Amphitheater. Dort diskutieren Menschen wild darüber, welche Rolle der Staat in der Utopie haben sollte. Überfordert von der Komplexität der Diskussion wandere ich weiter und finde einen Dorfplatz mit vielen Tafeln, auf denen verschiedene Pläne, Entscheidungsvorschläge und Listen aushängen: »Montag 9.00 Uhr Kräuterwanderung, 10.00 Uhr Utopische Eigentumsformen, 11.00 Uhr Queerfeministische Landwirtschaft, 12.00 Uhr Traumaheilung, 13.00 Uhr Plenum«, murmele ich vor mich hin, da stupst mich etwas am Schuh an. Ich blicke nach unten und sehe eine Schildkröte, die mich mit neugierigen Augen ansieht. »Kassiopeia?« stammele ich verdutzt. »Alles wird sich ändern«, steht auf ihrem Panzer.

In der Bahn auf dem Weg nach Hause blicke ich mit ganz anderen Augen auf die Welt. Ich frage mich, was all die in graue Wintermäntel gehüllten Menschen, die in kleine Bildschirme vertieft sind, die ganze Zeit bloß machen. Worauf warten sie? Wir bräuchten viel mehr solcher Orte – nicht nur hinter blauen Türen, denke ich. Die ganze Welt könnte so ein Ort sein.
Ich weiß nicht, wie eine School for Future genau aussehen müsste, um wirklich für ein Lernen für den Wandel da zu sein. Mein tägliches Lernen in Bezug zu den gegenwärtigen Krisen zu setzen und mit meinem Leben auf die Notwendigkeit der Veränderung zu antworten, gibt mir gerade viel Halt. Damit steht plötzlich ein Sinn hinter dem, was ich mir aneigne – und nicht Leistungsdruck oder die Angst vor Benotung. Uns mit dieser Notwendigkeit zu verbinden, kann auch die großartige Chance in sich bergen, sich gemeinschaftlich neu auszurichten und ­dadurch ein neues Wir zu erleben. Denn eins weiß ich sicher: ­Lernen können wir nur gemeinsam in Bewegung!

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