Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Vom Säen und Ernten von Wasser

Das Volk der Quechua im ­Süden Perus hütet das Wasser wie seine Kinder.

von Mariel Starkgraff , erschienen in 56/2019

Bild

© Foto: Charlotte Griestop

In der Gemeinde Quispillaccta im Süden der peruanischen ­Anden werden nicht nur Mais und Saubohnen sorgsam gesät und geerntet, auch dem Wasser wird mit einer ähnlich fürsorgenden Haltung begegnet. Das Säen und Ernten von Wasser ist dort eine alte Kulturtechnik, die in Gemeinschaft realisiert wird. Bemerkenswert an diesem Beispiel erscheint mir die Sprache, um diese Praktik zu beschreiben: Die lokale Quechua-Bevölkerung bezeichnet ihre Beziehung zum Wasser als »crianza de agua«. »La crianza« wird mit »Erziehung, Aufziehen, Großziehen« übersetzt. Es ist das Wort für die Begleitung von Kindern durch Erwachsene. »Criar«, das dazugehörige Verb, bedeutet auch »nähren, umsorgen, pflegen«. »Las crías« sind die Kinder, die Jungtiere dieser Welt, die einen besonderen Schutz und eine liebe- und respektvolle, geduldige Begleitung brauchen. Die Menschen in Quispillaccta verstehen auch das Wasser als solch ein Gegenüber. Auf Quechua ist respektvoll von »Yakumama« die Rede, von »Mutter Wasser«. Das Wasser ist wie ein fürsorgliches Lebewesen, es ist niemals nur eine Ressource, und so kann es selbstverständlich nicht lediglich genutzt und verbraucht werden. Die Ursache von Trockenheit wird mit fehlendem Respekt und mangelnder Fürsorge der Menschen gegenüber der sie umgebenden Welt erklärt.
Die Landschaft von Quispillaccta, 2800 bis 4600 Meter über dem Meer gelegen, besteht überwiegend aus einer golden schimmernden, hügeligen Graslandschaft. Bäume gibt es nur wenige. Die meisten Menschen betreiben Ackerbau oder Viehzucht. Geldeinkommen wird durch den Verkauf der Überschüsse aus der Landwirtschaft erwirtschaftet. Ihre auf verschiedenen Höhenlagen gelegenen Felder erreichen die Menschen vor allem zu Fuß.
Seit etwa 25 Jahren pflegt die Gemeinde Quispillaccta das Säen und Ernten von Wasser auf eine bestimmte Weise – mit positiven Auswirkungen auf Grundwasserspiegel, Artenvielfalt und Lebensqualität. Die Praktik ist allerdings viele Tausend Jahre älter. Im 20. Jahrhundert ging das Wissen darüber im Zug von »moder­nisierender Entwicklungspolitik« und inneren Unruhen fast verloren. Dazu kamen eine Dürre und die Erosion der Felder. Es ist dem Engagement der beiden in Quispillaccta geborenen Schwestern Marcela und Magdalena Machaca zu verdanken, dass diese Tradition nicht völlig in Vergessenheit geriet. Marcela und Magdalena sind heute Mitte fünfzig; in den 1980er Jahren studierten beide Agrarwissenschaften in Ayacucho, der hundert Kilometer entfernten regionalen Hauptstadt.
Die Gegend von Ayacucho war damals von den Gewalttaten der kommunistischen Guerillagruppe »Sendero Lumi­noso« geprägt. Gerade die ländliche, indigene Bevölkerung litt unter der Gewalt der Guerilleros. Viele Älteste, die spirituelle Traditionen hüteten, wurden getötet, überliefertes Wissen ging verloren. Der bewaffnete Konflikt zerrüttete den Alltag der Landbevölkerung: Ihre interne Organisationsweise war geschwächt, ebenso das Praktizieren von Ritualen zur Stärkung der Verbindungen zur mehr-als-menschlichen Welt. Die ausgedörrten und erodierenden Felder lagen vielerorts brach; Wissen und Saatgut gingen verloren. Die Nahrungssicherheit war bedroht, die Ernteerträge waren kümmerlich.
Damals kehrten die Machaca-Schwestern in ihren Heimatort Quispillaccta zurück – zur großen Verwunderung der Nachbarschaft. Nun hatten sie einen akademischen Titel, was wollten sie damit auf dem Land? Die Schwestern jedoch fühlten die Notwendigkeit, die andinische Kultur zu stärken. Sie gründeten die gemeinnützige Organisation »Asociación Bartolomé Aripaylla« (ABA) und begannen – finanziell unterstützt von Terre des Hommes Deutschland und der Welthungerhilfe – traditionelles Wissen über Feste, Rituale, landwirtschaftliche Praktiken und Heilkunde zu sammeln.

Eingebettete Technik
Dabei stießen Marcela und Magdalena Machaca auf das »Säen und Ernten von Wasser«. »Es gibt in unserer Region schier unendlich viel Wissen und Geheimnisse darüber, wie der Wasserhaushalt stabilisiert werden kann«, erzählt Magdalena; je nach Ort variieren diese wie die lokale Vielfalt von Kartoffelsorten.
Im Jahr 1994 schuf ABA gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnern des Orts Tuco die erste »qocha«, das erste Regenwasserreservoir. Sein Prinzip, das andernorts ähnlich angewandt wird, ist dieses: An einer natürlich geformten Mulde wird ein Damm errichtet, am Kamm nur einen Meter breit und je nach Größe der Mulde einige Dutzend Meter lang. Für die Konstruktion des Damms werden Materialien verwendet, die vor Ort vorhanden sind, hauptsächlich Feldsteine und Lehm. Der Ort wird nach eingehenden Beobachtungen und ausführlichen Wanderungen, die von den Ältesten geleitet werden, ausgewählt. Die Lebewesen und Landschaftsformationen der Umgebung werden um Einverständnis gebeten – wie ein Gespräch mit dem Ort sei dies zu verstehen, sagt Magdalena. Das Verhältnis zwischen den Quispillacctinos und ihrer Landschaft wird durch Rituale dieser Art gepflegt. ­Rituale und Feste begleiten stets die notwendigen Schritte. Technische Maßnahmen werden dadurch belebt und in einen sozialen, spirituellen und ethischen Kontext eingebettet.
Der errichtete Damm bewirkt, dass sich in der regenreicheren Sommerzeit Wasser in der Mulde sammelt. Unmittelbar an der Mulde werden kleine Kanäle angelegt, die das Wasser oberflächlich leiten, so dass es, über eine größere Fläche verteilt, langsam versickert. Viele Qochas trocknen im regenarmen Winter aus; das im Hang versickerte Wasser bleibt jedoch in einem weitverzweigten Netz natürlicher Wasseradern und als Schichtenwasser gespeichert. Unterhalb der Qocha werden sogenannte wasserrufende Pflanzen angebaut – in Quispillaccta wird dazu die tiefwurzelnde »Putaqa« genutzt. Durch ihre tiefen Wurzeln holt sie das Wasser an die Oberfläche, so dass sich in ihrer Nähe kleine Quellen bilden, die »Wasseraugen« genannte Tümpel erzeugen. Von diesen Putaqa-Quellen kann das Wasser weitergeleitet, angezapft und für Gemüseanbau und zur Versorgung von Tieren geerntet werden. Seit der Errichtung der ersten Qocha wurden in der Region 119 solcher Lagunen geschaffen, manche fußballfeldgroß, andere kleiner, nur eine Familie versorgend. Durch das jahrelange gezielte Säen und Ernten des Regenwassers gelang es in Quispillaccta, den Grundwasserspiegel zu stabilisieren und – in Kombination mit einem kontrollierten Weidemanagement – eine Vielfalt von Pflanzen anzusiedeln, die wiederum helfen, das Wasser im Boden zu halten und die Gefahr der Erosion zu mindern – ein wichtiger Beitrag zur lokalen Ernährungssicherheit.
Solche mit dem Wasser verbundenen Praktiken stärken die Gemeinde. In den regelmäßigen Versammlungen tauschen sich die Bewohnerinnen und Bewohner aus, um Vorhaben zu planen und Prioritäten zu setzen. »Demokratie funktioniert hier nicht«, sagt Magdalena schmunzelnd und erklärt, dass es keine Abstimmungen gibt, sondern dass für Entscheidungsfindungen so lange miteinander geredet wird, bis alle Raum bekommen haben, sich auszudrücken. Diese Form der Selbst­organisation musste nach den Tumulten der 1980er Jahre mit Unterstützung von ABA erst wieder in Erinnerung gebracht und eingeübt werden.

Gegenseitigkeit und Gemeinschaftsarbeit
Das Hüten des Wassers ist eine Gemeinschaftsarbeit. Manche Aktivitäten werden in der »ayllu«, in der erweiterten (Groß-)Fami­lie organisiert, andere auf Gemeindeebene. Grundsätzlich sind dabei alle Generationen vertreten. Um Langfristigkeit zu ­gewährleisten, sei es wichtig, die Aktivitäten zwischen Generationen und Geschlechtern zu organisieren, betont Magdalena: »Es ist keine reine Erwachsenenarbeit, es ist auch Aufgabe der Kinder und der Bildungsinstitutionen«, beschreibt sie die von ABA begleiteten Aktivitäten. ABA hat sich dafür eingesetzt, dass Säen und Ernten des Wassers heute Teil des Lehrplans in Grundschulen sind. Die Praxis wird zur Selbstverständlichkeit für die nächste Generation. Dieses Brücken­bauen hat bereits Früchte getragen. Früher sind die jungen Menschen auf der Suche nach (Lohnarbeits-)Perspektiven in die Städte migriert, inzwischen kehren junge Menschen nach ihrer Ausbildung immer öfter nach Quispillaccta zurück.
Das tragende Konzept der andinen Organisationsform ist »ayni« – die Gegenseitigkeit. In der andinischen Weltanschauung sind die Erde, die Berge und das Wasser Gottheiten einer beseelten Natur. Diese reagiert auf die Handlungen der Menschen, und so muss ihrem Gemüt mit Respekt, Zuneigung und Fürsorge begegnet werden, wie es in den Ritualen und im umsichtigen Umgang mit der Umgebung deutlich wird. Das Wasser ist genauso wie jeder einzelne Mensch Mitglied der Gemeinde.
Die größeren Arbeiten in Quispillaccta werden in gemeinschaftlichen Einsätzen organisiert. Alle sind reihum aufgerufen zu helfen, und jede und jeder wird bei Bedarf Hilfe bekommen. Die Verbindlichkeit der Gemeinschaftsarbeit entsteht durch die andine Selbstverständlichkeit von gegenseitiger, solidarischer Unterstützung. In einem großen Topf wird für alle Beteiligten Essen gekocht, es wird »chicha« (Obstwein) getrunken, und mit Gesängen wird das Wasser wohlgestimmt. Da Alkoholismus durchaus ein Problem in den Hochanden ist, erinnern vor Beginn der Arbeiten die traditionellen Autoritäten daran, das Feiern der guten Tropfen nicht zu weit zu treiben. In diesen Momenten werden auch die Gottheiten mit Geschenken versorgt: Neben die Lagunen werden Kokablätter, Blumen, Früchte und Chicha gelegt.

Kann ein Commons vom Staat initiiert werden?
Die Arbeit von ABA zur Regeneration von Wasserhaushalt und Gemeinschaft in Quispillaccta ist inzwischen in ganz Peru bekannt. In diesem Jahr hat die peruanische Regierung ein Gesetz zum »Säen und Ernten von Regenwasser« erlassen. Peru ist mit seinen vielfältigen Klimazonen eines der klimasensibelsten Länder der Erde; die Hauptstadt Lima steht nach Kairo auf Platz zwei der trockensten Hauptstädte weltweit. Durch die Erdüberhitzung ist die Gletscherschmelze in den peruanischen Anden weit vorangeschritten. Das Gesetz bestätigt »das nationale Inter­esse« und »das Bedürfnis der Öffentlichkeit« für die peruweite Implementierung der jahrtausendealten Technik. Das Ministerium für Landwirtschaft und Bewässerung hat auf seiner Grundlage den Fonds »Sierra Azul« (»Blaues Gebirge«) aufgelegt. Daraus werden Gemein­den mit Finanzmitteln, Ingenieursleistungen und subventio­nierter Arbeit versorgt. Kann dies ein Beispiel für eine staatliche Förderung von Commons sein?
Magdalena Machaca betrachtet diesen staatlichen Vorstoß mit Wohlwollen, aber auch mit konstruktiver Kritik. ABA habe immer wieder dafür geworben, von staatlicher Seite anerkannt und gefördert zu werden. Das Förderprogramm beziehe aber keine kulturelle Begleitung ein. »Es werden irgendwelche Experten in irgendwelchen Regionen engagiert, die keine Erfahrung damit haben, was die lokale Kultur des Wassers ausmacht«, kritisiert sie. Sie ist davon überzeugt, dass Lagunen, die nur aus technischer Perspektive konstruiert werden, das Wasser nicht stauen; es fehle das gegenseitige Begleiten, das Füreinandersorgen. »Das Säen von Wasser ist nicht wie das Setzen von Kartoffeln – du setzt sie und dann wachsen sie von selbst«, sagt Magdalena. »Vielmehr geht es darum, dass die Menschen sich wieder besinnen«. ­Zentral seien der Wiedergewinn von bewährten Praktiken und altem Wissen sowie die Bekräftigung der andinen Identität. Das staatliche Programm spricht eben nicht von der »Crianza« des Wassers, sondern von »gestión hídrica«, dem »Wassermanagement«. Es geht um den technischen Erhalt einer Ressource, nicht um die Förderung des sozialen und kulturellen Systems, das die Praktik ausmacht. ABA hat nun eine Fortbildung an der Universität Ayacucho organisiert, um Ingenieurinnen und Ingenieuren den spirituellen, von der Gemeinschaft verantworteten und belebten Kontext der andinen Kultur näherzubringen.
Das »Säen« oder das »Aufziehen« von Wasser – auf Deutsch klingen diese Ausdrücke sperrig, seltsam und fremd. Schließlich prägt die deutsche Sprache eine andere Sicht auf die Welt, als es die andinische tut: Das Aufstellen einer Regentonne ist weit entfernt von einer Praxis respektvoller Gegenseitigkeit. Nach den jüngsten europäischen Dürresommern wäre es jedoch an der Zeit, auch das Säen und Ernten von Wasser als Konzept in die Sprache und damit in die Köpfe und in die Praktiken der Menschen einzuführen. Der Begriff »Keyline Design« als Methode der Wassergewinnung ist in der letzten Oya-Ausgaben immer wieder aufgetaucht – auch er klingt technisch. Der Ausdruck des »Säens« meint jedoch, dass Wasser gehegt und gepflegt werden und eine über das Materielle hinausgehende Verbindung zu diesem Element entstehen muss. Gemeinschaftliches Säen und Ernten von Wasser – wie könnte das hierzulande konkret aussehen?

Mariel Starkgraff (28) hat in Lüneburg Umwelt- und Politik­wissenschaften studiert. Sie lebt zur Zeit in Chile und übt tägliches Commoning in einem elternorganisierten Kindergarten.

Spurensuche in den Anden
Kurzfilm auf Spanisch und Quechua: »El pueblo con ganas de vivir y florecer« (»Das Volk, das leben und blühen möchte«):
kurzlink.de/Quechua
Quispillaccta bei Terre des Hommes Deutschland: kurzlink.de/terre

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!