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Die Bereitschaft, im Nebel unterwegs zu sein

Helen Britt tauschte sich mit dem Prozessbegleiter Simon Kornhäusl darüber aus, wie wir in Zeiten ­großer Fragen einen Fuß vor den ­anderen setzen können.

von Helen Britt , Simon Kornhäusl , erschienen in 55/2019

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© Foto: Birgit Kupka

Den ganzen Sommer über brennen große Teile der globalen Wälder, die Lunge unseres Planeten verwandelt sich in Rauch und Asche. In mir löst das Schmerz aus – und Fragen wie: Was bedeutet der Kollaps für mein Handeln? Tue ich gerade das Richtige?
Ich weiß es nicht.
Seit ich das Gespräch von Ilan Stephani und Maria König in Oya 54 gelesen habe, begegnet mir das Thema »Nichtwissen« überall. Ich bewundere die Menschen, die sich dem Zustand des Nichtwissens völlig hingeben und gleichzeitig weiter in Aktion bleiben, die fragend voranschreiten in dem Wissen, dass es keine Garantie dafür gibt, den Klimakollaps zu überleben. 
Wir haben viel Zeit damit verbracht, zu analysieren, welche Zerstörungen der Kapitalismus anrichtet. Doch auch, wenn wir noch kein vollständiges Konzept für das haben, was in Zukunft sein kann, ist es einstweilen unvermeidlich, Dinge zu tun, ohne zu wissen, ob sie funktionieren werden – mit dem Risiko, kritisiert zu werden oder zu scheitern.
An manchen Tagen ist es für mich anstrengend, diesen Zustand des Nichtwissens auszuhalten, diese Komplexität der Zusammenhänge, die große Leere und Unklarheit. Um dem Nichtwissen noch intensiver zu begegnen, führe ich  mit Simon, einem meiner Freunde, ein Gespräch.

Helen: Wir können nicht sicher sein, dass wir – die Menschheit – die Klimakrise überleben werden. Welche Aktionen gerade die wichtigsten sind, wie der Klimawandel sich weiter auf unseren Alltag auswirken wird – all diese Fragen und die Unsicherheit des Nichtwissens sind mir in den letzten Wochen noch einmal schmerzlich bewusst geworden. Wie fühlt es sich für dich an, Simon, wenn dir das Nichtwissen begegnet?
Simon: Passenderweise stehe ich gerade an einem Punkt auf meinem Weg, an dem ich mit Nichtwissen konfrontiert bin: Nachdem ich die vergangenen vier Jahre bei den Pioneers of Change in Wien gearbeitet habe, spüre ich seit ein paar Monaten, dass diese Arbeit dem im Weg steht, was gerade für mich wichtig ist. Allerdings weiß ich noch nicht, was genau das sein soll. Dieser Zustand fühlt sich furchteinflößend, aber auch aufregend an – und das Wunderbare daran ist: Ich kann mich dabei beobachten, wie der Anspruch, wissen zu müssen, was als nächstes passiert, nach und nach von mir abfällt. Mein Leben lang habe ich mich darauf gedrillt, auf all die Fragen, die ich mir gestellt habe und die mir gestellt wurden, gute Antworten zu finden. Jetzt – endlich! – kann ich das nicht mehr. Jetzt spüre ich, dass es Zeit ist, aufzubrechen. Nicht wissend, wie mein Leben aussehen wird. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich das sowieso noch nie gewusst.

Das klingt wie eine Atempause, wie ein Lauschen in die Leere hinein.
Ja, ich erkenne immer mehr, dass ich gerade in Zeiten des Umbruchs meine innere Stimme sehr klar hören kann – wenn ich dem Lauschen Raum gebe. Diese Verlangsamung erlaubt mir erst, mit dem in Kontakt zu kommen, was gerade präsent sein will. Mich darauf einzulassen, finde ich nicht unbedingt angenehm, weil mir klar wird, dass ich, wenn ich mir selbst treu sein will, möglicherweise Pläne umwerfen muss, in die ich viel Energie gesteckt habe. Außerdem bin ich mit der Angst konfrontiert, geliebte Menschen zu enttäuschen – aber ich bin überzeugt, dass uns genau dieses Verlangsamen und dieses Hinhorchen auf das, was uns ruft, ins Leben führt, in die Lebendigkeit.

Ich muss gerade an unser Schulsystem denken und daran, dass wir dort nur Wissen lernen – Nichtwissen wird eher als etwas Schlechtes oder sogar Gefährliches betrachtet. Haben Nichtwissen und Unklarheit überhaupt einen Platz im herkömmlichen Bildungssystem? 
Ich habe dort eher gelernt, Wissen anzuhäufen und vor allem Fragen zu beantworten, die schon tausendmal beantwortet wurden. Wissen bedeutet dort, die Kontrolle zu haben – und das ist tödlich für unsere Kreativität und für uns als Menschheit, weil wir immer noch glauben, dass wir die Welt kontrollieren – beherrschen! – müssen, um ein gutes Leben zu führen. Dadurch entstehen all die Probleme, denen wir heute global begegnen.

Wenn wir das Nichtwissen zulassen, heißt das also, dass wir eine neue Qualität einladen, die weniger mit Kontrolle, sondern mehr mit Offenheit und Fragen zu tun hat. Was für Qualitäten hat das Nichtwissen noch?
Wie können uns diese helfen, dem großen Fragezeichen hinter unserer Zukunft auf diesem Planeten zu begegnen? Für mich heißt Nichtwissen eben auch, anzuerkennen, was ist. In dem Moment, in dem ich meine eigene Beschränkung anerkenne, öffne ich mich dafür, dass etwas Neues entstehen kann, von dem ich jetzt noch nichts weiß. Dabei ist das Fragenstellen eines der einfachsten und machtvollsten Werkzeuge. Wenn wir mit einer fragenden Haltung an unsere Beziehungen, Projekte und auch an große Herausforderungen wie den Klimakollaps herangehen, dann öffnet das Raum für Wunder. Und wir brauchen ein Wunder!

Gleichzeitig haben das herkömmliche Wissen, die lineare Logik und die Fakten über den Zustand der Welt aber auch ihre Stärken.
Auf jeden Fall. Es scheint mir allerdings wichtig zu sein, anzuerkennen, dass wir nicht linear vorhersagen können, wohin es mit der Welt geht. Sachlich betrachtet, ist die Situation ziemlich hoffnungslos. Im Chaos des Wandels funktionieren die alten ­Navigationsweisen nicht mehr. Das führt uns dazu, dass wir jenseits von Logik, jenseits von herkömmlichem Wissen agieren müssen …

… und uns gegenseitig immer wieder daran erinnern, dass es noch mehr Dimensionen von Wissen gibt, als wir gelernt haben: zum Beispiel die Weisheit unseres Körpers oder unsere Intuition, die uns dabei helfen können, nicht so schnell in den alltäglichen Automatismus zu verfallen, sondern Wissen zutage zu fördern, das von einer anderen Ebene kommt.
Dafür brauchen wir Rituale und Praktiken der Zusammenarbeit, die das Nichtwissen einladen und integrieren – von Achtsamkeitsübungen über Schwellenzeiten, in denen wir mit einer fragenden Haltung hinausgehen, und die Natur uns als Spiegel dient bis zu sozialen Techniken wie dem »Wicked Question Game«, bei dem ausschließlich über das Fragenstellen neue Perspektiven gewonnen werden. Wir könnten auch zum Beispiel in einer systemischen Aufstellung den Kapitalismus oder die Klimakrise direkt fragen, was sie sich gerade wünschen! Mir scheint es in dieser Zeit sehr wichtig, zu fragen, wie wir einen Zugang zu solchem tieferen Wissen finden können.
Auch die von Otto Scharmer entwickelte »Theorie U« und die Arbeit des Presencing Instituts sind dabei wesentliche Inspirationsquellen für mich. Er beschreibt einen Prozess, in dem Menschen nach einer Zeit des Innehaltens, Spürens und Loslassens auf dem tiefsten Punkt einer U-förmigen Kurve ganz in der Gegenwart und bei ihrer zentralen Frage ankommen, um von dort aus Neues entstehen zu lassen und es schließlich zu verkörpern. Solche Herangehensweisen geben Anhaltspunkte, wie wir aus einem Zustand der Gegenwärtigkeit heraus und der Offenheit für die sich entfaltende Zukunft wirken können. Ich denke tatsächlich, wie schnell diese Haltung in breiten gesellschaftlichen Kreisen ankommt, wird wohl mit darüber entscheiden, wie groß die Katastrophe noch wird.

Nach dem Gespräch wird mir die nichtwissende Haltung immer wichtiger, und zugleich sehe ich aber auch ihre Schattenseiten. Gewiss werden diese Qualitäten im Wandel gebraucht: Stillsein; Innehalten; Anerkennen, wie wenig Ahnung wir manchmal haben, und darin Ruhe bewahren. Gleichzeitig ist Nichtwissen keine Einladung für Beliebigkeit oder ein »Ich habe doch sowieso keine Ahnung, also mache ich weiter wie bisher!«.
Nichtwissen heißt auch nicht, dass wir alles den vermeintlichen Expertinnen überlassen und die Verantwortung abgeben können. Wir brauchen Konzepte, Theorien und praktische Handlungswege, die gegangen werden. Wir brauchen Menschen, die in ihrem Lauschen auch auf die Antworten hören, die wir schon haben. Wenn Nichtwissen als Einladung verstanden wird, aktiv zu werden, dann kann es uns helfen, Perfektions- und Allmachtsdenken loszulassen. Dann können Verspieltheit und Neugier, Ruhe und Tiefe unsere Helferinnen werden.

 

Simon Kornhäusl (31), Prozessbegleiter, Tänzer und Tiefenökologe, ist derzeit auf Forschungsreise im Feld zwischen Klimakrise, Traumaheilung und Co-Creation. Zuletzt war er vor allem als »LERNgangs­leiter« bei den Pioneers of Change aktiv. www.pioneersofchange.org

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