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Gemeinsam unsere Lebensorte zukunftsfähig machen

Ein Kooperationsprojekt von Ökodörfern und herkömmlichen Dörfern legt Grundlagen.

von Stella Veciana , erschienen in 54/2019

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© Foto: Amelie Krug

Das Projekt »Leben in zukunftsfähigen Dörfern« wurde vom Umweltbundesamt von 2017 bis 2019 gefördert. Im Folgenden berichte ich über die Herausforderungen und Chancen einer nachhaltigen ländlichen Entwicklung aus der Sicht der teilnehmenden Dorfkooperationen. Was diese Kooperationen von herkömmlichen Dörfern mit dem Ökodorfnetzwerk GEN so besonders macht, ist der ganzheitliche und globale Ansatz.
»In den letzten Jahren ist uns bewusst geworden, dass wir nur selber etwas tun können, um den Ort hier lebenswert zu machen«, versichert mir in einem Interview Gise­la Thunecke, die Leiterin der Kita in Lindstedt. »Das Projekt hilft uns dabei, eine Bestandsaufnahme zu machen, was schon da ist und was wir vermissen. Wo wollen wir hin in kultureller, ökologischer, ökonomischer oder sozialer Hinsicht?«
Das Projekt »Leben in zukunftsfähigen Dörfern«, wurde vom Ökodorfnetzwerk GEN Deutschland initiiert. Es entstanden fünf partnerschaftliche Kooperationen zwischen jeweils einem Ökodorf und einem Ort in der Nachbarschaft: In Sachsen-Anhalt waren es das Ökodorf Sieben Linden mit ­Lindstedt; in Baden-Württemberg Schloss Tempelhof mit dem Dorf Hülen, in Thüringen die Ökodörfer Schloss Tonndorf und LebensGut Cobstädt mit Seebergen; in Südniedersachsen/Nordhessen die »gASTWERKe Escherode« mit dem Dorf Ziegenhagen; sowie in Niedersachsen der Lebensgarten Steyerberg mit den Dörfern Flegessen, Klein Süntel und Hasperde.
Es ging weder darum, ein »Ökodorf-Modell« einfach auf die umliegenden Dörfer zu übertragen, noch darum, weitere »grüne Inseln« auf dem Land zu schaffen. Vielmehr sollten die erprobten ko-kreativen und partizipativen Methoden von Ökodörfern angewendet werden, um selbstbestimmte und gemeinschaftliche Prozesse in den Dörfern anzuregen und so eine Stärkung der ländlichen Regionen und Dörfer zu erreichen. So wurde eine nachhaltige Dorfentwicklung angestoßen, in der die wechselseitige Wirkung von ökonomischen, ökologischen, sozialen und kulturellen Aspekten der Zukunftsfähigkeit berücksichtigt werden. Denn »eines bedingt oft das andere, und im Grund genommen bedingen sich ja alle Bereiche gegenseitig«, resümiert Gisela Thunecke. Eines ihrer Hauptanliegen bei der Teilnahme am Projekt bestand darin, den Ort attraktiver für Kinder zu gestalten und ihnen Heimatliebe, Geborgenheit und Umweltbewusstsein zu vermitteln: »Ich möchte, dass sie später, wenn sie selber Familien haben, wieder zurückkommen in ihre Heimatorte.« Dem Vorstandsvorsitzenden des Fördervereins »Historische Region Lindstedt e. V.«, Marcel Heins, der gebürtig aus dem Nachbarort Seethen stammt, war es besonders wichtig, Jugendliche für das Landleben zu begeistern: »Viele Leute wissen gar nicht, dass es hier Potenzial gibt und dass man etwas tun kann.« Zu den Erwartungen des Lind­stedter Dorfteams gehörte auch, dass die Bürger – jenseits von Partei, Verein oder Kirche – ihr Dorf selbst mitgestalten.

Potenziale sichtbar machen
Solche konkreten Wünsche trafen in der Praxis auf die Vorstellungen der Ökodörfler über die Reichweite des Projekts. Der den GEN-Vorstand vertretende Thomas Meier erhoffte sich beispielsweise, dass durch die Kooperationen »ein weiter Blick Normalität wird, der die nächsten Generationen und die Mitwelt einbezieht«. Den Projektkoordinator Christoph Strünke interessierte es, die Erfahrungen, die er bei der Entwicklung des Ökodorfs Sieben Linden gewonnen hatte, weiterzugeben. Der Projektbegleiter Thomas Penndorf wünschte sich, dass »das riesige Potenzial von Gemeinsinn und Kooperation« erfahrbar wird. Meine eigene Motivation als Mitinitiatorin und wissenschaftliche Projektleiterin entstand unter anderem aus den Begegnungen mit Flüchtlingen, denen ich ­Deutschunterricht gab. Sie brachten eine vermeintlich ferne Not in meinen Ökodorfalltag. Mir wurde dadurch klar, dass die Probleme anderer, nahegelegener sowie weit entfernter Dörfer mich nicht nur betreffen, sondern dass ich so weit wie möglich dort auch anpacken will. So entsprang in mir der Wunsch, mich für das Wohl meiner Nachbardörfer zu engagieren und das Projekt gleichzeitig in den Rahmen der globalen Ziele für eine nachhaltige Entwicklung zu setzen.
Letztere konnten während des gemeinsamen Prozesses nur ansatzweise vermittelt werden – der Fokus in den Dörfern lag eher auf der Umsetzung lokaler gemeinschaftsfördernder Ideen. Das knapp finanzierte Projekt mit einer kurzen Laufzeit von nur anderthalb Jahren war allerdings darauf nicht ausgerichtet. Das Umweltbundesamt interessierte sich weniger für die Unterstützung einzelner Ideen als vielmehr für die Förderung von Instrumenten für einen nachhaltigen dörflichen Wandel, die idealerweise bundesweit angewendet werden können. Das Projekt zielte daher auf die Entwicklung von zwei Instrumenten mit viel Bürgerbeteiligung: einer »Nachhaltigkeitsevaluation« sowie eines »Nachhaltigkeitsplans« mit dorfeigenen Handlungsleitlinien. Somit sollte die Basis für einen langfristig angelegten Wandlungsprozess in Gang gesetzt werden, der dann selbstorganisiert weitergeführt werden könnte. Der inhaltliche Umfang der Nachhaltigkeitsziele sowie die Nachhaltigkeitskriterien des Ökodorfnetzwerks wurden allerdings von der Dorfbevölkerung oft als ein »zu groß angelegtes Paket« wahrgenommen, so die Lindstedterin Johanna Brilling. Die Dorfaktiven waren herausgefordert, sich mit den globalen Zielen auseinanderzusetzen, bevor diese in identitätsstiftende Leit­linien für eine nachhaltige Dorfentwicklung übertragen werden konnten. Eine globale Nachhaltigkeit schien manchen Menschen möglicherweise zu weit entfernt von ihrer alltäglichen Realität.
Den Kooperationspartnern aus den Ökodörfern gelang es aber durchaus, Interesse zu wecken, indem sie beispielsweise neue Ideen in die im Dorf bereits vorhandenen Aktivitäten einbrachten. So konnten Ortsansässige beim Dorf­aktionstag in Hülen ihr Zugehörigkeitsgefühl erfahren und bestärken. Ortsvorsteher Andre­as Walter schilderte sein Anliegen so: »Mensch, das sind wir Hülener! Mal gucken, was wir alles auf die Beine stellen können – auch angesichts dessen, dass es am Anfang immer hieß, mit den Hülenern sei nichts los. Es ist wichtig, den Leuten wieder bewusstzumachen, was sie schon für Qualitäten haben und dass es eigentlich eine gute Basis gibt, von der aus man arbeiten kann, um sich positiv und nachhaltig weiterzuentwickeln.«
Besonderen Anklang fanden die angewandten Kommunikationsmethoden der Ökodörfer, die mehr Gemeinschaftlichkeit und Teilhabe an dorfrelevanten Entscheidungsprozessen versprechen. Einige der Teilnehmenden am Projekt äußerten deutlich ihr Bedürfnis, künftig mit einer anderen Kommunikationskultur im Ort leben und arbeiten zu wollen. Renate Sterz aus Hülen überlegte etwa, wie sie das neu Erfahrene in die Vereinsarbeit einbringen und statt Mehrheitsbeschlüssen Konsensentscheidungen anregen könnte. Inspiration entstand in den Dorfkooperationen zudem durch den gegenseitigen Austausch, durch die Auseinandersetzung mit gelungenen Praxisbeispielen und durch die neu gewonnenen persönlichen Beziehungen. All das weckte Neugier und Lust, mögliche Handlungsschritte für nachhaltige Lebenswege auszuprobieren oder weiterzuentwickeln. So war beispielsweise ein konventioneller Landwirt aus Flegessen nach der Führung über den Permakultur­acker des Lebensgartens Steyerberg so in­spiriert, dass er anbot, zwei Hektar für eine solidarische Landwirtschaft zur Verfügung zu stellen.
Insgesamt wurden 41 Projektideen und fünf Modellprojekte geboren, an deren Umsetzung kontinuierlich gearbeitet wird. Bereits realisiert wurden unter anderem die Einrichtung eines »Mitfahr-Bänkles« und die Erweiterung des Dorfladensortiments um Bioprodukte (Hülen), eine Baumpflanzaktion für die Instandsetzung eines Gürtels von Streuobstwiesen (Seebergen), ein öffentlicher Jugendtreffpunkt mit selbstgebauten Palettenmöbeln sowie die Anschaffung eines Sozialbusses (Lindstedt). Zu den vielen weiteren Ideen gehören unter anderem die Gründung von solidarischen Landwirtschaftsbetrieben, die Etablierung von Carsharing-Angeboten, die Einführung eines Repair-Cafés oder auch die Einrichtung eines Bildungs- und Kulturprogramms.
In allen Dorf­kooperationen stellte sich der Wunsch nach einem Ort der Begegnung und Vernetzung im Sinn einer »Dorfmitte«, eines »Dorfgemeinschaftshauses« oder eines »Hauses der Vereine« als zentral heraus. Dafür wurde im Ortsteil Lindstedter­horst die Nutzung eines ehemaligen Gerätehauses vom Ortschaftsrat errungen und in Hülen eine virtuelle Dorfmitte mit der App »Nebenan.de« eingerichtet.

Was meint »zukunftsfähig«?
Während der Abschlusskonferenz in Berlin stellten die Dorfaktiven aller Kooperationen ihre Projekte und Erfahrungen vor. Die Veranstaltung wurde von allen Teilnehmenden als Höhepunkt des Projekts geschildert. »Als wir dort unsere Landwirtschaftsministerin aus Sachsen-Anhalt begrüßen konnten, waren wir schon ein bisschen stolz«, berichtet die Lindstedterin Anja Rohrdiek. »Das hat der Sache eine Wertschätzung gegeben, die wir nicht einmal von unserem Ortschaftsrat oder von unserem Bürgermeister erhalten haben.« Andere Dorfinitiativen kennenzulernen, die sich immer wieder mit Geduld und Zuversicht den Widerständen gestellt haben, sorgte für allgemeine Ermutigung. Gisela Thunecke beschreibt ihre Erfahrungen so: »Wir waren oft ein bisschen frustriert, weil wir die Menschen im Dorf nicht mitziehen konnten. Hier hörten wir, dass es in anderen Orten auch Dinge gibt, die zumindest vorübergehend an Grenzen stoßen. Das ist für mich eine schöne Bestätigung, um dranzubleiben.«
In der Ergebnispräsentation konnte ich von einer sehr regen Partizipation berichten: Insgesamt fanden 77 lokale und fünf bundesweite Veranstaltungen mit knapp 1800 Teilnehmenden statt. Auch Henning Austmann aus Flegessen zieht ein positives Fazit hinsichtlich des Potenzials eines beidseitigen Lernprozesses: »Ich glaube, dass das Gesamtprojekt wesentlich dazu beigetragen hat, die Perspek­tive der Menschen weiter zu öffnen in Bezug auf die Frage, was eigentlich Zukunftsfähigkeit ist. Da tat die Begegnung und Auseinandersetzung mit Bewohnern aus Ökodörfern gut, die aus ihrem Selbstverständnis und ihrem täglichen Wirken heraus ganzheitlicher und ambitionierter an die Herausforderung echter Zukunftsfähigkeit herangehen. Umgekehrt glaube ich, dass Ökodörfer von uns traditionellen Dörfern lernen können, wie die Themen des Wandels an die Realität von ›normalen Dörflern‹ – also an die breite Mitte der Gesellschaft – anzuschließen wären.«
Die nächsten Schritte sollen in einem Folgeprojekt ­weiterentwickelt werden. Unter anderem ist die Gründung einer »GEN-Akademie« vorgesehen, in der die Gemeinschaften des Ökodorfnetzwerks ihre Bildungsveranstaltungen zu Nachhaltigkeitsthemen samt den zugehörigen Referentinnen und Referenten auf einer Internetplattform gebündelt darstellen. Das ist eine gute Chance, das Wissen aus der Gemeinschaftsbewegung verstärkt in die Gesellschaft und insbesondere in eine nachhaltige Dorfentwicklung hineinzutragen. Auch eine Vernetzung mit anderen Bildungsanbietern ist geplant.
Ich persönlich kann mich nur ganz herzlich bei allen bedanken, die das Projekt »Leben in zukunftsfähigen Dörfern« unterstützt und mit so viel Leben erfüllt haben!


Stella Veciana (53) lehrt und forscht als Dozentin an der Fakultät für Nachhaltigkeit der Leuphana Universität in Lüneburg zur Schnittstelle zwischen Gemeinschaft und Nachhaltiger Entwicklung. Sie engagiert sich für das Ökodorfnetzwerk, hat den »Bund für Bildung e.V.« mitgegründet und die Plattform »Research Arts« ins Leben gerufen.
www.research-arts.net 
stella.veciana–ÄT–leuphana.de

Dokumentation
Die Projektergebnisse sowie ein inspirierender 13-minütiger Film über das Projekt finden sich auf der Website
www.gen-deutschland.de/projekte/projekt-leben-in-zukunftsfaehigen-doerfern.
Veciana, S. / Urbain, H. / Schwab, A.:
Leben in zukunftsfähigen Dörfern. Ein Modellprojekt zur Unterstützung nachhaltiger ländlicher Entwicklung. 2019, Dessau-Rohlau. (Download in Kürze unter www.umweltbundesamt.de)

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