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Konfliktgestaltung hautnah

Die Mediatorin, Künstlerin und Kulturwissenschaftlerin Berit Mohr arbeitet mit Textilgeweben.

von Maria König , erschienen in 54/2019

Bild

© Foto: beritmohr.de

»Schon als kleines Mädchen habe ich viel gemalt und gezeichnet«, erinnert sich die heute 52-jährige Berit Mohr. Nach der Schule orientierte sich die gebürtige Elmshornerin zunächst in anderen Tätigkeitsfeldern, bevor sie über ihren damaligen Mann, der in Arnheim zeitgenössischen Tanz studierte, wieder mit Kunst in Kontakt kam. Im sechsten Monat schwanger, zog sie 1991 zu ihm. »Als ich zu Hause auf die Geburt wartete, hat mir meine Großmutter eine alte Tretnähmaschine geschenkt«, erzählt sie. »Von meinem Vater bekam ich erste Stoffe, mit denen ich dreidimensio­nale Objekte genäht habe, die ich als Hüte und andere Kopfbedeckungen ausprobierte.« Berit bot der Hochschule ihres Mannes ihre Mithilfe an, und drei Tage später stand bereits eine norwegische Studentin vor ihrer Tür und fragte nach Kostümen. Lachend bereichtet Berit: »Aus einem alten Schneiderbuch lernte ich, wie ich Maß nehme, habe Stoffe auf dem Wochenmarkt gekauft und angefangen. Ich zeichnete Entwürfe, die Studentin suchte sich etwas davon aus, und dann habe ich es mit meiner alten Maschine ohne Zickzack und sonstige Zusatzfunktionen ­genäht.«

Am Theater
Von 1992 bis 1995 professionalisierte Berit ihr Können in ­einer Modefachausbildung zur Schnittdirectrice im Bereich der Schnitt- und Nähtechniken. Später studierte sie in Mainz Anthro­pologie, Ethnologie und Theaterwissenschaften. Sie erzählt: »Mein selbstgewählter roter Faden für diese Studienfächer war die Kleidung; wortwörtlich als zweite Haut – als kulturelle und individuelle Identität, die sich an der Körperoberfläche abbildet – und als Bühnenkostüm mit seiner Geschichte, seinem ­ästhetischen Einsatz und der Rolle, die es im schöpferischen Prozess einer Theaterproduktion spielt.« Die Kombination ihrer Studienfächer schulte Berit auch in der Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und im Aushalten von Ambivalenzen: »An manchen Tagen säuberte ich in der Anthropologie Knochen und bestimmte anhand ihrer Form das Geschlecht des Verstorbenen, las dann in den Theaterwissenschaften Texte von Judith Butler und Jacques Derrida, die sich mit der menschengemachten Konstruktion und Dekonstruktion von Körpern auseinandersetzten, um schließlich eine Relativierung dessen in der Ethnologie zu erfahren, wo wir analysierten, wie verschiedene kulturelle Erzählungen und Deutungen bestimmte Ergebnisse hervorbringen.« Die dauernden Perspektivwechsel verdeutlichten ihr, wie verschiedene Denkschulen zu unterschiedlichen, teils konträren Wahrnehmungs- und Deutungsmustern der Welt gelangen.
Sowohl in Arnheim als auch während ihres Studiums in Mainz und an ihrem derzeitigen Wohnort Frankfurt am Main arbeitete Berit als Kostümbildnerin für Tanzschulen, Opernhäuser, Theaterbühnen und Performanceprojekte. Daneben zog es sie immer wieder zu sozial-künstlerischen Schnittstellenprojekten, in denen beispielsweise ein Begegnungsraum für Obdachlose und Banker entstand oder eine Schüler-AG unter ihrer Anleitung Kostüme für den Schulchor entwarf. »Solche Projekte haben mir immer sehr viel Spaß gemacht«, erzählt sie. »Nie lag mein Fokus nur auf Kostümarbeit. Mich interessiert eher, wie viele Prozesse an der Körperoberfläche sichtbar werden. Zum einen sind Kleidung und Körpergestaltung künstlerisch-kreative Ausdrucksmöglichkeiten. Zum anderen bilden sich an der Körperoberfläche ganze Lebenswege und soziale Strukturen ab. Es sind die Geschichten, die darunterliegen, die mich noch mehr begeistern als die äußere Gestaltung selbst.«
2014 verließ Berit die Theaterarbeit. Sie arbeitete als Kulturvermittlerin im Weltkulturen Museum Frankfurt und orienierte sich insgesamt neu: Nach einer Weiterbildung in Kunsttherapie entschied sie sich für den Bereich der Mediation und Konfliktlösung. »Spätestens seit der Arbeit an verschiedenen Theatern waren Konflikte ein allgegenwärtiges Thema für mich«, sagt sie. »Ich musste mich in zahlreiche Stücke und Figuren eindenken, die auf der Bühne gesellschaftliche Konflikte thematisieren, und hinter der Bühne arbeitete ich in einem spannungsreichen hierarchischen Umfeld, das unter Zeitdruck und mit viel Aufwand die großartigsten künstlerischen Ideen umzusetzen versuchte.« 

Inmitten der Streitkultur
Heute kombiniert Berit in Konfliktberatungen Methoden aus der Kunsttherapie mit eigenen künstlerischen Erfahrungen. »Die große Kraft, die in der Kunst steckt, liegt in der Auseinandersetzung mit Farben, mit Materialien, mit Ästhetik, mit Gestaltung und mit der eigenen Gefühlswelt, die über die künstlerischen Prozesse erreichbar wird«, beschreibt sie ihre Arbeit. In Kleingruppen bittet sie die Teilnehmenden beispielsweise, zur symbolischen Darstellung eines eigenen Konflikts Stoffreste, Schnüre, Fäden und Garne auszuwählen und diese zu verknoten, zu verflechten oder zu vernähen. Die anderen Gruppenmitglieder überlegen, was dieser Darstellung guttun könnte. Vielleicht fügen sie an einer Stelle etwas hinzu, lösen etwas an einer anderen, schneiden etwas ab, schaffen Abstand zwischen zwei Elementen oder unterstützen bestimmte Materialien oder Farben mit Ähnlichem oder Kontrastierendem. Häufig entsteht in einem solchen Prozess ein neues Gebilde, das dem Menschen, der den Konflikt eingebracht hat, einen lösenden Handlungsimpuls vermittelt. Konflikte werden so ohne Worte ­begreif- und behandelbar.
»Da sie so nah am Körper sind, haben Textilien in der symbolischen Arbeit einen besonderen Wert«, meint Berit. »Außer in der Sauna und in der Badewanne sind wir im Alltag fast immer von irgendeiner Form von Stoffen umgeben. Auch wenn wir sie nicht immer bewusst wahrnehmen, haben wir alle einen Bezug zu Kleidung und Textilien. Ihre Beschaffenheit als Geflecht oder Gewebe lässt dabei viele Assoziationen über unsere Beziehungen und unsere kulturellen Verflechtungen zu.«
Derzeit organisiert Berit eine Gesprächsreihe zu der Frage, ob sich Streiten lernen lässt. Die einzelnen Veranstaltungen widmen sich Konfliktlösungsstrategien aus verschiedenen Kulturen, etwa Talanoa, einer Form des dialogischen Gesprächs aus Fidschi/Samoa, die 2017 auf der Klimakonferenz von Bonn angewandt wurde. Mit viel Wertschätzung werden Impulse aus verschiedenen kulturellen Kontexten dargestellt und diskutiert. Das Wissen über interkulturelle Differenzen betrachtet Berit dabei durchaus kritisch: »­Geraten Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund anein­ander, wird oft schnell ein interkultureller Konflikt dia­gnos­tiziert. Manchmal sagen das die Betroffenen sogar selbst: ›Du kommst aus einem anderen Land, du kannst gar nicht verstehen, wie ich das meine.‹ Aber viele vermeintlich kulturell bedingte Konflikte erweisen sich als ganz grundsätzliche Beziehungs- oder Interessenskonflikte. Dann geht es um Fragen wie: ›Du hast mich nicht gesehen‹, ›Ich bin nicht anerkannt‹ oder ›Ich fühle mich nicht respektiert‹.« Berit selbst setzt sich für einen weniger statischen Kulturbegriff ein, der anerkennt, dass stets Veränderungsprozesse wirksam sind, die Kulturen verändern, mischen und sich immer wieder neu finden lassen.

Mehr über die Textilkünstlerin
www.beritmohr.de

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