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Die Geschichten der Steine

Was können wir von unseren Ältesten, den Steinen, lernen? Die finnische Künstlerin Elsa Salonen spürt dem unbewegten Leben nach.

von Andrea Vetter , erschienen in 53/2019

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© Foto: Ludger Paffrath

»Stories told by Stones« – Geschichten, die von Steinen erzählt werden – beiläufig sehe ich die Ankündigung für die Ausstellung auf meinem Weg durch Berlin. Ich bin elektrisiert: Hier, direkt neben der großen Kreuzung und der Shopping Mall sollen die stillen Geschichten der Steine erzählt werden? Ich freue mich darauf, die Ausstellung Anfang März gemeinsam mit der finnischen Künstlerin Elsa Salonen zu besuchen.
Als wir die Räume der Schwartz'schen Villa, eines alten Gutshausaus im Berliner Stadtteil Steglitz, betreten, ist es ganz still. Die Fenster sind abgedunkelt. Die Stadt ist draußen, drinnen lauschen wir den Steingeschichten. »Ich interessiere mich für die Schnittstelle zwischen naturwissenschaftlichem Denken und mystischen Dimensionen«, erzählt Elsa Salonen, die an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee studiert hat. 1984 wurde sie im finnischen Turku geboren, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Für die Stein-Ausstellung hat sie im finnischen Literaturarchiv recherchiert und mit Geologinnen gesprochen; sie hat Steine zu Pigmenten zermahlen und eine neue Maltechnik erfunden. Von der Materialität der Steine ist sie fasziniert: »Ich betrachte die Steine als Älteste. Sie waren vor uns da. Sie können uns von der Vergangenheit erzählen« – und das tun sie ja auch: Fast alles, was wir über vergangene Epochen auf dieser Planetin wissen, wurde in Steinen konserviert. In vielen Kulturen spielen Steine als Träger von Erinnerung und Weisheit eine Rolle. Elsa Salonen bezieht sich dabei auf ihre finnische Heimat, in der heute noch Menschen heiligen Steinen opfern: »Ich erinnere mich dar­an, dass ich als Kind auf Reisen mit der Familie solche Steine gesehen habe, neben denen alte Knochen lagen.« Auch an ihren eigenen usprünglichen Animismus als Kind erinnert sie sich: »Ich hatte einen Stein, der war wie mein Freund. Dieses Thema, mit der Natur zu sein, war also immer da.«
Was das bedeutet, darüber denkt auch Peter Cornelius Mayer-Tasch in »Der Stein als Bruder« nach (siehe Buchhinweis, Seite 61): »Die Frage, die sich beim Nachdenken über unseren heutigen Umgang mit Steinen aufdrängt, ist die Frage, was wir ihnen schulden – wie wir ihnen das danken können, was wir ihnen verdanken. Es ist die Frage nach der Trennungslinie zwischen legitimem Gebrauch und illegitimem Mißbrauch. Es ist eine Frage der Gesinnung. Und es ist eine Frage des Stils.«

Die Essenz zu Pigmenten zerrieben
Stil hat die Ausstellung zweifellos. Sie besteht aus zwei abgedunkelten Räumen, die sich dem Thema aus gegensätzlichen Richtungen nähern: Im ersten Raum sind filigrane Zeichnungen zu sehen, die mit mineralischen Pigmenten auf Glaswände gemalt sind. Einige sehen aus wie Karten vergangener Kontinente, eine erinnert an ein Fossil, manche zeigen abstrakte Formen. In der Mitte steht ein viereckiger Tisch mit Steinen darauf, daneben sind die dazugehörigen Pigmente angeordnet. Grundlage des Nachdenkens in diesem Raum ist die Alchemie: das Wesen eines Steins zu erforschen. Die Idee der Alchemisten war maximal abstrakt und erschreckend modern: Der Stein wird aus seiner Umgebung gerissen, zu Pulver zerrieben und chemisch verändert, so dass er seine Essenz offenbart – in Reinheit, ge-reinigt von der Umgebung. »Wir müssen die Natur auf die Folter spannen, damit wir genügend von ihr erfahren«, schrieb dazu der Gelehrte Francis Bacon im 17. Jahrhundert.
Im anderen Raum können die Steine hingegen in ihrem Eingebettetsein betrachtet werden: Es läuft ein zehnminütiger Film, der schreibmaschinengeschriebene Protokolle präsentiert, die die finnische Literaturgesellschaft zwischen den 1920er und 1940er Jahren erhoben hat. In kurzen, schlichten Sätzen ist darin potokolliert, was Menschen vom Land über ihren Glauben an heilige Steine erzählt haben. Dazwischen finden sich Schwarzweißfotografien von diesen Steinen in Wald und Wiese, ebenfalls aus dem Archiv der Literaturgesellschaft. Die Steine haben von Menschen eingekerbte Mulden, in denen sich Wasser sammelt, dem wundertätige Wirkung nachgesagt wird. Die Protokolle erzählen von Gebräuchen der Menschen aus deren Kindheit, etwa den Steinen Waldbeeren zu opfern, um sie so um eine gute Rentierjagd oder reichen Fischfang zu bitten. Die Steine wurden als mächtige, ehrfurchtgebietende Wesen gesehen. Eine Stelle berührt mich besonders: »Die Steine sind auch Leute, wir sehen sie nur nicht«, sagt einer der Protokollierten. Wovon Ursula K. ­LeGuin schrieb und was Donna Haraway aufgriff – von tierischen, pflanzlichen, mineralischen »Leuten« zu sprechen –, das taucht hier wieder auf, ganz unvermittelt, aus dem Mund eines einfachen finnischen Landbewohners der 1930er Jahre.
Interessant ist, dass die ästhetische Form der beiden Räume jeweils den Kontrapunkt zum Inhalt setzt: die lebensweltliche Einbettung ganz bestimmter, persönlich bekannter Steine ist im zweiten Raum nur sehr abstrahiert und doppelt medial gefiltert sichtbar – über die alten Protokolle, die als Filmbilder auf eine weiße Leinwand projiziert werden. Die alchemistische Abstraktion im ersten Raum erzeugt hingegen eine anfassbare Körperlichkeit der Steine und Steinpigmente.

Dem stetigen Wandel der Materie nachspüren
Vor sechs Jahren hat Elsa Salonen angefangen, Kunst mit Pflanzen, Tieren und Mineralien zu schaffen. Davor hatte sie als Malerin mit Industriefarben auf Plexiglas gearbeitet. Doch dann wurde sie den Gedanken nicht mehr los, dass alles seine Farbe verliert, wenn es stirbt. Sie versuchte, das mit konventionellen Methoden darzustellen, doch es fühlte sich nicht richtig an: »Es fühlte sich wie eine Illustration dieser Tatsache an«, nicht wie ein Ergründen. Damals verbrachte sie einige Monate als Residenzkünstlerin auf Schloss Wiepersdorf, umgeben von Wiesen und Feldern. Dort begann sie, mit anderen Materialien zu experimentieren. Sie las alchemistische Werke, weil sie lernen wollte, den sterbenden Pflanzen die farbige Essenz zu entreißen: »Seither muss ich für jede Arbeit eine neue Technik erfinden.« Sie stellte Pflanzenfarben her, zeichnete Sternbilder mit aus zermahlenen Meteoriten gewonnenem Sternenstaub, sammelte und trocknete 80 Wildkräuter und zeichnete deren Struktur mit Asche aus Fuchsknochen nach. Einige Monate zuvor war ein Freund von ihr gestorben – sie spürte dem stetigen Wandel der Materie nach: vom Teil eines Menschen zum Baum, zum Fuchs, zum Stein.
Lange hat sie damit gehadert, ob es der richtige Lebensweg für sie sei, Kunst zu machen: Könnte sie damit der Gesellschaft wirklich hilfreich sein? Doch jetzt fühlt es sich richtig an: »Ich glaube, wenn alle Menschen ein bisschen animistischer wären, dann gäbe es die ganzen ökologischen Krisen nicht. Dazu will ich einen kleinen Teil beitragen.«
Eines ihrer nächsten Projekte soll ein nomadischer Tempel mit Kunst sowie Vorträgen und Workshops zum Verhältnis von menschlichen und nicht-menschlichen Wesen sein. Diesen plant sie gemeinsam mit dem britischen Religionswissenschaftler Graham Harvey, der sich mit Animismus beschäftigt. Der Tempel könnte vom Wald mitten in die Stadt und wieder aufs Land wandern, um so die verschiedenen Sphären zu verbinden.
Ich bedanke mich bei Elsa für die Führung. Es bleibt noch vieles von unseren Großmüttern, den Steinen, zu lernen.

Die Künstlerin im Netz besuchen
www.elsasalonen.com

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