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Wilde Inspiration

Matthias Fersterer sprach mit dem Filmemacher und Autor Rüdiger Sünner über sein aktuelles Film­projekt, das hiesigen Traditionen des »wilden Denkens« nachspürt.

von Matthias Fersterer , Rüdiger Sünner , erschienen in 53/2019

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© Foto: www.ruedigersuenner.de

Matthias Fersterer: Dein nächster Film handelt vom »wilden Denken«. Claude Lévi-Strauss, der den Begriff prägte, verfiel nicht der gängigen Gleichung »wild = primitiv = minderwertig«. Er sah »wildes Denken« auch nicht als Vorstufe westlicher Rationalität an. Vielmehr erkannte er darin ein komplexes, ganzheitliches, auf innige Weise mit der mehr-als-menschlichen Welt verbundenes Ordnungssystem. Wie kam dieses Thema zu dir, und was lernst du als westlich und letztlich rational geprägter Mensch aus der Beschäftigung damit?

 Rüdiger Sünner: Ich entdeckte das Thema bereits in den späten 1970er Jahren, als ich beim Studium an der Berliner Freien Universität auf Lévi-Strauss’ Buch stieß, das wie ein Befreiungsschlag auf mich wirkte. Es hob die Hierarchie zwischen wissenschaftlichem und bildhaft-magischem Denken auf und tat meiner künstlerischen Seele gut, die sich an der Uni oft in rigide Denk- und Sprachzwänge eingesperrt fühlte. Neben der »Rostlaube« in Dahlem, wo ich Germanistik und Philosophie studierte, befand sich das riesige Ethnologische ­Museum, wo ich mich in Vorlesungspausen oft vom Rationalismus der Uni erholte und in den imaginativen Freiräumen des »wilden Denkens« herumschweifen konnte. Lévi-Strauss und andere Ethnologen wie Hans-Peter Dürr (»Traumzeit«) halfen mir, in andere Denkräume einzutauchen, mit anderen Augen z. B. auf Begriffe wie »Natur«, »Tod«, »Zeit«, »das Dämonische«, »Traum«, »Seele«, »Ich« und »Wirklichkeit« zu schauen. Das beflügelt mich noch heute – und dem möchte ich einen ganzen Film widmen.

Das Dahlemer Museum zieht derzeit ins Berliner Stadtschloss um – ein seltsam geschichtsvergessener Prunkbau: Dort standen einst das alte Berliner Schloss und der Palast der Republik. Beide wurden abgerissen, um mit einer Geschichte abzurechnen, die den jeweils Herrschenden nicht mehr passte. Und ethnologischen Sammlungen wohnt als Ausdruck von Kolonia­lismus und Imperialismus ihre ganz eigene Geschichtsvergessenheit inne: Die höfische Wunderkammer wurde zum Museum. Wie gehst du mit diesem irritierenden Erbe um?

Am Baukonzept ist nun leider nichts mehr zu ändern, und ich hoffe, dass die Leitung des Humboldtforums das Thema »Kolonialismus und Raubkunst« genügend thematisiert – was jetzt nach Emmanuel Macrons Grundsatzentscheidung über die Rückgabe von Kunstwerken an die Ursprungsländer zu erwarten ist. Aber mein Thema ist ja auch ein anderes. Ich werde die Wunden des Kolonialismus nicht zum Hauptthema machen, das wäre ein anderer Film. Ich denke, dass mein Ansatz, das wilde Denken von innen her respektvoll verstehen zu wollen, auch ein Stück Wiedergutmachung ist, denn ich betrachte die Exponate nicht als exotische Sensationen, sondern auf Augenhöhe. Mich interessiert ja gerade der andere Blick auf die Welt, der eben nicht »primitiv« ist, sondern gleichberechtigt zum europäischen, vielleicht sogar in einigen Fällen vielschichtiger und weitgespannter. Nach Lévi-Strauss ist das wilde Denken eine universale Schicht in allen Menschen: nicht das minderwertig Fremde, sondern etwas, das alle Kulturen teilen. Insofern kann der Blick aufs wilde Denken außereuropä­ischer Kulturen auch den Blick für die »wilden« Aspekte der eigenen Kultur schärfen, z. B. für spirituelle Traditionen Europas, die in den Untergrund abgeschoben wurden. Dann entsteht ein echter Dialog, in dem kein Platz mehr für hierarchisches Denken ist.

Anknüpfend an Nelly Sachs hast du dich selbst und Dichter wie Paul Celan und Rainer Maria Rilke, mit denen du dich in Film­essays intensiv befasst hast, einmal als »Scherbensammler« bezeichnet. Claude Lévi-Strauss hat den Begriff bricolage (»Gebastel«) in einem sehr wertschätzenden Sinn als wesentlichen Aspekt wilden Denkens beschrieben. Der Sammler, der Scherben aufspürt, und der Bastler, der sie intuitiv und improvisierend wieder zusammenfügt, sind verwandte Gestalten. Erkennst du in dieser poetischen Tradition einen Anklang an europäisches wildes Denken? Welche anderen Beispiele hast du gefunden?

Wildes Denken meint auch, dass Mythen nicht ­logisch-diskursiv funktionieren, sondern aus teils sehr disparaten Fundstücken zusammengebastelt wurden und wie »Partituren« zu lesen sind. Lévi-Strauss wurde während seines New Yorker Exils von Werken mit ihm befreundeter Surrealisten inspiriert, etwa durch die Collagen von Max Ernst oder die Mobiles von Alexander Calder. Er hat dann selbst seine Notizen von Mythen und Symbolen zu solchen beweglichen Mobiles verarbeitet, die in seinem Pariser Arbeitszimmer von der Decke baumelten. Insofern haben Mythen viel mit der ästhetisch-vieldeutigen Struktur von Kunstwerken gemein. Doch Lévi-Strauss bedauerte, dass wildes Denken heute nur noch im »Naturschutzpark der Kunst« stattfindet. Daher möchte ich in meinem Film der außereuropäischen Mythenvielfalt des Humboldtforums auch spirituelle Traditionen Europas entgegenhalten, die das wilde Denken außerhalb des Sonderbereichs der Kunst spiegeln. Denn Europa kennt ja auch jahrhundertealte mythologische, spirituelle und esoterische Traditionen, die sich in ihren Fragen stark mit denen Afrikas, Asiens und Amerikas berühren – bis hinein in die moderne Tiefenökologie von David Abram, Andreas Weber oder Jochen Kirchhoff, die ja weit mehr als nur »Kunst« sein will. Deren analogisches Denken ist der Kunst verwandt, aber zielt in seinem holistischen Charakter auch auf gesellschaftliche Veränderung, etwa gegenüber Natur und Umwelt. Daher soll mein Film nicht mit Künstlern enden, sondern vielleicht mit den Geschehnissen rund um den Hambacher Forst, der auch ein Ort wilden Denkens war und ist. Mal ­sehen, es ist alles noch in der Entwicklungsphase und ein riesiges Thema, das fast nicht in einem Film zu bewältigen ist.

Indigene Kulturen sind – vielfach muss man inzwischen leider sagen: waren – durch tiefe Einbettung in die sie umgebenden und durchdringenden Landschaften gekennzeichnet; westlich geprägte Gesellschaften sind hingegen durch tiefgreifende, Jahrhunderte und Jahrtausende währende Prozesse kollektiver Entbettung und Entwurzelung gegangen. Wie können wir hier und heute auf authentische Weise an verbundenen Weltwahrnehmungen, vielleicht sogar an unsere eigene Indigenität anknüpfen?

In der Beschäftigung mit Mythen aus Afrika, Asien oder Amerika lerne ich momentan, anders auf Phänomene wie Tod, Krankheit, Natur, Zeit, »Wirklichkeit« zu schauen. Und da für Lévi-Strauss das wilde Denken nicht das »Denken der Wilden« ist, sondern eine universale Geistesschicht in uns allen, lerne ich dadurch auch, in Kontakt zum »wilden« und »indigenen« Europäer in mir zu kommen – der freilich etwas verschüttet ist. Zu viele rein kognitive und auf der Subjekt-Objekt-Trennung basie­rende Denkmuster haben diesen »Wilden« in uns selbst kolo­ni­siert, und es gilt, ihn wieder zu dekolonisieren. Das führt zu neuen spannenden Fragestellungen: Bin auch ich immer schon Animist gewesen? Ist nicht die zwanghafte Subjekt-Objekt-Trennung unserer abendländischen Philosophie und Naturwissenschaft selbst ein metaphysisches Konstrukt, das eine in sich tief zusammenhängende Welt auseinandergerissen hat? Ist es nicht an der Zeit, über Begriffe wie »Weltseele« neu nachzudenken, auch im Außen etwas Geistig-Seelisches anzunehmen, statt es nur in den engen Käfig unserer Hirnschale einzusperren? Hängt vielleicht unsere Einzelseele tief mit einer solchen »Weltseele« zusammen, und kehrt sie nach unserem physiologischen Tod womöglich wieder dorthin zurück? Für Menschen, die sich auf indianische, afrikanische, sibirische oder fernöstliche schamanische Traditionen berufen, ist all dies selbstverständlich, aber für uns nicht mehr, obwohl wir in unserer eigenen Vergangenheit Strömungen haben, die auch so gedacht haben. Goethe etwa war Pantheist und hat sich leidenschaftlich für den Schamanismus interessiert und daraus Inspirationen für seinen »Faust« bezogen, Hildegard von Bingen und Annette von Droste-Hülshoff hatten in ihrer Persönlichkeit auch »schamanische« Elemente. Daher möchte ich in meinem Film auch an solche Traditionen des wilden Denkens bei uns erinnern, die kaum mehr jemand kennt.

Ich beobachte, dass Kinder als Animisten zur Welt kommen. Rainer Maria Rilke sprach von der Magie der »Kinder-Dinge«, und folgendermaßen beschrieb der New Yorker Schriftsteller Paul Auster in seinen Memoiren »Bericht aus dem Inneren« seine kindliche Wahrnehmung einer allseits belebten Welt: »Am Anfang war alles lebendig. Die kleinsten Gegenstände waren mit pochenden Herzen ausgestattet, und selbst die Wolken hatten Namen. […] Bleistifte waren Luftschiffe. Münzen waren fliegende Untertassen. Die Äste der Bäume waren Arme. Steine konnten denken, und Gott war überall.« Später wird diese animistische Weltwahrnehmung meist durch einseitigen Rationalismus abgelöst. Doch auch aufgeklärte, sich rational dünkende Erwachsene entwickeln emotionale Bindungen zu scheinbar unbelebten Objekten wie Autos oder digitalen Geräten! Handelt es sich dabei um Ersatzbefriedigungen? Wie gelingt es dir ganz persönlich, die Wahrnehmung der Belebtheit der Welt freizulegen?

Für etliche indigene Völker sind auch Felsen, Berge und Edelsteine lebendig, und interessanterweise wird dieser animistische Zug von der heutigen Ethnologie wieder sehr ernstgenommen. Man spricht dann von einer »relationalen Ontologie« und sieht in der Tatsache, dass solche Menschen intensive Beziehungen auch mit anorganischen Materialien eingehen, eine Kommunikation zwischen zwei Subjekten anstatt zwischen Subjekt und Objekt. Und einem Subjekt kommt dann eben auch etwas »Seelenhaftes« zu. Der Philosoph Friedrich Wilhelm Schelling sah in der Natur eine allgemeine schöpferische Produktivkraft, die schon lange vor der Entstehung organischer Moleküle tätig war, auch bereits in Luft- oder Wasserwirbeln oder in einem Mineral, wo aber diese Kraft angehalten wurde. Das Erstarrte der Dingwelt in der Natur ist für ihn nur Schein, dahinter steht angehaltene Energie, wie ein Eiszapfen, der einmal aus strömendem Wasser bestand, oder ein Berg, der flüssige Lavaglut war. Die scheinbar »tote« Objektwelt ist auch Teil einer gigantischen Kreativkraft, die früher einmal »Weltseele« oder anima mundi genannt wurde. Ich glaube, dass viele indigene Menschen so auf die Welt schauen, natürlich auch, weil sie so tief in die sie umgebende Landschaft eingebettet sind. Sie spüren in einem Berg etwas Wesenhaftes, einen bestimmten »Geist« oder etwas »Heiliges«. Ich erlebe auch häufig, dass Orte und Landschaften lebendig und beseelt sind. Als Kameramann bin ich eigentlich auf ganz natürliche Weise ein Geomant. Ich stelle meine Kamera nicht irgendwo auf, sondern muss schon in ein Kraftfeld geraten, das mich anzieht und mir magische Bilder verspricht. Insofern bin ich als Filmemacher auch Animist. Etwas spricht zu mir, ich fange etwas ein, das mehr als bloße Projektion ist, denn auch viele Zuschauer bestätigen mir diese Wirkung später. Also muss da etwas Intersubjektives wirksam sein. Ich denke, solche Erfahrungen kennt jeder, der eine Lieblingsstelle an einem See oder in einem Park hat oder immer wieder gerne einen bestimmten Baum oder interessant geformten Felsen aufsucht. Aber auch die Vogelfeder oder der bizarr geformte Stein auf unserem Schreibtisch ist weit mehr als ein totes Ding. Wir spüren im Geheimnis ihrer Form etwas, das weit über ihre atomaren Bestandteile hinausgeht: ein Antlitz, eine Physiognomie, eine Intelligenz, einen Gestaltungswillen – warum nicht auch eine »Seele«, wenn wir den Begriff weiter fassen als seine häufig romantisch-sentimentale Verengung?

Der lateinische Begriff anima – die Übersetzung des griechischen psyche –, bedeutet nicht nur »Seele«, sondern auch »Atem«. Unsere Atmung ist Teil eines großen Stoffwechselsystems, zu dem nicht nur wir Menschen, sondern auch die Bakterien, Pflanzen, Wälder, Landschaften etc. beitragen. Das, was wir oft unscharf als »Seele« oder »Psyche« bezeichnen, hat demnach nicht nur ein innerliches, sondern auch ein sehr stoffliches Element, das uns miteinander und mit der Welt verbindet: Die Luft, die wir ein- und ausatmen – unsere »Inspiration« und »Exspiration«, wie die Mediziner sagen. Somit käme auch das, was dich etwa gerade zu deinem Film »inspiriert«, nicht nur aus dir drinnen, sondern ebenso aus der Welt dort draußen. Letztlich ist wohl jede Unterscheidung zwischen Drinnen und Draußen nicht mehr als eine Hilfskonstruktion, wie das bereits Rilke durch seinen »Weltinnenraum« ausdrückte

Schön gesagt, da stimme ich mit dir überein.

Hab Dank für das inspirierende Gespräch!

 

Rüdiger Sünner (66) studierte Musikwissenschaft, Germanistik und Philosophie. Seit 1991 lebt er als freier Autor, Filmemacher und Musiker in Berlin. Seine Filme führen ihn an mythische Orte wie etwa die Megalithanlage Stonehenge. www.ruedigersuenner.de

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