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Eden – die vergessene Selbstversorgersiedlung

Obwohl die Obstbausiedlung schon seit 1893 Alternativen zur modernen Industriegesellschaft aufzeigt, ist ihr Wissensschatz weitgehend unbekannt geblieben.

von Dietrich Heissenbüttel , Matthias Fellner , erschienen in 50/2018

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© Foto: Eden Genossenschaft

Wer in der Obstbaukolonie Eden ein Grundstück hütet, verpflichtet sich, eine genau vorgeschriebene Anzahl von Obstbäumen zu pflegen, dabei auf chemische Gifte und Düngemittel zu verzichten und Biotope wie Teiche oder Hecken zu bewahren. Familie Eisenberger wohnt seit 58 Jahren in dieser am Rand von Oranienburg gelegenen Reformsiedlung und kümmert sich um Obstbaumsorten mit altertümlichen Namen wie »Biesterfelder Renette«, »Gewürzluiken«, »Bismarck« oder »Antonovka«. Zwischen den bis zu 80 Jahre alten Apfelbäumen haben sie an sonnigen Stellen kleine Beete angelegt, wo Kräuter, Kartoffeln und weiteres Gemüse wachsen. Bereits abgeerntete Beete sind mit Mulch oder mit Kapuzinerkresse überdeckt. Hier sind erfahrene Gärtnerinnen und Gärtner am Werk, die sich gut um ihren Boden kümmern. Versteckt am hinteren Ende des verwinkelten Gartens thronen drei große Komposthaufen, wo sich Küchenabfälle, Grasschnitt und Trester aus der Apfelpresse in humusreiche Erde verwandeln. »In Eden gibt es eine Garten-Gruppe, in der wir unsere Erfahrungen austauschen. So konnten wir viel von den anderen lernen, die hier über die Jahrzehnte hinweg gearbeitet haben«, erzählt Waltraud Eisenberger. Die gebürtige Zittauerin ist neben der Obstbausiedlung aufgewachsen, ist in Eden in den Kindergarten und zur Schule gegangen und hat sich schon als Kind gerne an den gemeinschaftlichen Aktivitäten beteiligt. »Von den Nachbarn aus Oranienburg wurden die Edener Kinder liebevoll ›Kräuterfresser‹ genannt«, berichtet sie lachend. Der Erhalt der Edener Traditionen liegt ihr sehr am Herzen.
Die Existenz Edens ist bemerkenswert, denn ein naturverbundenes, gemeinschaftliches Zusammenleben, das heute bekannte Projekte wie das Ökodorf Sieben Linden (seit 1997 auf etwa 81 Hektar) oder die Gemeinschaft Tempelhof (seit 2010 auf 32 Hektar) vorleben, wurde in Eden mit ähnlichen Gründungsimpulsen bereits von 1893 an auf einer Fläche von 120 Hektar erprobt. Wie in der 1962 in Schottland gegründeten Findhorn-Gemeinschaft wurden in Eden sandige, karge Böden in fruchtbare Gärten verwandelt. Mit alternativen Wirtschaftsmodellen, gesunder Ernährung, ökologischem Gartenbau und Pflanzenheilkunde war die Lebensreform-Bewegung 80 Jahre vor den heutigen Ökodörfern unterwegs. Eden entstand aus einem intellektuellen, akademischen Umfeld; die Menschen wollten der Industrialisierung und der damit verbundenen sozialen Ungerechtigkeit, Entfremdung und Umweltzerstörung etwas entgegensetzen.

Auf Sand gebaut?
»Die Aussichten der jungen Genossenschaft erschienen anfänglich jedem als sehr trübe«, schrieb Ende der 1920er Jahre der Soziologe und Begründer der Kibbuzbewegung Franz Oppenheimer, der an der Entstehung Edens selbst maßgeblich beteiligt war: »Trotz alledem hat die Siedlung sich glorreich entwickelt; sie hat alle Stürme der Konjunktur und des Krieges überwettert, ist wohlhabend, genießt des besten Kredits, hat aber nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ethisch, politisch und hygienisch ein Ergebnis gehabt, das Staunen erregen muss.« 2800 Quadratmeter groß sind die Grundstücke; genug, um eine siebenköpfige Familie zu ernähren. Selbstversorgung – damit wollten die Gründer, wie sie 1893 in der »Vegetarischen Rundschau« ankündigten, dem negativen Einfluss der Großstadt entgehen, »die Kinder recht gesund und frei aufziehen können und solchen Vegetariern, die mit ihrem vielleicht naturwidrigen, schädlichen Beruf unzufrieden waren, sowie auch ganz unbemittelten Gesinnungsgenossen eine Daseinsmöglichkeit auf naturgemäßer Grundlage schaffen.«
Angesichts der heutigen Strukturen der Landwirtschaft ist diese Gründungsidee revolutionär. Die Nahrungsmittel sollten nicht von einem bäuerlichen Betrieb auf einer Fläche außerhalb des Siedlungsgebiets angebaut werden, sondern auf ausreichend großen Grundstücken direkt vor dem eigenen Haus. Das überschüssige Obst wurde zu Säften und Marmelade verarbeitet.
Den ersten Siedlern fehlte allerdings die gärtnerische Expertise: Der märkische Sandboden erwies sich als wenig geeignet, und das Areal lag in einer frostgefährdeten Senke, was den Obstanbau erheblich erschwerte. »Es waren lauter sozusagen pflastermüde Städter«, beschreibt Oppenheimer die Eden-Gründer, »eine ganze Anzahl von Sonderlingen und Sektierern aller Art dazwischen; sie wollten ihre Existenz auf den Obstbau stellen, von dem kaum einer von ihnen die geringste Ahnung hatte.« Tonnen von Straßenkehricht, sprich Pferdemist, mussten die Siedler über Kanäle aus Berlin und mit Schubkarren heranschaffen, um den Boden aufzubessern – mit dauerhaftem Erfolg. Bereits im Jahr 1900 hatten sie 15 000 Obstbäume, 50 000 Beerensträucher, 3000 Haselnusssträucher, 200 000 Erdbeerpflanzen und 20 000 Rhabarberstauden gepflanzt: viel mehr, als zur Selbstversorgung nötig war. Im Obstverwertungsbetrieb produzierten sie ab 1898 große Mengen an Säften und Marmeladen. Verschiedene Erfindungen – von einer Dampfentsaftungsanlage bis hin zu großen, innen emaillierten Tankkesseln, der »Eden-Pflanzenbutter« oder der vegetarischen Bratenmasse »Gesunde Kraft« – trugen zum Erfolg des Betriebs bei, der die heute noch bestehende Reformhaus-Marke »Eden« begründet hat.

Antisemitismus, DDR-Regime und Marktwirtschaft
Es ist nicht leicht, sich in die Gründungsjahre von Eden hineinzuversetzen. Deutschland war 1893 nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 zum Kaiserreich unter Wilhelm I. vereint. Die fortschreitende Industrialisierung trug zu einem schnellen Wachstum der Städte und zur gleichzeitigen Auflösung dörflicher Strukturen bei. Vielfältige anarchistische, sozialistische, bodenreformerische, konservative, esoterische und pazifistische Ideologien wurden diskutiert und bildeten den Nährboden für die Edener Gründungsgedanken. Doch auch die Verbreitung von völkischem und antisemitischem Gedankengut im Kaiserreich machte vor der Obstbau-Siedlung nicht Halt. Vor allem im Ersten Weltkrieg gab es Stimmen, die wie Otto Jackisch – der damalige Genossenschaftsvorstand – eine »deutschvölkische Gemeinschafts- und Persönlichkeitskultur« forderten. Doch in der Satzung hatte sich Eden auf weltanschauliche Offenheit festgelegt. Oppenheimer, selbst Angehöriger einer reformierten jüdischen Gemeinde, stellt fest: »Was aber die Politik anlangt, so sind hier alle Parteien und Richtungen vertreten, vom Hakenkreuzler bis zum extremen Kommunisten, und so gut wie jede geistige Bewegung Deutschlands wirft hierhin ihre Wellen […] Aber das alles führt zu keiner Disharmonie, sondern ergibt im Zusammenklang aller der Stimmen eher eine Harmonie; es bringt Leben in die kleine Dorfschaft.«
Mag sein, das war Wunschdenken, denn schon wenige Jahre danach erklärte die Siedlung am 8. Mai 1933 ihre »freiwillige wirtschafts- und staatspolitische Gleichschaltung«. In die Satzung wurde ein Arierparagraf aufgenommen, und Vorstand wie Aufsichtsrat bekannten sich zum Nationalsozialismus. Gleichwohl wäre es zu einfach, zu folgern, das schon immer dominierende völkische Denken hätte sich nun durchgesetzt. Es gab jüdische Bewohnerinnen und Bewohner, die in der Siedlung die nationalsozialistische Zeit überlebten, zeitgleich aber auch ein Ehepaar, das deportiert und ermordet wurde. Die Aufarbeitung ist, wie anderswo auch, noch nicht abgeschlossen. Sie wird derzeit in der eigenen Eden-Ausstellung angesprochen und durch die Unterstützung einer Masterarbeit zu völkischen Tendenzen in Eden gefördert.
Ein harmonischer, freier Zusammenklang weltanschaulicher Gegensätze, wie ihn Oppenheimer visionierte, konnte sich auch in der DDR nicht einstellen. Erstaunlicherweise gelang es der Genossenschaft 1950 als einzigem DDR-Betrieb, eine Zweigstelle – die Eden-Waren GmbH mit Sitz in Bad Soden – im Westen zu eröffnen. Die ökonomische Eigenständigkeit der Genossenschaft passte aber nicht zu den Vorstellungen der SED-Führung, und so wurde der Obstverarbeitungsbetrieb 1972 verstaatlicht. Über Jahrzehnte hinweg wurden so die zuvor unabhängigen Entscheidungsstrukturen unterbunden und die Begeisterung der Anfangsjahre erheblich getrübt.
Auch das marktwirtschaftliche System nach der Wende brachte den Edenern kein Glück. Der gesamte Obstverwertungsbetrieb wurde kurz nach der Wiedervereinigung von der Treuhand als unrentabel eingestuft, und die Arbeiter der zentral gelegenen Gebäude entlassen. Kurz vor dem hundertsten Geburtstag wurde der Edener Obstverarbeitungsbetrieb endgültig geschlossen. Einziger Hoffnungsschimmer blieb der funktionierende Betrieb in Bad Soden, doch die West-Genossen verkauften ihn als mehrheitliche Anteilseigner ausgerechnet an den Chemiekonzern Sandoz. Die Edener gelangten dadurch zwar zu einem hübschen Kapitalstock, verloren dieses Geld aber zum großen Teil durch Fehlspekulationen in der Finanzkrise 2008.
Wohl kaum ein Ort mit so fortschrittlichen Gedanken hat so viele Systemwechsel durchlebt wie Eden, doch jedes Staatssystem, das die Edener erfuhren, hinterließ auch sichtbare Wunden.

Das heutige Eden
Ist Eden heute nur noch eine beliebige Stadtrandsiedlung in Genossenschaftsbesitz oder gar ein »Oranienburger Rentnerviertel mit hoher Verkehrslärmbelästigung«, wie es die ZEIT-Journalistin Iris Radisch beschrieben hat? Die Errungenschaften der pionierhaften ersten Jahre sind heute tatsächlich kaum mehr sichtbar: Gemeinschaftseinrichtungen wie die Bibliothek oder die Heimatbühne fielen der finanziellen Konsolidierung der Genossenschaft zum Opfer. Alte Obstbäume werden von neu Zugezogenen manchmal gefällt, da sie den Wert dieser alten Sorten schlichtweg nicht erkennen.
Doch es hat bereits mehrere ambitionierte Versuche gegeben, die vielen Gründungsimpulse Edens wieder aufleben zu lassen. Viel Aufmerksamkeit erhielt Eden zum 100. Geburtstag 1993, als die Ausstellung zur Eden-Geschichte in Räumen des alten Betriebsgeländes eröffnet wurde. Nach 53 Jahren Pause, im Oktober 1992, erschien auch wieder die eigene Zeitschrift »Edener Mitteilungen«. Im Februar 2011 wurde ein Kulturverein gegründet, der bis heute die regulär stattfindenden gemeinschaftlichen Veranstaltungen, wie Frühlingsfest, Frauentag oder Apfelfest, und auch die Betreuung von Besuchergruppen koordiniert.
Als wirtschaftlich nicht tragfähig erwiesen sich ein neu eröffnetes Reformhaus oder die neu gegründete »Eden NaturBau GmbH«, die das Bauen mit natürlichen Rohstoffen innerhalb Edens vorantreiben sollte. Der Baubetrieb ermöglichte dennoch die Entstehung des Seniorenwohngartens und 2002 die Fertigstellung des Kindergartens, der von dem bekannten Lehmbau-Pionier Gernot Minke entworfen wurde.
Im geräumigen Speisesaal der Pension Eden fanden in diesem Sommer drei sogenannte Eden-Salons statt: Diskussionsveranstaltungen zu den Kerngedanken der Eden-Genossenschaft, Lebensreform, Bodenreform und Wirtschaftsreform. Die in Solingen geborene Cornelia Berndt hat das Haus, das 1899 von Gustav Lilienthal als Gasthaus und Erholungsheim im Zentrum der Siedlung erbaut worden war, vor einigen Jahren gekauft. Sie eröffnete dort ein Gästehaus und nutzt den Speisesaal für Veranstaltungen.
Das unter dem Namen »bankleer« international bekannte Künstlerduo Karin Kasböck und Christoph Leitner ist vor einigen Jahren nach Eden gezogen, hat dort den Verein »re:form« gegründet und damit das Projekt »Re-Eden« ins Leben gerufen. Beide sind begeistert von den utopischen Potenzialen der frühen Reformsiedlung. Neben den Eden-Salons veranstalten sie zum Beispiel zum traditionellen Apfelfest Ende September eine ganze Woche voller Workshops und künstlerischer Aktivitäten. Die Salons wurden auch von vielen alteingesessenen Edenern positiv aufgenommen, ein Teilnehmer meinte sogar, »der Verein hat Eden wieder wachgeküsst«.

Wie geht es weiter?
Hat die gärtnerische Tradition der Reformbewegung in Eden eine Zukunft? Für die große jährliche Obsternte gibt es keine Kunden mehr. Wegen hoher Schulden und geringen Engagements der Bewohnerinnen und Bewohner wird seit einiger Zeit eine hauptamtliche Geschäftsführung für die Eden eG eingesetzt. Unklar ist dabei, ob sich dieses neue Management eher an marktwirtschaftlichen Zahlen oder am gemeinschaftlichen Wohlergehen orientieren wird. Es ist auch ungewiss, was aus dem seit der Schließung leerstehenden und denkmalgeschützten Obstbetrieb, dem einstigen ökonomischen Herzstück der Siedlung, werden soll. Wie kann im heutigen marktwirtschaftlichen Umfeld das ökologische und soziale Reformexperiment fortgeführt werden?
Neue Impulse kommen aus Entwürfen der Architekturstudentinnen und -studenten des »Natural Building Lab« sowie der »Habitat Unit« der Technischen Universität Berlin, die im Rahmen des Re-Eden-Projekts Ideen entwickelt haben. Eine Gruppe schlägt zum Beispiel vor, Eden zur Wellness-Oase zu entwickeln, eine andere hat die Idee, hier aus Brennnesseln eine breite Produktpalette vom T-Shirt bis hin zu Kräutertee zu fabrizieren.
Was selten in den Gesprächen zur Neuausrichtung des Orts berücksichtigt wird, ist der womöglich radikalste Gedanke der ursprünglichen Siedlung: die Subsistenz. Wenn es den Lebens­reformern im Wesentlichen darum ging, sich aus den Zwängen der Industrialisierung zu befreien, hatten sie bereits damals einen naheliegenden Weg zu einer eigenständigen Lebensmittelversorgung gebahnt. Aus einer Subsistenz-Perspektive gesehen, war die gemeinsame Obstverarbeitung im Eden-Betrieb nur eine Verwertung der entstandenen Überschüsse und nicht das zen­trale Versorgungsprinzip. Gibt es nicht genug Menschen, die sich heutzutage ihre Nahrung lieber selbst anbauen würden, als sich auf dem schwierigen Arbeitsmarkt durchzuschlagen? Sind der günstige Grund und Boden und die Gemeinschaft mit den Nachbarn nicht in Eden nach wie vor die perfekte Grundlage für eine gut funktionierende Selbstversorgungs-Siedlung? Durch den direkten Anschluss an Oranienburg und Berlin hätte Eden Vorzeigecharakter für eine urbane Selbstversorgung, in der die Nahrungsmittel nicht von Bäuerinnen und Bauern auf dem Land, sondern selbständig und gemeinschaftlich eingebunden erzeugt werden. Vielleicht hat diese kleinteilige, vernetzte Form der Lebensmittelproduktion erheblich dazu beigetragen, dass Eden als weltweit einzige Reformsiedlung bis heute überlebt hat.


Dietrich Heißenbüttel (62) ist Kunsthistoriker und Journalist, derzeit Lehrbeauftragter an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Er interessiert sich unter anderem für die Geschichte der Lebens- und Bodenreform sowie der Siedlungs- und Gartenstadtbewegung. www.artwritings.de

An den Gründungsideen anküpfen?
www.re-eden.org

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