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Weizenfeld mit Zypresse

Van Goghs Unendlichkeit

von Joshua Groß , erschienen in 09/2011

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»I’m painting my room in a colorful way, and when my mind is wandering there I will go.« (The Beatles)

Zu der Zeit hatte ich ziemlich Angst vor dem, was sie Schlaf nennen. Vielleicht lag es dran, dass es ein Gefühl ist, das ich nicht definieren konnte … ein Gedanke, der existiert, ohne gedacht zu werden. Und während ich mir die Sache überlegte, atmete Diana ruhig in meinem Arm, ihr langes Haar floss wie dunkler Honig aus einem Duschkopf über meine Brust. Das Zimmer lag tiefblau in Schwarz, und die Plastiksterne an der ­Decke hatten nicht mehr allzu viel Kraft, sie schimmerten erschöpft. Van Gogh war nie mit den Sternenhimmeln zufrieden, die er malte. Ich hatte mal in seinen Briefen gelesen. Verständlich: Der Künstler misst das fertige Werk an seiner Vorstellung. Im Prozess kann er ohne Gegenwart auskommen. Alles, was man normalerweise zusammensetzen muss, um sich der Realität anzunähern, verbindet sich, und man existiert ohne Relation. Und während der Künstler vom Ideal ausgeht, bleibt dem Betrachter nur das eigentliche Werk, in dem er bestenfalls die Transzendenz spürt, die der Künstler im Prozess erfährt. »Den Stoff zwar wird er von der Gegenwart nehmen, aber die Form von einer edleren Zeit, ja jenseits aller Zeit, von der absoluten unwandelbaren Einheit seines Wesens entlehnen« (Schiller).
Danach wartete ich in der grobkörnigen Finsternis, ich wartete so lange, dass sogar die Zeit ungeduldig wurde … und ihr Atem war der Soundtrack der Nacht. Mein Verstand begann, darin zu zerfließen, leichte Schlieren zogen durch die Luft, das Kaleidoskop drehte sich, und die Sonne kam durch Wellen aus Öl, vermutlich, weil er die Farben immer so dick auftrug.
Die Wolken waren wie Alligatorenbäuche, die in Tipp-Ex gebadet hatten. Sie krochen durch ein Schwimmbecken voll Kaktussaft, das auf dem Kopf stand. Darunter lief ich in leuchtenden Kornfeldern, die aussahen, als würden sie schmelzen. An den Rändern standen Zypressen, die wie explodierende Benzinkanister in der lodernden Luft tanzten.
»Ziel der Kunst ist, einfach eine Stimmung zu erzeugen« (Oscar Wilde). Und so ging ich durch diesen Nachmittag, der in Fieberanfällen bebte. Sie waren durch Pinselstriche in meinem Bewusstsein verbunden. Es war eine Überhöhung der Wirklichkeit, die den wahren Charakter der Natur zeigte. Alle, die es mit rationaler Logik versuchten, alle, die Einheit nicht als Erscheinung, sondern als Ergebnis verstanden, blieben im Wartezimmer der Kunst sitzen und versuchten weiter, das Sudoku in der Illustrierten zu lösen.
Ich schwitzte ziemlich, ich tippte auf 37 Grad im Schatten. Und der Wind verteilte zarte Spiralen aus Absinth, aber das hinderte mich nicht. Ich setzte mich ins vertrocknete Gras, den Rücken gegen den Stamm eines Olivenbaums gelehnt. Außenrum nichts als versengte und melancholische Felder, und überall Thymianduft.
Ein Kerl kam auf mich zu.
— Kann ich mich setzen? fragte er.
— Sicher …
— Vincent Van Gogh, sagte er.
— Philippe Riot, sagte ich, und wir gaben uns die Hand.
Ich betrachtete ihn, als er seine Pfeife stopfte. Er hatte einen ruhigen Gesichtsausdruck, aber einen haltlosen Blick, rostbraunes Haar und einen grobstoppeligen Bart, der wie orangenes Schleifpapier aussah. Er steckte seine Pfeife an. Rauchschwaden flossen aus seinem Mund wie kleine Gebirgsbäche.
— Was machst du hier? fragte ich.
— Ich muss mich noch mehr von der konventionellen Verwilderung unseres so genannten zivilisierten Zustandes gesunden, sagte er und schaute mich an.
— Ja, sagte ich. Aber ist es nicht auch Eskapismus?
— Kann sein, vielleicht ist es auch die Moderne, überlegte er. Aber es scheint mir, dass wir selbst nur als Mittler dienen. Erst einer folgenden Generation wird es gelingen, in Frieden zu leben … Und schau, mir geht es hier besser als im Norden. Wir sitzen einfach in dieser flachen Landschaft, in der es nichts gibt … nur das Unendliche … die Ewigkeit.
— Mehr als das …
— Ja, wahrscheinlich ist auch das Leben rund und an Ausdehnung und Fähigkeit viel bedeutender als die uns gegenwärtig bekannte Hemisphäre.
— Sollen wir es so darstellen …?
— Wir müssen versuchen, es auszudrücken, aber im Rahmen des Möglichen. Ich verehre das Wahre, das Mögliche. Es ist wie mit der Gesellschaft, wir müssen sie studieren und analysieren, das besagt immer mehr als zu moralisieren.
— Wie entsteht daraus das Werk? fragte ich.
— Es entsteht in einem meditativen Zustand voll Anspannung, letztlich gelenkt von der Intuition. Ich weiß oft nicht, was ich mache, da ich fast wie ein Schlafender arbeite.
— Und ja, dann passiert es, dass sich die Widersprüche der Zeit auflösen.
— Das Vollkommene macht uns das Unendliche greifbar. Etwas Schönes genießen, ist wie ein Koitus, der Augenblick der Unendlichkeit.
Wir konnten es nur beschreiben, indem wir versuchten, die Chronologie – oder das, was anscheinend Geschichte ist – aufzubrechen. Da waren welche, die nannten es Unendlichkeit, und andere sprachen von einem Zustand ohne Gegenwart, aber im Grund war es dasselbe. Und obwohl das Werk die ganze Wirklichkeit ausdrückt, sind es Momente, die ohne Zeit existieren. Es ist das, was Cortázar meint, wenn er schreibt: »Glücklich, ergo ohne Zukunft.«
— Trotzdem ist Kunst weit entfernt von Willkür, warf ich ein.
— Der Maler ist verpflichtet, seinem Werk eine Idee zugrunde zu legen, sagte Vincent.
— Eine moralische Absicht?
— Höchstwahrscheinlich schon. Verstehst du, es ist kein Moralisieren, für mich ist es die Idee, aus der Malerei eine Kunst des Trostes für zerrissene Herzen zu machen. Ich möchte einfach etwas Tröstliches sagen, so wie die Musik tröstlich ist.
Die Hitze schwoll an, und ein leichtes Schwindelgefühl segelte quer durch meinen Kopf wie ein Paragleiter. Wir waren Piloten, es fühlte sich gut an. Ich überlegte, aber mir fiel nicht ein, was ich lieber getan hätte. Vincent schaute über die Felder, während er an seiner Pfeife zog. Alles flimmerte.
— Im Süden werden die Sinne erregt, sagte er. Die Hand wird gewandter, das Auge lebendiger, das Gehirn klarer. Dabei hämmert dir die Sonne auf den Kopf, und ohne ­jeden Zweifel wird man davon verrückt. Aber da ich es bereits bin, habe ich nur ­Genuss ­davon …
Wir grinsten, und ich kratzte mich am Kopf.
— Mir bleibt gar nichts übrig, sagte Vincent. Ich arbeite hier draußen ohne jeden Schatten, aber was ich mache, mache ich mit Hingabe an die Natur. Ohne an dieses und jenes zu denken. Ich versuche einfach, alles rauszuholen.
— Darunter sollte man es nicht machen.
— Wir müssen komplett in der Natur aufgehen und unsere ganze Geisteskraft benutzen, um Gefühl in unserer Arbeit auszudrücken, so dass sie für andere Leute verständlich wird.
I’m right where I belong. Es ging darum, sich in einer Zeit, deren Triebkräfte destruktiv waren, verständlich zu machen. Die Jahreszahl war egal, aber die Kunst konnte ein Gegengewicht zu den Verwerfungen sein. Vincent drückte mir seine Feldflasche in die Hand, und ich nahm einen Schluck, für einen Augenblick war deutlich, dass die Farben ohne System aufgetragen waren, in regelmäßigen Strichen auf die Leinwand geschlagen, um die Seele der Natur darzustellen. Und vielleicht hatten wir uns davon schon ein Stück entfernt. Die »folgende Generation« konnte auf die Moderne folgen, und wir waren die Vermittler. Ich musste wieder an Hans Henny Jahnn denken: »Träume, diese Blutergüsse der Seele.« Der Zusammenhang war undeutlich, man musste sich der Sache nähern. Ich wollte Vincent fragen, was er davon hielte, aber er klopfte mir auf die Schulter und stand auf.
— Die schönsten Bilder sind jene, die man pfeiferauchend im Bett träumt, aber nicht malt. Trotzdem geht es darum, sie anzupacken, so unfähig man sich auch vor der unsagbaren Vollkommenheit der glorios strahlenden Natur fühlt.
Die trockene Hitze drückte mir in den Verstand, und ich kniff kurz die Lider zusammen, leichter Wind berührte meine Stirn, leichter Wind … Diana schaute mich an, a girl with kaleidoscope eyes, ich wurde weggeblasen wie eine Pusteblume in der Hand eines schönen Mädchens, leichter Wind berührte meine Stirn … es waren ihre zarten Finger. Es war tiefe Nacht.
— Du schwitzt, sagte sie.
— Ich komm direkt aus dem Süden, sagte ich.
Diana lachte, und die Gegenstände im Raum begannen, wieder ihre schwarzen Konturen anzunehmen, Kind of Blue. Ich war langsam zurück. »Der Zustand des menschlichen Geistes vor aller Bestimmung, die ihm durch Eindrücke der Sinne gegeben wird, ist eine Bestimmbarkeit ohne Grenzen« (Schiller).
— Schlaf noch ein bisschen, Philippe, sagte sie.
— Ich weiß nicht, sagte ich.
Sie kuschelte sich an mich, und ihr Atem wurde regelmäßiger. Ihr Körper bewegte sich in sanften Wellen, und ihr Duft kroch durch meine Synapsen.
Es war ein Moment, in dem sich eine gewisse Vollkommenheit verbreitete. Ich spürte es, obwohl es mir nicht bewusst war. Ich nahm eine Zigarre vom Nachtkästchen. Das Streichholz fuhr rauschend über die Schachtel. Tiefblaue Rauchschwaden stiegen gegen die Plastiksterne.
Die besten Storys sind die, die man zigarrerauchend im Bett träumt …

Dieser Text entstand auf Grundlage von: Vincent Van Gogh, Briefe über die Kunst (Texte und Perspektiven), DuMont Verlag, 1963.

Joshua Groß (22) lebt in Altdorf bei Nürnberg. Neben dem Studium der Politik- und Wirtschaftswissenschaft schreibt er Erzählungen und Romane.

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