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Weithin verwandt

Überlebenswichtig: Tiere, Pflanzen und Mineralien sind unsere Verwandten.

von Ursula K. le Guin , erschienen in 49/2018

Bild

© Foto: Euan Monaghan/Structo

Vergangene Woche hörte ich den Poeten Bill Siverly sagen, die Essenz moderner Hochtechnik sei es, die Welt als Einwegware zu denken: Nach Gebrauch zu entsorgen. Die an dieser Konferenz Teilnehmenden sind zusammengekommen, um gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir jene mentalen Infrastrukturen überwinden können, die uns ständig suggerieren, der nächste Schuss »Technodröhnung« sei die Antwort auf alle Probleme. Es ist leicht gesagt, dass wir nicht noch mehr sogenannte Hochtechnologien brauchen, die unausweichlich auf der weiteren Plünderung der Erde basieren. Ebenso leicht gesagt ist, dass wir auf Recycling beruhende, nachhaltige – alte wie neue – Techniken brauchen: Töpfern, Maurern, Nähen, Weben, Zimmern, Klempnern, Solarenergietechnik, Landwirtschaft, Informationstechnik und viele weitere mehr. Aber inmitten unserer orgiastischen Weltvernutzung ist es für uns als Herren und Herrinnen der Schöpfung, die während des Autofahrens simsen und mailen, ein enormer Kraftakt, das Smartphone zur Seite zu legen, anstatt nach der nächsten Technodröhung zu spechten. Unsere mentalen Infrastrukturen zu verändern, ist eine gewaltige Herausforderung. Um die Welt verantwortungsvoll zu pflegnutzen, anstatt sie zu vernutzen und unsere Lebenszeit zu vergeuden, müssen wir unser In-der-Welt-Sein von Grund auf neu lernen.
Verantwortungsvolle Lebenskunst, bewusste Zueignung zur Welt und freudvolles Teilsein der Welt – all das gründet immer auch auf der Kenntnis unserer Verwandtschaftsbeziehungen als Tiere unter Tieren. Darwin stellte dieses Wissen auf ein naturwissenschaftliches Fundament. Gegenwärtig erweitern Poeten wie auch Naturwissenschaftler die rationale Grundlage der verwandtschaftlichen Gefühle, die wir zu Wesen ohne Nervensysteme und zu scheinbar unbe­lebten Geschöpfen fühlen – unsere tiefe Verbundenheit als natürliche Wesen unter natürlichen Wesen, als Materie unter Materie. Diese Verwandtschaftsbeziehungen sind komplex und reziprok (wechselseitig) – sie umfassen immer mindestens zwei Wege, sind nicht Einweg-, sondern Mehrwegsysteme, und gründen auf wechselseitiger Verbundenheit. Nichts in diesem Universum ist getrennt, nichts wirkt in nur eine Richtung.
So betrachtet, sind wir Menschen schlichtweg besonders lebendige, intensive und bewusst aufeinander bezogene Knotenpunkte in einem Netzwerk aus unend­lichen Beziehungsverhältnissen – einfach oder komplex, unmittelbar oder subtil, robust oder filigran, temporär oder dauerhaft. Dieses als Gesamtheit ­immerwährende, jedoch an individuellen Schnittstellen hochempfindliche Beziehungsgeflecht zwischen allen Wesen umfasst auch jene, die wir landläufig als »Dinge«, als »Objekte« bezeichnen.
Descartes und die Behavioristen klassifizierten Hunde stur als gefühllose Maschinen. Ist es ein Zeichen ähnlicher Arroganz, wenn wir Pflanzen Gefühle absprechen?
Eine Möglichkeit, um Bäume, Flüsse oder Hügel nicht länger als bloße »­natürliche Ressourcen« zu sehen, besteht darin, in ihnen Mitgeschöpfe – Verwandte – zu erkennen.
Woran ich mich hier versuche, ist letztlich, das Universum zu subjektivieren, also als Subjekt anzuerkennen – schauen Sie nur, wohin uns die Objektivierung, die Verdinglichung der Welt geführt hat! Etwas als Subjekt wahrzunehmen, heißt nicht notwendigerweise, es zu unterwerfen, zu kolonialisieren und auszubeuten. Stattdessen kann es unser Bewusstsein und unsere Vorstellungskraft um Dimensionen erweitern.
Welche Mittel können uns bei dieser Erweiterung unterstützen? In ihrer lyrischen Naturstudie »Romantic Things« schrieb die Autorin Mary Jacobus: »Weiter als mit der gemessenen Sprache der Poesie können wir uns Phänomenen wie den ­unhörbaren Stimmen unbelebter Objekte oder dem unbewegten Sein von ­Bäumen wohl nicht annähern.«
Poesie ist jene Ausdrucksform menschlicher Sprache, die versuchen kann zu sagen, was ein Baum, ein Fels, ein Fluss ist, die also in menschlicher Gebärde für sie sprechen kann, und zwar in beiderlei Bedeutungen des Worts »für«. Ein Gedicht kann diese stellvertretende Fürsprache ausdrücken, indem es die Qualität der individuellen Beziehung zwischen einem Menschen und einem »Ding« – einem Felsen, einem Fluss oder einem Baum – vermittelt oder indem es dieses Ding schlichtweg so wahrhaftig wie möglich beschreibt.
Die Naturwissenschaften beschreiben akkurat von außen, die Poesie beschreibt akkurat von innen. Die Naturwissenschaft deutet hin, sie »expliziert« – die Poesie deutet an, sie »impliziert«. Beide Bereiche feiern das, was sie beschreiben. Wir brauchen die naturwissenschaftliche ebenso wie die poetische Sprache, um nicht bloß endlos »Informationen« anzuhäufen, die ganz und gar nicht dazu beitragen, unserer Ignoranz und Verantwortungslosigkeit entgegenzuwirken.
Indem sie eine Alternative zu unbegründeten, starrsinnigen Vorurteilen schaffen, können die Naturwissenschaften unsere moralische Empfindsamkeit steigern; indem sie ästhetische Ordnungs- und Schönheitsprinzipien demonstriert und darbietet, kann die Poesie unser Bewusstsein um ein Gefühl der Verbundenheit erweitern, das der achtlosen Nutzung und Ausbeutung unserer Mitgeschöpfe, der Verschwendung und dem Leid vorbeugt.
Oft steht die Poesie im Dienst der Religion; und die monotheistischen Religionen, die die Verbindung des Menschen zum Göttlichen über die aller anderen Wesen stellen, befeuern die Arroganz. Doch selbst auf diesem harten Grund findet die ­Poesie eine Sprache mitfühlender Verbundenheit mit unseren Mit­geschöpfen.
So schrieb der christliche Mystiker Henry Vaughan im 17. Jahrhundert:

Und wenn die Hügel und die Täler bersten vor Gesang,
obschon die stummen Steine weder Wort noch Rede haben,
derweil agile Bö’n und Bäche wendig strömen, eifrig wispern,
harren Steine in Verehrung tief.

Mit »Verehrung« meinte Vaughan ehrfürchtiges Erkennen – und freudvolles Teilsein – der heiligen göttlichen Ordnung. Ich verstehe unter »Verehrung« ehrfürchtiges Erkennen – und freudvolles Teilsein – der unendlichen Verbundenheit aller Dinge, der heiligen natürlichen Ordnung. Und so wie wir die Steine als in heiliger Kommunion mit uns verbundene Mitgeschöpfe erkennen, erkennen diese vielleicht auch uns.

 

Infinitive

We make too much history.

With or without us
There will be the silence
And the rocks and the far shining.

But what we need to be
is, oh, the small talk of swallows
in the evening ever
dull water under willows.

To be we need to know the river
holds the salmon and the ocean
holds the whales as lightly
as the body holds the soul
in the present tense, in the present tense.

 

Unumgrenzt

Wir machen zu viel Geschichte.

Mit oder ohne uns
Sind da die Stille
Und die Steine und das ferne Gleißen.

Was es aber gilt, zu sein,
ist, oh, der kleine Sang der Schwalben
am ewig abendtrüben
Wasser unter Weiden.

Zu sein heißt, zu wissen, dass der Fluss
Lachse fasst und der Ozean
Wale, so sacht
wie Körper Seelen fassen
in der Gegenwart, in der Gegenwart.

 

Übersetzung aus dem Englischen von Matthias Fersterer.
Die Rede »Deep in Admiration« wurde 2014 bei der Konferenz »Anthropocene: Arts of Living on a Damaged Planet« an der University of California gehalten und im Lyrikband »Late in the Day« veröffentlicht.
»Infinitive« erschien erstmals in »Sixty Odd. New Poems«. Copyright »Deep in Admiration« © 2014 by Ursula K. Le Guin.
»Infinitive« © 1999 by Ursula K. Le Guin. Deutsche Rechte durch Paul & Peter Fritz AG, Zürich.

 

Ursula K. Le Guin (1929–2018) wurde als Ursula Kroeber im kalifornischen Berkeley geboren. Durch ihre Eltern, die Ethnologen Theodora und Alfred Kroeber, kam sie früh mit indigenen Kulturen und völkerkundlicher Feldforschung in Berührung. Zum großen Freundeskreis der Familie zählten Ishi, der letzte Überlebende vom Stamm der Yahi-Indianer, und Robert ­Oppenheimer, der »Vater der Atombombe«. Nach dem Studium der Romanistik heiratete sie den Historiker Charles Le Guin. Als Schriftstellerin wurde Ursula K. Le Guin 1968 durch den Auftakt der Erdsee-Reihe »Der Magier der Erdsee« bekannt. Ihre fiktive ethnografische Studie »Always Coming Home«, die die Lebensweise eines im Kalifornien der Zukunft beheimateten, niedrigtechnisierten indigenen Volks mit egalitärer Gesellschaftsordnung beschreibt, wurde 1985 für den Pulitzer-Preis nominiert. In ihren Science-Fiction- und Fantasy-Romanen sowie Gedichten und Essays verarbeitete Le Guin Erkenntnisse aus Anarchismus, Anthropologie, Feminismus sowie indigener und fernöstlicher Philo­sophie. In jahrzehntelanger Arbeit übertrug sie das »Daodejing« ins Englische. Am 22. Januar verstarb Ursula K. Le Guin. Sie hinterließ ihren Mann Charles und drei Kinder.
www.ursulakleguin.com

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