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Transatlantisches Bündnis

Das Teikei-Team erprobt solidarischen Fernhandel zwischen Mexiko und Europa.

von Lara Mallien , erschienen in 48/2018

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© Foto: teikeicoffee.org

»Wenn uns Leute fragen, was wir hier ­machen, antworte ich manchmal: Wir sind Kaffeebauern, die ihre Ernte mit ­einem Segelschiff an Freundinnen und Freunde in Europa schicken«, sagt Esteban Acosta Pereira. Er baut auf der mexikanischen Finca El Equimite in der Nähe von Xalapa Kaffee an. Während wir skypen, sitzt er in der Molkerei, denn dort ist es ­ruhig – vor seinem Büro wird gerade der Rasen gemäht. Auf El Equimite gibt es neben einer Kaffeeplantage auch eine gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft. Das Gemüse und die Milchprodukte gehen an Menschen aus der Region, die nach dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft zum Erhalt der Finca beitragen.
Esteban, 32, stammt aus Costa Rica. »Ich komme aus einer Bauernfamilie, die aber vor zwei Generationen in die Stadt gezogen ist«, erzählt er. »Als Jugendlicher wollte ich zurück zu meinen Wurzeln, interessierte mich für Biolandbau und machte eine Ausbildung auf einer bio­dynamischen Finca. Vor drei Jahren sah ich hier auf El Equimite die Chance, den Kaffeeanbau so zu gestalten, wie ich ihn mir erträumt habe – als biodynamische Wald-Landwirtschaft, die den größten Teil des dort wachsenden tropischen Regenwalds erhält, mit allerbestem Kompost und Präparaten.«
El Equimite versteht sich als Modellprojekt. Ein Schwerpunkt sind Weiterbildungen für Kaffeebauernfamilien aus der Region und ganz Mexiko. »Wenn du eine normale Finca besuchst, siehst du in aller Regel kränkelnde Pflanzen und Menschen, die ihre Arbeit krankmacht«, meint Esteban. »Hier erleben sie, wie alles gedeiht, und das ermutigt sie sehr, ihren eigenen Betrieb umzustellen. Ich glaube, dass positive Veränderung in der Welt in Zukunft stark von Bäuerinnen und Bauern ausgehen wird.«

Ernte und Risiko teilen
In den letzten 20 Jahren hat sich der Kaffeekonsum weltweit auf fast 10 Millionen Tonnen geröstete Bohnen mehr als verdoppelt. Der Anbau geschieht zum größten Teil in riesigen Monokultur-Plantagen, für die kostbarer Regenwald weichen musste. Der Boom der bequemen Kaffeekapseln mit ihrem horrenden Verbrauch an Aluminium erhöht den ökologischen Fußabdruck des Getränks weiter. Es erscheint illusionär, zu glauben, diese Fortsetzung des Kolonialismus im industriellen Maßstab ließe sich beenden, indem wir Kaffee vom billigen Sucht- wieder zum teuren Genussmittel machen würden. Wie in El Equimite, wo Kaffeepflanzen als Mischkultur neben Gemüse wachsen, sollte sich ihr Anbau mit regionaler Subsistenz verbinden. Esteban meint: »Du solltest keinen Kaffee trinken, um morgens wach zu werden, aber du solltest aufwachen und begreifen, was sich hinter einer Tasse Kaffee verbirgt!« Das dämpft meinen ursprünglichen Zweifel daran, ob ich überhaupt über ein Kaffee-Import-Projekt schrei­ben solle. Was mich aber letztlich für das Projekt einnimmt, ist nicht das Produkt Kaffee, sondern der ernsthafte Versuch, Fernhandel gemeinschaftsgetragen zu gestalten. So könnten auch Zitronen, Kurkuma oder Olivenöl ihren Weg in unsere Breiten finden.
Esteban ist Mitglied der Initiative »­Teikei« – japanisch für »Zusammenarbeit« oder »solidarische Landwirtschaft«. »Fair Trade und ökologischer Anbau können die Situation von Bäuerinnen und Bauern zwar verbessern, aber das Risiko einer Missernte bleibt noch immer auf ­deren Seite«, erklärt Hermann Pohlmann, der Gründer von Teikei. »Auch in der Biobranche wird wie üblich gewirtschaftet und für das Produkt bezahlt, statt die Arbeit des Anbaus gemeinschaftlich zu ­finanzieren und zu ermöglichen.«
»Als wir den Leuten von der benachbarten Kleinbauern-Finca Los Carilles erklärten, es gebe Leute, die Kaffeehandel so organisieren wollten, wie die Gärtnerei von El Equimite ihr Gemüse unter ihrem festen Abnehmerkreis verteilt, waren sie sehr skeptisch«, erzählt Esteban.Im Frühling 2017 kam aber eine bescheidene Bestellung von 500 Kilo Kaffee. Die Bauern sollten selbst den in ihren Augen »richtigen« Preis bestimmen. Wegen großer Nachfrage wurden im Lauf des Jahres 2000 Kilo nachbestellt. Vor allem die Aussicht, dass die nächste Lieferung diesen Mai mit dem Traditionssegler »Avontuur« gebracht wird, ließ das Interesse steigen.

Eine Wirtschaft des Ermöglichens
»Das war ein erster Schritt«, erklärt Hermann. »Wir sind noch lange nicht dort, wo wir hinwollen, nämlich nicht zum Kilopreis einzukaufen, sondern eine Finca zu erhalten. Ungefähr 600 Haushalte müssten ihren Jahreskaffeekonsum über eine Finca wie Los Carilles decken, dann wäre sie vollständig finanziert. Sollte die Ernte einmal nicht so gut ausfallen, dürfte das nicht weniger Geld für die Arbeit, sondern eben weniger Kaffee für alle bedeuten. Aber das haben wir noch nicht verwirklicht. Um einen niedrigschwelligen Einstieg zu ermöglichen, wird im Moment der Kaffee zu einem Fixpreis vorbestellt.«
Im Gespräch mit Hermann, seinem Mitstreiter Marlon Rommel, der Umweltwissenschaft studiert, und seinen Kollegen in Mexiko, Esteban und Diego Porras, der gerade die neue Kaffeefinca »Sol Nocturno« in der Nähe von El Equimite aufbaut, verstehe ich, dass Teikei herzlich wenig mit einem »normalen« Unternehmen zu tun hat. Es gibt keine Angestellten, sondern alle tun, was sie eben können. Niemand hat einen Masterplan, sondern alle träumen gemeinsam den Traum von Handelsbeziehungen, die vom Ermöglichen statt vom Verkaufen ausgehen. Darüber nachzudenken und nachzufühlen, ist für sie die derzeit wichtigste Arbeit.
»Teil dieses Projekts zu sein, heißt für mich, die Beziehungen, die normalerweise das Wirtschaftsleben prägen, radikal in Frage zu stellen – die Beziehung zu Produkten, Menschen und der Landschaft, in der ich als Landwirt tätig bin«, meint Diego. »Das fängt damit an, dass wir im Teikei-Team als ganz unterschiedliche Menschen ein gutes Miteinander gestalten. Wir beginnen etwas sehr Langfristiges und müssen auf dem Weg noch viele Türen und Herzen öffnen. Meine Aufgabe wird neben der internationalen Kommunikation vor allem darin liegen, neue Fincas für das Projekt zu gewinnen.« Esteban ist überzeugt: »In schwierigen Situationen wird das größte soziale Lernen stattfinden. Risiken gemeinsam zu tragen, ist die Kunst, um die es bei unserem Projekt geht, und dafür müssen alle bereit sein.«
Marlon hat in Lüneburg eine größere Gruppe von Menschen aufgebaut, die gemeinsam ihren Kaffeebedarf bei Teikei bestellen. Mit ihnen kann er diese Frage lebensnah diskutieren: Wären die Beteiligten in Zukunft bereit, weiterhin das gleiche zu bezahlen, wenn die Ernte geringer ausfiele? »In den verschiedenen Kreisen, aus denen Teikei besteht, brauchen wir Prinzipien – das gilt für Gruppen von Verbraucherinnen und Verbrauchern ebenso wie für das Organisationsteam«, erklärt er. »Am Schöpfungsprozess dieser Prinzipien sollen möglichst viele mitwirken können. Das ist nicht ganz leicht, wenn die Beteiligten über das ganze Land verstreut sind und zum Teil in Mexiko sitzen, aber die bisherige Entwicklung ermutigt mich.«

Soziale Handelskunst
Konkret geht es also um die Herausforderung, mit den bestehenden und sich neu formierenden Gruppen und Einzelnen, die ihren Jahreskaffeebedarf für 2018 und 2019 über Teikei bestellen wollen, in einen Beratungsprozess zu gehen und anschließend ein möglichst einfaches Organisationsmodell zu finden. Die Finanzierung des Kernteams ist ebenfalls Thema. »Glücklicherweise hat die ›Biostiftung Schweiz‹ kleine Grundeinkommen für Teikei in Mexiko und Deutschland in Aussicht gestellt«, freut sich Marlon. »Bald werden wir sie aus eigenem Umsatz aufbringen. Es gefällt mir, dass wir nicht über Arbeitsstunden und Entlohnung diskutieren, sondern darüber, was jeder Einzelne braucht.«
Teikei ist – das wird mir nach dem dritten Gespräch zunehmend klar – vor ­allem ein Kunstprojekt. Hermann Pohlmann wirkt seit den 1980er Jahren als Bildhauer und Performance-Künstler, seine Arbeit ist inspiriert von Joseph Beuys’ Konzept der Sozialen Plastik. »Als ich vor etwa zehn Jahren vom Prinzip der solidarischen Landwirtschaft erfuhr, dachte ich: So ein Projekt ist doch für sich genommen eine Soziale Skulptur, ein Übungsfeld, um Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit zu lernen!« Er engagierte sich 2008 für den Gärtnerhof »Entrup 119« in Münster, doch eine Schicksalswendung brachte ihn kurz darauf nach Brasilien. Dort etablierte er ein solidarisches Landwirtschaftsprojekt, das in den Aufbau eines landesweiten Netzwerks solcher Höfe mündete. Teikei ist die Konsequenz dieser Entwicklung.
Bei allen an Teikei Beteiligten, nicht nur bei Hermann, spüre ich die Bereitschaft, sich mit Haut und Haar in ein transformatives, soziales Kunstwerk zu begeben. Die Soziale Plastik ist hier kein abstraktes Konzept, sondern Lebenspraxis und scheint – langsam, aber stetig – ihr ­Potenzial zu entfalten.


Mehr zu Fincas, Schiff und Rösterei
www.teikeicoffee.org
Video über El Equimite: www.vimeo.com/253690828

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