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Gemeinschaffen im Paradies

Casa do Bento – wie ein Ferienhaus in Portugal zum Commons wird.

von Jaques Paysan , erschienen in 48/2018

Bild

© Foto: Jacques Paysan

Denke ich an Portugal, ergreift mich seit langem eine melancholische Sehnsucht, die ich nicht genau begründen kann. Die Portugiesen nennen dieses Gefühl »Saudade«. Es steckt an.
Im Sommer 1979 erreichten wir dieses sympathische Land zum ersten Mal an Bord eines klapprigen R4, den ich mit Ersatz­teilen vom Schrottplatz reisetauglich gezimmert hatte. Das grasgrüne Vehikel wurde von den Einheimischen bestaunt wie ein Ufo, denn damals war es längst nicht selbstverständlich, dass junge Leute aus »Alemanha« sich auf den schier endlosen Weg machten, um schließlich von Eukalyptusduft betört und vom Kopfsteinpflaster aufgerüttelt im Norden des Landes den Atlan­tischen Ozean zu erreichen. Der Tag unserer Ankunft schüchterte uns ziemlich ein. Es gab Stadtviertel, die an lateinamerikanische Favelas erinnerten. Straßenkinder umringten unser Auto und versuchten an allen Türen, einzusteigen. Am Meer waren alle Campingplätze überfüllt, und es war schwierig, sich zu verständigen. Schließlich fanden wir einen staubigen Stellplatz im Parque de Campismo da Madalena bei Porto, direkt am Strand.
Es stellte sich heraus, dass die meisten Camper auf diesem Platz keine Touristen, sondern Leute aus Porto waren, die im Sommer von dort aus morgens zur Arbeit fuhren. Viele waren Miteigentümer des Platzes. Gemeinsam bezahlten sie Wasser, Strom und den alten Don Alfredo, der die Mülleimer leerte und in der kleinen Bar »Bagaço« ausschenkte. Wir schlossen Freundschaft mit Paulo, der einer alteingesessenen Familie auf dem Platz angehörte. Er lud uns zum Familien­essen ein und stellte uns den Nachbarn vor. Nach Einbruch der Dunkelheit entzündeten wir am Strand ein Feuer, spielten Gitarre und diskutierten bis tief in die Nacht über die portugiesische Revolution und den deutschen Straßenbau. Die Abreise war schmerzhaft und tränenreich. Es war aber klar: Wir würden wiederkommen, denn auch wir waren jetzt dort zu Hause. – Sehr oft kamen wir nicht, denn es mehrten sich die Verpflichtungen, und das Geld war immer knapp für eine solche Reise. Die Sehnsucht aber blieb. Immer wieder träumte ich von einem Häuschen in Portugal, ohne je daran zu denken, diesen Traum tatsächlich zu verwirklichen. Mehr als dreißig Jahre sollten vergehen, bis ich Portugal und auch Paulo wiedersah. Auf einer Dienstreise verabredeten wir uns in der Lobby meines Hotels. Wir umarmten uns fassungslos, aßen gegrillten Seeteufel mit Vinho Verde im alten Fischerhafen Matosinhos. Wir erzählten uns unser Leben, zeigten Bilder von den mittlerweile erwachsenen Kindern und stellten fest, dass unsere Körper zwar gealtert und im Umfang gewachsen, unsere Augen aber die alten geblieben waren. Meine Liebe zu Portugal bekam frischen Wind. Aber ein Häuschen hier wäre mir nun wie ein politisch und ökologisch indiskutabler Snobismus erschienen. Wozu ein Haus an einem so entfernten Ort, nur um dort alle ein oder zwei Jahre für ein paar Tage in Nostalgie zu schwelgen? Kleinlaut knickten meine Träume vor der kühlen, schmucklosen Wand der Vernunft ein.
Ich begann aber, wieder öfter nach Portugal zu reisen, oft dienstlich und manchmal privat. Ich übernachtete in Hotels, die mich langweilten, oder in Apartments, die ich in der Sphäre der sogenannten Sharing-Economy im Internet buchte. Auch dort gelang es mir nicht, emotional anzuknüpfen. Die »geteilten« Wohnungen entpuppten sich als Geschäftsmodell, das der Gentrifizierung Vorschub leistete, denn es war rentabler, mir ein Zimmer für ein paar Tage zu vermieten, als einen Studenten auf Dauer zu beherbergen. Der Traum von einer zweiten Heimat in Portugal drohte zu erlöschen – und überlebte dann doch!

Nach alten Mustern neue Wurzeln schlagen
Wir fahren einen staubigen Feldweg entlang und stehen plötzlich zum ersten Mal vor dem weißen, leicht angerosteten Gartentor des »Casa do Bento«, unserem Haus im Alentejo. Dieser Landschaft im Süden Portugals fehlt es nicht an Farben, wie ­Saramago schreibt, »doch die Farben sind es nicht allein«. Wir, das sind Silke und ihre Tochter Clara, mein Sohn Nick und ich. Wir öffnen das Tor und entdecken ein Haus, das sich hinter Palmen, ­Brombeeren und einem Urwald duftender Malvenblüten verbirgt. Wir ­finden den Schlüssel an seinem Platz und treten ein in die reale Welt der Commons, die ich bisher nur aus dem Reich der Theorie kenne. Denn das Casa do Bento wird von einer Gruppe von Menschen gemeinsam getragen. Manche davon kennen sich, andere nicht. Schnell sind die Zimmer verteilt. Wir kaufen ein im Dorf ­nebenan, und während wir Männer die Küche inspizieren, ­suchen die Frauen in den Schubladen nach Bettbezügen.
»Wie ist das nun mit diesem Haus, wie funktioniert das?«, fragt Nick, als wir am Esstisch sitzen.
»Karl hat es von seiner Mutter geerbt«, erzählt Silke. »Es hängen Erinnerungen daran. Das Haus seiner Mutter zu verkaufen, kam für ihn nie in Frage, und vielleicht spielte er auch selbst mit dem Gedanken, hier einmal seinen Lebensabend zu verbringen. Aber so ein Haus zu pflegen und zu erhalten, ist aufwendig und teuer. Es als Ferienwohnung zu vermieten, war nicht nur schwierig, sondern entsprach auch nicht Karls Vorstellungen. Das Erbstück sollte ein Commons werden. So fing das vor fünf Jahren an. Er lud vertraute Menschen ein, und jede Person, die einmal hier war, konnte weitere einladen und dies der Gruppe mitteilen.«
»Ich kann also auch hier mitmachen?«, fragt Nick überrascht. »Klar«, lache ich. »Wenn du dich als vertrauenswürdig erweist!«
»Und was kostet das so?«, will Clara wissen – vermutlich träumt sie schon insgeheim von Urlaub mit ihren Freundinnen.
»Wenn du Teil der Gruppe bist und dich aktiv beteiligst, kostet der Aufenthalt hier nichts. Du kannst zwei Tage bleiben oder zehn, zwei Wochen oder einen Monat. Es ist wie bei der solidarischen Landwirtschaft: Alle Beteiligten tragen gemeinsam die laufenden Kosten, wobei jedem freigestellt bleibt, wieviel er beitragen kann und will.«
»Echt jetzt?«, staunt Nick.
»Na ja«, schiebt Silke nach, »am Anfang des Jahres schickt Karl einen Finanzplan herum, der auf den Erfahrungen vorheriger Jahre basiert. In einer bestimmten Frist können dann alle Mitglieder beitragen, so viel sie wollen und können, egal, ob sie das Haus im entsprechenden Jahr tatsächlich nutzen oder nicht. Sie unterstützen einfach die Existenz des Projekts. Wer wann im Haus sein wird, sprechen alle untereinander ab. Die Terminplanung ist allen zugänglich. Wenn man Glück hat, sind andere gleichzeitig dort. Man kann gemeinsam Ausflüge unternehmen, kochen, am Haus und im Garten werkeln oder nachts auf der Terrasse über die Unendlichkeit des Universums philosophieren.«

Spuren lesen und hinterlassen
Das Haus wirkt verlassen und bewohnt zugleich. Überall finden sich Spuren anderer und auch Spuren des Lebens der Mutter von Karl. Es gibt ein Heft, in dem man anstehende Arbeiten nachlesen oder eintragen kann. Wir finden Zettel mit nützlichen Informatio­nen und Beschriftungen an allen (!) Schubladen und Türen. Auf einen Schwamm hat jemand »BAD« geschrieben, auf ein Holzbrettchen »Knoblauch«. »Das nennt sich ›Stigmergie‹«, erklärt uns Silke. »Sie ist ein wichtiges Prinzip der Kommunikation in selbstorganisierenden Systemen. Da wir nicht direkt kommunizieren können, wenn die anderen nicht gleichzeitig mit uns hier sind, hinterlassen wir ›Spuren‹ – so wie die Ameisen mit Pheromonen den anderen den richtigen Weg signalisieren.« Während einer Erkundung des Grundstücks begrüßt uns die Nachbarin mit Tomaten vom eigenen Feld. Es zeigt sich später, dass dies die Einladung zu einem wichtigen Gespräch ist.
Derweil verbringen wir schöne Tage im Casa do Bento. Manchmal fahren wir zum Strand, unternehmen Ausflüge ins Landesinnere und bewundern die Schönheit der Korkeichenwälder. Dabei schließen wir Bekanntschaft mit alten Frauen, die die Rinde der Eichen ernten und uns von ihrem harten Leben im Alentejo erzählen. Wir machen Urlaub und kümmern uns um das Haus. Im Garten schneiden wir die Brombeeren zurück und mähen Gras mit der Sense. Silke unterhält sich über den Zaun mit der Nachbarin zunächst über deren Tomaten, doch die Frau lenkt das Gespräch bald auf etwas anderes: Das Grundstück grenzt an einen Bach, zu dessen Reinhaltung man als Eigentümer gesetzlich verpflichtet sei. Es gäbe da so ein Schreiben vom Ministerium. – Der Gang zum Bach offenbart, dass selbiger vollkommen zugewachsen ist. Inzwischen sind neue Projektmitglieder angereist; sie werden eingeweiht, und wir schmieden einen Plan. Die Nachbarin hilft uns, im Dorf einen Bauern mit Traktor ausfindig zu machen, der das Problem für uns lösen kann. Auf die Idee, es könnte nicht unser Problem sein, kommen wir nicht. Wir fühlen uns für das Haus verantwortlich, als wäre es unseres, auch wenn das – juristisch betrachtet – nicht stimmt.
»Wie kannst du sicher sein, dass Karl uns nicht dafür benutzt, das Haus in Schuss zu bringen, um es anschließend zu verkaufen?«, fragt mich Nick auf der Rückfahrt. Die Antwort fällt mir nicht wirklich schwer: »Ich vertraue ihm!«
Diesmal wird es keine dreißig Jahre dauern, bis ich wieder nach Portugal komme, denn ich habe ein Stück Verantwortung für ein Projekt übernommen, das mir im Gegenzug erlaubt, dort emotionale Wurzeln zu schlagen. Bis zur nächsten Fahrt werden wir uns mit den anderen Commonern treffen und diskutieren, wohin es mit dem Casa do Bento langfristig gehen soll, wie wir mittelfristig dafür sorgen, dass es auf Dauer gemeinschaftsgetragen bleibt, und wie mein Gefühl, Miteigentümer zu sein, obwohl ich dies gar nicht bin, eine geeignete Organisationsform findet. Ich bin gespannt, was die Debatten bringen.
Und mein Sohn? Er ist inzwischen begeisterter Commoner im Casa do Bento. Von seinem letzten Aufenthalt dort mit zwei Kolleginnen schickte er uns ein Selfie: »Wir, beim Streichen unseres Terrassengeländers!« Saudade ist ansteckend. Commoning auch.


Jacques Paysan (59), Biologe, ist beruflich viel auf Reisen. Wurzeln schlägt er bei der gemeinsamen Restauration eines uralten Fachwerkhauses mit Silke Helfrich, die ihn in Commons-Fragen berät.

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