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Wie bin ich gemeint?

Fünf Menschen suchen eine Lebensweise, bei der sie Arbeit nicht als Zwang emp nden.

von Andrea Vetter , Anja Humburg , Lara Mallien , Maria König , erschienen in 48/2018

Montagmorgen, das Quietschen des Gara­gentors, Gedanken an Terminkoordination. Die Frage, was jetzt das »Richtige« zu tun wäre – vielleicht, sich um die kranke Nachbarin zu kümmern oder nachdenklich spazierenzugehen –, darf gar nicht erst aufkommen. Erwerbsarbeit erlaubt in aller Regel keine organische Entwicklung des Tätigseins über längere Zeitbögen hinweg. In den folgenden fünf Erzählungen schildern Menschen, wie sie selbst begonnen haben, ein »normales« Berufsleben, das sie als entfremdend empfanden, in Frage zu stellen und das für sie Naheliegende zu tun. Sie alle verbindet, dass sie sich auf den Weg gemacht haben, Umstände zu hinterfragen und zu verändern, um in die Welt bringen zu können, wie sie im eigentlichen Sinn »gemeint« sind.
Die unterschiedlichen Geschichten ­erreichen in ihrem Verlauf jeweils eine im wahren Sinn des Worts »Not-wendige« Schwelle. An ein Weitermachen wie bisher war nicht zu denken. Bei den einen entwickelte sich eine ernste Krise, bei den anderen reichte die Vorausahnung, in welche Zwänge die bisherigen Bahnen führen würden, um sich umzuorientieren. In »Notwendigkeit« steckt auch das Wendige – in die Geschichten kommt nach der Schwelle eine erstaun­liche Beweglichkeit.
Menschen, die vorgebahnte Wege verlassen, fallen aus dem Raster der gesellschaftlichen Normalität. Die Frage »Was machst du?«, die wir uns beim Kennenlernen stellen, zielt fast immer auf die beruflichen Qualifikationen und die Erwerbstätigkeit. Wer dann wie Jola Drews mit »Ich lebe.« antwortet, sieht Fragezeichen im Gesicht des Gegenübers.
Die Menschen, die hier zu Wort kommen, führen kein Leben fern jeglicher gesellschaftlicher Institutionen, aber sie haben einen Prozess durchlaufen, in dessen Verlauf sie sich an einem essenziellen Punkt unabhängig gemacht haben. Ihre Entscheidungen für mehr oder weniger Sicher­heit, für Selbständigkeit oder gegen eine Ausbildung empfinden sie als selbstbestimmt. Aber wird uns nicht in der Multioptionsgesellschaft, in der Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung propagiert werden wie nie zuvor, permanent vermittelt, alle Menschen seien »frei«, sich selbst ihren passenden Lebensweg zu zimmern? Sicherlich, man müsse für mehr Chancengleichheit sorgen, aber ansonsten gäbe es doch für jede und jeden jegliche Freiheiten.
Die folgenden Seiten umkreisen auch diese Ambivalenz. Wo liegen die Schwellen, an denen Menschen die Umstände und Rollen, die sie für sich als lebensfeindlich erkennen, verlassen, und wo verlieren sie Halt und erleben sich als schwebend im Ungewissen ohne einen Pfad in die Zukunft? In fast allen Geschichten kommt das Gefühl des freien Falls, von Einsamkeit und existenzieller Angst zur Sprache. Es scheint wichtig zu sein, diesen Zustand des Nicht-Wissens-und-nicht-Könnens auszuhalten, denn darin findet sich eine Qualität, die erlaubt, etwas in einem selbst sterben zu lassen, etwas sein zu lassen – und jenseits aller gesellschaftlichen Erwartungen etwas »Eigenes« zu finden.
Erstaunlicherweise ist dieser Prozess etwas ganz anderes als Selbstverwirklichung im Sinn von Selbstoptimierung. Im Wesen des Eigenen liegt, dass es sich der Welt zueignen möchte – es bildet sich in einer Mischung aus Freiheit und Verbundenheit mit anderen und anderem (siehe »eigen, hiesig und gemein« auf Seite 53). Das Sein oder das Tätigsein, das aus dem Eigenen entsteht, widmet sich ganz selbstverständlich dem Ausdruck der eigenen Fähigkeiten und Kreativität ebenso wie dem Notwendigen und Naheliegenden, was auch immer das gerade sein mag.
Auf die Zeit des freien Falls folgt in den Geschichten eine Zeit der Wiedereinbettung des eigenen Tätigseins – verbindlich, in frei gewählte Kontexte. Daraus entsteht ein Tätigsein in Bezogenheit, bezogen auf die Menschen und die mehr-als-menschliche Welt, in der wir leben. In der Verbundenheit mit dem Eigenen ist es schlichtweg nicht mehr möglich, Teil von entfremdeten Arbeitsabläufen, abstrakten Umsatzzielen und durchgetakteten Zeitplänen zu sein. Das Eigene kommt durch eine Geste des Gebens in die Welt – das beißt sich mit der Tauschlogik, die das gesamte heutige Wirtschaftsleben durchzieht, und so gibt es bei »eigenen« Lebensgeschichten fast immer Konflikte rund um die Frage nach Finanzierung.
Für solche eigenen Lebensgeschichten trifft zu, was Ivan Illich über den Lebenskünstler im Vergleich mit dem Kunstproduzenten schrieb. Was er über Kunst sagt, lässt sich auf jede Art menschlicher Tätig­keit anwenden. Lebenskunst schöpfe sich aus der Lebenswirklichkeit der Menschen, dort, wo sie tun, tätig sind, leben, mit sich und dem, was um sie ist, interagieren. »Genau das Gegenteil trifft auf den Kunstproduzenten zu: Um sich als Produzent von Kunst zu verstehen, muss er sein Produkt anderen Produkten, die Nicht-Kunst sind, gegenüberstellen.« Damit trenne der Kunstproduzent den Entstehungs­prozess von Kunst aus dem »Lebensganzen« heraus, anstatt ihn als Teil des Ganzen zu sehen. Er gebe ihm oder eben allem menschlichen Tätigsein einen vergleichenden Wert und mache Kunst und den Produktionsprozess von Kunst zu etwas Begrenztem und damit etwas Knappem. Illich schreibt treffend: »Für eine Welt von Lebenskünstlern kann Kunst nicht knapp sein, weil das Schaffen von Kunst nicht vom Leben getrennt ist.«
Die Menschen auf den folgenden Seiten erzählen von den Schritten hin zu einem Leben, das wirklich ihr eigenes ist. Sind es Schritte nach »vorne«? Wenn wir uns vom Konzept eines »Lebensziels«, auf das die Menschen von Anfang an hin­arbeiten sollen, verabschieden, führen die Schritte eher in die Tiefe – bis auf den Grund dessen, wo sich die Fragen nach Lebenssinn und Erfüllung mit dem Wunsch nach Eingebundensein und einem gemeinsinnstiftenden Wirken in der Welt begegnen. In dieser Tiefe liegen Mut zur Konsequenz, Geduld und letztlich Demut. Wenn ich lebe, wie ich wirklich gemeint bin, hebt sich das ­Getrennt-Sein, das Vergleichende, das Bewer­tende auf.
Was, so mag sich manche und mancher fragen, hat das mit mir zu tun? Was, wenn ich mich in meiner sogenannten abhängigen Beschäftigung gerade wohlfühle und sie auch essenziell brauche, um meine Familie zu ernähren? – Wir möchten kein Aussteiger-Ideal stilisieren, sondern zu individuellen ­Wegen ermutigen, die sich an nichts anderem orientieren als an der eigenen Wirklichkeit, die freilich nicht unverbunden mit der Wirklichkeit der Welt sein kann. Aber wenn ich mich nicht traue, jetzt ein gesamtes Lebenskunstwerk zu entwerfen, wo wäre ein möglicher Raum für zaghafte erste Pinselstriche?
Mögen die folgenden Geschichten inspirieren, bestätigen oder Zweifel und ein Hinterfragen des eigenen Tuns hervorrufen – wir freuen uns auf Austausch über mitdenken@oya-online.de, um einen Dialog über die Frage nach Freiraum für eigene Wege zu beginnen!

 

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Rasterlos

Andrea Rudigkeit sieht ein Berufsfeld vor sich, für das es keine Bezeichnung gibt.
Aufgezeichnet von Lara Mallien

In meiner Ausbildung zur Krankenschwester wurde mir erklärt, wie wichtig es sei, den Menschen ganzheitlich zu fördern und ihn mit all seinen Ressourcen zu sehen. In der Krankenhaus-Realität war dafür aber leider keine Zeit. Nach einigen ernüchternden Jahren in der Herzchirurgie waren meine anfangs noch leuchtenden Augen erloschen, und ich suchte nach einem Ausweg. In der Hoffnung, dass dort mehr Raum sei, sich den Menschen auf heilsame Weise zu widmen, wechselte ich auf eine psychotherapeutische Station.
Als ich mit der Arbeit anfing, ging dieser Wunsch in Erfüllung, denn unsere Station war gut besetzt. Über die Jahre hinweg schrumpfte die Zahl der Belegschaft aber deutlich. Oft war ich auf der Station alleine. Bald habe ich nur noch auf meine freien Tage hingearbeitet, aber sie waren kaum planbar, denn ich musste dauernd für kranke Kolleginnen und Kollegen einspringen. Wer nicht bereit war, jederzeit auszuhelfen, bekam von der Stationsleitung freundlich, aber unmissverständlich zu verstehen, dass die Wünsche nach bestimmten freien Tagen nicht berücksichtigt werden könnten. All das erzeugte im Kollegium eine angespannte Stimmung. Nach fünf Jahren begann ich mich täglich zu fragen: Will ich bis ans Ende meines Lebens in dieser Maschinerie ­gefangen bleiben? Meinen Patienten riet ich: »Nimm deine eigenen Bedürfnisse wahr!« Aber wie stand es um meine? Nach drei weiteren Jahren zog ich schließlich die Reißleine und ließ ich mich dauerhaft krankschreiben.
Die ersten vier Wochen waren sehr entlastend. Aus meinem Umfeld kamen aber bald die typischen Fragen: »Was machst du jetzt? Du musst doch wieder Geld verdienen? Wohin willst du eigentlich in Zukunft?« Ich bin im traditionellen Sicherheitsdenken erzogen worden, und so gehen mir solche Forderungen unter die Haut. Dabei habe ich großes Vertrauen ins Leben und fand es völlig in Ordnung, diese Fragen im Moment nicht beantworten zu können. Ich wollte zuerst wieder ein ­Gefühl für mich selbst entwickeln.
Mit Hilfe meiner Therapeutin versuchte ich, bei der Rentenversicherung durchzusetzen, aus gesundheitlichen Gründen nicht wieder in meinen alten Beruf zurückgehen zu müssen. Für solche Menschen gibt es Umschulungsprogramme unter dem Motto »Teilhabe am Arbeitsleben«. Bis dies nach einem Widerspruch genehmigt wurde, vergingen eineinhalb Jahre, geprägt von Unsicherheit und Bürokratie. Trotzdem war es eine gute Zeit, denn ich entschied mich für eine selbstfinanzierte Ausbildung zum Kinder- und Jugendcoach und zur Potenzialtrainerin – ohne darüber nachzudenken, ob ich dieses Wissen jemals in eine bezahlte Arbeit einbringen würde. Kinder- und Jugendcoaching unterstützt junge Menschen, die mit dem Leistungsdruck der Schule nicht zurechtkommen – nicht, damit perfekte Schülerinnen und Schüler aus ihnen werden, sondern um die eigenen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Zukunftswünsche zu erkunden. So eine Begleitung hätte ich mir als Jugendliche gewünscht. Ich war hochmotiviert, in diesem Bereich weiterzuarbeiten.
Schließlich akzeptierte die Renten­versicherung meinen Antrag, steckte zugleich aber eine entscheidende Grenze: Mein Krankheitsbild ergebe, dass ich keinen therapeutischen oder pädagogischen ­Beruf mehr ausüben dürfe. Ich traute meinen Augen nicht, als ich das Kreuz auf dem Formular sah, das diese Definition vornahm. Gesetzt hatte es eine Person an einem Schreibtisch in Berlin, die nie mit mir gesprochen hatte! Mein ganzes Leben ging doch bisher in Richtung von therapeutischer oder pädagogischer Arbeit! Genau dort spürte ich meine Fähigkeiten. Ich protestierte und konnte endlich durchsetzen, nun doch im Bereich Prävention tätig werden zu dürfen. Aber wo und wie?
Mir schwebt eine Arbeit vor, für die es keinen Titel gibt. Das Arbeitsamt möchte von mir jedoch eine klare Aussage, wie: »Ja, ich möchte Präventionstrainerin werden!« Aber so klar ist das nicht.
Ich kann mir vieles vorstellen, zum Beispiel in einem Seminarhaus Gästebetreuung, Koordination und auch Hausmeisterei zu übernehmen, denn ich arbeite gerne handwerklich. So würde ich für einen Ort sorgen, an dem Menschen inneres Wachstum erfahren. Aber auch Coaching oder Kinder- und Jugendarbeit käme in Frage. Oft fühle ich mich auf meiner Suche wie im freien Fall. Wer mich unterstützt, sind die Menschen in meiner Wohngemeinschaft, die selbst unkonventionelle Wege gehen. Ich möchte noch mehr Menschen kennenlernen, die nicht vor allem an Sicher­heit denken, sondern aus einer inne­ren Freiheit heraus ihre Fähigkeiten in die Welt einbringen. Dafür könnte ich auch auf Wanderschaft gehen, viele Orte besuchen und für Kost und Logis arbeiten. Vielleicht finde ich auf diese Weise den Platz, an dem ich wirklich gebraucht werde. ­

 

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Massagezeiten

Franziska Brockdorff fand eine Art, zu arbeiten, mit der sie Geben und Nehmen ins Gleichgewicht bringt.
Aufgezeichnet von Anja Humburg

In meinem ersten Beruf war ich Architektin. Mehrere Jahre habe ich in Büros gearbeitet und mich damit zunehmend unwohl gefühlt. Ich fasste die Entscheidung, auszusteigen, und wurde Masseurin. Die Freiheit, genau das zu tun, was ich wollte, war toll. Allerdings wurde das Arbeiten zu einer existentiellen Frage. Als ich anfing, selbständig zu sein, spürte ich großen Druck, mit den Massagen Geld verdienen zu müssen, und ich war besorgt, dass meine Massagen nicht gut genug sein würden, weil mir noch die Erfahrung fehlte. Das nahm mir die Freude an der Arbeit. In der Anfangszeit habe ich mich verausgabt. Ich massierte viel, auch um zu üben – schließlich freuen sich viele über eine Massage. Manchmal habe ich die Massagen auch verschenkt. Dann habe ich mich gefragt, ob ich das wirklich will oder ob ich so viel massiere, weil ich denke, dass ich ganz viel geben möchte. Seit anderthalb Jahren habe ich nun eine Teilzeitstelle in einer anthroposophischen Klinik in Berlin. Seitdem kann ich durchatmen und habe mehr Sicherheit. Dort verdiene ich nicht viel, aber es ist eine Grundlage, um außerdem selbständig als Masseurin zu arbeiten. In der Klinik zu sein, führt wieder ein wenig dazu, dass ich »funktio­niere«. Aber trotzdem ist es anders als im Büro. Obwohl die Klinik wieder ein großes System ist, in das ich als Lohnempfängerin hineingeraten bin, leide ich heute nicht darunter. Jetzt habe ich den finanziellen Druck nicht mehr. Das Besondere an meiner Tätigkeit im Krankenhaus ist, dass ich dort in so einem riesigen Betrieb arbeite und es sich trotzdem so anfühlt wie meine ganz eigene Sache, auch wenn ich mich in bestimmte Anforderungen einfügen muss.
In meiner selbständigen Arbeit fühle ich mich wirklich frei. Ich kann mich auf meine Aufgabe einlassen, weil ich damit kein Geld verdienen muss. So ist es stimmig. Ich fühle mich da zu Hause und habe immer wieder Lust, noch mehr in das Massieren einzutauchen.
Im Kleinen massiere ich gelegentlich auch zum Tausch. Zum Beispiel habe ich eine Bekannte, die mir die Haare schneidet, und ich massiere sie. Das finde ich schön. Manchmal merke ich, dass ich dann rechne. Verausgabe ich mich? Müsste ich mich dem Menschen anders oder länger widmen? Das finde ich ein bisschen schade. Es ist für mich ungewohnt, etwas zu geben oder zu nehmen, ohne etwas gegenzurechnen.
Ich bin froh, dass ich mit dem Massieren eine Tätigkeit ausübe, die ich so einfach von Mensch zu Mensch geben kann. Es ist nichts, was viele unbedingt brauchen, aber es tut gut. Brotbacken oder etwas richtig gut bauen zu können, wäre noch alltagstauglicher. In Zukunft möchte ich das noch weiter ausprobieren und mehr auf die Suche zu gehen – auch mit Oya. Als die Frage aufkam, wie sich Oya weiterfinanziert, habe ich gemerkt: Ich möchte etwas geben und großzügig sein – und gleichzeitig gibt es bei mir eine Unsicherheit, wie viel ich geben will und wie viel ich für mich behalten will. Mir ist klar geworden, dass ich ausprobieren und lernen möchte, etwas voll und mit Freude annehmen zu können. Vielleicht kann ich erst dann freier geben, ohne immer gegenrechnen zu müssen. Vielleicht aber erforsche ich zunächst im Kleinen, wie es ist, darauf zu vertrauen, dass diese Bewegung oder Balance von ­Geben und Nehmen von alleine geschieht – also auch ohne einen bestimmten Rahmen, ohne einen organisierten, geplanten Tausch.

www.franziska-brockdorff.de

 

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© Foto: Kathalin Laser

Zusammen Vertrauen wiederfinden

Manuela Bosch erfüllte sich mit Hilfe einer gemeinschaftlich getragenen Finanzierung den Traum von einer Ausbildung in New York.
Aufgezeichnet von Andrea Vetter

Ich habe aus praktischen Gründen Betriebswirtschaft an einer Fachhochschule in der Region studiert. Anschließend bin ich nach Berlin gegangen und mit meiner Ausbildung in der Werbung gelandet: Es gab dort viele Frauen in spannenden Positionen, ganz anders, als ich es gewohnt war. Aber dann war ich zweimal dem Burnout nahe. In dieser Zeit hat ein Freund bei mir überwintert, der kein Einkommen hatte, auch nichts dafür tat, dies zu ändern, und trotzdem irgendwie durchgekommen ist. Dadurch habe ich gesehen: Es gibt noch ganz andere Möglichkeiten. Ich kann aussteigen, auch wenn ich es nicht genauso machen würde wie er.
Nach einer Weile habe ich mich als freie Beraterin und Gruppencoach selbständig gemacht. Ich arbeitete ähnlich wie zuvor in der Werbung, aber nun ging es um die kreativen, sozialen, transformativen Ideen in meinem Netzwerk – die wollte ich unterstützen. Bald merkte ich: Die vielen Methoden, die ich aus der Werbung kannte, funktionierten nicht mehr. Ich habe anfangs wie wild in verschiedenen Projekten mitgearbeitet, und es fiel mir sehr schwer, Grenzen zu ziehen. Über weite Strecken hat es, auch finanziell gesehen, nicht gereicht. Ich denke, das Finanzielle ist oft ein Spiegel, der uns zeigt, dass noch etwas verändert werden will. Das kann auch heißen, anders über Geld zu denken. Je mehr ich mich mit mir selbst und der Erde verbunden habe – etwa in schamanischer Arbeit –, umso deutlicher habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, nur das zu tun, was ich für wirklich sinnvoll halte. Aber im Außen aufzuholen, was im Inneren passiert ist, das braucht Zeit. Sieben Jahre habe ich so als Freiberuflerin gearbeitet. Jetzt bin ich bei einer Genossenschaft namens »SMartDe«, einer Plattform für krea­tive Freiberufler, angestellt. Ich arbeite nach wie vor selbstbestimmt, rechne aber über die Genossenschaft ab. Dadurch bin ich auch wieder renten- und arbeitslosenversichert.
Vieles davon, wie ich mein Leben führe, ist von Dragon Dreaming inspiriert. In dieser Methode gibt es den Grundsatz »Projekte scheitern nie am Geld, sondern an mangelndem Einsatz«. Bei einer Visionssuche ist mir klargeworden, dass ich ein Crowdfunding für meine Ausbildung in Social Presencing, eine Körper- und Bewusstseinspraxis, um Veränderungsprozesse zu unterstützen, an einem Theater in New York starten will. Mit meinem Vorhaben bin ich also an die Öffentlichkeit gegangen. Das war anstrengend und zugleich transformierend. Nicht alle haben mit Verständnis reagiert: »Was, du willst, dass andere Leute deinen New-York-Trip finanzieren? Wie kommst du dazu?« Aber es hat geklappt.
Durch mein Selbstexperiment, in den USA mit wenig Geld in einigen der teuersten Städte der Erde zu leben und zu lernen, habe ich herausgefunden, dass mir nichts passieren kann, wenn ich meinem Herzen folge. Ich werde immer ein Haus und Essen haben. Es wird immer für mich gesorgt sein – auch in guter Qualität. Aber es kann sein, dass ich bis zum letzten Moment darauf warten muss. Das hat ganz viel mit tiefem Vertrauen zu tun – und es ist auch ganz schön viel Arbeit, dieses Vertrauen wiederzufinden.
Heute weiß ich, dass ich nicht mehr alleine arbeiten will, sondern in einer Gemeinschaft, die Werte teilt und diese auch weiterentwickelt – und das ist es, was ich die letzten zweieinhalb Jahre mit dem Beratungsnetzwerk »Vanilla Way« gemacht habe. Dort bin ich gefordert, immer wieder neu den Balanceakt zwischen Vorangehen und Raumhalten zu verstehen und meine Rolle als Visionsnährerin zu akzeptieren, aber sie auch nicht zu wichtig zu nehmen.
Wenn ich mich heute wegen des Geldes unsicher fühle, dann ist es gut, wenn ich einfach mal rechne. Ich beschäftige mich immer lieber mit Excel-Tabellen und nutze meinen Betriebswirtschafts-Hintergrund – nur um eine bewusste Entscheidung auf Basis von Zahlen zu treffen.
Ich verstehe heute auch immer besser, wie ich eigentlich funktioniere. Was für mich gilt – so abenteuerlich von der Hand in den Mund zu leben und bis zur letzten Minute zu vertrauen –, ist nicht für jede und jeden etwas. So läuft es bei mir. Für andere ist das vielleicht ganz anders.

www.manuelabosch.de
www.vanillaway.net

 

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© Foto: Milli Leibfarth

Im freien Fluss mit den eigenen Gaben

Ein »beziehungsvolles Schenkeinkommen« erlaubt es Pierre Lischke, nach den eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen zu handeln.
Aufgezeichnet von Maria König

Neben dem ernüchternden Uni-Alltag in den Erziehungswissenschaften organisierte ich mit ein paar Leuten unter dem Namen »kreidestaub« eine Reise zu sechs außergewöhnlichen Schulen. Wir sprachen mit inspirierenden Schulleiterinnen, hospitierten im Unterricht, stellten Fragen, reflektierten anschließend das Erlebte und entwickelten daraus unsere weiteren Fragen. In den folgenden Semestern konnten wir unsere Lernreise als Projekt-Tutorium an der Humboldt-Universität in Berlin etablieren. Wir gestalteten Seminare, in denen Studierende ihre eigene Lernreise organisierten, und unterstützten andere dabei, es uns nachzumachen. Mit der Zeit merkte ich aber, wie in mir das Interesse an diesem Projekt und auch an den Themen Schule und Lehrerbildung zu sterben begann. Als unser Team auf zwölf Personen angewachsen war, wusste ich, dass ich jetzt gehen durfte und das Projekt ohne mich gedeihen würde.
Ohne die Lernreisen stellte sich mir die Frage, wie ich mich finanzieren würde. Was ich geben konnte und wollte, waren Poesie und Geschichten sowie Vorträge und Workshops zum eigenen Herzensweg und »Lebenswirbeln«, einer von mir entwickelten Alternative zu Lebensläufen (siehe Oya 43). In Kategorien wie »Löhnen« und »Verträgen« wollte ich dabei nicht denken. Andererseits fühlten sich auch Überlegungen zu geldfreiem Leben oder einem Grundeinkommen durch Crowdfunding nicht stimmig an. Schließlich fand ich für mich die Form eines »beziehungsvollen Schenkeinkommens«: Ich verschenke Workshops oder Kunst, und Menschen schenken mir selbstbestimmt einmalig oder mehrmals Geld. Wichtig war mir dabei, dass ich wirklich mit den Menschen in Beziehung trat.
Ich brauchte eine Weile, bis ich nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Körper und der Seele begriffen hatte, worauf ich mich einließ. Niemand in meinem Umfeld ging so einen Weg. Ich würde damit ganz anders in der Welt stehen als bisher. Daher entschied ich mich, bei einer Selbsthochzeit im November 2016, zu der ich Freunde und Wegbegleiter eingeladen hatte, ein Übergangsritual zu gestalten. Im ersten Teil ließ ich mich von den Gästen fragen, wofür ich dankbar sei. Damit wollte ich das Empfinden in mir festigen, dass ich schon immer beschenkt wurde. Im zweiten Teil fragte ich die Versammelten: Inwieweit war ich schon ein Geschenk für euch? Besonders der zweite Teil war sehr berührend, und ich hatte das Gefühl von etwas Unverrückbarem in meinem Dasein, selbst wenn ich nicht im klassischen Sinn arbeitete. Darauf wollte ich vertrauen.
Ich erzählte den Menschen von meinem Finanzierungsmodell und versicherte ihnen, dass ich auch Einladungen folgen würde, wenn es dafür kein Geld gäbe. Ich traf in den folgenden Monaten viele Menschen, die sich darauf einlassen konnten. Fast immer war mein Kontostand bei null, aber oft, wenn ich mich für etwas Konkretes entschieden hatte, wofür ich Geld brauchte, kam zwei bis drei Tage später die erforderliche Summe zusammen. Das war fast eine spirituelle Erfahrung.
Anfangs konnte ich so meinen monatlichen Bedarf von 500 Euro decken. Dann pendelte sich mein Schenkeinkommen bei 150 bis 200 Euro ein. Dass damit immer die 350 Euro für die Miete fehlten, nahm ich als Zeichen, meine Wohnung vorerst aufzugeben und mit den Workshops umherzureisen – das war im März 2017.
Schon mit dem Abschied von den Lernreisen hatte eine große Phase des Loslassens begonnen, die sich mit der Entscheidung für ein nomadisches ­Leben noch intensivierte. Ich verließ meine Wohnung, meine Stadt und meine Liebesbeziehung. Dieses Leben im freien Fluss war und ist nicht einfach. Manchmal begegne ich Skepsis, habe Zweifel, fühle mich schwach und war vor allem anfangs mit Gefühlen von Einsamkeit konfrontiert.
In meinem jetzigen Leben muss ich nicht unterscheiden zwischen dem, was man als Beruf ausüben darf, was in die Kategorie Hobby gehört und was man unter Freunden macht. Ich muss nichts tun, was finanziell etwas bringen muss. Stattdessen kann ich mich auf eine Haltung des Hinhörens einlassen. Was wird von einem Ort oder Projekt gebraucht, das ich geben kann? Dabei sind meine Gaben nicht mehr fest umrissen, sondern entsprechen eher einem gewissen Spektrum, aus dem ich schöpfen kann. Einmal wollte ich mit einer Freundin ins Museum gehen, als klar wurde, dass Freunde von ihr gerade eine Moderation in einer Konfliktsituation brauchten. In Lingen saß ich in einem Sessel und wusste plötzlich: Hier möchte ich eine Lesung veranstalten! Und wenn bei Konferenzen nichts Konkretes gewünscht ist, lasse ich die Beschreibung eines Vortrags vage und entscheide spontan, was gerade passt. Dabei entsteht oft überwältigende Resonanz.
Dann begegnete ich jemandem, der viel Geld besitzt und dieses auf nährende Weise in der Welt einsetzen möchte. Von ihm erhalte ich derzeit ein beziehungsvolles Grundeinkommen, mit dem wir beide sehr bewusst umgehen. In diesem Jahr werde ich das Dasein mit Schenkeinkommen vorerst beenden.

www.pierrelischke.de

 

Lehrerin zu sein, ist eher ein Zustand

Jola Drews entschied sich gegen eine formelle ­Ausbildung und findet nach Zeit voller Aktivismus ihren Weg vom Tun zum Sein.
Aufgezeichnet von Lara Mallien

Als ich ins Grundschulalter kam, zog meine Familie in ein Dorf mit großen Backsteinhöfen in Schleswig-Holstein. Der Traum meiner Eltern war es, Bauernhof, Schule und Kindergarten zu verbinden. Die Schulgründungsinitiative hatte viel Dynamik, ist aber letztlich gescheitert. Meine Eltern waren bis zum Schluss, als es schon ganz hoffnungslos war, noch involviert.
Wir hatten dann einen recht weiten Schulweg in die nächste Waldorfschule. Meine beiden jüngeren Brüder fahren ihn heute noch. Ich glaube, wir Schwestern haben ihnen an der Schule ein schweres Erbe hinterlassen, denn wir haben ausgesprochen, was uns nicht gefiel: das ewige Stillsitzen und Leisesein, das Autoritäts­gefälle zwischen Schülerschaft und Lehrkräften. Je älter wir wurden, umso mehr wuchs unsere Überzeugung, dass nicht wir das Problem waren, sondern das Schulsystem. Kürzlich habe ich beim Aufräumen Bilder entdeckt, die meine Schwester und ich im Grundschulalter gemalt hatten – Träume von Orten, wo Menschen mitein­ander lernen. Damals nannten wir sie »Kindergärten«, weil wir Erzieherinnen werden wollten. Doch es waren eigentlich Gemeinschaften: strohgedeckte Rundhütten, in denen verschiedenste Menschen wohnten, standen um einen riesigen Sandkasten mit Wasserpumpe. Wir malten viele solcher Lernorte und erzählten uns Geschichten über sie: Entweder lagen sie am Meer oder in den Bergen an einem See oder Gebirgsbach. Bei der Frage, wohin mein Weg als Erwachsene gehen solle, kam ich immer wieder auf das Thema Bildung – hier laufen so viele Fäden in Bezug auf die Zukunft der Menschen auf diesem Planeten zusammen. Sollte ich Lehrerin werden? Mit diesem Begriff verbindet sich eine klare Rollenvorstellung: Eine ältere Person vermittelt einer Gruppe von Jüngeren Lernstoff. Selbst Lernbegleiter an freien Schulen haben eine recht klare Rolle, mit der ich mich nicht identifizieren könnte. Ein Lehramts-Studium kommt für mich deshalb nicht in Frage. Als ich nach dem Abitur vor einem Jahr die Schülerinnen-Rolle endgültig ablegte, habe ich mich in alles gestürzt, was ich neben der Schule nur eingeschränkt hatte tun können: Eine Zirkus-AG für Kinder mitorganisieren, als Ruder-Trainerin aktiv sein oder mit Geflüchteten arbeiten. Vieles davon knüpfte an ein halbes Jahr Schulpause an, die ich vor der Abiturphase eingelegt hatte. Nach dem Abi habe ich mich für den »Bildungsgang« in Stuttgart engagiert – eine große, bunte Demonstration von Schülerinnen und Schülern im vergangenen November, die Schule jenseits von Noten und »Massenschülerhaltung« forderte. Daraus entstand der Verein »Demokratische Stimme der Jugend«.
Bei all diesem Tun habe ich bemerkt, dass ich Zeit zur Besinnung brauche. Immer so viel mit lieben Leuten zu unternehmen und Verantwortung zu tragen, ist jetzt gar nicht das Richtige. So habe ich verschiedene Projekte auf Eis gelegt, auch den bildungspolitischen Aktivismus. Ein bisschen fühlt sich das wie »aufgeben« an, aber es war ein guter Schritt. Je weniger ich in Aktion bin, desto mehr nehme ich Zwischentöne und Wirklichkeiten wahr. Ich möchte nicht mir selbst vorweglaufen.
Nichts zu tun und keine formale Ausbildung anzustreben – das ist in unserer Gesellschaft nicht vorgesehen. Mir wird bewusst, wie sehr ich mich damit aufs Glatteis begebe. Nichts ist vorgeformt, alles ist in Bewegung. Ich habe gemerkt, dass »Lehrerin zu sein« für mich keine Rolle ist, sondern ein Zustand, in den ich hineinschlüpfe und den ich wieder verlasse – ­etwas ganz Wandelbares und Flexibles.
Gerade gründe ich mit meiner Schwester eine große WG in Berlin, in der wir mit unseren Visionen vom Zusammenleben experimentieren wollen. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir auch dann zusammenbleiben, wenn wir einmal Familien haben. Ich träume davon, dass alle Menschen in unserer Gemeinschaft das tun, was ihnen wirklich Freude macht. Bei der einen oder dem anderen ist das womöglich ein »normaler« Beruf, während andere Tätigkeiten kein Geld einbringen. Geld ist für mich nicht eine Entlohnung für Tätigkeiten, sondern ein Mittel, um Dinge zu kaufen. Ich möchte nicht im Mangel leben, dafür liebe ich reichhaltig gefüllte Speisekammern zu sehr. Schon jetzt habe ich mit meiner Schwester eine gemeinsame Kasse. Von der Frage nach dem Geldverdienen will ich mich nicht
beirren lassen. Mein Tun hat einen Wert für sich – auch mein Sein. Gerade bin ich wie die Maus Frederick, die im Sommer keine Vorräte sammelt, sondern Sonnenstrahlen. Wenn mich jemand fragt »Was machst du eigentlich du gerade?«, sage ich: »Ich lebe.« 

 

 

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