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Die stillste Anlage der Welt

von Rüdiger Sünner , erschienen in 47/2018

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© Foto: www.ruedigersuenner.de

Der Sinn, den ich in meiner Arbeit zu spüren glaube, ist nicht für alle Zeiten vorgegeben, sondern ich muss ihn jeden Tag neu erringen. Die Weltsituation erscheint mir oft so beklemmend und düster wie lange nicht mehr, und sie provoziert die Frage: Hat meine »Kunst« irgendeinen wichtigen Bezug dazu, kann sie etwas bewirken, gar verändern?
Heute wird von Kunstschaffenden wieder mehr politisches Engagement gefordert angesichts der Probleme, die wir mit der Flüchtlingskrise, mit Terrorismus, dem Anwachsen von totalitären Regimen und rechtspopulistischen Richtungen haben. Autoren des Literaturmagazins »Das Wetter« haben das, in Anlehnung an Bertolt Brechts Gedicht »An die Nachgeborenen«, zu der drastischen Formulierung zugespitzt: »In finsteren Zeiten ist auch ein Gespräch über Bäume und blaue Blumen ein Verbrechen.« Kann man das so sagen?
Viele Kunst, die sich heute das Etikett »politisch« auf die Fahne schreibt, ist dies nur in einem oberflächlichen, unkünstlerischen Sinn. Theaterleute, Filmemacher oder Schriftsteller wählen sich ein politisch klingendes Sujet und glauben, damit sei es getan. Sie arbeiten mit Geflüchteten, Behinderten, Aussteigern aus der Neonazi-Szene oder garnieren ihre Stücke mit Skandalen aus unserer »politisch korrekten« Empörungskultur. Die Ergebnisse sind oft klischeehaft und konventionell: auf den Medieneffekt hin kalkuliert und damit vorhersehbar, flach und langweilig. Man will sich ein gutes Gewissen oder lediglich Aufmerksamkeit verschaffen. Aber die »politische« Dimension von Kunst geht tiefer: Ein »Gespräch über Bäume und blaue Blumen« kann »politisch« sein, wenn es Sensibilität und Empathie für das »Andere« schärft, wie es Paul Celan in seiner Rede »Der Meridian« ausdrückte: »Ich denke, dass es von jeher zu den Hoffnungen des Gedichts gehört, […] gerade auf diese Weise in eines Anderen Sache zu sprechen – wer weiß, vielleicht in eines ganz Anderen Sache.«
Auch Poesie – und poetische Filmkunst – kann politisch sein, selbst wenn politische Themen nicht direkt darin vorkommen, weil sie durch ihre Form neue und verfeinerte Möglichkeiten des Sehens, Fühlens und Denkens eröffnen kann, die uns lehren, »das Andere« besser zu verstehen. Das »Andere« kann ein Mensch sein, unser unbekannter Nachbar, ein scheinbarer »Feind«, ein Flüchtling, dem wir in der S-Bahn begegnen, aber auch unsere Eltern, unser Liebespartner, unser Kind, das wir immer schon zu kennen glaubten, aber auf einmal anders sehen. Auch eine andere Kultur und Religion können durch den verfeinerten Blick plötzlich von innen wahrgenommen werden – oder die Natur, die wir durch poetische Wahrnehmungsschärfung plötzlich anders erfahren: neu, frisch, geheimnisvoll in ihrer Würde, Schönheit und Verletzlichkeit, was Gefühle von Respekt, Andacht und Fürsorge hervorrufen kann. In all diesen Fällen eröffnet unser – auch durch Kunst – veränderter Blick Möglichkeiten, sensibler, aufmerksamer und damit auch politisch verantwortlicher mit dem »Anderen« umzugehen. Ist das nicht eine eminent »politische« Dimension?
Oft sitze ich in Berlin in der S-Bahn oder abends vor dem Fernseher und denke: Was machst du eigentlich angesichts ständig anwachsender Armut, Vereinsamung und psychischer Verwahrlosung vieler Menschen, angesichts unvorstellbarer Gewalt, mit der nach wie vor Minderheiten vertrieben und bedroht werden? Angesichts sich vermehrender Suchtkrankheiten, Depressio­nen und Burnouts, angesichts einer deutlich kälter werdenden Gesellschaft? Helfen da meine Filme über spirituelle Dimensionen bei Joseph Beuys, Paul Celan und Rainer Maria Rilke weiter? Ist das genug? Hast du dich nicht in einem Elfenbeinturm verschanzt, wo du unbehelligt vom Grauen in der Welt mit hübschen Bildern, Versen und Klängen herumspielst, die nachher doch nur von ­einer kleinen Elite genossen werden?
Aber meine Arbeit sieht so nicht aus. Es ist anstrengend, ­abseits des auf Unterhaltung und Einschaltquote getrimmten Medienbetriebs qualitativ hochwertige Filmessays zu finanzieren, komplexe Dreharbeiten zu organisieren und die Werke unter Menschen zu bringen. Es erfordert viel Ausdauer und Kreativität, Bilder und Stimmungen zu finden, die eben »das Andere« in ­einem anderen Licht zeigen, die wirkliche Empathie erzeugen, die die Menschen auch noch aus dem Kino mit nach Hause nehmen. Es ist eine stille Feinarbeit inmitten einer grober werdenden Welt, die nicht die lauten Effekte hervorbringt, die dann von allen Zeitungen aufgegriffen werden oder kommerziellen Mehrwert bringen.
Neulich sah ich eine Dokumentation über neu entdeckte Gravitationswellen, die im LIGO, einem Observatorium in der Einsamkeit Louisianas in den USA gemessen wurden – in kilometerlangen Tunneln mit hochempfindlichen Detektoren, die unvorstellbar kleine Signale aus dem All empfangen können. Da dieses Observatorium mit großem Aufwand von allen störenden Schallquellen der Umgebung abgeschirmt wird, nannte es der Kommentator ehrfürchtig »die stillste Anlage der Welt«. Als ich erfuhr, dass 365 Millionen Dollar dafür ausgegeben worden waren, fragte ich mich: Brauchen wir nicht ähnliche Investitionen für andere »stille Anlagen« in dieser Welt, wo sich unsere seelische Empfindsamkeit entfalten kann? Wo sich nicht die Feinheit physikalischer Messinstrumente, sondern unseres geistig-seelischen Sensoriums steigert? Wäre das nicht eine eminent politische ­Investition? Warum sind hier die Mittel so ungerecht verteilt?
Solche Fragen sind mir im Moment in meiner Arbeit wichtig. Es ist eine eher stille Arbeit der Veränderung von Bewusstsein und Wahrnehmung, abseits des politischen und medialen Mainstreams, auf einer vielleicht langsamen, unauffälligen, aber umso beharrlicheren Suche nach neuen Strukturen des Sehens, Fühlens, Sprechens und damit auch Handelns. Ich möchte daran erinnern, dass all diese kleinen, intimen Bemühungen großen Wert haben, auch wenn keine grellen Schlagzeilen damit zu haben sind. Es kommt darauf an, unbeirrt damit fortzufahren, um so Impulse zu geben für neue Formen von Empathie, Sensitivität und Vorstellungskraft, die diese geplagte Welt so dringend braucht.


Rüdiger Sünner
erzählte in »Das Innere im Äußeren erkennen« in der vorigen Ausgabe von seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit Orten und Geschichten. Zuletzt erschien sein Buch »Geheimes Europa«.

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