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Ein Leben in Harmonie mit der Natur bedarf einer Revolution des Denkens.

von Charles Prince , erschienen in 39/2016

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Mich besorgt, dass wir uns gegenwärtig kaum mit unserer Weltwahrnehmung auseinandersetzen. Wir nehmen die mechanistische Weltsicht als gegeben hin und glauben, der wissenschaftliche Empirismus, der unseren Diskurs so stark geprägt hat, sei die einzige Sprache, die wir zur Orientierung in der Welt bräuchten. Wir sollten uns bewusstmachen, dass die empirische Weltsicht zwar beobachtend Schlussfolgerungen über Naturgesetze ableiten kann, dass es jedoch die Philosophie ist, die sich mit der Bedeutung der Dinge beschäftigt, und die Religion, die sich mit der sakralen Präsenz in den Dingen befasst. All diese Bereiche spielen eine wichtige Rolle. Dass sich der Empirismus seit der Aufklärung zur vorherrschenden wissenschaftlichen Methode entwickelt hat, hat uns ermöglicht, die materiellen Aspekte des menschlichen Daseins zu verbessern. Wir sollten uns jedoch darüber im Klaren sein, dass dieser Fortschritt nur durch einen entscheidenden, zuvor vollzogenen Bruch möglich war, der uns von dem Wissen, Teil der Natur zu sein, wegführte – hin zu dem Anspruch, die natürliche Ordnung, der wir nur unter Mühsal eine bittere Ernte abzuringen in der Lage gewesen waren, zu beherrschen und auszubeuten.
Dieser Bruch – weg von unserer Teilhaftigkeit der Natur, hin zu einer getrennten Selbstwahrnehmung – unterlief sukzessive einen Grundsatz, der mir immer als tiefe Wahrheit erschienen ist: Soll unsere Zivilisation fortbestehen, so müssen wir tatkräftig zur Aufrechterhaltung der sensiblen Gleichgewichte der Erde beitragen, so dass sie in den Zustand aktiver Harmonie gelangen, der die Voraussetzung für die Gesundheit jedes Teils der Schöpfung ist. Mit anderen Worten: Das, was uns nährt, muss auch von uns genährt werden. Wir halten uns jedoch nicht an unseren Teil der Abmachung, und folglich kollabiert die Nachhaltigkeit des harmonisch strukturierten Gesamtsystems – wenn wir die Zukunft der Erde ruinieren, ruinieren wir die Zukunft der Menschheit.

Die Menschheit lebt auf Pump
Gegenwärtig stehen wir vor einem großen Übergang, der uns doppelt herausfordert: Unsere gängige Weltsicht und unser Wirtschaftssystem erweisen sich als äußerst unzureichend, und die ökologische Krise und der Klima­wandel bedrohen unser aller Lebensgrundlage. Zwar haben wir seit der indus­triellen Revolution außergewöhnlichen Wohlstand erreicht. Menschen leben länger, haben Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung und dürfen auf Renten hoffen. Auch verfügen wir über mehr Freizeit und Reisemöglichkeiten und vieles andere. Auf der Schuldenseite jedoch haben wir Mitglieder der Indus­triegesellschaften die Ressourcen der Erde in den vergangenen drei Jahrzehnten in einem Maß übernutzt, das die Regenerationsfähigkeit der natür­lichen Biokapazität Jahr für Jahr um 50 Prozent übersteigt.
Noch bis in die 1990er Jahre schien es akzeptabel, zu argumentieren, dass die Schöpfung dem menschlichen Willen untertan sei, dass die mechanistische die einzige vernünftige Denkweise sei und die Ressourcen der Erde allein für unsere maßlose Ausbeutung da seien. Heute müssen wir uns eingestehen, dass die Annehmlichkeiten unserer Konsumgesellschaft auf Kosten der Erde gehen und die Erde unseren Lebensstil nicht mehr tragen kann. Ebenso wie bei unseren von Schulden gebeutelten Banken – von denen paradoxerweise ein ­Zurück zu »altmodischem«, traditionellem Wirtschaften gefordert wird – drohen auch die lebenserhaltenden natürlichen Ökosysteme unter der Schuldenlast, die wir ihnen aufgebürdet haben, zu kollabieren. Wenn wir uns dieser Tatsache nicht stellen, dann könnte auch die Natur – die größte aller Banken – bankrott gehen. Und kein Rettungsschirm wird sie dann wiederbeleben können.
Wir tun gut daran, uns zu erinnern, dass die Quelle allen ökonomischen Kapitals letztlich das Kapital der Natur ist. Ob wir den Auswirkungen des Klimawandels begegnen oder diese gar lindern können, hängt davon ab, ob wir unser Wirtschaften von ungebremstem ökonomischem Wachstum auf nachhaltiges Wachstum umstellen können. Und dies hängt davon ab, ob wir uns bei unserem Ansatz von der grundlegenden Resilienz von Ökosystemen leiten lassen. Ökosystemische Resilienz führt zu ökonomischer ­Resilienz. Wenn wir die Ökosysteme unserer Meere und Wälder wie gehabt weiterzerstören, dann berauben wir sie ihrer natür­lichen Widerstandskraft und werden somit früher oder später ­unsere eigene Widerstandskraft zerstören.

Wir sind Natur!
Wie ausgefeilt unser technischer Fortschritt auch sein mag, er ändert nichts an der Tatsache, dass wir nicht von der Natur getrennt sind: Wir sind – wie alles andere auch – Natur. Je tiefer wir das verstehen, desto besser erkennen wir, wie unser mechanistisches Denken ein solches Durcheinander hervorbringen konnte.
Die Agrarindustrie mag zwar beeindruckende Mengen an Nahrung für die stetig steigende Weltbevölkerung hervorbringen – die Kosten, die sich durch den massiven Einsatz von Kunstdünger, Pestiziden und Trinkwasser für das Ökosystem ergeben, sind jedoch gewaltig und alles andere als nachhaltig. Dieser Ansatz ist der reduktionistische Versuch, einen isolierten Aspekt getrennt von allen anderen zu lösen: Er ist per se nicht nachhaltig, da er nichts außer seinen eigenen Niedergang vorantreibt und ein Pro­blem zu lösen versucht, indem er unzählige neue Probleme schafft.
Das ist freilich nicht die Funktionsweise der Natur. Das Gesamt­system Natur ist ein komplexes, prozesshaftes Gebilde aus voneinander abhängigen und vielgestaltigen Beziehungen; um diese zu verstehen, müssen wir »verbunden« denken. Im Altgriechischen wird der Prozess des Verbindungschaffens als ­harmonía bezeichnet. Verbundenes Denken strebt danach, Harmonie zu erzeugen, und dies ist ein ganz besonderer Zustand: Harmonie ist die Voraussetzung für Gesundheit und Wohlergehen. Unsere Körper müssen sich – ebenso wie ganze Ökosysteme – im Zustand der Harmonie befinden, um gesund zu sein. So funktioniert die Natur.
Mikrobiologie und Botanik liefern uns eindeutige Erkenntnisse, dass jeder Organismus – ob auf der Makro- oder Mikro­ebene – ein komplexes System untereinander verbundener und voneinander abhängiger Teile ist; dies lässt jeden Organismus zum Mikrokosmos – ja, geradezu zur Essenz – seiner Umgebung werden. Die Summe dieser Teile erzeugt und erhält Kohärenz, ein aktives, harmonisches Ganzes – ohne Abfälle. Kein Einzelteil operiert dabei isoliert oder jenseits der durch das Ganze gesteckten Grenzen.
Um uns der Zukunft stellen zu können, müssen wir deshalb ­einen Wandel weg vom reduktionistischen, mechanistischen Ansatz, hin zu einem ausgewogeneren Ansatz vollziehen; dieser muss der Komplexität der Natur gerecht werden und nicht allein auf die Anhäufung von Finanzkapital abzielen, sondern erkennen, dass »Umweltkapital« und »Gemeinschaftskapital« mindestens ebenso wichtig sind. Unter Letzterem verstehe ich die Netzwerke von Menschen und Organisationen – Postämter und Bars, Kirchen und Gemeindezentren, Moscheen, Tempel und Basare –, die jenen Wohlstand bilden, der unsere Gemeinschaften zusammenhält und das Leben der Menschen durch gegenseitige Unterstützung, Liebe, Loyalität und Identität bereichert. So wie kein Buchhaltungssystem den Verlust der natürlichen Welt beziffern kann, so muss unser gegenwärtiges ökonomisches System auch daran scheitern, den Verlust des Gemeinschaftskapitals sichtbar zu machen.
Einer der Architekten unseres gegenwärtigen Wirtschafts­systems war Adam Smith. Interessanterweise hatte auch er erkannt, dass individuelle Freiheit in unserem Streben nach Autonomie wurzelt, aber durch die Grenzen eines natürlichen Gesetzes ausgeglichen werden muss. Bei der Arbeit an seiner »Theorie der ethischen Gefühle« verwarf er die Idee, dass wir mit einem moralischen Empfinden geboren werden, und ging stattdessen zu der Annahme über, dass alle Dinge mit Mitgefühl begabt sind. Dieses Mitgefühl ist es, das Gemeinschaften verbindet.
Mitgefühl hat jedoch kaum Chancen, wenn die Grund­bedürf­nisse der Menschen durch kommerzielle Strukturen, die immer größere Distanzen zwischen Erzeuger und Konsumenten legen, gedeckt werden, denn die Wirtschaft der Massenproduktion kann die lokale Wirtschaft zerstören. Auch dies wurde auf einen rein mechanistischen Prozess reduziert, der keinen Raum für die Komplexität und Multidimensionalität gesunder lokaler Beziehungen zwischen einer Gemeinschaft und den Erzeugern, die ihr dienen, lässt.

Die Grammatik der Harmonie erkennen
Es gibt viele Beispiele für Gemeinschaften, die kurzfristige ­Impulse durch langfristige Pläne ersetzen. Essenziell dafür scheint mir eine neue Verzahnung zwischen der öffentlichen Hand und der Zivilgesellschaft zu sein – was die Teilhabe von Nichtregierungsorganisationen und bürgerlichen Gemeinwesen voraussetzt. Dazu müssen wir neben den Bedürfnissen des Finanzkapitals auch die des Gemeinschaftskapitals und des Umweltkapitals berücksichtigen. Dazu müssen wir unsere Fähigkeit, unser eigenes Tun zu messen, verfeinern, damit wir mehr Bewusstsein für unsere Verantwortung entwickeln. Und wir sind aufgerufen, neue Formen internatio­naler Zusammenarbeit zu finden, um die Leistungen der Ökosysteme angemessen würdigen zu können.
Sind wir bereit, die dafür nötigen Schritte zu gehen? ­Mahatma Gandhi sagte: »Der Unterschied zwischen dem, was wir tun, und dem, was zu tun wir in der Lage sind, würde ausreichen, um die meisten Probleme der Welt zu lösen«. Es beginnt damit, dass wir die Dinge anders sehen, als sie die gegenwärtig dominante Weltsicht – die in so vielerlei Hinsicht nicht mehr angemessen für die Situation, in der wir uns befinden, ist – darstellt. Das Schlimmste wäre, wenn wir weitermachten wie gehabt, denn dies würde das Problem nur noch verschärfen. Wir müssen erkennen, dass wir nicht getrennt, sondern Teil der natürlichen Ordnung sind, und dass die Natur gemäß einer ökologischen »Grammatik« der Harmonie funktioniert, die mit einer Bewusstheit ihres eigenen Selbsts begabt und somit auch in unserem Bewusstsein verankert ist. Sie ist eine ineinandergreifende, alles verflechtende, alle Dinge durch Harmonie miteinander verbindende Funktion der Schöpfung.
Wir stehen an einem historischen Punkt: Es droht die Gefahr, dass wir, wenn wir die Erde ruinieren, die ganze Menschheit ruinieren. Als Großvater habe ich nicht die Absicht, die Zukunft meiner Enkel oder der Enkel anderer zu ruinieren. •


Auszug aus einer Rede, gehalten am 20. März 2015 in Louisville, Kentucky; die Begrüßungsansprache hielt Wendell Berry. Übersetzung aus dem Englischen von Matthias Fersterer. Der englische Originaltext ist auf www.princeofwales.gov.uk (suchen nach »speech Louisville«) verfügbar. © The Prince of Wales.

Charles, Prince of Wales (67), wurde 1948 als Charles Philip Arthur George Mountbatten-Windsor geboren. Durch die Krönung seiner ­Mutter, Queen Elizabeth II., wurde er 1952 zum britischen Thronfolger. Er ist bekannt für sein Engagement in sozialen und ökologischen Fragen. In den 1970er Jahren gründete er die Stiftung »The Prince’s Trust«, die jungen Menschen in ­finanziellen, gesundheitlichen oder juristischen Schwierigkeiten beisteht. Darüber hinaus gilt Prinz Charles als glühender Fürsprecher und ­aktiver Wegbereiter biologischen Landbaus, ganzheitlicher Architektur und der Integration ökologischer Kreisläufe in die menschliche Kultur.  Im südwestenglischen Dorf Poundbury sowie in einem historischen Gästehaus im rumänischen Transsilvanien erprobte er seine architektonischen Ideale in der Praxis. Über die Marke »Duchy Originals« beliefert er den Handel mit Bioprodukten seiner Duchy Home Farm in Cornwall. Seine Aktivitäten als Ökolandwirt und Naturschützer werden in Bertram Verhaags Film »Der Bauer und sein Prinz« beleuchtet. Prinz Charles ist Schirmherr der interdisziplinär, interreligiös und ganzheitlich arbeitenden Weiterbildungsstätte »Temenos Academy« in London. In seinem 2010 erschienenen Buch »Harmonie« legt er seine philosophisch-ökologische Weltsicht dar.

www.princeofwales.gov.uk

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