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Zerreißprobe

Ein Plädoyer für den Brückenbau hin zu neuen und alten ­Nachbarinnen und Nachbarn.

von Dieter Halbach , erschienen in 38/2016

Menschen aus einer fremden Kultur zu begegnen, ist oft einfacher, als solchen, die sich von Fremden bedroht fühlen. Wie lassen sich in alle Richtungen Brücken bauen?

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Wohin man auch schaut, nur Wutbürger, Gutmenschen, Islamisten, Nazis, Besserwisser, Verschwörungstheoretiker … Schablonen statt Menschen. Die Verrohung der Sprache fühlt sich an wie Körperverletzung. Beobachte ich die aktuellen Entwicklungen, bekomme ich Angst, dass unsere Gesellschaft an diesen Polarisierungen zerbricht. Oft sind es dieselben, die tagsüber Kleider in das Flüchtlingsheim bringen und nachts auf dem Nachhauseweg Angst haben. Der Riss geht nicht nur durch die Gesellschaft, er kann durch jede und jeden von uns gehen. Ich will genauer hinschauen.

Begegnung mit geflüchteten Menschen
In meiner neuen Heimat, der Kreisstadt Bad Belzig in Brandenburg mit 11 000 Einwohnern, leben zur Zeit etwa 400 meist männliche Asylbewerber aus Syrien in einem Heim. Durch die hohe Dichte an Menschen mit Gemeinschaftserfahrung in unserer Region lag es nahe, eine neuartige Form der Begegnung mit unseren neu angekommenen Nachbarn zu suchen. Die Initiative »People meet people«, die ich mit einigen Mitstreitern gegründet habe, versucht, einen Vertrauensraum aufzubauen, und nutzt dafür verschiedene Wahrnehmungs- und Kommunikationswerkzeuge sowie Spiele, Musik und Tanz für die Begegnung von Deutschen und Syrern. Beispielsweise stellen wir zwei rote Sessel in den Kreis. Auf den einen setzt sich ein Mensch aus Syrien als Fragender, auf den anderen setzen sich nacheinander Einheimische, die seine Frage beantworten möchten. Dann wechseln die Rollen. Nach allem kann gefragt werden – nach Religion, unterschiedlichen Werten, Mann-Frau-Themen, Sexualität, Gewalt etc. Solche Art von Räumen zu schaffen, hat uns schon einige romantische Vorstellungen genommen und realistische, aber auch existenzielle Erfahrungen geschenkt. Mehr und mehr erkennen wir, wie wichtig es ist, die Andersartigkeit des anderen zu verstehen und anzunehmen. Unsicherheit und diese auszuhalten ist der Grundzustand unserer Arbeit. Leider folgten aber diejenigen unserer Landleute, die Vorurteile, Wut und Ablehnung gegenüber Geflüchteten in sich tragen, unserer Einladung bisher nicht. Wie könnten wir sie erreichen?

Begegnungen mit Wutbürgern
Als wir People meet people in unseren alternativen Freundeskreisen vorstellten, erlebten wir nicht nur Zustimmung. Uns wurde Naivität vorgeworfen, nicht zu erkennen, dass es sich bei dem Zuzug von Menschen nach Deutschland um eine gesteuerte Aktion handle, die das Ziel verfolge, unsere einheimische Kultur zu zerstören. Auf die Facebook-Seite »Gemeinschaften und Ökodörfer im deutschen Sprachraum« stellte ich einen Aufruf zum Thema »Für ein Europa der Menschenrechte«: »Bitte helft mit, dass wir unsere Werte nicht verraten und dass wir weiter den bedrohten Menschen helfen!« Die ­Administratorin der Seite antwortete: »Von wem sind sie denn wo bedroht … sie werden hierhin gebombt oder gelockt, und es ist viel komplizierter, als in solchen Petitionen suggeriert. Was kostet uns die Masseninvasion von Muslimen – außer unserer Kultur – mal rein fiskalisch? Das sind ca. 5000 EUR pro BRD-Bürger im Jahr. Ich schlage vor, das übernehmen die ca. 25 Prozent der Verfechter der Willkommenskultur.« Auch viele andere Kommentare gingen in die Richtung, dass »die Massenmigration gesteuert und ein Mittel moderner Kriegsführung ist.«
Zunächst war ich über das Nebeneinander von »Heile-Ökowelt«-Beiträgen mit diesen Überfremdungs-Theorien schockiert. Ich begann, zu ­verstehen, dass solche Gedanken nicht nur bei den »bösen Rechten« vorhanden sind. Sie haben auch etwas mit dem Wunsch nach »heiler Gemeinschaft«, der Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Aufgehen des Ichs in einem Kollektiv zu tun.
Heute prallen in unseren westlichen Gesellschaften zwei entgegengesetzte Gemeinschaftsbedürfnisse aufein­ander: Die universale Gemeinschaft der Menschenrechte und die lokale Gemeinschaft der Zugehörigkeit. Viele sehen derzeit ihr schützendes Umfeld, ihre kollektive Identität, bedroht.
Der Therapeut Matthias Wellersdorfer berichtet aus seiner Praxis: »Schon auf das Wort ›Willkommenskultur‹ haben ­manche meiner Klien­ten allergisch reagiert. Sie selbst waren als Kinder niemandem willkommen.« Die Abwehr gegen die Aufnahme geflüchteter Menschen scheint mit dem Schrei nach Aufmerksamkeit für das »eigene Volk« einherzugehen, deshalb die Klage »Alles für die, nichts für uns!«. Die Herausforderung sehe ich darin, an die Stelle einer solchen kollektiven Identifizierung eine aus dem Inneren gewachsene Identität zu setzen. Zur Begegnung mit Fremden gehört auch die mit »dem Fremden« in uns selbst. Wenn die Offenheit dafür wächst, wird auch der Umgang mit unbekannten Situationen im Außen leichter. Gehört dazu nicht auch die Begegnung mit den »Schlechtmenschen«?

Die Polarisierungen aufweichen
Eine Freundin erzählte mir eine Geschichte über ihre Begegnung mit einem rechten Hooligan: »Ich fahre in der S-Bahn in Berlin, sitze mit dem Rücken zur Tür und spüre, wie hinter mir jemand hereinkommt. Ein auf den ersten Blick unauffälliger Mann setzt sich mir gegenüber, und wir haben sofort einen angenehmen Blickkontakt. Er ist leicht betrunken, aber ich empfinde das nicht als störend. Es überwiegt die Freude daran, ein offenes und freundliches Gegenüber zu erleben. Irgendwann sagt er: ›Sie haben sicher schon gesehen, dass ich ein Hooligan bin!‹ Ich verneine. Das Thema bleibt unserem Kontakt untergeordnet. Selbst als wir über die Flüchtlingsfrage sprechen, sind wir uns einig, dass es da ein Problem, aber bisher keinen guten Plan gibt. Dann sagt er: ›Weißt du, in Berlin dürfen alle demonstrieren – Araber, Syrer, Kurden –, nur wir nicht. Hast du eine Idee, wie sich das anfühlt?‹ Ich sage so etwas wie ›Nicht wirklich, wahrscheinlich scheußlich …‹ Seine Frage erreicht mich wie eine Einladung, in seine Welt zu schauen, in eine Welt, in der er sich in seiner eigenen Heimat nicht willkommen fühlt, sogar denen untergeordnet, die von woanders herkommen. Wir verbleiben in einer nachdenklichen Stimmung. Am Ende wünschen wir uns einander von Herzen alles Gute!«
Der Aufstand solcher ungesehenen, gesellschaftlich abgehängten Menschen schlägt uns in vielen Formen entgegen. Männer, Arbeiter, Arbeitslose und Protestwähler – bei diesen Gruppen hat die AfD bei den Wahlen im März den größten Rückhalt bekommen. Wie müssen unsere Gesellschaft, unser Bildungssystem, die Beteiligungsmöglichkeiten und eine gerechte Verteilung aussehen, die auch diese Menschen mitnimmt? Was wäre, wenn sogenannte »Gutmenschen« nicht ihrerseits deren Opferrolle durch Beleidigungen wie »Pack«, »Nazis« usw. bestätigen würden? Wenn wir klar in der Sache, aber einfühlsam gegenüber den Menschen wären? Das erfordert allerdings mehr Mut, als Abgrenzung es tut – Mut zur Berührbarkeit und zu Selbstzweifeln, Mut gegen die Anpassung auch in unseren alternativen Milieus.

Mut zur Wärme
Thomas Mücke, Mitbegründer des »Vio­lence Prevention Network« (Netzwerk zur Gewaltprävention), zielt darauf ab, Radikalisierungen sowohl in der rechten wie auch in der islamistischen Szene möglichst früh zu erkennen und mit den Menschen statt über sie zu sprechen. In einem Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 4. April über seine Arbeit mit über 600 Jugendlichen sagt er: »Die Extreme ähneln sich. Charismatische Werber erklären ihnen die Welt und sagen, dass man bei solchen Verhältnissen nicht unter der warmen Bettdecke liegen könne. Die jungen Rechten gingen zu Wehrsportübungen in den Wald, die islamistischen Gewalttäter reisen nach Syrien.« Der Erfolg dieser Arbeit liegt darin, dass die jungen Menschen, die in ihrem Leben oft wenig Anerkennung erfahren haben, ein Gegenüber bekommen, das sie ernstnimmt.
Das Gleiche gilt, denke ich, auch für alle anderen »Wutbürger«. Behandelt man sie von oben herab, gießt man damit Öl ins Feuer. Der Kontakt jenseits von Freund-Feind-Schemata muss natürlich vor allem an der Basis, im Bekanntenkreis, bei der Arbeit, in der Nachbarschaft, entstehen.
Anne Wiebelitz schreibt in dieser Ausgabe auf Seite 28 über die Bürgerdialoge in Dresden im vergangenen Winter, initiiert von Gabriele Feyler gemeinsam mit dem Begründer der »Thérapie Sociale«, Charles Rojzman. Kritische Stimmen aus linken Kreisen, so Gabriele, hätten diese Treffen als »gefährlich« empfunden, als eine »Einladung an Rechte«, die »uns« beeinflussen wollen. Ein Kampf gegen Andersdenkende sei für sie allerdings keine Lösung. Nicht trennende Politik sei jetzt gefragt, sondern das Herz und Wärme.
Ich denke: Nicht nur die Integration der Flüchtlinge ist eine Jahrhundertaufgabe – die Integration unseres eigenen Zusammen­lebens ist es auch. •


Türen öffnen:
Der syrische Flüchtling Firas Alshater fördert die Begegnung mit der deutschen Kultur auf eine humorvolle Art:
www.okayfactor.com/sites/zukar
Die Dokumentation der von Dieter Halbach mitbegründeten Willkommensinitiative »People meet people« kann bestellt werden unter: peoplemeetpeople_ÄT_web.de
www.peoplemeetpeople.strikingly.com

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