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Nachbarn und Siedler

Eine gewagte Einladung führt auf ein ­unsicheres Feld.

von Sara Mierzwa , erschienen in 38/2016

Sechs Menschen, die sich nicht kennen, leben unter einem Dach. Ich bin eine davon. Im Mietvertrag steht nichts über meine Nachbarn. Mehr als die Namen und Berufe von ihnen weiß ich nicht – obwohl ich schon acht Monate hier lebe. Ein Informatiker-Pärchen, eine Familie mit Tochter und ich, eine Journalistin.

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Freunde auf Reisen zu finden ist oft leichter, als die Nachbarn im gleichen Haus kennenzulernen. Das Schweigen, wenn wir uns im Treppenhaus oder an den Müll­eimern treffen, mag ich nicht. Das soll sich nun ändern! Der Plan: Ein gemeinsamer Spieleabend. Die Figuren auf dem Spielfeld werden Halt geben, wenn die Gesprächsthemen ausgehen – so hoffe ich. Einen ersten Annäherungsversuch wage ich im Waschkeller. Ich frage den Nachbarn, nennen wir ihn Andreas, ob er und seine Freundin, sagen wir Laura, Brettspiele mögen. Er nickt. Ich lege einen Zettel in den Flur: »Ich lade euch alle herzlich zum Spieleabend ein.« Dann ein paar Ankreuzkästchen für verschiedene Termine. Einer schreibt: »Ich stehe nicht so auf Spieleabende.« Andreas und Laura, setzen ihr Kreuz. Der erste Schritt ist geschafft: Es gibt einen gemeinsamen Termin.

Tee, Wein oder Wasser?
Bei den Vorbereitungen bin ich nervös. Trinken sie lieber Wein oder Tee oder Saft? Hoffentlich haben sie nichts gegen Leitungswasser! Wenn man neue ­Menschen trifft, werden die eigenen Selbstverständlichkeiten fraglich. Die Wohnung ist aufgeräumt, das Klo geputzt. Auf dem Tisch stehen selbstgebackene Quarktörtchen. Ich weiß, dass meine Besucher keine Veganer sind, weil sie Käse und Milch von mir genommen haben, als ich meinen Kühlschrank vor dem Urlaub leerräumte. Es klopft zaghaft an der Tür, da stehen die zwei: schwarz gekleidet und mit Birkenstock-Sandalen – das Informatiker-Klischee. Ich trage meinen zitronenfaltergelben Rock, türkise Strumpfhosen und einen roten Pulli – wahrscheinlich das lebende Klischee eines »alternativen« Menschen. Unsicher stehen wir einander gegenüber, kein Händeschütteln. Ich biete ihnen einen Sitzplatz an. Meine Wohnung fühlt sich fremd an – wie es wohl bei ihnen aussieht? »Die Siedler von Catan« und »Carcassonne« stehen auf dem Tisch bereit. Wir entscheiden uns für »Die Siedler«. Ich erkläre die Regeln, weil Laura sie nicht kennt, das gibt mir eine Aufgabe. Wenn auch noch Regeln für unsere Beziehung fehlen, so gibt es wenigstens diese Spielregeln. Andreas baut das Spiel auf. Schweigen. Über was reden wir bloß?

Wir bauen eine gemeinsame Welt – auf dem Spielfeld
Keine gemeinsame Lebenswelt, scheinbar keine gemeinsamen Interessen und viel Schüchternheit. Die Arbeit, das Wochenende, der Frühling – Schweigen. Andere Menschen kennenzulernen, kann sehr schwerfällig verlaufen. Auf der Suche nach einem gemeinsamen Anknüpfungspunkt stelle ich Frage auf Frage. Später werde ich mir wünschen, ich hätte etwas mehr geschwiegen und meinen Gästen mehr Raum gelassen. Manchmal fällt es mir schwer, im Alltag die Journalistin ab­zulegen. Wir bauen Straßen und ­Häuser, handeln und reden wenig. Mir gehen diver­se Kennenlernspiele durch den Kopf, aber für diese Situation scheinen sie mir alle unangebracht.
Da fällt mir ein, dass ich noch Sauerteig im Kühlschrank habe, der im Warmen weiter gehen soll. Ich hole ihn raus, beziehungsweise: Er kommt mir schneller entgegen, als mir lieb ist. Die Nase voller Teig stehe ich in meiner Küche und höre mich fragen, ob sie von dem Ansatz etwas mitnehmen möchten. Sie lachen, schütteln den Kopf. Andreas erinnert sich daran, einen Kefir gehabt zu haben; Laura hatte mal einen Hermann-Kuchenteig. Das gemeinsame Lachen erfüllt den Raum mehr als die bisher gesprochenen Worte. Wir spielen weiter, trauen uns, den Räuber zu setzen und beim anderen Karten zu klauen. Ich trinke Tee. Sie trinken Wasser und essen nichts vom Gebackenen – sind sie inzwischen doch Veganer geworden? Wir reden: Die Arbeit, das Wochenende, der Frühling, Wirtschaft. Schweigen. Sie ­lachen über meine Kapitalismus-Witze. Am liebsten würde ich aufstehen und aus dem Schlafzimmer das selbstgenähte Clownkostüm holen, um uns alle etwas aufzulockern, aber ich will niemanden verschrecken.
Wenn ich die beiden das nächste Mal im Flur treffe, kann ich sie fragen, wie es ihren Pflanzen auf der Terrasse geht; und sie können mich fragen, wie das Sauerteigbrot geworden ist.
Spieleabende mit meinen Freunden sind, ehrlich gesagt, viel lustiger. Was Laura und Andreas wohl über den gemeinsamen und doch getrennten Abend denken? Vielleicht sollte das nächste Nachbarschaftstreffen im Garten stattfinden, dann könnte jeder sein Lieblingsessen und Lieblingsgetränk mitbringen. Um Beziehungen aufzubauen benötigt man manchmal Zeit und Geduld – vor allem, wenn die Menschen so verschieden sind. •

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