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Lernen, was Gesundheit ermöglicht

Lara Mallien sprach mit Stefan Schmidt-Troschke, dem geschäftsführenden ­Vorstand des Verbands »Gesundheit Aktiv – Anthroposophische Heilkunst e. V.«.

von Lara Mallien , Stefan Schmidt-Troschke , erschienen in 37/2016

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© Foto: Carsten Struebbe

»Gesundheit Aktiv« setzt sich für ein demokratisches, solidarisches und ganzheitlich orientiertes Gesundheitswesen ein. Wie kam es, dass so ein weitgestecktes politisches Ziel ins Zentrum gestellt wurde?

Den Verein gibt es bereits seit den 1950er Jahren, gegründet von einer Gruppe von Patienten und Ärzten, die ihren Fokus auf anthroposophische Medizin gelegt hatten. Diese Art der Medizin ist sich bewusst, dass jede Therapie immer in einen Sozialraum eingebettet ist. Dadurch existierte von Anfang an ein gesellschaftspolitischer Ansatz.
Medizin ist grundsätzlich ohne die soziale Seite der Fürsorge undenkbar. Über das vom Arzt verschriebene Medikament hinaus wirken auch die Umstände und Personen, mit denen ein Kranker umgeben ist. Historisch gesehen, gab es immer diese beiden Stränge: In den ersten Hospizen und Hospitälern des Mittelalters stand der Aspekt der Barmherzigkeit und der Pflege im Vordergrund. Der medizinische Strang hat sich in der Renaissance in Italien entwickelt – und daraus die analytische Medizin, die den Menschen mehr und mehr vergegenständlicht, am Ende gar zur Maschine gemacht hat. Diese Seite dominiert im heutigen Gesundheitswesen, und so fragen die Menschen heute, wo der Aspekt der Zuwendung bleibt. Ein weiterer Aspekt ist der der Sinn-Orientierung: Jede Krankheit bedarf einer sinnhaften Integration in die eigene Lebensperspektive. Heute werden diese Aspekte stark psychologisiert: Uns wird neurobiologisch erklärt, was Empathie sei und wie Sinngebung angeblich entsteht  – wir sollten das neu begreifen lernen, dabei haben wir es kulturell in der Vergangenheit bereits einmal gut verstanden.
Der Impuls der Vereinsgründung war, die Patientinnen und Patienten in den Prozess der Gestaltung eines Gesundheitswesens hineinzunehmen. Nur die Betroffenen können es schaffen, die beiden Aspekte Empathie bzw. Solidarität und Wissenschaftlichkeit gemeinsam einzufordern.

Wie sind Sie zu »Gesundheit aktiv« hinzugestoßen?

Ich war lange als Kinderarzt und Entwicklungsneurologe tätig und habe bis 2013 das Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke geleitet. Es hat den Anspruch, integrative, plurale Medizin zu praktizieren – aber das konsequent umzusetzen, war schwierig. Während meiner Zeit in Herdecke habe ich feststellen müssen, dass von denjenigen, die beruflich in das Gesundheitswesen eingebunden sind, wohl nur minimale systemische Veränderungen zu erwarten sind. Der eigentliche Wandel muss von den Nutzerinnen und Nutzern dieses Systems kommen, und idealerweise nicht nur mit schlagkräftigen Forderungen, sondern auf eine koproduktive Weise. Dazu gehört eben auch, sich das heutige Versicherungswesen kritisch anzusehen. In Wirklichkeit ist es kein solidarisches System mehr, wie es gedacht war, sondern die großen Versicherungen agieren wie Staaten im Staat, die Nutzer haben nicht viel zu melden, die Professionellen wissen, was für die Menschen gut ist. Immer wieder werden zwar Patientenbefragungen durchgeführt, aber das reicht nicht.

Sie sprechen von Nutzern und Verbrauchern. Diese Begriffe scheinen mir den Graben zwischen den Experten auf der einen und den Empfängern des Spezialwissens auf der anderen Seite eher zu verstärken. Gäbe es Begriffe, die Augenhöhe herstellen?

Ich ringe da auch um passende Wörter. Im Verband haben wir viel darüber reflektiert. Seit zwei Jahren nennen wir uns »Bürger- und Patientenverband«, aber beide Begriffe sind nicht unproblematisch. In manchen politisch links stehenden Kreisen wird uns der »Bürger« um die Ohren gehauen, und »Patient« ist auch nicht so schön, weil das passive »Erleiden« und »Erdulden« in diesem Begriff steckt. Mit Begriffen wird Realität geprägt, deshalb ist es wichtig, bewusst mit ihnen umzugehen.

Wenn Sie von neuen Formen von Solidarität sprechen – welche Beziehung hat Ihr Verband zu Netzwerken selbstorganisierter Gesundheitshilfe?

Wir sind mit der selbstverwalteten Gesundheitsabsicherung »Solidago« im Austausch und wollen uns in diesem Feld mit allen Akteuren noch stärker verbinden. Ich halte Bewegungen wie etwa das Artabana-Netzwerk für wichtige Inspiratoren, glaube aber nicht, dass sie ein Zukunftsmodell für breite gesellschaftliche Schichten sein könnten. Sich in Solidarkreisen zu organisieren, setzt ein gewisses Vorverständnis voraus. Ich habe als Arzt in städtischen Problembezirken gearbeitet und weiß, wie schwierig es ist, Menschen an einen Tisch zu bekommen, deren Grundbedürfnisse nicht gesichert sind.
Inspirierend finde ich auch das Modell der Hannoverschen Kassen, einer selbstorganisierten Rentenversicherung für Waldorflehrer. Sie haben spannende Modelle der Krankenhilfe nach dem Motto »Zuspruch statt Anspruch« entwickelt. Dort gibt es so eine Art Wabenstruktur: Unter dem Dach der Versicherung sammeln sich kleine Gruppen, deren Mitglieder untereinander Absprachen treffen.

Wie könnte wohl ein für alle zugängliches, solidarisches System gestaltet sein?

Wir werden wohl nicht um übergreifende Rückversicherungsinstitutionen herumkommen – umso mehr, wenn wir an die heutigen Hochtechnologien denken. Man wird zum Beispiel nicht am Küchentisch darüber abstimmen wollen, ob 80 000 Euro für eine Antikörpertherapie ausgegeben werden sollen. Dennoch könnte es auch innerhalb der bestehenden gesetz­lichen Krankenversicherungen möglich werden, dass sich Menschen auf lokaler Basis zusammenschließen und über Gesundheitsleistungen in überschaubaren ­Bereichen eigenständig entscheiden.
Das Interessante ist ja, dass Gesundheit etwas sehr Individuelles ist – bei Licht betrachtet, gibt es so viele Gesundheiten, wie es Menschen gibt. Jede und jeder hat einen eigenen Weg gefunden, sich selbst zu erhalten oder zu regulieren. Selbst wer sich scheinbar ungesund verhält, kommt doch im Leben meist damit zurecht. Wie ließen sich diese vielfältigen Kompetenzen integrieren? Wenn jemand über zehn Jahre hinweg mit Naturheilkunde gut zurechtgekommen ist – warum sollte ich so einer Person das ausreden? Leider passiert das heute oft unter Berufung auf Evidenz, die auf statistischem Weg ermittelt wurde. Sinnvoller wäre es, dem Prinzip der Salutogenese zu folgen: der Frage, wie eigentlich Gesundheit für den einzelnen Menschen entsteht.

Dazu müsste sich aber ein Paradigmenwechsel im Verständnis von Krankheit und Gesundheit vollziehen. Ist das nicht angesichts der heutigen Realität eher utopisch?

Es gibt schon heute Praktiken, die in diese Richtung zeigen. Vor Jahren habe ich einen befreundeten Arzt in Boston am »Massachusetts General Hospital« besucht. Er hat dort eine schmerztherapeutische Sprechstunde abgehalten und saß in einem Raum mit 20 Patienten, die sich über ihre Strategien zur Schmerzbewältigung austauschten. Der Arzt hatte dabei eher eine moderierende, strukturierende Rolle. Auch das erfordert Professionalität, aber eine andere als die des üblichen Medizinexperten. In der Verbindung von Selbsthilfe und Medizin sehe ich große Potenziale. In Deutschland ist beides voneinander abgekoppelt.
Etwa 1,2 Millionen chronisch kranke Menschen organisieren sich in Selbsthilfegruppen, aber ihre Erfahrungen werden viel zu wenig in das professionelle System zurückgegeben. Ein Pilotprojekt der deutschen Rheuma-Liga gibt es immerhin: Chronisch erkrankte Rheuma-Patienten gehen an Medizinhochschulen und unterrichten Studierende darin, wie es ist, Rheuma zu haben. Das dreht die oft absurde Situation um, dass ein Mensch, der vielleicht 30 Jahre seines Lebens mit einer chronischen Krankheit zu tun hat und zum 150. Mal zum Arzt geht, von ihm einen Vortrag über Standard­behandlungsmethoden bekommt. Stellen Sie sich vor, wie das psychisch wirkt!
Es wäre gar nicht so schwierig, in und um medizinische Versorgungseinheiten Möglichkeiten zu schaffen, dass Menschen sich austauschen und die Ärztinnen und Ärzte als Lernende dabei sind. Ich kenne einzelne Praxen, die für Chroniker Gesprächsrunden organisieren. Solche Ansätze müssten viel stärker gefördert werden.

Ihr Verband hat im letzten Jahr erstmals eine Kampagne durchgeführt. Wie waren Ihre Erfahrungen mit dieser Art von Kommunikation?

Das Thema unserer Kampagne war die Problematik der Organspende. In der Öffentlichkeit wird es so vermittelt, dass man möglichst viele Menschen dazu bewegen möchte, im Fall eines Hirnversagens ihre Organe zur Rettung anderer Leben zur Verfügung zu stellen. Uns schien, dass dabei viele Informationen zu kurz kommen; deshalb haben wir einen alternativen Organspendeausweis entwickelt. Wir konnten mehrere Tausend Unterschriften sammeln, die wir dem Patientenbeauftragten der Bundesregierung übergeben haben. Auf der Ebene der Fachleute konnten wir Impulse geben, auch für die Debatte des Deutschen Ethikrats. Dort hat es ein Minderheiten-Votum gegeben, das unsere kritische Position zum Hirntod weitgehend beinhaltet.
Auch nach Abschluss der Kampagne vertreiben wir die von uns entwickelten Organspendeausweise und informieren Mitglieder auf unserer Internetseite über das Thema. In Zukunft werden wir weitere Kampagnen anstoßen.

Sind solche Informationen zur Entscheidungshilfe bei schwierigen Gesundheitsfragen für Interessierte ein Argument dafür, Mitglied bei »Gesundheit aktiv« zu werden?

Das spielt keine so zentrale Rolle. Die meisten finden zu uns, weil sie froh sind, dass wir dem heutigen Gesundheitssystem gegenüber kritisch eingestellt sind und kon­struktiv etwas ändern möchten. Wir können nicht auf allen medizinischen Feldern ein Kompetenz-Niveau vorhalten, um umfassend zu beraten, aber wir verfügen über große Netzwerke, an die wir Menschen ­weitervermitteln. Zum Impfen gibt es auf unserer Inter­netseite beispielsweise gute Basisinformationen und Literaturtipps.
Dass wir im letzten Jahr ansteigende Mitgliederzahlen hatten, ist vermutlich das Ergebnis eines Transformationsprozesses: Wir sprechen auch jenseits der klassischen anthroposophischen Szene verstärkt Menschen an. Mir persönlich ist sehr daran gelegen, dass wir kein Weltanschauungsverband sind. Es ist mir wichtig, Brücken zu bauen, beispielsweise auch zu verschiedenen innovativen gemeinschaftlich organisierten Projekten. Die Frage, wie gesundheitsstiftend Gemeinschaft ist, interessiert uns sehr.

Steht der Verband bereits mit solchen Projekten in Verbindung?

Meine Vorgängerin im Vorstand von »­Gesundheit Aktiv« hat in Berlin-Kreuzberg eine Bürgergenossenschaft mitgegründet, die nachbarschaftliche Unterstützung in einem Problembezirk fördert. Es ist eine spannende Frage, wie sich Menschen zu einem trockenen Thema wie Gesundheitspflege im Kiez zusammenbringen lassen. Ich mag das Projekt, weil es jenseits der bildungsbürgerlichen Welt, in der unsere Aktivitäten sonst stattfinden, angesiedelt ist.

Ja, ein solcher Brückenbau ist sehr wichtig. Ganz herzlichen Dank für das Gespräch! •



Stefan Schmidt-Troschke (52) studierte Medizin und Gesundheitsökonomie und war von 1997 bis 2013 ärztlicher Direktor am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. 2003 begründete er die Organisation »Ärzte für eine Individuelle Impfentscheidung«. Seit 2014 ist er Vorstand des Bürger- und Patientenverbands »Gesundheit aktiv«.

Die eigene Gesundheitskompetenz stärken:
www.gesundheit-aktiv.de
www.individuelle-impfentscheidung.de

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