Buchtipps

Die alte und die neue Anna (Buchbesprechung)

von Martin Goldstein, erschienen in Ausgabe #2/2010
Photo

»Es war ein anderes Leben, ich war ein anderer Mensch, meine Gefühle trugen mich in eine andere Welt. In meiner neuen Welt gab es keine Worte – ich wurde getragen«, schreibt Anna Schicht mit fünfund- achtzig Jahren. Fünf Jahre zuvor war sie spontan in ei- nen Bauwagen im Ökodorf Sieben Linden gezogen. In ihrem Buch erzählt Anna von ihrem Leben und dieser dramatischen Wende. Sie erlebt zwei Ehen, bringt fünf Kinder zur Welt und erfährt mit siebzig, dass ihr Ehe- mann untreu geworden und einer jungen Frau, seiner neuen Anna, verfallen ist. Sie bleibt, als die alte Anna, zurück. Für mich als Eheberater eine ans Gemüt ge- hende Geschichte, die sie in Tagebuchform schildert. Vierzig Jahre lang war sie ihrem Mann treugeblieben und auch sich, der alten Anna.
Doch auf einem Ausflug ins Ökodorf entscheidet sie sich, dazugehören zu wollen. Gesagt, getan. Und nun erlebt sie, was sie in ihrem ganzen Leben noch nie erlebt hat: lebendige Gemeinschaft. Nicht nur mir, auch ihr fällt auf, wie stark sie auf einmal Verliebtheit mit Männern erlebt. Ihr Liebesleben blüht auf, auch bei so viel Liebe, die ihr entgegengebracht wird. An- nas offene Ohren, Annas offenes Herz: Sie setzt sich der emotionalen Dynamik des Gemeinschaftslebens aus, lässt sich davon herausfordern, oft mit Weinen oder einem Aufschrei, den sie nicht mehr unterdrü- cken kann. »In mir ist Revolution«, schreibt sie, und ist dankbar für alles, was sie noch lernen kann. Die Bewohner des Ökodorfs sind dankbar für Anna, die hier ihren Platz gefunden hat, wo sie für sich selbst ebenso wichtig wird wie für uns alle.
Auch wenn das Buch schon vor einiger Zeit erschienen ist, darf der Hinweis auf diese außergewöhn- liche »Aussteigergeschichte« hier nicht fehlen. Es ist für mich als Therapeuten nicht leicht zu verkraften, dass die neue Anna ohne professionelle Begleitung sich derart hat entwickeln können. Sie wurde zu einer Frau, die Anschauungen wie »zu alt, um zu ...« oder »ihre Lebensweise ist bereits zu ihrer Struktur geworden« oder »es wird Zeit, dass sie an einen Heimplatz denkt« oder »sollte zu einem ihrer Kinder ziehen« ungültig macht.
Wir können von Anna lernen, wie begrenzt, aber auch wie unbegrenzt sich ein Menschenleben entwickeln kann. Mit achtundachtzig Jahren ist sie als eine neue, glückliche Anna im Kreis der Gemeinschaft gestorben.

Die alte und die neue Anna
Anna Schicht
BoD-Verlag, 2006, 

203 Seiten
ISBN 978-3833450013
15,00 Euro



weitere Artikel aus Ausgabe #2

Gerechtigkeit & Friedenvon Geseko von Lüpke

Mit dem Mut der Verzweiflung

Allen schlechten Nachrichten, die uns täglich um die Ohren fliegen und uns dazu verleiten, uns entsetzt, entnervt und resigniert von der Welt abzuwenden, steht ein erstaunliches Phänomen gegenüber. Während das Ausmaß, der Umfang und die Geschwindigkeit der Desintegration

Photo
von Matthias Fersterer

Tagebuch eines schlimmen Jahres (Buchbesprechung)

Selten waren sich Leser, Kritiker und Preiskomitee so einig wie im Herbst 2003, als J. M. Coetzee mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Seine Bücher sind meisterhaft komponierte Studien der menschlichen Seele. Sein Blick ist klar und unbeirrt. Ohne je zu werten, zu psychologisieren

Lebenswegevon Wolfram Nolte

»Eigentlich wollten wir nur ankommen«

Ein junges Paar zieht anderthalb Jahre lang mit Pferdekutsche und Hund durch halb Europa. Sie wollen für eine gentechnikfreie Landwirtschaft aktiv werden. ­Naive private Träumerei? Oder gesellschaftlich wirksames Abenteuer?

Ausgabe #2
Aussteigen & Einsteigen

Cover OYA-Ausgabe 2Neuigkeiten aus der Redaktion