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Eine Andere Welt

Wie sich ehemalige Bunker und Plattenbauten verwandeln lassen.

von Elisabeth Voß , erschienen in 32/2015

Das Gelände eines ehemaligen ­Telekommunikationszentrums der DDR in Strausberg verwandelt sich in ein Gemeingut.

Bild

© Foto: Andere Welt Straußberg

Wer das Gelände betritt, merkt gleich, dass es hier anders zugeht als in der Welt des ungebremsten Wachstums und der Konkur­renz. Im Hofladen gleich am Eingang gibt es Gemüse frisch aus dem Garten, Obst von der Streuobstwiese und im Lehmofen selbstgebackenes Brot. Hier entscheiden die Kundinnen und Kunden selbst, wie viel sie für ein Produkt bezahlen möchten, und bekommen eine Erläuterung zur commonsbasierten Wirtschaftsweise. Zahlreiche Menschen leben und arbeiten in einem riesigen Plattenbau, der mit Stroh und Lehm gedämmt wurde. Künstlerinnen und Künstler nutzen Proberäume im Keller und Ateliers in den oberen Stockwerken. Sie bemühen sich in ihrem künstlerischen Ausdruck ebenso um die Kritik des Bestehenden wie darum, Alter­nativen attraktiv darzustellen. Auf einem Platz mitten im Wald, der den größten Teil des Grundstücks einnimmt, stehen ein riesiges Gewächshaus und ein Restaurant, das vor allem Waldfrüchte verarbeitet. Im Sommer gibt es hier unter freiem Himmel Kino und Theater. In der Veranstaltungshalle diskutieren Menschen aus aller Welt über gesellschaftliche Veränderungen. Offene Werkstätten und ein Waldgarten laden zum Mitmachen ein, übernachten können die Gäste in Baumhäusern. Das Holz dafür hat der selbstverwaltete Forstwirtschaftsbetrieb geliefert, dessen Abfälle als Hackschnitzel ein Blockheizkraftwerk füttern.

Diese und viele weitere Ideen finden sich in einem ersten Konzept, und vielleicht wird es in ein paar Jahren so aussehen in der »Anderen Welt« am Stadtrand von Strausberg, eine Stunde von Berlin entfernt. Oder so ähnlich – oder vielleicht ganz anders. Denn bei allen Träumen und Ideen, die Antje Borchardt, Melanie Seeland, Matthias Merkle und einige andere haben, liegt es ihnen am Herzen, nicht zu viel festzulegen, sondern offen zu bleiben für neu Einsteigende. Die sind nicht nur willkommen, sondern werden auch gebraucht, um kreative Utopien Wirklichkeit werden zu lassen. Die drei Genannten leben schon heute ihre Utopie im Kleinen in Französisch-Buchholz, das zum Berliner Bezirk Pankow gehört. In ihrem Selbstversorgungsgarten picken 20 glückliche Hühner und ein Hahn, ihre fünf bretonischen Zwergschafe haben sie nach Strausberg gebracht.

Inspiriert von der Spanischen Revolution
Als im Frühjahr 2011 in Spanien die »Indignados« (die Empörten) zahlreiche öffentliche Plätze besetzten, reisten die Produzentin Antje und der Regisseur Matthias durch das krisengeschüttelte Land und filmten die neu entstehenden sozialen Bewegungen. Mit ihrer gemeinsamen Firma Retsina-Film haben sie schon viele gesellschaftskritische Projekte umgesetzt. In Spanien waren sie fasziniert vom Gesamtklang der vielen einzelnen Stimmen und davon, wie Menschen mit unendlich vielen existenziellen Problemen im gemeinsamen Aufstand plötzlich Glück erfahren. Die »Bewegung 15M«, benannt nach dem Beginn der Platzbesetzungen am 15. Mai, drückte eine Hoffnung auf echte Demokratie und auf eine andere, bessere Welt aus.
Zu Hause bereitete die Schauspielerin Melanie gemeinsam mit anderen eine erste Platzbesetzung vor. Nach monatelangen öffentlichen Diskussionen auf dem Berliner Alexanderplatz erklärte eine Gruppe von Künstlerinnen und Politaktivisten diesen am 20. August als besetzt und eröffnete ein Protestcamp nach spanischem Vorbild, die »Acampada«: Nicht mehr mitmachen, sondern es selbst und anders machen und einen Raum schaffen für den kreativen Austausch. Jede und jeder war eingeladen, sich einzubringen, Kritik und Utopien öffentlich darzustellen, in Reden, Bildern und Performances jeder Art. Die »Asambleas«, die großen Versammlungen, waren recht herausfordernd; die gedankliche Offenheit musste gegen viele Versuche, schnelle Lösungen zu finden, verteidigt werden. Statt starrer Konzepte sollten wilde Träume zumindest einen Vorgeschmack auf die ersehnte Freiheit geben, die möglich wäre, wenn die Welt nicht mehr auf der Basis von Macht und Profit organisiert wäre. Die Protestparty fand große öffentliche Aufmerksamkeit, wurde jedoch nach einer Woche von der Polizei beendet. Aber die Protestierenden gaben nicht auf. Für den 15. Oktober, den »Global-Change«-Aktionstag, an dem weltweit Proteste geplant waren, meldete Melanie eine Demonstration vom Alexanderplatz zum Reichstagsgebäude mit etwa 500 Personen an. Es kamen 10 000, die bei schönstem Sonnenschein im Anschluss an die Demonstration diskutierten und dabei menschliche Mikrofone einsetzten: Was gesagt wurde, sprachen andere nach, bis es alle gehört hatten, so wie bei »Occupy Wall Street« in New York. Anschließend besetzten einige die Wiese vor dem Reichstag und riefen »Occupy Berlin« aus. Bei aller Freude über den Massenprotest stellte Occupy für Antje einen Rückschritt dar: »Die Fokussierung auf die Banken war eine Verengung, die dem Protest sein subversives Potenzial nahm.«
Die Andere Welt in Strausberg versteht sich als eine Fortführung der kreativen Proteste mit anderen Mitteln, als eine Art dauerhaftes Widerstandscamp, in dem Elemente einer zukünftigen gerechten und demokratischen Gesellschaft schon heute erprobt werden: »Solidarität muss sich gegen das Bestehende richten, wenn sie auf mehr hinaus will als auf Paradiesquatsch«, sagt Matthias. »Dieses positiv lackierte ›Wir sollten mehr für etwas sein als gegen!‹, das man aus zahlreichen Debatten kennt, führt dann am Ende zu so etwas Kapitalbejahendem wie den modernen Sharingmodellen Auto, Wohnung usw. Ich weiß, dass ich über solidarisch-ökonomische Zusammenhänge nur nachdenken kann, weil ich auf der Megasonnenseite der Erde in diesem Superduperkrisen­bewältigungsland lebe, und das verdammt uns nun mal dazu, nicht nur uns selbst, sondern die Welt zu verändern. Weder Anarchismus noch Kommunismus konnten historisch als nichtfunktionierend widerlegt werden. Hier können wir ansetzen und das praktisch erproben.«

Ein kreativer Prozess
Vor zwei Jahren hat Matthias das Grundstück in Strausberg von der Telekom gekauft, um den Wald vor dem Abholzen zu retten. Die grüne Idylle wird gebrochen vom Charme zerfallender Gemäuer, übersät mit Graffiti, und von den überall aus dem Boden ragenden Lüftungsrohren eines riesigen Bunkers. Sein Privateigentum an dem Grundstück möchte er schnell wieder loswerden, denn er sieht sich nur als Treuhänder, bis die Menschen, die auf dem Gelände ihre Ideen verwirklichen möchten, sich eigene Strukturen gegeben haben. Denen möchte er die jeweiligen Gebäude verkaufen und den zugehörigen Boden zur Nutzung überlassen. Dieses Land soll nie wieder eine Ware sein. Sobald der Kredit zum Erwerb des Geländes aus den Hausverkäufen zurückgezahlt oder auf die Projektgruppen übertragen ist, will er das Grundstück in eine Stiftung überführen, damit es dauerhaft für ökologische und soziale Zwecke gesichert ist und der Wald ungestört zum Urwald werden kann.
Die Andere Welt versteht sich als Versuch, »nachzuweisen, dass und wie es möglich ist, wirklich eigenverantwortlich solidarisch und fair zu wirtschaften.« Vielfalt und Kooperation sind Grundgedanken dieses Vorhabens, wo Menschen aufeinandertreffen, »die sich emanzipieren wollen von der unterdrückenden, weil dominant organisierten Erwerbslogik, sich befreien wollen von dem abhängig gestalteten Mietverhältnis usw. Ziel ist aber auch, damit gleichzeitig anderen diese Selbständigkeit zu ermöglichen. Je mehr Leute sich diesen Mut, diese Selbstüberwindung, diese Tatkraft zutrauen, umso kleiner wird die Hürde für andere, vielleicht Schwächere, vielleicht Mutlosere. Ein erweiterter Kulturbegriff soll dabei gedanklich und erlebbar entwickelt werden.« Auf diese Grundsätze einigte sich das Plenum im Frühjahr 2014 und schrieb sie in einer Präambel fest.
Auch wenn im Alltag oft Pragmatismus gefragt ist, versteht die Gruppe die Gestaltung von Gebäuden und Gelände sowie die Ausarbeitung ihres Konzepts als kreativen Prozess. Dieser umfasst auch die Gestaltung des sozialen Raums der Begegnung, der gemeinsamen Zeit und der Kommunikation als Kulturtechnik. Das zweiwöchentliche Plenum wurde anfangs im Internet angekündigt. Diese Fortsetzung der Asamblea im eigenen Projekt hat sich jedoch nicht bewährt. Zu oft kamen Leute, die viel Zeit beanspruchten, um Ideen einzubringen oder gar belehrende Reden zu schwingen, ohne aktiv mitzuarbeiten. Die wertvolle Plenumszeit wird gebraucht, um aktuelle Fragen zu besprechen; darum sollen sich nun nur noch diejenigen daran beteiligen, die auch Verantwortung in der Anderen Welt übernehmen. Diese Gruppe besteht zur Zeit aus etwa zwölf Leuten und wird von vielen Freundinnen und Freunden des Projekts unterstützt.
Einladung zum Mitmachen
Die Stadtverordnetenversammlung von Strausberg hat im Herbst 2014 dem Vorhaben, auf dem noch für Telekommunikationszwecke ausgewiesenen, fast 30 Hektar großen Gelände Wohnen, Gewerbe und Kultur anzusiedeln, grundsätzlich zugestimmt. Das zugrundeliegende Konzept der Anderen Welt versucht einen Spagat zwischen der notwendigen Festlegung auf Pläne für die Bebauung und Nutzung des Grundstücks und einer größtmöglichen Offenheit für Projekte, die vielleicht heute noch unvorstellbar sind. Die zuständigen Behörden erstellen nun – in Abstimmung mit dem Architekten der Anderen Welt, Dieter Schuster – einen Flächennutzungs- und Bebauungsplan, zu dem es immer wieder Klärungsbedarf gibt, weil die Pläne der Projektgruppe sich nicht so leicht in formale Vorschriften pressen lassen. So sind zum Beispiel Baumhäuser im Baurecht nicht vorgesehen, und Vorgaben über die Anzahl von Parkplätzen, die pro Wohn- oder Gewerbeeinheit zu schaffen sind, wurden nicht für ökologische Projekte erdacht, die den motorisierten Individualverkehr weitgehend vermeiden möchten.
Ein früher als Büro genutzter Plattenbau mit mehr als 70 Räumen soll zum Wohn- und Seminarhaus umgebaut werden, in das auch die bisher vermieteten Garagen integriert und mit einem Anbau verbunden werden sollen. Ein Bildungsverein, der die Seminarräume übernehmen möchte, ist in Gründung und offen für weitere Interessierte. Ebenso werden Bauwillige für den Anbau gesucht, die dann selbst entscheiden können, ob sie sich als Genossenschaft oder in welcher Form auch immer organisieren möchten. Auch für andere Projekte, zum Beispiel für das Theater oder für den Gastronomiebereich, werden noch Mitmachende gesucht. In der Anderen Welt gibt es viel Raum und vor allem eine große Bereitschaft und Offenheit, sich auf die Ideen und Vorhaben anderer Menschen einzulassen. Hier entsteht ein Freiraum für kreative Betätigungen jeder Art, allerdings mit der Erwartung, dass die Werte und Zielvorstellungen grundsätzlich zusammenpassen. Denn auf diesem Fleckchen Erde soll eine gelebte Alternative zum Bestehenden wachsen, die nicht nur ein bisschen ökologischer und demokratischer ist als die normale Welt, sondern etwas grundlegend Neues darstellt. Melanie verdeutlicht es unmissverständlich: »Ich habe keine Lust auf Leute, die nur für sich selbst ihr Schöner-Wohnen und ihren Job im Grünen wollen.«
Bei aller Entschlossenheit, dem schlechten Bestehenden vielfältige Alter­nativen entgegenzusetzen, verfallen die Mitglieder der Projektgruppe nicht in Selbstgefälligkeit, sondern lassen ihre Präambel mit der ebenso beruhigenden wie mutmachenden Einsicht enden: »Es wird nie ein richtiges Leben im Falschen geben können. Auch in der ›Anderen Welt‹ treten alle Widersprüchlichkeiten dieser Gesellschaft in allen Einzelfragen zutage. Wir können nichts richtig machen – aber wir können es versuchen.«
Interessierte sind eingeladen, an einer der monatlichen Führungen über das Gelände teilzunehmen und sich vor Ort mit Mitgliedern des Projekts zusammenzusetzen, Ideen auszutauschen, gemeinsam Filme anzuschauen, sich gegenseitig kennenzulernen – und vielleicht zu bleiben. •

Elisabeth Voß (60) publiziert, unterrichtet und berät zu Selbstorganisation und alternativem Wirtschaften. Sie verfasste den »Wegweiser ­Solidarische Ökonomie«, www.voss.solioeko.de.

Die erstaunliche Andere Welt besuchen:
Jeden letzten Sonntag im Monat findet um 14 Uhr eine Führung über das Gelände statt.
www.anderewelt.org

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