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Gute Praxis in der Forschung

Beate Küppers sprach mit der Gesundheitswissenschaftlerin Bettina Berger, die am Forschungs- und Lehrzentrum Herdecke Studien zu komplementärmedizinischen Themen initiiert.

von Beate Küppers , Bettina Berger , erschienen in 31/2015

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© Foto: Privat

Bettina, du bist am Forschungs- und Lehrzentrum Herdecke (FLZ) tätig, das Ende 2012 in Kooperation des anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke mit der Universität Witten/Herdecke gegründet wurde. Was sind die Anliegen und Themenfelder dieser Institution?

Wir unterstützen und ermöglichen Forschung am anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. Dabei geht es sowohl um pragmatische Studien, in denen verschiedene Therapien miteinander verglichen werden, als auch um Arzneimittelstudien oder die Wahrnehmung von therapeutischen Maßnahmen aus Patientenperspektive.
Inhaltlich liegen die Schwerpunkte bei der integrativen Medizin und den sogenannten nicht-pharmakologischen Interventionen. Dazu gehören äußere Anwendungen, wie rhythmische Massagen, übende Verfahren, wie Eurythmie oder Yoga, Physio- oder Kunsttherapie, sowie psychoedukative Interventionen, Schulungsprogramme und Entscheidungshilfen.
Das Anliegen unseres Zentrums ist es, Infrastruktur und die notwendige Fachkenntnis zur Verfügung zu stellen, damit an einer komplementärmedizinischen Einrichtung wie dem Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke Forschung praktiziert werden kann. Wir verstehen unsere Arbeit aber nicht nur als Serviceleistung, sondern initiieren auch selbst verschiedene Forschungsprojekte.

Was unterscheidet das FLZ von anderen Forschungseinrichtungen?

Unser Ansatz ist ein anderer als in der klassischen Medizinforschung: Die Studien orientieren sich an Fragen des Versorgungsalltags in der Klinik. So kam zum Beispiel eine Hebamme mit der Frage zu mir, was man denn machen könne – viele Frauen seien verunsichert, seit die Einleitung der Geburt empfohlen wird, sobald der errechnete Termin um zwei Wochen überschritten ist. Eines unserer Promotionsprojekte beschäftigt sich nun mit Entscheidungshilfen bei Terminüberschreitung. In anderen Studien geht es um die wissenschaftliche Untersuchung von komplementärmedizinischen Verfahren. Wir untersuchen und evaluieren das, was unmittelbar am Menschen geschieht, und fragen, ob es wirklich hilft.

Bei einer Studie aus dem letzten Jahr ging es um Konflikte von Eltern bezüglich der Impfung ihrer Kinder. Wie kamt ihr auf dieses Thema?

Die Ärztevereinigung für individuelle Impfentscheidung hatte uns darum gebeten, eine Entscheidungshilfe für Eltern zu erstellen. Um dafür Gelder beantragen zu können, müssen Daten darüber vorliegen, um was für Entscheidungskonflikte es sich in der Zielgruppe überhaupt handelt. Diese ­Daten haben wir in der Studie erhoben.
Es gibt internationale Kriterien für medizinische Entscheidungshilfen, bei denen es nicht nur um objektive Informationen von außen geht, sondern auch darum, unterschiedliche persönliche Hintergründe und Bedürfnisse in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Beispielsweise wählen die einen eher eine Bandscheibenoperation, weil sie sich davon versprechen, anschließend schnell wieder arbeitsfähig zu sein. Andere bevorzugen eine konservative Therapie, die längerfristig angesetzt und mit täglicher Gymnastik etc. verbunden ist. Es gibt unterschiedliche Lebensstile, Weltanschauungen und Gesundheitszustände, die jeder für sich selbst am besten kennt. Da gilt kein »Richtig« und »Falsch«, sondern die individuelle Perspektive.
Viele Eltern folgen den allgemeinen Impfempfehlungen, ohne diese zu hinterfragen. Für unsere Studie haben wir Väter und Mütter interviewt, die sich Gedanken darüber machen, welche der bevorstehenden Impfungen für ihre Kinder sinnvoll sind und welche nicht. Dabei wurden unterschiedliche Gegebenheiten einbezogen: Jungen, Mädchen und Mehrlinge, Erst- und Zweitgeborene, gesunde und kranke Kinder.

Die Ergebnisse der Befragung erscheinen mir nicht besonders verwunderlich: Gewünscht wird eine individuelle, ergebnisoffene und von kommerziellen Interessen unabhängige Beratung. Was sagt die Studie außerdem aus?

Die sogenannten Impfskeptiker werden gesellschaftlich oft verurteilt. Dabei ist wenig bekannt, welche Konflikte Eltern bewegt, die vor der Impfentscheidung stehen. Viele suchen nach Informationen, welche Handlungsoptionen es überhaupt gibt und worauf sie achten müssen. So hat mich zum Beispiel überrascht, wie ernsthaft die sozia­le Verantwortung in die Entscheidung einbezogen wird. Die meisten Eltern sind keine radikalen Impfgegner. Sie nehmen weit mehr Handlungsspielräume wahr, als allgemein kommuniziert werden. So wird über den richtigen Zeitpunkt der Impfung nachgedacht – Keuchhusten beispielsweise ist nur für sehr kleine Kinder bedrohlich. Eine individuelle und informierte Entscheidung umzusetzen, ist aber gar nicht so ­einfach, denn Einzelimpfstoffe sind kaum noch zu bekommen – ebenso wie neutrale, pharmaunabhängige Infor­mationen.
In einer Entscheidungshilfe werden die Handlungsoptionen mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen sowie fehlende Wirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen kommuniziert. Im Hinblick auf Impfschäden gibt es keine ausreichenden Studien darüber, ob zum Beispiel eine Mehrfachimpfung die Ursache für Autismus oder komplexe Immunstörungen sein könnte. Vor Gericht muss der Beweis über solche Zusammenhänge vom Kläger, also von den Eltern erbracht werden. Dazu sind sie natürlich nicht in der Lage.

Wenn es um Patientenrechte geht, wird ja häufig gefordert, dass die Hersteller den Beweis der Unschädlichkeit erbringen sollen.

Ja. Sie beweisen aber teilweise noch nicht einmal, dass ihre Impfungen überhaupt die gewünschte Wirkung erbringen! Beispielsweise weiß man bei der HPV-Impfung für Mädchen nicht, ob sie tatsächlich die Häufigkeit von Gebärmutterhalskrebs reduziert. Die Zulassung erfolgte aufgrund von Studien, in denen lediglich das Vorstadium, nämlich die Infektion mit dem HP-Virus untersucht wurde.

Wie geht es nun weiter? Wie sollen die Ergebnisse der Studie anderen Eltern zugute kommen?

Das ist eine gute Frage. Das FLZ ist keine Institution, die selbst Formate wie Entscheidungshilfen erstellt. Deshalb werden die Ergebnisse demnächst den Auftraggebern und möglichen Geldgebern vorgestellt. Das Thema »individuelle Impfentscheidung« ist aber politisch brisant. Es wird schwer sein, dafür Unterstützung zu bekommen. Es braucht Mut und Energie, um dem weiter nachzugehen: Gibt es gerade eine Ausschreibung, zu der das Thema passen könnte – und wenn ja: Bekommt man dann auch die Förderung? Ein solcher Prozess kann Jahre dauern. Oft ist es eine Person, die ein Projekt maßgeblich initiiert. Wenn diese aus irgendwelchen Gründen später ausfällt, stellt sich die Frage, ob sich jemand findet, der das weitere Vorgehen übernimmt. 

Kommt es öfter vor, dass die praktische Umsetzung von Forschungsergebnissen so mühsam und langwierig ist?

Leider ja. Nach jeder Forschung stellt sich die Frage, wie es damit weitergeht. Wir haben beispielsweise in Kooperation mit dem Berliner Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe und der Medizinischen Hochschule Hannover eine vergleichende Studie über die Wirkung von Sport, Eurythmie und Kunsttherapie bei chronischer Müdigkeit nach Brustkrebs durchgeführt. Ob und welche Kliniken diese Therapieformen aber im Anschluss an die Forschung übernehmen, darauf haben wir keinen Einfluss. Idealerweise gäbe es ein Institut, das beides miteinander verbindet: die Forschung und die entsprechenden therapeutischen Angebote.

Auch eure »YES-Studie« vergleicht verschiedene Therapieformen. Liegen dazu schon Ergebnisse vor?

YES steht für »Yoga, Eurythmie, Sport«. Diese Untersuchung wurde an drei Standorten durchgeführt – dem Immanuel Krankenhaus in Berlin, der Havelhöhe sowie hier in Herdecke. Dass Bewegung bei Rückenschmerzen hilft, ist bekannt. Zur Wirkung von Sport und auch von Yoga liegen bereits wissenschaftliche Daten vor – aber nicht zur Eurythmie. Die YES-Studie vergleicht verschiedene Behandlungsformen bei unspezifischen Rückenschmerzen. Die Ergebnisse liegen aber noch nicht vor.
Über welche Themenfelder soll in Zukunft am FLZ geforscht werden?
Wir planen zur Zeit eine große klinische Homöopathiestudie. In Deutschland gibt es das so gut wie gar nicht mehr, weil Forschungen zur Homöopathie dem Arzneimittelgesetz unterliegen. Es bedeutet einen unverhältnismäßig hohen Aufwand, eine solche Studie auf die Beine zu stellen –­
sowohl was die Bürokratie, als auch was die Sicherheitsanforderungen betrifft. Diese sind für viele andere Medikamente durchaus sinnvoll, aber nicht für vergleichsweise harmlose Präparate, denen unterstellt wird, dass sie gar nicht wirken. In anderen Ländern gibt es bessere Forschungsbedingungen im Bereich der Homöopathie und entsprechend mehr Studien über deren Wirksamkeit.

Können sich interessierte Menschen als Probanden an solchen Studien beteiligen? Gibt es dazu Ausschreibungen?

In der Regel laden wir in der regionalen Presse zur Teilnahme an Studien ein. Gerade arbeiten wir aber auch an einer neuen Internetseite. Dort werden in Zukunft Informationen zu Beteiligungsmöglichkeiten an geplanten Studien veröffentlicht.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch! •


Bettina Berger (47) beschäftigt sich als Gesundheitswissenschaftlerin mit der Berücksichtigung der Patientenperspektive in der Medizintheorie. Sie arbeitet als Studienkoordinatorin am Lehrstuhl für Medizintheorie, Integrative und Anthroposophische Medizin an der Universität Witten/Herdecke und kümmert sich um den Aufbau des Forschungs- und Lehrzentrums Herdecke.

Patientenorientierte Forschung tiefer erkunden:
www.kurzlink.de/flz
www.researchgate.net/profile/bettina_berger

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