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Mehr Wachstum! (Folge 1)

Menschen können Land verwüsten – sie können es aber auch weitflächig wiederbegrünen.

von Jochen Schilk , erschienen in 28/2014

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© Foto: Rainer Kwiotek – www.menschenfuermenschen.de

Weite Flächen unserer Erde sind bereits stark geschädigt und warten darauf, ihr grünes Kleid zurückzuerhalten. Beweise dafür, dass sich negative Trends tatsächlich umkehren lassen, gibt es zuhauf – sie sind nur wenig bekannt. Unsere Serie stellt eine Auswahl an Positivbeispielen aus degradierten Gegenden vor.
Die Zivilisation zeigt schon seit Jahrtausenden die Tendenz, Wälder abzuholzen und fruchtbaren Boden zu zerstören – das belegt William Kötke in seinem Buch »The Final Empire« mit zahlreichen historischen Beispielen. Aber noch nie ging diese Zerstörung in derart atemberaubendem Tempo voran wie heute. Schon muss die Menschheit auf die biologische Produktivität etwa eines Viertels der globalen Landoberfläche verzichten – welch eine Verschwendung!
Ende 2013 veröffentlichten Wissenschaftler von der Universität Maryland eine erste Weltwaldkarte. Ihren Daten zufolge ist allein in den Jahren 2000 bis 2012 global eine Waldfläche von mehr als der vierfachen Fläche Deutschlands verlorengegangen (1,5 Millionen Quadratkilometer). Eingerechnet sind hier bereits 800 000 Quadratkilometer neu entstandenen Walds; der Gesamtverlust hat im Erhebungszeitraum also sogar 2,3 Millio­nen Quadratkilometer betragen – eine dramatische Entwicklung, denkt man an das globale Bevölkerungswachstum, an den zunehmenden Wassermangel, an Klimawandel, Artenschwund und Bodenerosion.
Die gute Nachricht zu dieser Katastrophenmeldung ist, dass hier und dort schon einige Menschen in der Praxis aufgezeigt haben, dass selbst verwüstete Flächen ohne nennenswerte Wasservorkommen sich wieder begrünen lassen. Regionen mit gesunder Vegetation haben bekanntermaßen einen enorm positiven Einfluss auf das Weltklima. Die Regeneration des Planeten scheint angesichts zahlreicher geglückter Projekte zur Wiederbegrünung nur eine Frage des guten Willens zu sein. Von diesen Heldinnen und Helden sowie ihren unterschiedlichen Methoden ist hier die Rede.
 

Graslandpflege durch wandernde Herden
Etwa zwei Drittel der Landfläche der Erde bestehen aus Grasland, und dieses ist heute – insbesondere dort, wo regelmäßige Trockenperioden auftreten – stark von Desertifikation (Wüstenbildung) bedroht. Das erklärt der Biologe Allan Savory in einem Vortrag, den im Internet schon Millionen Menschen angesehen haben. Bereits seit den 1950er Jahren forscht der in Simbabwe geborene Savory vor allem in Afrika an Ursachen und Lösungen für die beobachtete Wüstenausbreitung, beispielsweise in einem ihm anvertrauten Schutzpark. Anfangs glaubten er und andere Experten an eine Überweidung durch Wild- und Nutztiere. Doch selbst nach einer radikalen ­Dezimierung der Populationen wollte das Gras nicht wieder zu wachsen anfangen. Angesichts dieses Fehlschlags – bei dem 40 000 Elefanten ihr Leben lassen mussten – fragte er sich, wie das Grasland ursprünglich und natürlich entstanden und »gepflegt« worden sei. Er erkannte, dass nicht große Herden an sich das Problem darstellten, da diese in der Natur völlig normal sind. Probleme für den Boden ergeben sich erst dann, wenn (von Menschen gehaltene) Herden zu lange auf einem Fleck stehen müssen, dabei alle Vegetation zertrampeln und den letzten Bewuchs mitsamt Wurzel und Rinde fressen – letzteres gilt vor allem für Ziegen. Solange die Herden hingegen wandern können, düngen sie den Boden im richtigen Maß und halten ihn zugleich von übermäßigem Bewuchs frei, so dass stets neues Gras nachsprießen kann. Eine Beseitigung von übermäßigem Aufwuchs durch natürliche oder künstlich gelegte Feuer ist dann nicht mehr nötig.
Die Bilder von halb oder ganz verwüstetem Land, denen Savory bei seinem Vortrag Aufnahmen gegenüberstellt, die dasselbe Land nach der »Pflege« durch wandernde Rinderherden zeigen, sind wahrhaft erstaunlich: Wo zuvor fast nur blanker Boden und tote Stämme zu sehen waren, gedeihen nun wieder Gras, Büsche und Bäume; sogar vormals ausgetrocknete Bäche führen wieder Wasser. Nach erfolgreichen Wiederbegrünungsmaßnahmen in verschiedenen Weltgegenden wagt der fast 80-Jährige zu behaupten, dass uns »nur Herden« vor dem Verlust des Grünlands »retten« könnten (das übrigens – die Anhänger der rein veganen Landwirtschaft werden das nicht gerne hören – zum Großteil für den Ackerbau ungeeignet ist).
Wichtig scheint hier noch die Feststellung, dass die vielerorts durch bereits degradierte Landschaften wandernden Ziegen- und Schafherden tatsächlich großen Schaden anrichten, wenn sie ungehindert immer wieder ­jeden Aufwuchs niederfressen. Die jordanische Prinzessin Basma bint Ali – besorgt wegen der fortschreitenden Desertifikation in ihrem Land – setzte deshalb Versuche durch, bei denen die Tiere von bestimmten Flächen ausgezäunt wurden. Tatsächlich bildete der Grasbewuchs in diesen Reservaten bald wieder eine geschlossene Vegetationsschicht; nach einigen Jahren zeigte sich auch Sukzes­sionsbewuchs von Holzpflanzen.
Die Prinzessin ist übrigens an Permakultur interessiert und sitzt unter anderem im Beirat der Organisation »Plant for Peace«, die afghanischen Bauern die Pflanzung von Granatapfelgärten als Alternative zum Opiumanbau schmackhaft macht.
 

Der Mann, der die Wüste aufhielt
Andrea Jeska hat eine wunderbare Geschichte über den beharrlichen Bäumepflanzer Yacouba Sawadogo für die »Zeit« aufgeschrieben, und ich empfehle sehr, sie in all ihrer Schönheit online nachzulesen. Hier eine ­Zusammenfassung:
Yacouba Sawadogo ist jenseits der siebzig und lebt mit seiner großen Familie im Norden des westafrikanischen Landes Burkina Faso; die Region mit sehr harten, trockenen Böden ist Teil der Sahelzone. ­Obwohl die Schule es nicht geschafft hatte, ihm das Lesen beizubringen, wurde ihm als jungem Mann von einem Koran­gelehrten prophezeit, dass einst die Menschen zu ihm kommen würden, um von ihm zu lernen. Zunächst verdingte er sich als Händler, doch angesichts einer großen, dürrebedingten Hungersnot zu Beginn der 1980er Jahre wandte sich Yacouba der Landwirtschaft zu. Er griff die regional übliche Anbaumethode – bei der in wochenlanger Knochenarbeit Löcher für die Hirsekörner in die Erde geschlagen werden – auf, um nicht nur Getreide, sondern in jahrzehntelanger Anstrengung auch viele Tausend Bäume zu pflanzen. Anfangs wurde er noch als Verrückter und Ketzer verunglimpft, weil er es wagte, die sakrosankten agrarischen Traditionen zu ­verändern. Als der erste Wald auf über vier Hektar zu grünen begann, brannten Nachbarn diesen sogar ­nieder. Doch der Mann gab nicht auf; er klagte niemanden an, sondern führte sein Werk stoisch fort. »Man kann nichts Gutes tun, ohne dadurch Widerstand zu provozieren«, weiß er.
Yacouba Sawadogos Methode: Er legt zunächst Steindämme um Parzellen, um das kostbare Wasser zurückzuhalten, wenn es denn vom Himmel fällt. Dann hackt er seine Löcher und füllt diese mit einer Mischung aus Blättern, Asche, Viehdung, Getreidekörnern und Baumsamen. Der Clou dieser Kompost-Mixtur besteht darin, dass sie Termiten anzieht, die den Boden lockern. Auf diese Weise hat er im Lauf der Zeit am Rand der Wüste eine 30 Hektar große Oase mit erstaunlicher Artenvielfalt geschaffen – mehr als sechzig verschiedene Busch- und Baumarten gedeihen dort zur Freude von Mensch und Tier! Ebenso speichert der Wald Feuchtigkeit im Boden, wovon natürlich auch die Feldfrüchte des experimentierfreudigen Bauern profitieren, der hier quasi seine eigene Version von Agroforstwirtschaft erfand. Ermutigt durch Yacoubas Erfolg, sind schließlich auch diejenigen Dorfbewohner zurückgekehrt, die bei der letzten großen Hungersnot ihr Heil vergeblich in der Stadt gesucht hatten.
Die Geschichte ist hier aber noch nicht zu Ende, denn einige Jahre nach dem Beginn des Experiments wurde ein holländischer Geologe, der zu neuen Wegen des Anbaus in Wüstenregionen forschte, auf Yacouba aufmerksam. Dank dieser Verbindung wurde es nun möglich, dass Kleinbauern von nah und fern die Methode bei dem Analphabeten aus dem Norden Burkina Fasos erlernten. In Niger etwa wurden in zwanzig Jahren schon 200 Millionen Bäume nach seinem Vorbild gesetzt – was half, die Getreideernte um jährlich 500 000 Tonnen zu steigern. Auf diese Weise erfüllte sich die Weissagung des Leiters der Koranschule – ja, Bauer Yacouba steigt sogar hin und wieder in Flugzeuge, um auf internationalen Konferenzen sein Wissen weiterzugeben. Ein Kameramann der BBC hat das Leben des einfachen alten Mannes verfilmt, der so mit seinen holzigen Zöglingen verbunden ist, dass er in seinem Heimatdorf nebenbei auch als Medizinmann wirkt – kennt er doch die Heilkräfte, die in den Blättern, Rinden und Wurzeln seiner Bäume ­stecken. Das Dokudrama liegt als »Der Mann, der die Wüste aufhielt« seit kurzem auch in einer deutschen Sprachfassung vor.
 

Regenerations-Bomben
Eine faszinierende Methode zur Wiederbegrünung selbst weit entlegener Gebiete hat der japanische Permakultur-Pionier Masanobu Fukuoka mit seinen Lehm-Pellets entwickelt, die unter Guerilla-Gärtnerinnen auch als »Samenbomben« einige Bekanntheit erlangten. Dabei wird eine möglichst große Bandbreite von Samen verschiedener heimischer und nicht-heimischer Pflanzen in einen Teig aus Humus, Wasser und Lehm gerührt, dieser dann zu ein bis zwei Zentimeter großen Lehmbällchen geformt und in der Sonne getrocknet. Fukuoka empfahl, die Samen von mindestens einhundert verschiedenen Arten zu verwenden – darunter Gründüngungspflanzen, Blatt- und Wurzelgemüse, Blumen, kleine Mengen verschiedener Getreidearten sowie Busch- und Waldbaumsamen, Obstsamen und -kerne. Die derart hergestellten Lehm­bällchen sind insbesondere für solche Flächen bestimmt, denen die fruchtbare Erdkrume durch Entwaldung und Erosion verloren­gegangen ist. Der Lehm schützt die Samen so lange vor hungrigen Nagetieren, Vögeln und Insekten, vor starkem Wind, Krankheiten und vor dem Austrocknen in der Sonne, bis eine ausreichende Menge Regen fällt, um das Pellet aufzuweichen. Umhüllt von einem Mini-Lebensraum aus Nährstoffen und unterstützenden Boden-mikroben können die Samen dann sprießen. Obwohl wegen der extremen Bedingungen nicht alle Samenarten eines Bällchens keimen, schaffen es doch diejenigen unter ihnen, die die richtigen Voraussetzungen für die jeweiligen Verhältnisse der Mikro-Umgebung mitbringen. Die übrigen – zumeist nicht-heimische Pflanzen, die für den Standort nicht geeignet sind und deshalb eingehen – liefern den überlebenden Pflanzen mit ihrer Biomasse weitere Nährstoffe. 
Fukuoka und die Permakulturszene denken vor allem pragmatisch: Bei der Herstellung von Samenbällchen für größere Gebiete benutzen sie Betonmischmaschinen und bringen – wie etwa in Tansania, Indien und Griechenland – die Pellets auch schon mal mit Flugzeugen aus. Im Frühjahr 1998 initiierten Masanobu ­Fukuoka und sein langjähriger Schüler Panaiotis Manikis in Griechenland die Initiative »Grüner Gürtel für Südeuropa«. Um die ­Realisierbarkeit ihrer Vision zu beweisen, organisierten sie eine erste große Pellet-Aussaataktion am Vegoritida-See in Nordgriechenland. Freiwillige aus ganz Europa, darunter mehrere hundert Schüler, Studenten und Bauern, haben damals sieben Tonnen Samen mit 60 Tonnen Tonerde pelletiert und auf 2500 Hektar ausgebracht. Weitere Aussaataktionen im Rahmen der Grüngürtel-Initiative fanden später unter anderem auf dem Gelände der südportugiesischen Tamera-Gemeinschaft statt.
Deren Mitglied Leila Dregger zieht aus der 15 Jahre zurückliegenden Aktion folgendes Fazit: Der Erfolg der Pellet-Methode sei zunächst nicht absehbar gewesen, so dass man bei der Aufforstung zu anderen Ansätzen überging. Dennoch sei auf den Testgebieten mittlerweile deutlich zu erkennen, dass »doch einiges an Bäumen großgeworden ist. Es sind vor allem trockenheitsresistente Pioniersorten, die aufgegangen sind, also vor allem Akazien.« Inzwischen wurde in Tamera eine »Wasserretentionslandschaft« geschaffen, die den Niederschlag in mehreren künstlichen Seen zurückhält. Dies, so Dregger, sei ein völlig anderer Ausgangspunkt für die Aufforstung: »Wir haben gelernt, dass zumindest in mediterranen Gegenden und überall, wo schon vor längerer Zeit abgeholzt wurde, die Aufforstung eng mit einem natürlichen und ganzheitlichen Wassermanagement verbunden werden muss.« Seit Gründung der Gemeinschaft, die sich als ganzheitliches »Heilungsbiotop« versteht, wurden bereits mehr als zehntausend Bäume gepflanzt. Das derzeit von zwei Deutschen vorangetriebene Waldprojekt in ­Tamera zielt darauf ab, die ursprüngliche Vielfalt wiederherzustellen und zusammen mit Kulturbäumen zu einem Mosaik der Fülle zu verweben. Aufforstungen in Mischkultur und Obstbaumpflanzungen sowie eine kleine Baumschule für Wald- und Fruchtgehölze sind entstanden.
 

Ein dichter Wald an Beispielen
Die Serie mit hoffnungsvoll grün-sprießenden Beispielen wird in den nächsten Ausgaben von Oya fortgeführt werden. Dann geht es unter anderem um einen rebellischen norddeutschen Aufforster, das Wissen um die richtigen Aussaattermine für Bäume, neu geschaffenen Regenwald rund um Ökodörfer in Kolumbien und ­Indien, eine in Rekordzeit geschaffene Permakultur-Oase nahe dem Toten Meer, das größte staatliche Aufforstungsprojekt der Welt, fragwürdige techniklastige Ansätze, die afrikanische Grüngürtel-Bewegung oder auch um die Möglichkeiten des Regenmachens mittels eines Cloudbusters … •

 

Die grünen Wunder mit eigenen Augen erleben:

Allan Savoy:

www.ted.com/talks/allan_savory_how_to_green_the_world

http://plantforpeace.org/isg-team/hrh-princess-basma-bint-ali


Yocouba Sawadogo:
www.zeit.de/2012/49/Hunger-Sahelzone-Baeumepflanzer/komplettansicht 

www.youtube.com/watch?v=RJl225y2rlk
www.daserste.de

Den Film über Yacouba Sawadogo gibt‘s bei www.die-neue-zeit-tv.ch


Fukuokas Samenbomben:

https://sites.google.com/site/onseedballs/worldwide-projects

www.tamera.org/de/projektgruppen/autarkie-oekologie/wald

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