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Solidarität als Akt des ­Widerstands

In Thessaloniki trotzt eine ehrenamtlich organisierte Gesundheitsambulanz der wirtschaftlichen Krise.

von Kathrin Niedermoser , erschienen in 27/2014

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Seit 2010 befindet sich Griechenland in einer tiefen wirtschaft­lichen Krise. Sparprogramme und Kürzungen im Sozial- und ­Gesundheitsbereich haben das Land in eine humanitäre ­Katastrophe gestürzt. Als Reaktion auf die zunehmende Armut entstehen überall im Land solidarische Initiativen, die nicht nur konkrete Hilfestellung im Alltag geben, sondern sich auch politisch gegen die vorherrschende Krisenbearbeitung engagieren und Alternativen zur neoliberalen Sparlogik aufzeigen.

In der nordgriechischen Stadt Thessaloniki befindet sich die Gesundheitsambulanz »Koinoniko Iatreio Allileggyis«, die »Klinik der Solidarität«. Die Einrichtung ist in Räumlichkeiten des griechischen Gewerkschaftsdachverbands GSEE untergebracht und bietet medizinische Erstversorgung an. Ursprünglich wurde die Ambulanz im Herbst 2011 als Anlaufstelle für Asylbewerberinnen gegründet. Heute – im fünften Krisenjahr – sind es überwiegend Griechen, die die Gesundheitseinrichtung aufsuchen. Verursacht durch massive Einsparungen im Gesundheitsbereich, die hohe Arbeitslosigkeit und den Zusammenbruch der Krankenversicherungen, hat inzwischen ein Drittel der griechischen Bevölkerung keinen Zugang zum Gesundheitssystem mehr.
»Was wir hier machen, hat nichts mit Wohlfahrt zu tun«, erklärt Katerina, eine 26-jährige Psychologin. »Wir organisieren Solidarität, und das ist für uns ein Akt des Widerstands.« Katerina arbeitet ehrenamtlich in der Ambulanz. Sie ist eine von 200 Aktiven, die den Betrieb der Einrichtung aufrechterhalten.
 

Solidarität auf Augenhöhe
Im Team werden alle Entscheidungen gemeinsam getroffen. Das dauert manchmal bis in die frühen Morgenstunden. Aber bisher hat das Kollektiv fast immer eine Lösung gefunden, die für alle Beteiligten annehmbar war. Ein weiteres wesentliches Element der Arbeitsweise der Klinik der Solidarität ist das Prinzip der Selbst­organisation. »Da gibt es nicht die einen, die geben, die spenden, und die anderen, die nehmen. Solidarität ist nur auf Augenhöhe möglich. Wir begegnen uns auf der gleichen Ebene, weil wir einander helfen, einander beistehen – jeder auf die Weise, die ihm möglich ist«, beschreibt Vasilis, ein Intensivmediziner, der in der Ambulanz arbeitet, das Selbstverständnis der Einrichtung.
Die Klinik der Solidarität finanziert sich ausschließlich durch Spenden. »Wir organisieren Konzerte, Benefizveranstaltungen und Flohmärkte; es gibt befreundete Apotheken und Ärzte, die uns mit Medikamenten unterstützen«, erläutert der Zahnarzt Giorgos das Konzept. »Solidarität aus dem Ausland ist inzwischen zentral geworden, weil die Menschen hier vor Ort kaum mehr in der Lage sind, uns etwas zu geben. Dabei geht es einerseits um finanzielle Unterstützung; aber ebenso wichtig für uns ist die politische Solidarität aus anderen Ländern.«
Die Ambulanz versteht sich als politisches Projekt. »Das heißt, wir bekämpfen nicht nur die Symptome, sondern auch die Ursachen – so wie ein guter Arzt das eben macht«, erklärt uns Theodoros, der als Allgemeinmediziner in der Ambulanz praktiziert. So gehen die Aktivisten der Klinik der Solidarität zum Beispiel vor Krankenhäuser und fordern die dortigen Verwaltungen auf, unversicherte Patientinnen und Patienten aufzunehmen, oder sie unterstützen die im Gesundheitsbereich Beschäftigten bei Demonstrationen und Streiks.
 

Arbeiten ohne Geld
Der Druck, unter dem die Menschen stehen, lässt sich nur erahnen. Die meisten Mitglieder des Teams haben selbst mit den Auswirkungen der Krise zu kämpfen. Viele der Ärztinnen und Therapeuten arbeiten in öffentlichen Krankenhäusern oder in Ambulanzen der Sozialversicherungen. Sie kommen nach ihrem Dienst in die Klinik der Solidarität und arbeiten weiter. Die Einsparungen im Gesundheitsbereich haben auch sie getroffen. Ihre Gehälter wurden gekürzt, Überstunden werden meist nicht bezahlt, in den Krankenhäusern herrscht Personalmangel, und oftmals fehlt es am Allernötigsten, wie Medikamenten und Verbandsmaterial. Eine Ärztin erzählt mir, dass die hygienischen Bedingungen in der Klinik der Solidarität besser sind als jene in dem staatlichen Krankenhaus, in dem sie beschäftigt ist.
Neben dem medizinischen Personal arbeitet auch eine Gruppe von Psychologinnen und Psychotherapeuten in der Ambulanz. Psychische Erkrankungen haben vor dem Hintergrund der Krise rasant zugenommen. Katerina, die uns durch die Einrichtung führt, hat ihr Studium vor zwei Jahren abgeschlossen; einen bezahlten Job zu finden, ist derzeit aussichtslos. Gemeinsam mit anderen jungen Kolleginnen bringt sie ihr Wissen hier ein. »Das ist zwar nicht bezahlt, aber es ist besser, als zu Hause zu sitzen und das Gefühl zu haben, dass der ganze Aufwand für mein Studium umsonst war.«
Mittlerweile suchen täglich bis zu 100 Patienten die Ambulanz auf. Neben allgemeinmedizinischer, zahn- und fachärztlicher Behandlung bietet die Klinik der Solidarität auch kostenlose Schutzimpfungen für Kinder und die Versorgung mit Medikamenten an.
Das Wartezimmer ist voll, die Stimmung gedrückt. Viele der Patientinnen schämen sich, in die solidarische Klinik kommen zu müssen. »Ich arbeite, seit ich vierzehn bin«, erzählt Giorgos, ein 58-jähriger Bauarbeiter. »Ich habe immer meine Steuern und Versicherungsbeiträge bezahlt, und jetzt muss ich hierher kommen, weil die Troika und die Regierung alles kaputtgemacht haben.«
»Meine Tochter und ihr Mann arbeiten jeden Tag zehn Stunden. Sie bekommen dafür nicht mal 500 Euro. Sie sind nicht versichert«, klagt Marika. Die Rentnerin ist hier mit ihrer siebenjährigen Enkeltochter, die seit Tagen Zahnschmerzen hat. Eine Behandlung bei einem niedergelassenen Zahnarzt kann sich die Familie nicht leisten. Eine Nachbarin hat Marika von der Klinik der Solidarität erzählt.
 

Alltagsbewältigung in der Krise
Die Menschen, die in die Ambulanz kommen, haben in den meisten Fällen nicht nur gesundheitliche Probleme. »Die Geschichten, die wir hier jeden Tag erzählt bekommen, machen deutlich, wie weit sich die Krise in unsere Gesellschaft hineingefressen hat«, schildert Maria, die im Empfangsbereich arbeitet, die Situation.
Stromabschaltungen, unbezahlte Mieten, kein Geld für Babywindeln – die Alltagsprobleme, die durch die Krise entstanden sind, sind vielschichtig. Die Klinik der Solidarität kooperiert eng mit anderen Solidaritätsinitiativen und versucht, auch bei solchen Sorgen weiterzuhelfen.
Das Nachbarschaftskomitee am Dikastirion-Platz unterstützt Menschen, denen der Strom abgestellt wurde. Gemeinsam marschieren sie regelmäßig zur Stromgesellschaft und versuchen, die dort Zuständigen von Stromabschaltungen abzuhalten. »Die sind inzwischen ganz schön genervt von uns, aber das ist ja der Sinn der Sache«, sagt Dimitra mit einem leichten Lächeln.
Auf dem »Markt ohne Zwischenhändler« verkaufen Bäuerinnen aus der Region am Wochenende ihre Produkte direkt in den Stadtteilen von Thessaloniki, wodurch die Preise niedrig sind. In der Suppenküche auf der Ermou-Straße, mitten in der Stadt, wird samstags und sonntags gemeinsam gekocht und gegessen. Auch diese Initiative entstand ursprünglich zur Unterstützung von Migranten. Heute sitzen dort neben Asylbewerberinnen auch griechische ­Pensionäre und Familien mit Kindern, die sich das tägliche Essen nicht mehr leisten können. Die Lebensmittel werden unter der Woche in Restaurants oder vor Supermärkten gesammelt.
Geht man abseits der Touristenpfade durch die Straßen der Stadt, vorbei an Obdachlosen und aufgelassenen Geschäftslokalen, so erscheinen die Solidaritätsinitiativen wie kleine Inseln der Hoffnung. Sie scheinen das Unmögliche möglich zu machen – in einem Land, in dem, wie viele hier sagen, innerhalb von fünf Jahren Zustände wie in einem Entwicklungsland geschaffen wurden. »Zu sagen, diese Krise sei eine Chance, ist zynisch«, sagt Dimitra vom Nachbarschaftskomitee am Ende unseres Gesprächs. »Wir verteidigen uns, unsere Familien, unsere Freunde und unsere Nachbarn gegen diese Politik. Das ist keine Chance, denn wir haben gar keine andere Wahl! Wir wollen unser Leben zurück, das ist alles. Und dafür kämpfen wir.«
 

Zwischen Wut, Resignation und Alternativen
Es ist eine Mischung aus Wut und Resignation, die überall in Griechenland spürbar ist. Die vielen tausend Menschen, die anfangs noch auf die Straßen gingen, um gegen den Abbau von sozialstaatlichen Strukturen und gegen die Lohnkürzungen zu protestieren, bleiben inzwischen zuhause. Die Gründe dafür sind mannigfaltig: Zu sehr sind die meisten damit beschäftigt, unter den widrigen Bedingungen für die eigene Existenz zu sorgen; hinzu kommt die Angst vor Polizeigewalt und Verhaftungen auf Demonstrationen und Kundgebungen. Während vor der Krise eine neoliberale Politik oftmals mittels gesellschaftlichem Konsens durchgesetzt werden konnte, ist die neoliberale Krisenbearbeitung heute zunehmend nur noch durch autoritäre und undemokratische Maßnahmen aufrechtzuerhalten. Das bekommen vor allem jene zu spüren, die sich gegen die massive Sparpolitik zur Wehr setzen.
Am folgenschwersten scheint die Erfahrung zu sein, dass es nichts bringt, auf die Straße zu gehen, weil letztlich nicht einmal das Schlimmste verhindert werden konnte. »Wozu sollen wir denn wählen gehen?«, fragen zwei junge Studenten am Kamara-Platz in Thessaloniki. »Wir sind monatelang auf die Straße gegangen und haben sehr deutlich gezeigt, dass wir mit der Politik, die hier gemacht wird, nicht einverstanden sind. Das ist denen da oben egal.«
Dieser Resignation entgegenzuwirken, ist wohl die schwierigste Aufgabe der zahlreichen Solidaritätsinitiativen. »Wir wollen nicht stellvertretend für die Menschen sprechen oder agieren, sondern mit allen gemeinsam unser Geschick in die Hand nehmen«, erklärt Katerina aus der Klinik der Solidarität. »Das ist nicht immer einfach, aber wir zeigen mit unserem Einsatz, dass wir abseits von Konkurrenzdruck und Profitlogik auch anders miteinander arbeiten und leben können.« •

 

Kathrin Niedermoser (34) ist Sozialwissenschaftlerin und arbeitet am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Wien. Sie ist ehrenamtliche Mitarbeiterin von »weltumspannend arbeiten«, dem entwicklungs­politischen Verein im Österreichischen Gewerkschaftsbund.


Mehr erfahren und unterstützen:
Der entwicklungspolitische Verein des Österreichischen Gewerkschaftsbunds, »weltumspannend arbeiten« organisiert seit 2013 eine Solidaritätskampagne mit der Klinik der Solidarität.
Spendenkonto: IBAN: AT091400046610093809, BIC: BAWAATWW
www.klinik-der-solidaritaet.at
www.weltumspannend-arbeiten.at

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