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Die Türen stehen offen

Lara Mallien traf Martin Esch, der nach einem Jahr gezielter Gemeinschaftssuche auf eine neue Weise auf die Menschen in seinem Hausflur zugehen kann.

von Lara Mallien , erschienen in 25/2014

Ich glaube, meine Gemeinschaftssuche hat zwei Quellen: den Kopf und die Sehnsucht im Bauch oder Herzen«, überlegt Martin Esch. Damit fing es schon in der Studentenzeit an.

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© Foto: privat

In den 1970er Jahren studiert Martin Psychologie in Marburg. In seinem Freundeskreis wird über die antiautoritäre Bewegung und natürlich auch über den Kommune-Gedanken diskutiert. »Da war dieses schöne Wir-Gefühl in einem Kreis von bis zu 80 Menschen, die sich immer wieder in unterschiedlichen Konstellationen getroffen und teilweise auch zusammen gewohnt haben«, erinnert sich Martin. »Wir wollten Revolution machen, die Erziehung und die Psychiatrie ändern, füreinander da sein, politisch zusammenarbeiten …« Doch nach dem Studium gehen alle ihrer Wege. »Der gesellschaftliche Ansatz ging verloren. Ich habe in dieser Zeit auch mehr meine individuelle Psyche angeschaut, losgelöst von einer Veränderung sozialer Verhältnisse und meiner Lebensumstände.«
Dennoch zieht es ihn immer wieder zu ökosozialen Projekten. Anfang der 1990er Jahre kommen aus Holland Ideen zu autofreien Innenstädten nach Köln, wo Martin lebt. »Wir haben als Bürgerinitiative ein alternatives Mobilitätskonzept für ein Neubaugebiet vorgeschlagen, alles nur mit Fuß- und Radwegen. Über drei, vier Jahre war da in der Gruppe wieder eine Aufbruchstimmung, wie ich sie zuletzt in der Studienzeit gekannt hatte. Das hat viele Fragen und Sehnsüchte in uns ausgelöst: Wie wollen wir dort zusammen wohnen? Was verbindet uns über die Idee ›autofrei‹ hinaus?« Martin brennt für dieses Projekt. Er möchte es in die Tat umsetzen und fürchtet, dass die Verhandlungen mit der Stadt an einem gewissen Dogmatismus in der Gruppe scheitern könnten. Also prescht er vor, handelt ohne Absprache mit den anderen in einem schwierigen Fall einen Kompromiss aus – und verliert das Vertrauen der Gruppe. »Ich habe mich dann herausgezogen; das war eine traurige Geschichte«, erzählt er. Weil er sich neu verliebt hat und eine Famile gründen will, fällt der Abschied aber nicht schwer.
 

Das Private reicht nicht mehr
Nach einer Zeit im Privaten rütteln ihn 2004 die Tabubrüche der rot-grünen Bundesregierung wieder auf. Der Kosovo-Krieg, Hartz IV – ihm wird endgültig klar, dass die 68er-Strategie mit dem »Gang durch die Institutionen« gescheitert ist. »Hör auf mit der Privatisiererei, geh raus in die Öffentlichkeit!«, ruft es in ihm.
Er beginnt, Ökodörfer und Gemeinschaften wie das ZEGG und Sieben Linden zu besuchen, macht eine Ausbildung als Körperpsychotherapeut und fragt sich immer wieder: Wie können Einzelne und Gemeinschaften Veränderung in der Gesellschaft bewirken?
Im vergangenen Jahr besucht er gezielt politische Kommunen: Niederkaufungen, die Villa Locomuna, einen Longo-ma-Hof, Schloss Gersdorf in Sachsen und die Kommune Waltershausen in Thüringen. »Da habe ich viele interessante Menschen kennengelernt«, erinnert sich Martin. »Und verstanden, dass es für mich nicht passt, einfach so in eine Gemeinschaft ›einzutreten‹. Ich kann das nicht – eine Einstiegs-Prozedur durchlaufen und dann vor fremden Leuten stehen mit der bangen Frage: »Mag ich die? Mögen die mich?« Außerdem ist mir bewusst geworden, dass eine gemeinsame Ökonomie für mich im Moment noch nicht das Richtige ist.«
Zurück in Köln, nimmt er wieder Kontakt mit der autofreien Siedlung auf und findet darin ganz erstaunliche Ansätze zu Gemeinschaft. Da werden Feste, Flohmärkte oder ein Lastenradverleih organisiert; es ist selbstverständlich, sich gegenseitig zu helfen. Martin zieht in ein neues Haus mit 20 Wohnungen und lässt sich in den Beirat der Eigentümer-Gemeinschaft wählen. »Langsam entsteht in meiner Etage eine ›Flurgemeinschaft‹. Wir hängen zwar noch nicht die Türen aus, aber sie stehen immer wieder offen. Ein paar von uns haben zusammen Weihnachten gefeiert.« Martin möchte abwarten, was sich in der Siedlung entwickelt. Nette Leute um sich herum zu haben, reicht ihm nicht. »Vielleicht finden sich hier Menschen – auch wenn es nur zehn sind –, die sagen: ›Wir sind wir, wir wollen etwas bewegen.‹ Dann ist das hier mein Ort.« Wenn nicht, wird Martin weiter auf Suche gehen. •

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