Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Aufruhr im Paradies

Island am Scheideweg: Porträt einer Insel in der Krise

von Matthias Fersterer , erschienen in 03/2010

Bild

Manche Gegenden sind von Natur aus begünstigt. Als eine solche Insel des Glücks kann man sich Island, die gar nicht so eisige Vulkaninsel im Nordatlantik, vorstellen. Im Prinzip zumindest. Im »Satisfaction with Life Index«, der die Lebenszufriedenheit in 178 Ländern misst, rangierte Island 2006 auf Platz vier. Mit ihren Gletschern und Geysiren, mit einer Fläche so groß wie Baden-Württemberg und Bayern zusammen und nicht mehr Einwohnern als die Stadt Mannheim, ist die Insel reich an Raum und Natur. Hinzu kommen erneuerbare Energien, Fischreichtum und ein lebendiges Kulturerbe. Gemessen an der Bevölkerungszahl leben in keinem Land der Erde mehr Schriftsteller, Künstler und Musiker. »Nur eines dieser Dinge hätte gereicht, damit es einem Volk von 300 000 Menschen gutgeht. Aber wir wollten, dass es uns mehr als nur gutgeht«, schreibt der Autor, Aktivist und Filmemacher Andri Snær Magnason in einem für die Leipziger Buchmesse verfassten Essay. Als ich Andri, der sich nach isländischer Sitte mit Vornamen vorstellt, zu einem Gespräch treffe, meint er: Dass die Isländer so hoch hinaus wollten, habe mit dem isländischen Minderwertigkeitskomplex zu tun – mit dem Gefühl, von der Welt nicht wahrgenommen zu werden. Das war einmal. Inzwischen ist die Insel nicht mehr aus den Schlagzeilen wegzudenken. Meist sind es Hiobsbotschaften, doch die Isländer erfülle es mit Genugtuung, dass nun endlich Notiz von ihnen genommen werde, so Andri schelmisch. Sieht man genauer hin, lassen sich auch große Potenziale erkennen.

Bild
Chronik einer angekündigten Zerstörung
Mit der so ehrgeizigen wie wahnwitzigen Ankündigung, die Energieproduktion zu verdoppeln, wurden seit 2002 Investoren angelockt. Gleichzeitig wurde der Bankensektor dereguliert. Die energiehungrige Aluminiumindustrie ließ sich nicht lange bitten. Ein Land, das über keine nennenswerten Bodenschätze verfügt, aber über genug Energie und Wasser, um sich vielfach selbst zu versorgen, opfert der Schwerindustrie seine wichtigste Ressource – die unberührte Natur. Für den Kárahnjúkar-Staudamm, der größte Europas, der das Fjarðaál-Werk des US-Alu-Erzeugers Alcoa mit Energie versorgt, wurde eines der letzten großen Wildnisgebiete Europas zerstört, samt seinen Überwinterungs- und Rastplätzen von Rentieren und Zugvögeln. Die Folgen von Bodenerosion, Artensterben und dem Ausbleiben der klimaregulierenden Wirkung einstmals frei­fließender Gletscherbäche sind nicht abzusehen, geschweige denn in Geld zu beziffern. Mit der Finanzkrise, die Island härter als andere Länder traf, platzte die Spekulationsblase. »Als wir in der Blase waren, galt es als verrückt, nicht mitzumachen. Nachdem sie geplatzt war, galt es als verrückt, mitgemacht zu haben«, schreibt Andri. Zu alledem legte dann noch der Vulkan Eyjafjallajökull den europäischen Flugverkehr lahm und sorgte für Wirtschaftsausfälle in Milliardenhöhe. Diese Ereignisse machen deutlich, wie eng Ökonomie und Ökologie miteinander verflochten sind. Letztlich sind es zwei Seiten derselben Medaille. Darin ähnelt die isländische der globalen Krise, deren Vorwehen wir gerade zu spüren bekommen. Ökonomie ist eben nichts Abstraktes, das sich von der Natur losgelöst betrachten lässt, sondern betrifft das konkrete Haushalten mit dem oikos, dem Superhaushalt Erde, in dem wir alle wohnen.

Die isländische Krise zeigt auch, mit welcher Absurdität die Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems am Leben als Ganzem vorbeigehen: Aus Jamaica und Australien, buchstäblich vom anderen Ende der Welt, wird das zur Aluminiumgewinnung benötigte Bauxit nach Island verschifft. So entsteht Mehrwert durch internationale Arbeitsteilung – nach gängiger volkswirtschaftlicher Rechnung. Nicht eingerechnet sind die verheerenden Auswirkungen auf die Biosphäre der Abbau- und Produktionsgebiete, ebensowenig die wahren Kosten des zum Transport benötigten Erdöls. Betrachtet man dieses Szenario von außerhalb einer nur in monetären Kategorien denkenden Verwertungslogik, erscheint es als Wahnsinn, bestenfalls als böser Scherz. Denn was die Welt am wenigsten braucht, ist – mehr Aluminium. Das korrosionsbeständige Leichtmetall lässt sich zu hundert Prozent wiederverwerten. Jeder Schnipsel Alufolie wird uns und unsere Kindeskinder ohnehin die nächsten 400 Jahre begleiten. Warum also nicht recyclen? Zur Herstellung von Recyc­ling-Aluminium sind nur fünf Prozent der zur Gewinnung von Primäraluminium benötigten Energie erforderlich. Die Menge des jährlich in den USA weggeworfenen Aluminiums entspricht dem Jahresbedarf der US-Autoindustrie. Theoretisch könnte das heute in Umlauf befindliche Aluminium den weltweiten Bedarf decken. Die Isländer opfern ihre Natur für nichts, oder besser: für nichts als Geld. Nach Inflation und Wertverfall der isländischen Krone dürfte dies kein allzu großer Trost sein.

Bild
Die Kunst des Widerstands
In »Draumalandið« (»Traumland«), seinem zwei Jahre vor der Finanzkrise verfassten »Handbuch für eine Nation in Angst und Schrecken«, gibt Andri der Verzweiflung seiner Landsleute eine Stimme, informiert über die Hintergründe der Naturzerstörung und zeigt regionale, nachhaltige Alternativen auf. Diese sind heute wichtiger denn je und lassen sich auch auf andere Länder übertragen. Die englische Ausgabe ist bereits erschienen, Anfang 2011 folgt die deutsche bei Orange Press, derweil tourt der gleichnamige Dokumentarfilm durch europäische Festivals. Um auf die Naturzerstörung hinzuweisen, initiierte Andri 2009 zusammen mit der Musikerin Björk und der Band Sigur Rós das Náttúra-Festival – mit überwältigender Resonanz: Jeder zehnte Isländer kam. Einige seiner Freunde hörten auf, Kunst zu machen, und organisierten stattdessen Führungen an bedrohte Plätze. »Wir haben viele wunderbare Orte ins öffentliche Bewusstsein gebracht. Orte, die noch vor wenigen Jahren zerstört und ausgebeutet worden wären, werden nun erhalten bleiben.« Andri, den eine deutsche Fernsehredaktion bereits als »Al Gore Islands« bezeichnete, wurde so zu einer Galionsfigur des isländischen Widerstands.

Die Proteste zogen wohlmeinende Ratschläger aus aller Welt an: »Ein Guru nach dem anderen hat sich geäußert und es zu landesweiter Bekanntheit gebracht«, schreibt er in seinem Essay. Der Dalai Lama ebenso wie der Kommunist Antonio Negri, Kulturwissenschaftler Slavoj Žižek, Globalisierungskritiker John Perkins, Aktionskünstler Reverend Billy oder Filmkünstler David Lynch, der Transzendentale Meditation als Mittel gegen die Krise empfahl.

Mit der Finanzkrise weiteten sich die Proteste auf Regierung und Banken aus. Im Januar 2009 trat Premierminister Geir Haarde zurück. Die Bankerin Halla Tomasdóttir, die in den Ereignissen eine Krise des Patriarchats erkannte, dürfte sich bestätigt fühlen: Nach Neuwahlen hat Island nun eine jüngere, weiblichere Regierung unter Führung von Jóhanna Sigurðardóttir, der ersten Premierministerin Islands und ersten offen homosexuellen Regierungschefin der Neuzeit. Ob nun alles besser wird? Andri will die Geschlechter nicht gegeneinander ausspielen, räumt aber ein, die Krise sei durch die Gruppendynamik ehrgeiziger, seltsam uniformer Männer ausgelöst worden, die das Land an den Rand des Staatsbankrotts führten.

Im soeben erschienenen Abschlussbericht des isländischen Parlaments über Vorgeschichte und Ursachen der Bankenkrise, schon jetzt das meistverkaufte Buch des Jahres, werden die Ereignisse mit beispielloser Transparenz aufgearbeitet.

Bild
Not macht erfinderisch
Die Krise hat einiges verändert. Die Talfahrt der isländischen Krone machte viele Importe unrentabel. Man besinnt sich wieder mehr auf Regionales und Selbstgemachtes. Letztes Jahr schloss die letzte McDonalds-Filiale der Insel, und unter jungen Frauen fand eine regelrechte Strickrevolution statt. Am Abend wird Andri bei seiner Lesung in Leipzig einen traditionellen isländischen Gesang anstimmen. Vor einigen Jahren gab er eine CD mit historischen Aufnahmen solcher rímur genannter Gesänge heraus. Traditionen sind ihm wichtig. »Künftig werden wir schlichtweg gezwungen sein, uns an die Lebensweise unserer Vorfahren zu erinnern«, sinniert er und plädiert für langfristiges Denken: »Vergangenheit und Zukunft sind stets greifbar. Wenn meine älteste Tochter so alt wird wie mein Großvater, wird sie das Jahr 2097 erleben und ihr Kind das Jahr 2130 – die Menschen, die ich physisch berühren kann, leben über einen Zeitraum von 200 Jahren.«

Vor kurzem schloss er sich mit Architekten, Designern, Ökonomen und Erfindern zu einem gemeinnützigen Projekt zusammen. Im ehemaligen Elektrizitätswerk Toppstöðin in Reykjavík soll ein Biotop für Kreativität und Nachhaltigkeit entstehen. »Wir bringen junge und alte Menschen zusammen und verbinden so Tradition und Innovation«, erklärt Andri. Eine Gruppe entwickelt ein ökologisches Transportsystem mit Methan-, Elektro- oder Wasserstoffantrieb, eine andere vertreibt Spielzeug aus fairem Handel. Viele wurden nach der Krise arbeitslos. Anstatt ihr Potenzial brachliegen zu lassen, erzeugen sie gemeinsam positive Energie, indem sie sich unentgeltlich einbringen. »Hier wird deutlich, wieviel man tun kann, wenn man nichts hat.« Diesen Ansatz, teils Schenk-, teils Tauschökonomie, hält Andri jedoch nicht für etwas revolutionär Neues: »Noch vor vierzig Jahren funktionierte so die Hälfte der isländischen Wirtschaft, ohne dass wir uns dessen bewusst waren.«

Zwischen Utopie und Dystopie
Gerade entscheide sich, ob Island auf eine Utopie oder eine Dystopie zusteuert, meint er, und formt seine Hände zu Waagschalen. Das Potenzial für beides ist enorm. Ein ehemaliger Militärstützpunkt in Keflavík, ein Relikt des Kalten Kriegs, wurde nicht dem US-Militärdienstleister Blackwater, sondern einer internationalen Hilfsorganisation als Logistikzentrum zur Verfügung gestellt. Hier siegte die Utopie. Kein Grund, sich zurückzulehnen. Weitere Aluminiumhütten, Dämme und Kraftwerke sind geplant. Die Folgen wären verheerend. Doch noch kann sich das Blatt wenden. »Wenn wir zehn Schritte nach vorne und neun zurück gehen, sind wir immerhin einen Schritt vorangekommen«, meint Andri.

Die Insel wirkt wie ein Testballon des Wandels: Was hier nicht gelingt – wo sich optimale Bedingungen für einen nachhaltigen Lebensstil mit dem Leidensdruck paaren, aus dem Veränderung erst erwächst –, wird auch anderswo kaum umzusetzen sein. Vielleicht ist die Anteilnahme von Menschen aus aller Welt deshalb so groß, weil sie spüren, dass hier noch etwas bewahrt werden kann, das anderswo bereits verlorenging. Vielleicht erkennen wir im Kampf der Isländer auch unsere eigene Hoffnung wieder, dass es noch nicht zu spät sein möge, um Kurs auf eine bessere Welt zu nehmen.

Am Ende von »Traumland« stehen Hoffnung und Ausblick auf eine »fantastische Zukunft«: »Wenn wir das nicht schaffen, kann es niemand«, schreibt Andri. Wer wollte daran zweifeln?

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!