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Das System macht unsere Fähigkeiten zu Waren

von Johannes Heimrath , erschienen in 03/2010

Johannes Heimrath spricht mit dem Wirtschaftspionier Frank ­Wilhelmi über die ­inneren und gesellschaftlichen Voraussetzungen für eine neue, andere Ökonomie.

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Frank, du bist Geschäftsführer der gemeinnützigen GmbH »Wirtschaft und Kunst – erweitert«. Was verbindet für dich diese scheinbar gegensätzlichen Pole – das Künstlerische und das Wirtschaftliche?
Das beginnt bei der Frage nach der eigenen Lebensbestimmung: Was ist meine Begabung und mein »Beruf«, mit dem ich wirtschaftlich tätig werden möchte? Es ist eines der größten Geheimnisse, wie sich im Leben der Zustand herstellt, dass Menschen das sichere Gefühl verspüren: Das ist meine Bestimmung. Wenn du das erkennst, bist du ganz nah an der Kunst. Künstler beschäftigen sich ja einen Großteil des Lebens damit, wie sie in einen Zustand geraten können, in dem sie inspiriert tätig werden können. Adorno nennt das »aktive Passivität«. Die Arbeitnehmergesellschaft nimmt diesen Vorgang überhaupt nicht als Gegenstand der Wirtschaft wahr. Das fällt mir immer wieder auf, wenn ich mit Jugendlichen zur Begabungsentdeckung arbeite. Unsere heutige Gesellschaft fordert von jungen Menschen: Du musst in drei Monaten wissen, welchen Beruf du ergreifen willst. Durch diesen Stress werden Menschen aus ihrem Mittelpunkt gezogen und können ihr kreatives Potenzial nicht wirklich entfalten.

Dieses aktive Warten auf den richtigen ­Moment zum Handeln, auf den »Kairos«, ­erfahre ich als etwas sehr Wichtiges. Nur ­im Kairos finden Menschen die Kraft zu ­einem Richtungswechsel. Der Kairos verlangt eine Gesellschaft der Muße, man kann nicht auf ihn eingehen, wenn man immer-zu finanziellen Zwängen hinterherläuft.
Mich faszinieren immer wieder Biografien von Schulabbrechern oder Aussteigern. Viele sind später in ihrem Leben aktiv unternehmerisch tätig und finden gerade außerhalb der Leistungsgesellschaft ihre Berufung. Ich frage mich oft, ob man innerhalb eines Systems etwas verändern kann. Darum ging es auch bei der Gründung des Unternehmens »Wirtschaft und Kunst – erweitert«. Damals war ich Vorstand der Wilhelmi Werke AG. Diese Firma stellte aus Holz und Glasrecycling Akustikwerkstoffe für den Innenausbau her. Wir hatten Künstlerinnen und Künstler in unser Unternehmen eingeladen, um mit ihnen über die Zukunft des Unternehmens nachzudenken. Die kamen zu einem radikalen Schluss: Wenn Architekten Häuser richtig konstruieren, braucht man gar keine Akustikbaustoffe – das Produkt wäre überflüssig! Natürlich hat im Unternehmen niemand gesagt: Wie großartig, lasst uns etwas Vernünftigeres machen. Nein, alle hatten Verlustängste. Damit stießen wir an die Grenze des »Systems«: Wir waren ein kapitalistisches Unternehmen mit einem Produkt, dessen Sinnhaftigkeit nicht in Frage gestellt werden konnte – aufgrund einer fragwürdigen Ideologie. An diesem Punkt wurde mir klar: Im Bestehenden kann ich nichts ändern, ich muss ein neues, ganz anderes Unternehmen gründen, das sich mit dem wirklichen Bedarf der Menschen auseinandersetzt.

Was passiert heute im Unternehmen »Wirtschaft und Kunst – erweitert«?
Erstens pflanzen wir seit 20 Jahren jedes Jahr Bäume an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Das ist eine unternehmerische Aktion, in der unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen unter einem neuen Arbeits- und Unternehmensbegriff auftreten und eine soziale Skulptur in Erscheinung bringen. Zweitens arbeiten wir seit 2005 an einem Forschungsprojekt zum Thema »Gestaltungsansätze eines neuen Arbeitsbegriffs«. Dabei stellen wir uns die Frage: Was bringt einen Menschen dazu, tätig zu werden? Es geht um die Form, die benötigt wird, damit die Begabungen in bestmöglicher Weise entdeckt, entwickelt und begleitet werden können, und um die Aufgabe, die unternehmerischen Initiativen zu kreditieren und abzustimmen, damit sie als ein soziales Wirken aller Menschen an ihrer gemeinsamen Bestimmung begriffen werden können.

In der vorigen Ausgabe von Oya stellte ­Mathias Greffrath die Frage, wie es gelingen soll, dass sich in zwei, drei Jahrzehnten tiefsitzende Lebensstile von Millionen großstädtischer Massen verändern. Solange die Menschen als Getriebene durchs Leben ­hetzen, sehe ich da nur geringe Chancen …
Die Vision einer »anderen Welt« liegt für mich nicht in der Zukunft, sondern sie ist bereits gegenwärtig in Form eines gefühlten Mangels. Die Vision des anderen Lebens ist insofern in mir aktiv, als dass ich an bestimmten Dingen leide, und Leid erzeugt diese Reibung an der noch nicht verwirklichten Form der Menschheit. Reibung erzeugt Wärme, die das Herz weich machen kann. Aus dem Leid entwickelt sich auf diesem Weg die Kraft, mit der ich aus der jetzigen Form heraustreten und mich auf etwas Neues einlassen kann. An große Konzepte und Visionen glaubt heute kaum noch jemand. Mir scheint, es geht vielmehr darum, dass ich meine Wunden zeige. Wenn ich sage: Hier scheitere ich, ich bin hier gezwungen, Dinge falsch zu machen, hier bin ich ratlos, setzt das bei meinem Gegenüber enorme Kräfte frei, wir können in eine Herzensbeziehung eintreten. Zwischen uns entsteht das, was Joseph Beuys »Wärme­skulptur« genannt hat. Darin wird dann ein Kairos-Erlebnis möglich.

Kannst du dein »Leiden« in der Zeit, als du noch in den Unternehmen deiner Familien-Holding leitend tätig warst, beschreiben?
Dort war ich unter anderem im Vorstand einer Aktiengesellschaft, und in dieser Position hast du die Interessen der Anteils­eigner zu vertreten. Ihr Geld möglichst schnell zu vermehren, wird zum vordergründigen Kriterium deiner Entscheidungen. So kannst du nicht die richtigen unternehmerischen Entscheidungen im Sinn einer sorgfältigen Analyse des Bedarfs deiner Kunden fällen. Du wirst getrieben durch ein Geld- und Bankensystem und den Wettbewerb der Konkurrenten, die nicht in erster Linie am Bedarf, sondern daran interessiert sind, dass das Geld in ihren Taschen landet. Du kannst dich nicht darauf ausrichten, nur die Produkte herzustellen, die wirklich notwendig sind oder die du aus deinem inneren Antrieb ­heraus in die Welt setzen möchtest, sondern du richtest dich und andere auf die Kollaboration mit einer Konsum- und Kapitalideologie ab, die Menschen und Umwelt gefährdet. Du wirst damit konfrontiert, dass deine eigene Arbeitskraft und die deiner Mitarbeiter als Ware gilt, als Kostenfaktor in deiner Gewinn- und Verlustrechnung. Du erlebst das Leid, wie der menschliche Impuls, tätig zu werden, durch den herrschenden Geld- und Eigentumsbegriff deformiert wird. Wem das bewusst wird, der kann eigentlich nur noch aussteigen.

Wie stellst du dir eine Produktionsweise vor, die nicht in erster Linie auf Konsum und Gewinn zielt, sondern im wahren Wortsinn »ökonomisch« ist, weil sie den gesamten ­Oikos, den Haushalt der Welt, im Blick hat?
Wenn jemand hungrig am Tisch sitzt, während sich andere am gleichen Tisch den Bauch vollschlagen, ist das kein gutes Haushalten. Der Kapitalismus erhebt den Anspruch, die »wirtschaftlichste Organisationsform« für einen Haushalt zu sein. Dennoch schafft er es nicht, obwohl genug Nahrung vorhanden ist, die Menschen zu ernähren. Solange dies so ist, handelt es sich nicht um Wirtschaft, sondern um eine Ideologie. Solange wir uns in diesem System bewegen, werden unsere Fähigkeiten zu Waren. In diesen Waren drückt sich die Haltung der Menschen aus, die sie erzeugen. Sie zirkulieren heute um den ganzen Globus, und mit ihnen die Funktionalisierung der Konsumbedürfnisse ebenso wie der spirituellen Bedürfnisse, da ja mit Hilfe der Werbung die Produkte spirituell aufgeladen werden und man so den Mangel an Sinn in der Arbeit durch den Konsum ihrer Ergebnisse zu kompensieren sucht. Ich glaube, es geht nicht um einen »Kapitalismus 3.0«, sondern um ein ganz anderes Menschenbild. Die Urfrage der Produktion ist doch: Was brauche ich überhaupt? Am wirtschaftlichsten ist eigentlich, möglichst wenig zu verbrauchen. Je weniger ich konsumiere, je weniger Zeit und Kraft ich darauf verwenden muss, Konsumgüter für meinen Lebens­unterhalt herzustellen, desto mehr Zeit bleibt, sich der Frage nach dem Lebenssinn zuzuwenden. Ich denke, wir können nur aus einer solchen Perspektive zu neuen Formen des Wirtschaftens finden.

Ich denke gerade an die Artefakte der jungsteinzeitlichen Epoche. Keines von ihnen erscheint ungelenk, hässlich, oder misslungen; alle strahlen eine Art Meisterschaft aus. Aus welcher Empfindung heraus sind den Menschen wohl diese Werke gelungen? Es scheinen keine »Waren« zu sein.
Ich glaube, wir sind heute kulturell auf dem Höhepunkt der Sehnsucht des Menschen, sich im Gegenständlichen auszudrücken, angekommen. Jetzt geht es um den Menschen selbst und nicht mehr um die Dinge, die er herstellt. Und der Mensch ist kein Einzelwesen, sondern ein soziales Wesen, deshalb stehen wir am Übergang des Individualismus und des privatkapitalistischen Unternehmertums zu einer neuen Form.

Ein wichtiger Schritt zu dieser neuen Form ist, die materiellen und geistigen Ressourcen als Gemeingut zu begreifen. Das, was du kreierst, und dein unmittelbarer Lebensraum ist sicherlich dein »Eigenes« – dort an der Wand hängt deine Gitarre, und das ist nicht meine Gitarre. Aber das Holz, aus dem sie gebaut ist, oder die Musik, die wir damit spielen, ist weder deins noch meins. Vielleicht kommen wir über dieses Bewusstsein in eine Haltung des Teilens und Schenkens.
Ja, aber nur, wenn wir diesen nächsten Schritt nicht zu einer Ideologie machen. Es geht, glaube ich, im Moment darum, neue Gedanken in Erscheinung zu bringen, ohne pädagogisch oder missionarisch zu werden. Immer mehr Menschen werden aufgrund der täglichen Ereignisse und Krisen Kairos-Erfahrungen haben. In diesen Momenten wird vielleicht denkbar, was wir jetzt noch gar nicht vor uns sehen können.

Herzlichen Dank für das inspirierte ­Gespräch.

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