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Schreiben ist Rückholung der Toten

Matthias Fersterer traf den Schriftsteller Uwe Timm, in dessen Werk der Tod eine zentrale Rolle spielt.

von Matthias Fersterer , Uwe Timm , erschienen in 23/2013

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© Foto: Inge Zimmermann

Wir können nichts mit Gewissheit über den Tod sagen, weil es keinen »kompetenten Toten« gibt, den wir befragen könnten …
Solange kein Toter zurückgekommen ist, weiß man nichts über den Tod. Man weiß, dass man nichts weiß, außer dass man sterben wird. Dieser Augenblick der Erfahrungslosigkeit ist jedoch zentral für das Leben, denn durch den Tod gibt es überhaupt erst die Frage nach Sinn.

In Ihrer Frankfurter Poetikvorlesung schreiben Sie, das Ende sei das ästhetische Versprechen, dass etwas nicht beliebig ist. Gilt das auch für das große Ende?
Ja. Wäre das Leben endlos, wäre alles beliebig. Durch die Nicht-Wiederholbarkeit entsteht Verantwortung. Über dieses Ende zu philosophieren, heißt auch, darüber nachzudenken, wie man lebt und wie man leben sollte. Der Tod ist etwas ganz Zentrales.

Nun gab und gibt es immer Dichter, die uns – wie im Mythos des Orpheus – mit Todeserfahrungen aushelfen. Was war Ihr Motiv, den Roman »Rot« aus Sicht eines Sterbenden zu schreiben?
Dieser sterbende Beerdigungsredner, der sich beruflich damit beschäftigt hatte, wie viele Leben gelebt wurden, liegt nun selbst auf der Straße und sieht sein Leben vorüberziehen. Auch er stellt die zentralen Fragen: Was war sinnvoll? Wie ist es mir gelungen, nicht mit zufälliger Flatterhaftigkeit zu leben, sondern mit Intensität und Verantwortung – mir selbst und anderen gegenüber?

Als Autor sind Sie auch Chronist. So haben Sie in »Der Freund und der Fremde« über die Ermordung Ihres tragisch berühmten Literatenfreunds Benno Ohnesorg geschrieben.
Das ist eine Situation wie bei Orpheus. Nur war es hier ein junger Mann, keine Eurydike. Es ist der Versuch, den Toten wieder ins Leben – also ins Bewusstsein – zu holen. Das ist das Wunderbare am Schreiben: Solange von jemandem erzählt werden kann, ist das eine Rückholung ins Leben – auch das steckt im Urmythos des Orpheus.

In »Am Beispiel meines Bruders« haben Sie über den Tod Ihres älteren Bruders, der 1943 an der Ostfront fiel, geschrieben. Wie hat Sie diese frühe Erfahrung mit dem Tod geprägt?
Das Interessante ist, dass mein Bruder tot war, aber auf paradoxe Weise doch lebendig. Er »saß« ständig mit am Tisch. In der Trauer und Rede meiner Eltern war er präsent, wie ein Geist. Indem man über ihn sprach und ihn zum Vorbild stilisierte, wurde er zum »Untoten«. Ich glaube nicht an Geister. Aber diese erstaunliche Bewusstseinsdichte gab ihm etwas Gespenstisches. In die eigene Vergangenheit hineinzugehen und ausführlich über ihn zu schreiben und nachzudenken – das war so eine Rückholung, die ihn dann aber auch ­freiließ.

Ihr »Mann auf dem Hochrad« beginnt mit einer kafkaesken Traumsequenz, in der Ihr Onkel Franz durch eine Bestattungsmaschine unter die Erde gebracht wird – Sinnbild für die Verdrängung des Todes?
Von dieser Verdrängung lebt in unserer Gesellschaft eine ganze Industrie. Dabei geht es nicht nur um den tatsächlichen Tod, sondern auch um die Verlängerung der Jugend durch Kosmetik, Werbung, Implantate – das ist die Kehrseite des Todes.

Dabei sind wir mehr denn je von Tod umgeben …
… aber das Fatale ist: Kaum jemand hat schon einmal einen Toten zu Gesicht bekommen oder einen Sterbenden begleitet. Einerseits sollte man den Tod nicht verklären – alles, was in Richtung unnötiger Qual geht, gilt es zu vermeiden. Andererseits erzeugt der Tod eine Art Grundsolidarität, weil er jeden trifft. Daraus eine neue Verantwortung gegenüber dem Anderen und dem eigenen Leben zu bilden – das alles liegt im Zentrum des Todes.

Kann uns die Perspektive des Todes also in eine gute Lebenspraxis führen?
Das kommt darauf an, was man als »gut« bezeichnet. Will man damit sagen, der Tod führe uns in ein intensives, verantwortungsvolles Leben, dann: Ja.

Danke für das Gespräch, Herr Timm!

 

Uwe Timm (73) wurde in Hamburg geboren, wo er eine Kürschnerlehre absolvierte. Seit »Heißer Sommer« gilt er als Chronist der 68er-Revolte. 2009 wurde er mit dem Heinrich-Böll-Preis ausgezeichnet. Er lebt in München und Berlin.

Lohnende Lektüre von Uwe Timm:
Uwe Timms Werk wird bei Kiepenheuer & Witsch verlegt. Zuletzt erschienen die Poetikvorlesung »Von Anfang und Ende«, die Novelle »Freitisch« und der Roman »Vogelweide«.

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