Schluss mit der Ökomoral (Buchbesprechung)

von Brigitte Kratzwald , erschienen in 58/2020

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»Schluss mit der Ökomoral« ist als Ergänzung zu Michael Kopatz’ vorigem Buch »Ökoroutine« gedacht. Das Konzept zielt darauf, Gesetze und strukturelle Rahmenbedingungen zu etablieren, die es einfach und logisch machen, nachhaltig zu handeln, ohne lange darüber nachdenken zu müssen.
In den ersten Kapiteln erklärt Kopatz die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Politik, wie Lobbyismus funktioniert und wie Werbung gestrickt ist. Er entlarvt Falschmeldungen und erteilt dem Mythos von der Macht des Konsumenten eine klare Absage. Weil Strukturen so sind, wie sie sind, ver­stricken wir uns auch mit den besten Vorsätzen immer in Widersprüche. »Das Konzept der Ökoroutine beginnt nicht in den Köpfen, sondern in der Infrastruktur«, sagt der Autor, und das sei Sache der Politik. Schlechtes Gewissen sei nicht angebracht, wenn wir beim Versuch, nachhaltig zu handeln, scheitern. Anstatt individuelles Verhalten zu ändern, gelte es vielmehr, sich an politischen ­Protesten zu beteiligen.
In den Abschnitten zu Mobilität, Konsum, Essen und Wohnen zeigt der Autor, wo die Probleme liegen, macht konkrete Lösungs­vorschläge und zeigt funktionierende Beispiele. So gibt es etwa in Singapur oder Dänemark wirksame Maßnahmen, um die Zahl der zugelassenen Privatautos zu beschränken; in Ruanda sind Plastiktragetaschen schon seit 2008 verboten.
Abschließend gibt es Hinweise, welchen Bewegungen man sich anschließen kann, um Druck auf die Politik zu machen. Wieder in Urlaub geflogen, weil das Flugticket nur einen Bruchteil der Zugfahrkarte gekostet hat? Dann aber nichts wie zur nächsten Demo gegen den Ausbau des Flughafens! Doch wieder das billige Fleisch im Supermarkt gekauft? Dann beteilige dich doch zumindest an den Aktionen von »Wir haben es satt!«. Das ist laut Kopatz nicht scheinheilig. Man könne Begrenzung fordern, ohne sich selbst zu begrenzen. »Es ist Aufgabe der Politik, die Konsumenten von der Last zu befreien, die ›richtige‹ Entscheidung treffen zu müssen.« Möglich sei das durch Standards, Limits und Übergangsfristen. Dass es funktioniert, sieht man etwa beim Rauchverbot oder bei Bauvorschriften für Wärmedämmung.
Wer jetzt meint, das sei alles nicht neu, liegt richtig. Auch das immer wiederkehrende flapsige »Arsch hoch!« nützt sich im Lauf der Lektüre ab. Die kompakte Form, die leichte Lesbarkeit, die Kombination von sachlicher Information, politischem Hintergrundwissen und praktischen Beispielen, sowie die konkrete Aufforderung zu politischem Engagement – und all das nicht speziell an eine linke Zielgruppe gerichtet – heben das Buch jedoch von anderen ab. Es bietet gleichzeitig Entlastung und Motivation zum Handeln – nicht als Konsumentin, sondern als politisches Subjekt. Zum Weiterlesen lohnt auch ein Blick auf die Webseite des Autors: oekomoral.de.
(Erstmals erschienen in der Zeitschrift Contraste. www.contraste.org)


Schluss mit der Ökomoral
Wie wir die Welt retten, ohne ständig daran zu denken.
Michael Kopatz
oekom Verlag 2019
240 Seiten
20,00 Euro