enkeltauglich leben

Vollwertige Ersatz-Buchstaben

Die nächste Ausgabe von Oya findet bekanntlich statt, sie wird nicht gedruckt. Wen dieser Umstand nun in akuten Lektüremangel zu bringen droht, für den hätte ich hier zwei Leseempfehlungen: Bücher, deren Inhalt den eines Oya-Hefts glatt aufwiegen können! Für mich hat der »Sommer des guten Lebens« schon alleine deshalb gut angefangen, weil ich auf die folgenden Titel gestoßen bin!

Von Jochen Schilk

Schatz gehoben!
Just nach der Produktion der letzten Ausgabe zum Schwerpunktthema »nomadische Kulturen« fiel mir im Oya-Büro ein Buch des Schweizer Mythenforschers Sergius Golowin (1930–2006) in die Hände, das dort womöglich schon seit seinem Erscheinen im Jahr 1999 der Entdeckung harrte. »Von jenischen Kesslern und Korbern …« lautet der Titel, in voller Länge: »… listigen fahrenden Buchhändlern, Kartenlegern, Kräuterfrauen, Schaustellern, Baderinnen, Waldzigeunern und Moosleuten im Land der grünen Freiheit«.


Lange Jahre sammelte Sergius Golowin Mythen, Märchen, Sagen, Überlieferungen und Bräuche seiner Schweizer Heimat. Er verfasste zahlreiche Publikationen zu Volkskunde, Altem Wissen, Volks- und Ethnobotanik, Schamanismus sowie zu Mythen, Symbolen, Traumdeute- und Wahrsagepraktiken. Ein Bekannter von mir meint zu wissen, dass Golowin für einige seiner Bücher zu Fuß durch die Lande wanderte und die Menschen, die ihm über den Weg liefen, nach ihrem Wissen zum Leben in alter Zeit befragte. 


Ich konnte dies bislang nicht verifizieren, doch für das vorliegende Buch muss er tatsächlich betagte Bauersleute gebeten haben zu erinnern, was ihnen an Begegnungen mit und Überlieferungen zu jenen fahrenden Leuten geblieben ist, die man im Verlauf des frühen 20. Jahrhunderts meist zur Sesshaftigkeit zwang (oder umbrachte) und deren Nachkommen heute nicht mehr Zigeuner genannt werden möchten. Herausgekommen ist nichts weniger als ein Schatz, eine Fundgrube an Berichten, die in ihrer Gesamtheit mein notwendigerweise lückenhaftes Bild vom Leben in vorindustriellen Zeiten ganz entscheidend bereichern! Die bäuerliche Subsistenzkultur unserer Vorfahrinnen fasziniert mich seit langem. Doch war mir nicht bewusst gewesen, dass es mit den Sinti, Roma und Jenischen mitten in der agrarisch bzw. städtischen Mehrheitsgesellschaft Europas Menschen gegeben hat, die eine indigen-naturnahe, gemeinschaftsorientierte und (halb)nomadische Lebensweise pflegten. Zumindest scheint das in der Schweiz der Fall gewesen zu sein, wo es mit den zahlreichen sumpfigen Niederungen und unwegsamen Hängen noch lange Zeit Rückzugsmöglichkeiten für die freiwillig oder unfreiwillig Nicht-Sesshaften gegeben hat. Auch der Möglichkeit eingedenk, dass die Darstellungen ihrer Kultur in diesem Band allzu romantisierend geraten sein könnten, ist das für mich eine schwerwiegende, geradezu erschütternde Erkenntnis. 


Das Leben und Überleben der »Moosleute« in der Wildnis hatte zur Folge – oder wohl vielmehr zur Bedingung –, dass sie noch inniger mit dem Land verbunden waren als die in festen Häusern Wohnenden. Deutlich wird im Buch zudem, dass die Fahrenden und die Sesshaften auf verschiedenste Weisen voneinander abhingen. Die wichtigsten Funktionen, die die Fahrenden im Gefüge der bäuerlichen Gesellschaft erfüllten, veranschaulicht vielleicht der folgende Absatz von Seite 132: »Die alten Fokker und Kessler waren fest überzeugt und lehrten es stolz ihren Kindern: ›Wir können zur Not ganz und gar für uns leben, die Sesshaften aber kaum ohne uns … manch nützlicher Hausrat würde ihnen fehlen, und zumindest würden sie sich in ihren abgelegenen Krachen häufig zu Tode langweilen.‹«


Wer nun neugierig geworden ist, dem wünsche ich viel Glück dabei, den vergriffenen Buch-Schatz in einem Antiquariat oder einer Bibliothek ausfindig zu machen!

 

Von jenischen Kesslern und Korbern…
Ein Strauss bunter Geschichten über eine lebendige Kultur, vernommen von Fahrenden und Sesshaften während gut und gerne sechs Jahrzehnten.
Sergius Golowin
Mit einem Geleitwort von Robert Huber, Präsident der Radgenossenschaft der Landstraße.
Editions Heuwinkel, 1999
ISBN 3-906410315

Endlich ein realistisches Menschenbild!
Haben Sie manchmal mit Menschen zu tun? Denken Sie mitunter über die Zukunft unserer Gattung nach? In beiden Fällen ist das vorliegende Buch eine ab-so-lu-te Pflichtlektüre für Sie! Rutger Bregmans »Im Grunde gut – eine neue Geschichte der Menschheit« ist für mich das wichtigste weil radikalste (an die Wurzeln gehende) und somit revolutionärste Buch, das ich seit langem lesen durfte. Es ist faszinierend und zudem nicht wenig unterhaltsam.


Die derzeitige Zivilisation gründet in vielerlei Hinsicht auf der Annahme, dass der Mensch eine Art Bestie sei, die rasch zum Vorschein komme, wenn – etwa in existenziellen Situationen – die darüberliegende, hauchdünne, nur mühsam aufrechterhaltene zivilisatorische Schicht beschädigt wird. Gesellschaften, Staaten und Wirtschaftssysteme sind auf diesem eher düsteren Menschenbild aufgebaut, welches durch die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts sowie durch berühmte sozialpsychologische Versuche wie das Stanford-Prison- und das Milgram-Experiment scheinbar unumstößliche Bestätigungen erhalten hat. Rutger Bregman jedoch unterzieht die gängige Beweislast einer peniblen Revision – und gelangt zu dem Schluss, dass sie nicht stichhaltig ist. Zudem präsentiert er eine Fülle an Anekdoten und neuen wissenschaftlichen Untersuchungen, die alle darauf hindeuten, dass der Mensch ein freundliches, kooperatives Wesen besitzt – eben »im Grunde gut« sei. Freilich seien Menschen nicht nur Engel, doch es komme stark auf die – gestaltbaren! – Rahmenbedingungen an, ob sie sich grausam-egoistisch oder freundlich-kooperativ verhalten.


Das zweite Buch des 1988 geborenen Aktivisten und Historikers Bregman ist bereits jetzt ein internationaler Bestseller (der Erstling »Utopien für Realisten« war 2017 erschienen). Da auf dem fragwürdigen herkömmlichen Menschenbild kein »gutes Leben für alle« und wohl nicht einmal eine »bessere Welt« zu errichten ist, scheint es mir eine Notwendigkeit, dieses Buch zu einer Pflichtlektüre für alle zu erklären. Hört mich jemand? Kündigen Sie Ihr Oya-Abo und bringen Sie meinetwegen ihr Exemplar von [bitte hier Ihren bisherigen Lieblingstitel einsetzen] ins Pfandhaus, aber verpassen Sie auf keinen Fall dieses Buch!

 

Im Grunde gut
Eine neue Geschichte der Menschheit.
Rutger Bregman
Rowohlt, 2020
480 Seiten
ISBN 978-3499004162
24,00 Euro (gebundene Ausgabe)
15,00 Euro (Taschenbuch ab 17. August erhältlich)
eBook: 19,00 Euro
Die Hörbuch-Version ist u.a. bei Spotify zu haben.