Beitrag vom 18.11.2020

Nächstes Heft: Matriarchale Perspektiven

In der kommenden Ausgabe spüren wir der Geschichte und Gegenwart ­matriarchaler Gemeinschaften aus aller Welt nach – und fragen uns: Was ­können wir hier und heute daraus lernen?

Lange haben wir in Oya das Wort »Matriarchat« vermieden. Zu missverständlich schien es uns, allzu oft wird es fälschlicherweise mit »Mütterherrschaft« übersetzt. Zudem stellen sich viele darunter ein System von Unfreiheit vor, bei dem Frauen und Männern starre Rollen zugewiesen würden. Weit gefehlt! Matri­archate zeichnen sich durch die Abwesenheit von Herrschaft aus. Sie sind Gesellschaften, in denen alle Geschlechter und Generationen im Gleichgewicht, in Balance leben. Matriarchale Werte begleiten uns seit der ersten Ausgabe von Oya. Schon in der Vorgängerzeitschrift KursKontakte haben wir einen Dialog zwischen der Begründerin der modernen Matriarchatsforschung, Heide Göttner-Abendroth, und dem Anarchie-Experten Horst Stowasser (1951 – 2009) initiiert, um zu zeigen, wie stark die Parallelen zwischen traditionellen Matriarchaten und anarchischen Gemeinschaften sind. So begann sich zu zeigen, was eine friedliche Gesellschaft im Kern vielleicht ausmacht.
In einer Zeit, in der die patriarchale Welt in immer größerem Chaos versinkt, scheint es uns angebracht, uns in aller Ruhe dem Ursprung des guten Lebens zuzuwenden. Dabei kommen wir an Matriarchaten nicht vorbei, und um Vorurteile zu vermeiden, lassen wir in dieser Ausgabe überwiegend Frauen, die in solchen Gesellschaften leben, selbst zu Wort kommen. Sie erzählen von unspektakulären, alltäglichen Dingen: von ihren Kindern; von den Früchten, die auf ihren Feldern wachsen; von den Anliegen der nächsten Dorfversammlung und den Vorbereitungen für ein Fest; davon, wie es der Großmutter geht und dass sie später noch etwas zur Nachbarin bringen werden. Wir sprachen mit ihnen auch über unsere Kinder, erzählten vom nächsten Mittagessen, von der Erntedankfeier und der Sorge über die Trockenheit, die in unseren Gärten und auf unseren Äckern allgegenwärtig ist. Meist lagen mehrere Tausend Kilometer zwischen der Interviewpartnerin und uns, während wir am Telefon oder per Videokonferenz miteinander sprachen. Keine von ihnen kannten wir zuvor persönlich, und doch war es ein Leichtes, ins Gespräch zu kommen. Wir tauschten uns über das uns Naheliegende aus. Mit jedem Gespräch öffnete sich eine weitere Facette einer Lebensweise, die das mütterliche Prinzip der Fürsorge als ihren Ausgangspunkt nimmt. Schicht für Schicht legten wir dabei auch die Prägungen frei, die die spätpatriarchale Gesellschaftsform in uns selbst hinterlassen hat.

»Beheimatung« und »Mütterlichkeit« neu denken
Sich den Begriff »Mütterlichkeit« anzueignen, ist ein ähnlich waghalsiges Unterfangen, wie den Begriff »Heimat« vor dem Zugriff reaktionärer, nationalistischer Kräfte zu retten. Wenn wir Wege in ein gutes Leben für alle finden wollen – warum ist es dann sinnvoll, millionenfach missbrauchte und besetzte Begriffe nicht einfach rechts liegen zu lassen, sondern ihre essenzielle Qualität freizulegen? Ein erster Schritt dazu ist sicherlich, anzu­erkennen, dass allein das Hören dieser Begriffe für viele Menschen mit Schmerz verbunden ist – wurden doch Menschen im Namen einer »Heimat« ausgegrenzt, geschlagen, vertrieben, gefoltert und ermordet; wurden Frauen doch mit dem Vorwurf dessen, was »Mütterlichkeit« angeblich sei – oder eben auch nicht –, als »kalt­herzig«, »egoistisch«, »selbstsüchtig« diffamiert und zum »kinderlosen Aas«, zur »Raben­mutter«, zur »Dämonin« stilisiert.
Wenn wir »Mütterlichkeit« trotzdem verwenden, dann deshalb, weil diese die Beschreibung der menschlichen Qualität sein kann – und zwar für Menschen jeglichen Geschlechts! –, sich jetzt und sofort um das Lebensnotwendige, das keinen Aufschub duldet, zu kümmern. Mütterlichkeit nicht als stereotype Rollenzuschreibung, sondern als gesellschaftliches Prinzip verstanden, kann eben auch bedeuten, einen Autobahnbauplatz zu besetzen, ein Kind zu stillen oder ihm die Flasche zu geben, einen Baum zu pflanzen, eine Blumenzwiebel in die Erde zu stecken, einen Topf mit kochender Milch vom Herd zu nehmen oder sich mit Löwinnenmut denjenigen entgegenzustellen, die das Wohlergehen der nachfolgenden Generationen bedrohen!
Wenn wir dennoch von »Beheimatung« sprechen, dann deshalb, weil es die menschliche Qualität beschreibt, sich einem Ort zuzueignen, sich ihm mit Haut und Haar zu verschreiben, für ihn zu sorgen und von ihm umsorgt zu werden. »Beheimatung« und »Mütterlichkeit« können von einer Verbundenheit mit allem Lebendigen erzählen. Diese Verbundenheit ist kein Gefängnis und kein Ausschließungsmechanismus, sondern ein Pol im Spektrum der Lebendigkeit – als solcher vervollständigt, komplementiert und balanciert er den Pol der Freiheit, der essenziell zum guten Leben gehört: die Lassenskraft, das Nomadische, das Umherschweifende und die Selbstbestimmung, über das eigene Leben zu entscheiden.

Am Anfang die Mütter
Matriarchat leitet sich vom griechischen Wort archē ab, das nicht nur »Herrschaft« (wie in »Anarchie«), sondern auch »Anfang« (wie in »Archäologie«) bedeutet. Matriarchat heißt: am Anfang die Mütter. Heide Göttner-Abendroth nennt Matriarchate »Ausgleichsgesellschaften auf dem Boden einer Ökonomie des Schenkens«. Frauen verwalten die lebensnotwendigen Güter, wie Land, Häuser und Nahrungsmittel, und sorgen durch Verteilung ständig für wirtschaftlichen Ausgleich. Das Zusammenleben in Matriarchaten beruht auf einem über die Mutter miteinander verwandten Clanwesen, es ist »matrilinear« – der Mutterlinie folgend. Entscheidungen werden nach dem Konsensprinzip getroffen, was die Egalität aller Geschlechter und Generationen ermöglicht und erfordert. Eine matriarchale Gesellschaft ist eine bis ins Innerste von Herrschaft freie Lebensform.
Das verdeutlichen die Gespräche mit den Frauen in dieser Ausgabe. Dabei unternahmen wir quasi eine Reise rund um den Erdball. Die junge Frau Sadama gehört zum nahe der tibetischen Grenze in Südchina beheimateten Volk der Mosuo, dem wohl am besten dokumentierten existierenden Matriarchat. Yelfia Sunanti ist eine von mehreren Millionen Angehörigen der Minangkabau, einem Volk, das in West-Sumatra lebt. Pyndaplin Massar gehört den Khasi an; während ihr Clan weiterhin in den Hochebenen Indiens lebt, zog sie vor über zehn Jahren nach Leipzig und zieht dort ihre drei Kinder gemeinsam mit ihrem Ehemann groß. Staunend und fragend stehen wir vor den Frauen im Dorf Jinwar, die seit einigen Jahren in der »Rojava« genannten Region mitten im nordost­syrischen Kriegsgebiet selbstverwaltete, basisdemokratische Strukturen aufbauen. Die Notwendigkeit, sich als Frauen zusammenzutun, gab auch den Anstoß zur Gründung des Frauenkollektivs in einem Stadtteil der chilenischen Großstadt Concepción. In biografischen Texten und Porträts werden die Stimmen dieser Frauen hörbar.
Diese Biografien hätten nicht entstehen können, wenn uns nicht diejenigen ihr Vertrauen geschenkt hätten, die sich seit Jahrzehnten dem Verstehen matriarchaler Gesellschaften widmen. Neben Heide Göttner-Abendroth waren dies Veronika Bennholdt-Thomsen, mit der wir ein Gespräch zusammen mit jungen Menschen führten, die Fragen der queerfeministischen Szene bewegen. Barbara Alice Mann, Älteste der Seneca und Wegbereiterin der modernen Matriarchatsforschung in den USA, gewährte uns Einblick in ihre eigene, von Diskriminierung und Kolonialisierung durchsetzte Geschichte. Die lang- und weitgereisten Filmemacherinnen Uscha Madeisky und Dagmar Margotsdotter vermittelten uns Kontakte und halfen durch ihren Text »Wer hat Angst vorm Matriarchat?«, weitverbreitete Missverständnisse aufzuklären – diese Missverständnisse beförderten immer wieder Vorurteile und Streitigeiten, die bis hin zu Rufmord und zur Diffamierung der Matriarchatsforschung gingen. Dass matriarchale Lebensweisen nichts Exotisches sind, sondern auch hier in Europa eine lange Geschichte haben, zeigt die Forschung der Archäologin Marija Gimbutas (1921 – 1994) zum »Alten Europa« und zur »Kultur der Göttin«.
Diese Stimmen laden ein, die je eigenen gesellschaftlich auferlegten und persönlich verinnerlichten patriarchalen Muster unter die Lupe zu nehmen, wie es etwa junge Frauen in Deutschland im Gespräch über ungewöhnliche Familienformen tun oder Begleiterinnen von Klimacamps, die für einen sofortigen Braunkohleausstieg streiten.

Landschaften der Göttin
Das komplexe Beziehungsgefüge zwischen Menschen und den Orten, an denen sie sich beheimaten, geht über soziale, zwischenmenschliche Verbindungen hinaus und bezieht auch die mehr-als-menschliche Landschaft ein, die das menschliche Leben nährt und ermöglicht. Die großformatigen Fotos, die zwischen den Textbeiträgen dieser Ausgabe stehen, zeigen Landschaften aus Europa – zeitlose Zeugnisse matriarchaler Lebensformen. Die »Landschaften der Göttin« mit ihren Doppelwölbungen, Erdspalten, dreigliedrigen Steinformationen und Quellen samt den dazugehörigen alten Namen, Sagen und Mythen finden sich tatsächlich überall, wo auch menschliches Leben ist.
Die vielen Gespräche, die wir in den vergangenen Monaten geführt haben, legten auch neue Spuren zu matriarchalen Lebens­weisen im Samenland und auf dem afrikanischen Kontinent, denen wir in der nächsten Ausgabe nachgehen. Vor allem aber wollen wir uns im Frühjahr der Frage widmen, was all diese Erkenntnisse aus der Geschichte und Gegenwart matriarchaler Praxis für uns hier und heute bedeuten können: Was folgt daraus, wenn wir sie ernstnehmen? Dazu werden wir mit verschiedenen Gemeinschaften im deutschsprachigen Raum, die sich an matriarchalen Mustern orien­tieren, sprechen. Wir suchen auch das Gespräch mit jungen Menschen, die Begriffe wie »Mütterlichkeit« oder »Matriarchat« zunächst herausfordernd finden und sich dennoch von Lebensweisen, die sich nicht mehr an patriarchalen Prinzipien orientieren, angezogen fühlen oder die Sorge um alles Lebendige ins Zentrum ihres Tuns und Denkens stellen.

 

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geschrieben von Oya Redaktionskreis
am 18.11.2020


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