Beitrag vom 05.11.2020

Bilder einer Ausstellung – Perspektivwechsel 180°

www.foto-menges.de

Noch bis zum 15. November sind im Anthroposophischen Zentrum Kassel erstmals Fotos ausgestellt, die auf Anregung von Oya entstanden und teilweise in Ausgabe 52 zu sehen gewesen waren.

Im Anthroposophischen Zentrum Kassel, direkt neben dem ICE-Bahnhof, sind zur Zeit Bilder ausgestellt, die Fotografinnen und Fotografen vor anderthalb Jahren zum Thema »Perspektivwechsel 180°« machten und nach Klein Jasedow schickten. »Suche dir ein Subjekt oder Objekt, das du aus zwei um 180 Grad gedrehten Perspektiven fotografierst«, lautete die von der Oya-Redaktion formulierte Aufgabe. Es entstanden gedoppelte Exponate, von denen das eine die Vorderseite eines Baums, Fensters, Gesichts oder Belüftungsgitters zeigt, das andere die Rück- oder Spiegelseite. In Ausgabe 52 erschien eine Auswahl der so entstandenen Bilder, in Kassel hängen nun alle verfügbaren Beiträge, die damals eingereicht wurden.
Um bei der Ausstellung in Kassel dabei sein zu können, mussten wir uns im Vorhinein mit Namen und Adresse anmelden. Das war neu, eine Art aufgezwungener Perspektivenwechsel. Das Thema des damals formulierten Themas ist nicht mehr länger »nur« eine gute Idee, sondern unsere herausfordernde Wirklichkeit geworden. Überall wird von uns der Abschied von bisherigen Gewohnheiten gefordert. Perspektivwechsel auf ganzer Linie. Ellen Markgraf, die mit eigenen Bildern vertreten ist und die Ausstellung kuratiert, erwähnte in ihrer Einführung, dass dies die erste Ausstellung im Haus seit Corona sei. Ihre Leidenschaft, zwischen dem Publikum und den Ausstellungswänden hin und her zu gehen und den Anwesenden Sichtschneisen zu eröffnen, durfte sie nicht ausleben. Stattdessen brachte sie uns die Bilder durch einen Lichtbildvortrag näher. Dank dieses Kunstgriffs konnten zumindest so viele Gäste bei der Eröffnung teilnehmen, dass es eine Vernissage wurde.
Wie ganz anders war doch die Welt, als diese Fotos ein Jahr vor dem Lockdown erschienen waren. Marian René Menges, der seinerzeit mit einem blauen Auge abgebildet wurde, war extra aus Hamburg zur Eröffnung angereist. Sein Gesicht war freundlich und strahlend. Das Veilchen, aber auch ein Großteil seiner Kundschaft sind inzwischen verschwunden.
Die ausgestellten Bildpaare sind vielschichtig und erweitern meine Denk­perspektiven, vielleicht nicht um 180 Grad, jedoch gradweise in verschiedenste Richtungen. Vielleicht ist zur Zeit nichts so wichtig wie dies: Die Perspektive wechseln, wo ich nur hinsehe, das ist dran, und es fühlt sich oft gut an. Die Exponate der Kasseler Ausstellung können Geburtshelfer sein. Was ich vor anderthalb Jahren mit völlig anderen Augen sah, ergibt nun andere Blickmöglichkeiten. So in einem Beitrag von Rainer Lutter, der ebenfalls anwesend war. Sein Blick durch ein von der Zeit gezeichnetes Doppelfenster von innen nach außen und von außen nach innen erinnerte mich vor anderthalb Jahren an das Arbeitszimmer von Peter Handke. Als ich diese Bilder 2019 in Oya anschaute, dachte ich an die Freuden freiwilligen Verzichts und erfüllten Rückzugs – heute assoziiere ich mit ihnen eher Mangel und Weggesperrtsein. Multiperspektivität – wo ich hinblicke, begegnet sie mir.

www.az-kassel.de

geschrieben von Albert Vinzens
am 05.11.2020


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