Beitrag vom 30.09.2020

Krieg ohne Ende?

©Fotothek

Unsere aktuelle Ausgabe beschäftigt sich mit dem Verlieren - von Gewissheiten, von nahen Menschen, von Bäumen, von Hoffnung, von Möglichkeiten. In diesem vorab veröffentlichten Artikel untersuchen wir, warum unsere blutgetränkte, ­kriegsgebeutelte Geschichte noch die Enkel­generation prägt.

Einmal fuhr ich auf der Berliner Stadtauto­bahn, berlinauswärts. Für einen kurzen Augenblick sah ich am Straßenrand keine Neubauten mehr, keine Einkaufszentren, keine Fünfgeschoßer, sondern Ruinen, Staub, Trümmer. Mir schnürte es die Kehle zu. Die Stadt – ein Haufen zerbombter, zerschossener Steine. Ich blinzelte, und die Erscheinung war vorbei.
Der »Insulaner«, auf dem ich manchmal spazieren gehe – eine grüne Erhebung am Rand von Schöneberg –, ist ein Trümmerberg, ebenso wie mindestens dreizehn andere Hügel in der Stadt. Ihre genaue Zahl ist unbekannt. Mehr als siebzig Jahre hatten die stattlichen Ahorne, Erlen, Eichen, Buchen, Weißdorne und viele mehr Zeit, zu wachsen, die Trümmer mit ihren Wurzeln zu umschmiegen, das Unheil zuzudecken.

75 Jahre, das sind drei Generationen
Der »Fichtenberg« hingegen, direkt neben dem Botanischen Garten gelegen, ist kein Trümmerberg, sondern birgt einen Bunker des nahegelegen ehemaligen Wirtschafts-Verwaltungshauptamts der SS, »Unter den Eichen« heißt dessen poetische Adresse. Dort wurden die Morde des Holocausts in bürokratische Einzelschritte zerlegt, die Anweisungen für die Gaskammern gegeben. »In der Familie meiner Mutter gab es noch in meiner Kindheit Bleistifte mit dem SS-Abzeichen darauf«, erzählte mir einmal ein Freund beim Tee. Seine Mutter wuchs in der Nähe auf. Als der Krieg zu Ende war, sind die Bewohnerinnen und Bewohner der umliegenden Häuser dort eingedrungen und haben geplündert; haben einen Bleistiftvorrat angelegt, der bis in die 1970er Jahre hielt. Der Freund hat Fotos mitgebracht von seiner Mutter, als kleines fröhliches Mädchen, Ende der 1930er Jahre, in den Armen ihres Vaters. Und ein weiteres, aus der Mitte der 1940er Jahre. Ernst schaut sie da in die Kamera, hart, und ist noch keine zehn Jahre alt. Kalt sei sie gewesen, seine Mutter, solange er sich erinnern könne – verschlossen, verbittert, bis zu ihrem frühen Krebstod. »Kann das etwas mit ihren Erlebnissen als Kind im Krieg zu tun haben? – Jahrelanger Bombenalarm, Todesangst als ständiger Begleiter, desorientierte und verhärtete Erwachsende drumherum?«, frage ich ihn. Darüber habe er sich noch nie Gedanken gemacht, erwidert er.
Die Kölner Journalistin Sabine Bode hat für die Generation derer, deren Eltern als »Kriegskinder« den Zweiten Weltkrieg in Deutschland erlebt haben, den Begriff »Kriegsenkel« geprägt. Eine Kindheit im Krieg zu verbringen, ist fast immer eine traumatische Erfahrung. Und traumatische Erfahrungen, das ist heute gut erforscht, werden über die Generationen hinweg weitergegeben. Die besondere Sensitivität für Stress, die durch Traumata entstehen kann, ist sogar epigenetisch über die Zellen vererbbar. In Israel gibt es dazu viel engagierte Forschung – ein ganzes Land in der Verarbeitung der Traumata.
Mit Anfang zwanzig lernte ich bei einer studentischen Party einen netten jungen Mann aus Israel kennen. Wir redeten den ganzen Abend. Wir saßen gemeinsam im Bus, rückten näher aneinander. Sein Vater sei Überlebender eines Konzentrationslagers, erzählte er mir, seine Familie könne es nicht fassen, dass er nun in Berlin sei. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, ich fühlte mich elend, und ich fühlte mich lebendig, dass wir hier nun miteinander sitzen, ganz nahe im Bus und unsere Beine sich beinahe berührten, obwohl mein Urgroßvater seinem Vater den Tod gewünscht und wahrscheinlich auch einiges dafür getan hat.
Vor 75 Jahren war meine Großmutter 23 Jahre alt. Ihr Vater war Bürgermeister gewesen, von 1933 bis 1945. Was hat er befohlen? Welches Leid hat er über andere Menschen gebracht? Wen hat er verraten? Welche Härte von ihm steckt noch in mir? Wo kommt meine Fähigkeit her, in Momenten der Verzweiflung hart und kalt gegen mich und andere sein zu können? Hat mein Großvater jemanden erschossen, an der Westfront, nachdem er sich mit sechzehn Jahren auf Drängen seines Ausbilders freiwillig für den Krieg gemeldet hatte? Er war Jäger, ein brillanter Schütze, Zeit seines Lebens. Meine Urgroßmutter hat ihren Jungen aus der britischen Gefangenschaft befreit. Nach dem Krieg ist sie ins Gefangenenlager gefahren, in dem ihr Sohn interniert war, und kam mit ihm zusammen in das kleine Dorf zurück. Niemand hat jemals gefragt, ob sie etwas dafür eingetauscht hat – und wenn ja, was? Sie war eine beherzte Frau. Sie ist wenige Jahre vor meiner Geburt gestorben, doch ich habe mich ihr immer nah gefühlt. Oft sagt mein Vater: »Du bist ihr so ähnlich.« Was hätte ich an ihrer Stelle getan?
Ich beobachtete vor einiger Zeit ein etwa fünfjähriges Mädchen, das durch eine Ecke des Raums einen langen Treck aus Playmobilfiguren, Menschen, Tieren und Spielzeugautos aufbaute. Alle hintereinanderweg. »Was spielst du da?«, fragte ich. »Die müssen alle fliehen, aus dem Krieg«, sagte sie. Ich musste schlucken.
»Es hat uns nicht geschadet«, »Das war für uns normal« – das sind die Aussagen, die Sabine Bode meist angetroffen hat, als sie in den 1990er Jahren anfing, mit Menschen Interviews zu führen, die den Zweiten Weltkrieg als Kinder erlebt oder auf den langen Zügen flüchtender Menschen ihr Zuhause verloren hatten. Nach Kriegsende wurden ihnen meist gesagt: »Vergiss das alles.« Und daran haben sich viele aus dieser Generation gehalten, so Sabine Bode. Es fehlte ihnen der Zugang zu diesen emotionalen Erfahrungen, weil sie ihre Gefühle selbst betäubt hatten.
»Sie haben euch schon genauso belogen, wie sie es mit uns heute immer noch tun. Und du hast ihnen alles gegeben, deine Kraft, deine Jugend, dein Leben«, sang Hannes Wader in »Es ist an der Zeit«, einem Antikriegslied aus den 1970er Jahren. Es war mein Lieblingslied am Lagerfeuer, mit 12, 13, 14, im Ferienlager, wenn das Feuer schon fast heruntergebrannt war, haben wir es gesungen, ich kann bis heute alle Strophen auswendig. Und ich weine immer noch jedes Mal, wenn ich sie singe, genau wie damals.
Heute früh im Radio habe ich gehört, dass Moria, das Lager für geflüchtete Menschen auf der griechischen Insel Lesbos, abgebrannt ist. Tausende Menschen sind obdachlos, wissen nicht, wohin. In den Dörfern formieren sich Bürgermilizen, um die 27 Lagerinsassen, die positiv auf Covid-19 getestet wurden und nun untergetaucht sind, fernzuhalten. Ich sitze währenddessen im Park und tippe auf einem Laptop, in dem seltene Erden verbaut sind, die unter Kriegsbedingungen zum Beispiel im Kongo geschürft wurden. Ist das das Europa des Friedens, 75 Jahre nach Ende des großen Kriegs?
420 Millionen Kinder mit Kriegserfahrung gibt es derzeit weltweit. Wir wissen heute vieles über die intergenerationale Weitergabe von Traumata. Schätzungen zufolge gibt es 900 Millionen Kleinfeuerwaffen auf diesem Planeten.
In dem ostbrandenburgischen Dorf, in dem ich teilweise lebe, wird gerade ein Festumzug geplant für die 777-Jahr-Feier. 777 Jahre Krieg: Eroberung Templer, Eroberung Johanniter, Siebenjähriger Krieg, Dreißigjähriger Krieg, Napoleonischer Krieg, Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg – die Geschichte jedes Orts in diesem Land: in Blut getaucht, meterdick, jahrhunderteweit, jahrtausendelang.

Wann ist der Krieg endlich vorbei?
Vielleicht kann der Krieg dann endlich vorbei sein, wenn wir uns wirklich an ihn erinnern – nicht nur alle 25 Jahre zum Festumzug. Sondern einmal im Monat, einmal in der Woche, einmal am Tag. Wenn wir die Opfer der Gewalt ehren und ihrer gedenken; wenn wir die Täterinnen und Täter als Teil unserer Vorfahren annehmen, von denen wir lernen dürfen, es anders zu machen. Wenn wir die Bilder derer zeigen, die vorher Teil unserer Familie gewesen waren. Wenn wir die Augen nicht verschließen vor dem blutigen Sumpf vor unserer Haustür, überall, wo wir sind in diesem Land. Wenn wir auch die inneren Augen öffnen, nicht vor dem Leid verschließen, sondern durchlässig werden dafür.
Wie viele Generationen wird es dauern, um die verinnerlichten Gewalterfahrungen von Jahrtausenden zu verlernen? Ich weiß es nicht. Vielleicht müssen wir vorerst für immer damit leben lernen, sie einzuhausen auf eine Art, die dennoch Leben ermöglicht.

 

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geschrieben von Andrea Vetter
am 30.09.2020

2 Kommentare

von Mika am 04.10.2020

«Danke.»

von Timo Ollech am 09.10.2020

«Sebastian Heinzel hat einen Film darüber gemacht, der mich tief berührt hat: "Der Krieg in mir". https://derkrieginmir.de/»


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