Beitrag vom 03.05.2020

Radio Utopia

Der Anarchist Pierre-Joseph Proudhon und seine Kinder, Gemälde von Gustave Courbet (von 1865).

Am gestrigen 2. Mai brachte der öffentliche Sender Deutschlandfunk Kultur gleich zwei ausführliche Features zum Thema Utopien. Beide Sendungen können zumindest einige Tage lang in der Mediathek nachgehört, bzw. heruntergeladen werden.

In »Ausgrabung einer Utopie« (55 Minuten) geht es um den  40. Jahrestag der Ausrufung der Freien Republik Wendland, einer weithin beachteten Platzbesetzung von Atomkraftgegnerinnen und -gegnern. Dieter Halbach, der Hüter der Oya-Gemeinschaftsrubrik, war damals mit dabei: »Der Aufbau des gewaltfreien Gorlebenwiderstandes ab 1970, die Platzbesetzung und die 33 Tage gelebte Utopie waren mein jugendliches Highlight und meine prägende politische Erfahrung und ein großer Erfolg. Damals gewannen wir die Herzen der Menschen in der Region und im ganzen Land. In der Sendung geht es – etwa in Interviews mit mir und anderen zum Ökodorf 7 Linden.– auch darum, was aus der Utopie geworden ist.«

Die »Lange Nacht« ist eine besonderes Format von Deutschlandfunk Kultur, das sich jeweils ganze zweieinhalb Stunden lang Zeit nimmt für ein Thema. »Kein Gott, kein Staat, kein Vaterland« befasst sich entsprechend ausführlich mit meiner Lieblingsutopie, dem Anarchismus. Nachdem ich die ersten 53 Minuten der Sendung verfolgt habe, möchte ich sie den Leserinnen und Lesern von Oya gerne ans Herz legen. Dies umso mehr, als wir uns in der Anfang Juli erscheinenden Sommerausgabe differenziert mit verschiedenen Utopien auseinandersetzen werden. Ich zitiere aus der Heftplanung des Redaktionskreises: »Als ›Utopien‹ (wörtlich: Nicht-Orte) werden unerreichbare Ideale eines besseren Lebens bezeichnet. Unsere durchdigitalisierten, fremdversorgten Gesellschaften mit Autobahnanschluss, Massentierhaltung und halsbrecherischer Weltvernutzung sind eben dies: Ergebnisse utopischen Denkens. Wir beleuchten die Schattenseiten der Träume von der schönen neuen Welt und fragen: Wenn uns fortschrittsgetriebene Yang-Utopien an den Rand des Abgrunds gebracht haben, wie könnten dann lebensfördernde Yin-Utopie aussehen (um eine Unterscheidung von Ursula K. Le Guin zu zitieren)? Kann es diese überhaupt geben? Und: Wo finden sich hier und heute konkrete Orte des guten Lebens?«

Wer keine 2,5 Stunden Zeit für das Hören der Langen Nacht übrig hat, mag vielleicht stattdessen noch einmal einen Blick auf den Oya-Beitrag »Sind Sie Anarchist?« aus Ausgabe 22 werfen.

 

geschrieben von Jochen Schilk
am 03.05.2020

4 Kommentare

von Harry am 10.05.2020

«Der Ausdruck: "Orte des guten Lebens" stört mich. Ich persönlich bin davon überzeugt dass Orte des guten Lebens im Sinne aller Lebewesen auf dem Planeten nur mit Einschränkungen unseres Wohlstandes möglich ist. Das würde wohl auch eher ein schlechteres Leben als derzeit bedeuten... »

von Lara am 11.05.2020

«Ja, "gut" ist sehr schwammig. Bedeutet "gut" automatisch auch maximal komfortabel? Oder kann auch das Leben auf einer einsamen Berghütte, wo mensch erstmal Holz hacken muss, gut sein? Ist "gut im Sinn aller Lebewesen" vielleicht ein Aushandlungsprozess, der dann zu etwas führt, das alle als ausreichend nährend empfinden? Das Wort "gut" ist eine Wertung und kann deshalb solche fluiden Prozesse nicht ausdrücken. Ich freue mich über ein brainstorming zu besser passenden Adjektiven!»

von Matthias Fersterer am 11.05.2020

«Vielen Dank für die Kommentare – mir scheint da ein sprachliches Missverständnis vorzuliegen, das ich aufzuklären versuchen möchte: Wenn wir in Oya den Begriff »das gute Leben« verwenden, dann ist damit keinesfalls ein »bequemes« oder »oberflächlich angenehmes« Leben gemeint, sondern ein gutes Leben »im umfassenden Sinn«, das ein gutes Leben »für alle« einschließt. Es geht also gerade nicht um ein gutes Leben für nur manche Menschen – und schon gar nicht nur für »westliche weiße Männer« –, sondern für alle menschlichen und nicht-menschlichen Wesen; auch für jene, die auf anderen Erdteilen leben, die noch nicht geboren wurden oder die vor uns lebten, was übrigens im Adjektiv »enkeltauglich« steckt. Mit »das gute Leben« meinen wir einen umfassenden ethischen Anspruch an die eigene Lebensführung, die im Englischen mit »right livelihood« und im Lateinamerikanischen mit »buen vivir« ausgedrückt wird. Sicher kann es immer wieder herausfordernd sein, bei unserem tagtäglichen Tun »alle Wesen« mitzudenken und mitzufühlen und sicher stoßen wir dabei auch an die Grenzen unseres menschlichen Sprech- und Fassungsvermögens – doch genau das Entlanghangeln an eben diesen Grenzen ist ein wesentlicher Teil der Arbeit an Oya. In diesem Sinn kann ein archaischer Lebensstil auf einer Almhütte durchaus auch als »gutes Leben« empfunden werden – das gute Leben spielt sich jedoch nicht nur an ausgewählten Orten ab, sondern an jedem Ort gibt es Möglichkeiten, Aspekte dieses guten Lebens im umfassenden Sinn zu verwirklichen. Dabei kann es immer nur um Aspekte und Grade des guten Lebens gehen, denn wir sind ebenso wie unsere Lesenden und die Menschen und Initiativen, die wir in Oya vorstellen, lebenslang Lernende auf dem Gebiet solchen guten Lebens. Ich hoffe, damit konnte ich etwas klarer machen, wie dieser Begriff gemeint ist, wenn wir ihn in Oya verwenden.»

von Horst am 15.05.2020

«Vielleicht hört es sich brutal an aber nur so ist es ehrlich: JA! "... nur mit Einschränkungen unseres Wohlstandes möglich..." Aber NEIN "Das würde wohl auch eher ein schlechteres Leben als derzeit bedeuten." EBEN NICHT»


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