Beitrag vom 25.03.2020

Am Wesentlichen arbeiten

Der Frühling kommt. Die Vögel zwitschern. Hier und jetzt. Die Amsel, die gerade gesungen hat, hat ihr Lied der Gegenwart geschenkt. Sie wird es gleich wieder tun, ihrem Wesen folgend und immer in der Gegenwart.
Wollen wir die vielen anderen Stimmen, die wie immer in sogenannten Krisenzeiten auch in diesen Wochen anschwellen und die Kommunikationskanäle ungefragt mit Ratschlägen, Erklärungen, Hoffnungsmantren, Heilungsversprechen und Beschwörungen von Chancen fluten, auf die gleiche Ebene stellen und sie nehmen wie Amselgesang? Oder gibt es da einen Unterschied – und welcher wäre das?
Erwarten einige Leserinnen und Leser von Oya ebenfalls ein Wort zur Pandemie? Oder wird von uns anderes erwartet? Was denn könnte Oya zu den zeitbedingten Gesängen beitragen, das nicht nur eine weitere Schwellung der eigenen Bedeutungszumessung bewiese, sondern dem verpflichtet bliebe, wofür Oya steht: der Arbeit am Wesentlichen?
Ist denn die momentane Situation etwas anderes als bloß eine weitere Facette des Scheiterns einer Weltgesellschaft, deren nicht mehr einzudämmender Irrsinn in unterschiedlichster Ausprägung an zahllosen Brennpunkten der Welt unvermindert weitertobt, während hierzulande die Angst vor ausverkauftem Toilettenpapier umgeht und Hunderttausende um ihre Einkommen bangen?
Wäre es andererseits künstlich, gerade jetzt auf stumm zu schalten? Wenn wir aber schon ein Lebenszeichen von uns geben, wäre es dann nicht wiederum künstlich, so zu tun, als sei gerade alles, wie gehabt?
Ist Schweigen eine Alternative? – »Schweigen« ist etwas anderes als »Verstummen«. Es kann beredt sein oder Ausdruck von Nicht-Wissen. Das Nicht-Wissen zuzulassen ist eine der Tugenden, die wir in Oya üben und ausüben. »Nicht-Wissen« ist etwas anderes als »Ahnungslosigkeit« oder »Unkenntnis«. Es kann ein sicherer Ausgangspunkt sein, von dem aus der Schritt in das Überraschende, das Neue, das irritierend Herausfordernde gewagt werden kann.
Gewiss ist, dass wir gerade nicht das Ende der Megamaschine erleben, sondern live und direkt die Auswirkungen einiger Schwachstellen eines im Niedergang begriffenen Systems beobachten können. Die angeordneten Maßnahmen fordern uns dazu heraus, mit Unwägbarkeiten und überraschenden Hindernissen umzugehen – genau wie es auch sonst ständig geschieht. Das ist ganz normal und bedarf keiner großen Worte. Also schweigen wir besser. Das könnte wesentlich sein.
Wir laden Sie herzlich ein, in unserer aktuellen Ausgabe mit dem Titel »Weltmittelpunkte« zu stöbern. Die Beiträge erzählen davon, wie Menschen sich in Landschaftsräumen, in Regionen und in dörflichen wie städtischen Umgebungen engagieren, organisieren und beheimaten, ohne dabei das große Ganze aus dem Blick zu verlieren – jetzt und hier, in der Gegenwart.

In diesem Sinn lauschen wir dem Lied der Amsel und arbeiten unbeirrt weiter am Wesentlichen.

geschrieben von Oya Redaktionskreis
am 25.03.2020

14 Kommentare

von Anna am 25.03.2020

«Wie wunderschön und wertvoll! Danke, dass Ihr uns an eurem Schweigen teilhaben lasst.»

von Bianca am 26.03.2020

«Hallo Ihr Lieben, ja, Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Ich habe meine Stimme mittlerweile auch verloren, aber nicht, weil ich nichts zu sagen hätte, sondern weil nun endlich mal klar wird, wogegen die Menschheit NICHT ankommmt. Da ist so ein kleines Virus, das ganze Gesellschaften und Wirtschaftssysteme an den Rand des Bankrotts stellt. Nun werden auch solche "Redner" wie Herr Trump oder auch der brasilianische Präsident ihrer Unwissenheit überführt. Auch für solche Menschen wäre Schweigen wohl angebracht. Und sonst? Die Natur freut´s :) Oder was sagt Ihr so zu einem Himmel, der wunderschön blau und (fast) ohne die Schmutzstreifen unserer Zivilisation ist. Ja, Schweigen ist gut und GENIESSEN...was da noch so kommt :) Bleibt gesund»

von Sara am 27.03.2020

«Im eigenen Schweigen und in der persönlichen Entschleunigung entsteht für mich ein Freiraum für neue Impulse. Ich musste und durfte das berufliche Hamsterrad verlassen. Vor einem alarmierenden Hintergrund erleben wir live und bei aller Getrenntheit gemeinsam ein riesiges Experiment in sozialer, in ökonomischer und in kultureller Hinsicht. Endlich Zeit, in Ruhe Oya zu lesen! »

von Zita Mörke am 29.03.2020

«Klar wäre es interessant zu erfahren, was ihr in diesem konkreten Zusammenhang denkt und empfindet. Und das habt ihr mit eurem Schweigekommentar sehr klar, denke ich. Was ihr immer denkt und fühlt, nehme ich an. Was nur beweist, dass es alltags- und krisentauglich ist. Im Unterschied zur gegenwärtigen Wirtschaftsweise, die immer und unweigerlich in Krisen mündet...»

von Timo Ollech am 02.04.2020

«Oya könnte einfach sagen "Told you so!" ;-) https://www.marx21.de/coronavirus-gefahren-ursachen-loesungen/»

von Herta Kronner 04.04.2020 am 04.04.2020

« All die seit Jahren umgesetzten alternativen Projekte kommen jetzt zum Tragen. Darüber zu Schweigen wäre fatal. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt über die Alternativen zu informieren. »

von Jo am 11.04.2020

«Was nützt es, wenn Oya in ihrer Blase bleibt? Frischdenker und Neudenker sind jetzt auch bei anderen Medien begehrt. Ich wünsche mir Gastbeiträge von Johannes Heimrath und anderen in den online-Ausgaben und Print. Die Menschen sind so unmutig: Bitte zeigt ihnen, dass außer Kredite beantragen und traurig sein noch mehr geht. Seid der Samen und die Hoffnung. Wann, wenn nicht jetzt?Nicht schweigen!»

von Julia am 22.04.2020

«... ich finde das Schweigen von Oya ganz wohltuend, denn eigentlich erklärt sich ja alles von selbst. Der Himmel ist blau, die Kreuzfahrt zum Polarkreis fällt aus, Camembert auf dem Flug Düsseldorf New York gibt''s auch nicht mehr, und dieMenschen, die unseren Planeten als Lebewesen betrachten, sind jetzt plötzlich möglicherweise doch keine Spinner. Und wenn es so sein sollte, dass das Ganze bloss eine große Inszenierung ist, um unsere Grundrechte einzuschränken;: Es zeigt allemal, wie wichtig Autarkie, selbständiges Denken und alternative, enkeltaugliche Lebensweisen sind. Einfach mal drüber nachdenken. Nie zuvor waren mir der Bauerverband oder die Hertie School of Governance ferner und suspekter...)»

von Martha am 29.04.2020

«... wie Oya eventuell doch berichten könnte, zeigtgerade ein wunderbarer Artikel der französischen Autorin Kerstin-Chavent. Titel: "Entpuppt Euch! Die Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling ist Vorbild für die Umgestaltungsprozesse unserer Zeit." im Magazin "Rubikon". Link: https://www.rubikon.news/autoren/kerstin-chavent Ganz liebe Grüße, ich hoffe Ihr macht bald weiter!! »

von Lem am 03.06.2020

«Das Ökodorfnetzwerk GEN (Global Ecovillage Network) ist ein beständig wachsendes Netzwerk von intentionalen Gemeinschaften und Ökodörfern. Die Organisationsmitglieder nutzen das Netzwerk zum Austausch von Informationen und Wissen: Es verbindet weltweit “modernes und traditionelles Wissen mit nachhaltigen und innovativen Ansätzen in Landwirtschaft, Energie- und Ressourcenversorgung, Wasser- und Abfallmanagement, Architektur und sozialen, partizipativen Prozessen“ 1. Wenn wir die ganzheitlich orientierten Nachhaltigkeitspraktiken in Ökodörfern ernst nehmen, Ökodörfer als Katalysatoren einer nachhaltigen Entwicklung betrachten wollen, tun sich angesichts des aktuellen Ausnahmezustandes, eine Reihe von Fragen auf. 2. Was braucht es vor dem Hintergrund der grund- und menschenrechtsfeindlichen Regierungsmaßnahmen, um eine offene Kommunikations- und eine lösungsorientierte Konfliktkultur zu fördern? Wie können das Zusammengehörigkeitsgefühl, soziale Beziehungen, gegenseitiges Vertrauen und Zutrauen sowie das Bewusstsein der eigenen Wirkungsmacht in der Dorfgemeinschaft angesprochen und bestärkt werden? 3. Wie sehen vor dem Hintergrund der grund- und menschenrechtsfeindlichen Regierungspolitik partizipative Methoden für eine zukunftsfähige Dorfgestaltung aus? ++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Zum Faschismusbegriff In der „Dialektik der Aufklärung“ versuchen sich Adorno und Horkheimer an einer differenzierten Betrachtung des Prozess der Rationalisierung, des wissenschaftlich-technischen Fortschrittes. Sie zeigen, wie ambivalent und widersprüchlich dieser Vorgang ist. Den blinden Fortschrittsoptimismus des orthodoxen Marxismus lehnten sie ab. Aufklärung war wohl die ursprüngliche Intention des Menschen, sich aus der Herrschaft der Natur zu befreien, jedoch ist Entfremdung der Preis dafür, dass Menschen die Natur bändigen konnten. Durch den Odysseus-Mythos illustrieren Adorno und Horkheimer, dass nur der gefesselte, beherrschte Mensch die Natur beherrschen kann, nur als Gefesselter kann der Mensch den Verlockungen der Natur widerstehen. Während das mythische Zeitalter die Natur beseelte, werden in der Moderne die Natur und die Seele verdinglicht. Wir sehen nur Physis und Chemie. Alles was über das rein Ökonomische, Technische hinausgeht, soll sich der Mensch an sich selbst abschneiden, wenn er die Souveränität über die Natur behalten will. Selbstentfremdung ist so der Preis für die Bändigung der Natur. Was im Prozess der Aufklärung im Kapitalismus des 20 Jahrhunderts zum Durchbruch kommt, ist nicht die Vernunft, ist nicht das Selbstbewusstsein des Menschen, sondern nur eine verkürzte Form des Denkens, nur die instrumentelle Vernunft, die alles dem Diktat des nutzenorientierten Kalküls unterwirft. Der Faschismus ist für Adorno und Horkheimer kein Zivilisationsbruch, kein bloßer Rückfall in die Barbarei (der Mensch als des Menschen größter Feind), sondern es ist der äußerste Ausdruck, der extremste Ausdruck dieser Dialektik der Aufklärung. Es war und ist der Umschlag von gesellschaftlicher Rationalität in Irrationalität auf höchstem technischem und tiefstem menschlichem Niveau. Für Adorno und Horkheimer ist Faschismus die totale Reduzierung des Menschen auf eine Sache, auf einen Fall. Jederzeit verfügbar (und im globalen Krieg jederzeit eliminierbar) ist der Mensch ein reines Objekt der bürokratischen Verfahren und der Macht. Aktuell will der Hysterie- und Panikinduzierte Maßnahmestaat den Zugriff auf unsere Körper. Die Mundschutz-Maskenpflicht ist das Symbol des Übergriffs einer nichtlegitimierten staatlichen Gewalt. Die Menschen werden absichtsvoll zu einem verdinglichten Objekt, entrechtet und verhöhnt. »

von Sara am 04.06.2020

«Ich finde diesen Text sehr gut ...bis zur Coda: "Aktuell will der Hysterie- und Panikinduzierte Maßnahmestaat den Zugriff auf unsere Körper. Die Mundschutz-Maskenpflicht ist das Symbol des Übergriffs einer nichtlegitimierten staatlichen Gewalt. Die Menschen werden absichtsvoll zu einem verdinglichten Objekt, entrechtet und verhöhnt." (s.o.) Da gehe ich nicht mit, denn ich finde den Abstand, den die Maske schafft schon auf semiotischer Ebene sinnvoll. Das Virus hat Potenziale, die die neokapitalistische Welt grundlegend verändert haben. Bei aller Wahrnehmung der negativen Auswirkungen auf Wirtschaft und Soziales: Die Büchse der Pandora kann nicht durch Ignoranz virologischer Wissenschaft wieder verschlossen werden. Einschichtig Schuldinstanzen zu proklamieren halte ich für wenig angemessen. Diejenigen staatlichen Gewalten, die mit Leugnung, Lockerungsforderung und Verhöhnung der Maskenpflicht auf das komplexe Naturereignis Corona reagierten, schadeten der Bevölkerung bekanntermaßen signifikant. (Brasilien, USA) ...und ja: Masken entpersonifizieren. Das ist schlimm. Aber ich mache mir Sorgen, wenn übernächste Woche die Kitas wieder öffnen, die Clusterereignisse der Infektion gerade durch asymptomatische Kinder besonders effizient hervorgerufen werden können und die Erzieherinnen aus pädagogischen Gründen keinen Abstand und keinen Mundschutz tragen können bei einer selbstverständlich distanzlosen Art der Betreuung. Denn vor (kleine und kleinste) Kinder brauchen Geborgenheit und Nähe und bekommen sie in einer guten Kita auch. »

von Sara am 04.06.2020

«Denn (kleine und kleinste) Kinder brauchen Geborgenheit und Nähe und bekommen sie in einer guten Kita auch. »

von Lem am 05.06.2020

«Ihre Meinung ist zu respektieren, aber woher diese Angst vor dem Virus? Viren sind Teil der Natur, seit Anbeginn, dagegen anzukämpfen macht keinen Sinn, es ist ein Kampf gegen die Natur, deren Teil wir Menschen sind. Bitte denken sie nicht an Pest, Cholera, Typhus, Pocken - das sind Bakterielle Erreger. Diese schlimmen Erkrankungen wurden überwunden durch eine ausreichende und gesunde Ernährung und Hygienestandards der breiten Bevölkerung als Teil unserer zivilisatorischen Entwicklung können wir darüber froh sein. Aber eine allgemeine Maskenpflicht für alle gesunden Personen ist medizinisch Schwachsinn und ungesund. Erwiesenermaßen! »

von Sara am 02.07.2020

«Zur Erklärung meiner Angst: Ich arbeite seit einem Jahr in einer Kinderkrippe, die jetzt, nach der Schließung, wieder voll ausgelastet ist. Vom Alter her gehöre ich bereits zur Risikogruppe. Im Winter war ich eigentlich durchgehend durch wechselnde Infekte belastet, mit und ohne Krankschreibung. Das kennt jede(r) in diesem Bereich Erwerbstätige. »


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