Beitrag vom 13.12.2019

Wie kann ich das ­Aushaltenmüssen aushalten?

Gemeinschaffen ist anstrengend. Wo immer Menschen gleichwürdig zusammenwirken, entstehen auch Meinungsverschiedenheiten und Konflikte. Es ist herausfordernd, sich selbst Regeln zu geben oder kollektiv Gebräuche und Traditionen zu entwickeln. Immer wieder selbstkritisch zu reflektieren, ob das Gemeinschaffen noch im lebendigen Fluss ist, kostet ebenfalls Kraft. Noch anstrengender ist es, ständig zwischen verschiedenen Welten hin und her wechseln zu müssen: wenn das Berufsleben kaum etwas mit Commoning zu tun hat, wenn ehrenamtliches Engagement durch Vereinsmeierei behindert wird, wenn das Finanzamt, die Stadtverwaltung, die Schule oder andere Institutionen mal wieder Schwierigkeiten machen.

Das Überlebenmüssen in der kapitalistischen Normalität kann so viel Energie verschlingen, dass es fast zu viel sein mag, abends auch noch zur Gründungsinitiative des örtlichen Repair-Cafés zu gehen. Womöglich habe ich zugesagt, dafür Knabberzeug zu organisieren. Zum Selberbacken war keine Zeit. Aber auf dem Weg liegt ja der Netto, dort gibt es inzwischen Biokekse, wie praktisch. Vor dem Regal beginnt das Kopfkino: Zu welchem unverantwortlichen Niedrigpreis wurden sie beim Hersteller bezogen? Trägt diese Bioware in irgendeiner Weise dazu bei, dass das Coca-Cola-Regal je aus dem Laden verschwinden wird? Wohl kaum …

Die Macht der Gewohnheiten, das ungebremste »Weiter so!« – allen Demonstrationen der Jugendlichen an den Freitagen zum Trotz – gilt es auszuhalten. Die Unvereinbarkeiten zwischen der fremdversorgten Warenwelt und dem selbstorganisierten Gemeinschaffen können Menschen in Verzweiflung stürzen. Wie gehen wir mit der tagtäglichen »Banalität des Bösen« der konsumistischen Warenwelt um? Wie mit der dadurch erzeugten strukturellen Gewalt? Wie mit ordnungspolitischen Rahmensetzungen, die Privateigentum verabsolutieren, Weltvernutzung befördern und Hierarchien stützen? Es kostet Kraft, dem Gefühl standzuhalten, nicht in diese Welt zu passen, und zu beschließen, sich auch nicht anpassen zu wollen. Manchmal bekommen das Aushaltenmüssen oder das Gefühl, dass es völlig in Ordnung ist, etwa mit einer ausgeräumten Landschaft zu trauern, ihren Platz. Aber wie oft bleiben diese Gefühle im Alltag ungesehen?

Die Geschichte der Allmenden, der Commons, des Gemeinschaffens, ist in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden immer auch eine Geschichte des Widerstands der »Gemeinen« (englisch: »Commoners«) gewesen, die sich der Einhegung ihrer Wiesen und Wälder entgegenstellten, Räte­republiken ausriefen oder Fabriken bestreikten. Heute lässt sich »Widerstand« schwieriger greifen, zu »freundlich« oder unfassbar komplex ist die uns im hiesigen Teil der Welt umgebende Lebenswirklichkeit. Dennoch findet Widerstand statt, und zwar nicht nur in den »großen« Bewegungen von Anti­globalisierungsprotest bis Zapatistenaufstand, sondern auch in vielen kleinen, auf den ersten Blick unscheinbaren Initiativen, wie wir sie auf den vorangegangenen Seiten vorgestellt haben. Gemeinschaffen als Wider­stand zu verstehen, als eine im Kern andere Praxis als jene der ständigen Übernutzung alles Lebendigen, ist ein ziemlich großer, innerer Schritt. Er setzt voraus, fühlen und formulieren zu können, was da »im Kern« anders ist.

Die Geschichte der Allmenden ist weit älter als die ihrer Einhegung. Sie hat lange vor der Entstehung nationalstaatlicher Machtstrukturen begonnen, und sie war und ist in vielen Teilen der Welt noch immer die Selbstverständlichkeit des Lebens selbst. Daher rührt ihre Überlebensfähigkeit, ihre Widerstandsfähigkeit. Sie ist weder ein altertümliches noch ein neumodisches Phänomen, sondern zeitlos. Sie reproduziert sich in jeder auf Gleichwürdigkeit beruhenden Beziehung – ob zu anderen Menschen, zu nicht-menschlichen Wesen oder zur Erde als Ganzer. Niemand hat sich Gemeinschaffen jemals als Ideologie »ausgedacht«. Muster des Commonings werden nicht er-funden, sondern ge-funden. Diese Unmittelbarkeit ist die »Macht der Commons«. Doch wie wird sie wirksam? Wie kann sie schließlich gesellschaftliche Strukturen, wie Rechtsformen, Arbeitsweisen oder Regierungs­formen, verändern? Die Artikel in dieser Ausgabe können das nicht beantworten. Aber sie regen dazu an, die kleinen Beispiele des Gemeinschaffens als Teil einer langen Traditionslinie zu betrachten, die nachweislich – trotz Jahrtausenden voller Krieg und Unterdrückung – nicht aus der Welt zu schaffen ist.

In einer Zeit, in der die menschengemachte Erdüberhitzung das Überleben unserer eigenen wie auch das vieler anderer Arten gefährdet – und zwar ernsthafter, als es die Prognosen vorsichtiger Fachleute nahelegen –, wird es zunehmend wichtiger, uns an diese Qualität der Gleichwürdigkeit zu erinnern. Die »Archive« unserer Geschichte mögen »zerstörte Städte, ausgedörrte Felder, schrumpfende Wälder und sterbende Flüsse« sein (Arundhati Roy) – doch in uns allen lebt auch die Erinnerung an eine andere Geschichte, an ein anderes Sein fort. Darauf gründet unsere Hoffnung – und Hoffnung ist etwas anderes als Optimismus.

 

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geschrieben von Oya Redaktionskreis
am 13.12.2019

5 Kommentare

von Matthias am 07.01.2020

«Das Beispiel mit den ''Netto bio Keksen'' bringt mich auf einen Gedanken, der mich bis zum Ende des Artikels nicht mehr loslässt: Gemeinschaft könnte ja im heutigen digitalvernetzten Zeitalter auch bedeuten, dass ich mein Problem (keine Zeit für sinnvolle Apero Produktion) teile. So hätte ich bspw. die Chance von deinem tollen Projekt des Repaircafes zu erfahren und könnte sogar einen Beitrag dazu leisten, da ich heute frei hatte und sowieso gerne koche. Ich denke wir dürfen uns auch wieder mehr aufeinander verlassen und einander etwas zumuten, ohne schlechtes Gewissen. Die Frage bleibt nur, wie organisieren? Ich bspw. habe vor einiger Zeit, aus ideologischen ÜBerlegungen meinen FB acount gelöscht :) du müsstest mich also persönlich fragen, wüsstest aber möglicherweise, dass auf mich meistens Verlass ist. Commons?»

von horsche am 08.01.2020

«Da sitzt man ganz schön in der Falle mit der Gründung so eines Cafes und dann auch noch mit Keksen. Auf jeden Fall lenkt es erstmal ab von der Tagesordnung des Hamsterrades - Aktion in grün. So was Ähnliches wäre: vermeintliche Fläche besetzen, geht auch nicht ohne Proviant, dafür kommen neue Interessenten, die dann nach erfolgreichem sit in auch wieder im Cafe ankommen. Wie wär''s solche Flächen von den Gemeinden zu pachten, die sind möglicherweise sogar froh darüber, weil sie die Unterhaltung einsparen, und darauf Grabeland, auch Gärten genannt, einzurichten. Das bildet Gemeinschaft, darauf kommt''s Euch doch an und “nebenbei“ noch etwas raus. Allerdings ist das kein sit in und bei der angestrebten Bewirtschaftungsform nicht unbedingt Nachbarschaftsaffin, aber netto-keks-frei. Irgendwann begreift der Letzte daß die Welt ohne Wirtschaftshamsterrad funktioniert, sondern nach Jahreszeiten; und wer nicht, der kommt zurück in''s Hamsterrad. Die Dabeigebliebenen aber beschäftigen sich in der freien Zeit mit der Aufstellung von Normen für ein wirkliches Naturrecht ohne Besitzstandsregelung und bürgerlicher Demokratie damit ein Anfang, wenn denn noch möglich, denkbar wird. Gibt''s denn keine Juristen unter Euch, die ein Fundament legen könnten? - Bevor alle Postwachstumsaktivitäten gegen die ungebrochene Kraft des Ego einsetzen können.»

von Horst aus Halle am 10.01.2020

«vielleicht findet sich hier ein Anknüpfungspunkt: https://commons-institut.org/2019/programm-kongress-der-kritischen-jurist-innen »

von horsche am 10.01.2020

«nun der Kreisauer Kreis ist das nicht,was da über und von den kritjurs zu lesen ist. Den braucht es aber um das aktuelle GG zu hinterfragen auf seine Anwendbarkeit und Härte gegen das Ego, es bringt nicht weiter auf dem Boden dieses GG immer zu erfragen, ob denn dieses oder jenes sein dürfe. Die Natur ist zu befragen und ihre Antworten sind in unanfechtbare Vorschriften zu fassen und diese sind mit aller Eindringlichkeit der Öffentlichkeit vorzustellen, ob es gefällt oder nicht. Hierzu bedarf es Juristen, die den Rechtsstaat verinnerlicht haben, aber die Rechtssprechung vergessen wollen. Auch Philosophen der gleichen Qualität sollten dabei sein, nur keine “Fachleute“. Nun noch Dank und Gruß an meinen Namensvetter in Halle.»

von VC am 03.02.2020

«Üben, üben, üben... ;)»


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