Beitrag vom 18.09.2019

Was ist der Kern des Commoning?

Als wir für die kommenden Ausgabe zu Commoning die ersten Ideen sortierten, wurde schnell klar: Das Heft müssen wir im Austausch mit vielen anderen Gemeingut-Interessierten schreiben. Und so hat uns nicht nur Silke Helfrich tatkräftig unterstützt, sondern beispielsweise auch der schweizer Historiker und Musiker Daniel Schläppi mit dieser Alltags-Geschichte inspiriert:

»Commoning« als Schmiermittel von Kollektivität

Seit gut acht Jahren lebe ich in einer Genossenschaftssiedlung aus 37 Reihenhäusern in der Agglomeration von Bern, der Hauptstadt der Schweiz. Mehr als die Hälfte der Häuser werden noch von Menschen aus der Gründergeneration bewohnt. Zusätzlich zu mehreren Vollversammlungen pro Jahr gibt es Arbeitstage, an denen die Umgebung gepflegt wird. Ein gewählter Vorstand kümmert sich um die Verwaltung. Wer hier lebt, hat sich seine Nachbarinnen und Nachbarn nicht ausgesucht. Einige pflegen freundschaftliche Beziehungen, andere wollen eher nichts miteinander zu tun haben.
Auch nach acht Jahren gehe ich weder freiwillig noch freudig zu einem Arbeitstag. Er ist körperlich, seelisch und hinsichtlich der Gruppendynamik aufreibend, doch essenziell für den Fortbestand der Struktur, von der das Wohlergehen von 37 Haushalten abhängt.

In einem solchen Kontext meint »Commoning« für mich alles, was Menschen an kollektiven Praktiken und Ritualen willkürlich »erfinden« oder auch unwillkürlich leben, um den Zwang und die Mühsal des Kollektiven zu übertünchen. Dies sind kulturelle Handlungen, die weder verschriftlicht noch aktiv eingeübt, sondern in lebensweltliche Routinen eingebettet werden. Das fängt bei der Begrüßung am Morgen eines Arbeitstags an, wenn die Verantwortlichen bei der Verteilung der Arbeiten in der Runde augenzwinkernd Witze machen über notorische Drückberger und Arbeitstiere, die sich nicht unter Kontrolle haben, wenn man ihnen eine Motorsäge in die Hand gibt. Die Organisatoren begründen und legitimieren damit nicht nur ihre (wohlüberlegte und nur vordergründig ungerechte) Arbeitszuteilung, sie geben sich auch als Träger von implizitem Wissen über die Organisation und ihre Mitglieder zu erkennen. Dies trägt situativ zur Homogenisierung der Gruppe bei, zumal die Sprüche niemanden wirklich verletzen. Danach fügen meist andere Leute kleine Aperçus von früheren Ereignissen und Erlebnissen ein. Sie vermitteln damit, dass dieses Wissen ein wichtiges kollektives Erbe darstellt, das aber nur etwas wert ist, wenn es geteilt und gemeinsam erinnert wird. Kommt es selten mal zu Meinungsverschiedenheiten in punkto Arbeitsorganisation, streut ein Gründungsmitglied ein, wie man das früher gemacht hat. Dann geht es ans »Gemeinwerk«.
Beginnt dann der Schweiß zu fließen, verflachen alle Ungleichheiten in der Arbeit – der Informatiker mit Diskurshernie wird beim Kompostschaufeln langsamer sein als die von Oma Meier eigens herbestellte Enkeltochter, eine leidenschaftliche Leichtathletin, weil alle zu einem guten und möglichst frühen Ende kommen möchten. Allfällige Unzufriedenheiten über die Organisation werden ausgeblendet und vielleicht später informell oder im Idealfall in eine der nächsten Versammlungen eingebracht.

Die beschriebenen Vorgänge sind anstrengend und auf Dauer potenziell frustrierend, aber sie machen »Commoning« aus. Es ist das informelle, kulturelle Schmiermittel einer funktionierenden Kollektivität. Es geht dabei nicht um Effizienz. Im Gegenteil, manchmal ist genau Ineffizienz der Schlüssel zu gelingendem Gruppenhandeln. Commoning hat seinen eigentlichen Nutzen darin, dass es sich besser anfühlt, ein Ergebnis gemeinsam erreicht zu haben, als wenn ein Haufen gut instruierter und motivierter Einzeltäter das gleiche Ergebnis in der halben Zeit erreicht hat. Deshalb gibt es am Ende jedes Arbeitstages eine kleine, prosaische Feier. Frauen und Männer stehen im Kreis, prosten sich mit einem lauwarm gewordenen Flaschenbier zu, essen die in der Verpflegungspause übriggebliebenen Brote, unterhalten sich in kleinen Gruppen. Es werden spontane Eindrücke verarbeitet, private Dinge aufs Tapet gebracht, jemand erzählt, wo es gerade günstig Blumenerde zu kaufen gibt oder dass ein neues Vorstandsmitglied gesucht wird.
Commoning ist eine Lebenseinstellung, die uns die Summe von Umwegen und Verzögerungen akzeptieren lässt, die jede kollektive Lebenskultur zwingend in sich trägt. Kollektives Handeln und Entscheiden fordert den gesunden Menschenverstand heraus, und der hat bekanntlich kaum etwas mit der reinen Vernunft gemeinsam, weil er der gemeinsamen Sache zuliebe durchaus auch Irrationalität und Dummheit ihren Platz einräumt. In kollektiven Aushandlungsprozessen wider besseres Wissen nicht auf das bessere Argument zu pochen, ist auch eine Spielart von »Commoning«. 

 

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geschrieben von Daniel Schläppi
am 18.09.2019


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