Beitrag vom 06.09.2019

Wir erkunden Muster des Commoning

Sprachlosigkeit stellt sich oft ein, wenn wir das Phänomen beschreiben, wofür wir in Oya die noch jungen Begriffe »Commoning« oder »Gemeinschaffen« verwenden. In der nächste Ausgabe folgen wir deswegen dem Vorschlag von Silke Helfrich und David Bollier, mit einer »Mustersprache des Commonings« zu experimentieren. Diese Muster beschreiben Phänomene, die sich im gelingenden Miteinander immer wieder beobachten lassen, sei es in selbstorganisierten Projekten der Gegenwart oder in jahrhundertealten Allmende-Traditionen. Durch sie wird greifbar, was Commoning ausmacht – und warum es die Grundlage für eine enkeltaugliche Kultur sein kann. Eine Vorschau bildet die Kurzfassung eines Artikels zur Bergschäferei in den englischen Fells.

Wo unsere eigene Tradition Gesten des Gemeinschaffens birgt

Englische Bergschäfer und Bergschäferinnen hüten ihre Herden nach einer Sieben-Generationen-Praktik und geben Aufschluss über zeitgemäße Formen des Gemeinschaffens.

Niemand weiß genau, wie lange schon Schafe durch die Fells im Lake District im Nordwesten Englands getrieben werden – vermutlich seit mehreren tausend Jahren. Die Bergrassen gehören zu den widerstandsfähigsten ihrer Art. Jetzt im Oktober findet der Abtrieb von den Berghängen in tiefer gelegenes Weideland statt. Schäfer und Hütehunde treiben rund ein Dutzend Herden zusammen. Sie waren in den Sommermonaten weitgehend sich selbst überlassen. Die Fells sind Gemeindeland, kein Zaun umsäumt es, und doch wissen alle Beteiligten, wie es dort oben zugeht. »Vor dem Zeitalter von Handy und E-Mail konnten die Menschen dieses Land nur gemeinsam bewirtschaften, wenn sie sich auf Gebräuche und ein bestimmtes Vorgehen einigten. Es musste klar geregelt sein, was jeder wann und wie zu tun hatte«, schreibt James Rebanks, Bergschäfer in den Fells. Er gehört heute zu den Mitnutzenden der Teile der Fells, die von einer Einhegung durch Umwandlung in Privateigentum bis heute verschont geblieben sind. In der englischen Sprache werden Rebanks und die anderen Hütenden »Commoners« genannt – die »Gemeinen« oder »Gemeinschaffenden«. Zusammen mit seinem Vater kehrte James Rebanks in den letzten Jahren zur traditionellen Schafhaltung zurück.

Wie in den Fells gibt es etwa in Tirol oder Spanien Wege und Flächen, die die Schäferinnen und Schäfer mit ihren Herden seit langer Zeit nutzen, um die Gegend zu durchqueren, Futter- und Rastplätze aufzusuchen, aber nur in diesem Tal nehmen sie diese spezifische Form an, die James Rebank in seinem Buch »Mein Leben als Schäfer« beschreibt. In einer anderen Landschaft und Kultur geht es anders zu. Was das Hüten auf Allmendeland aber überall gemeinsam hat, sind einige grundlegende Gesten, die lebensdienliche Qualitäten zu Tage treten lassen. Hier findet »Commoning« statt, wie wir es in Oya ausdrücken und mit »Gemeinschaffen« übersetzen.

Die Schafhaltung auf Allmenden gehört in weiten Teilen der Vergangenheit an, aber es ist auch eines der wenigen Beispiele in unserer Gegenwart, die Ansätze zeitgemäßen Gemeinschaffens erahnen lassen – mitten in einer kapitalistischen Gesellschaft.  Die Schäfer handeln nach Logiken wie es sie schon lange gibt, sie leben in beständigen Beziehungen zu Menschen, Tieren und Land. Sie folgen ganz offensichtlich dem Muster »Gemeinsam erzeugen und nutzen«, wenn die Herden von unterschiedlichen Besitzerinnen und Besitzern sich Weideland teilen, das keinen Eigentümer kennt. Sie widmen sich dem Land und den Tieren, und das geht weit darüber hinaus, den eigenen Hof zu bewirtschaften. »Grundsätzlich werden die Dinge von den Jahreszeiten und Notwendigkeiten diktiert, nicht von unserem persönlichen Belieben«, erklärt James Rebank. Sich in ein größeres Ganzes einzufügen, ist etwas ganz anderes als eine jederzeit abrufbare Dienstleistung, wie sie heute das gesellschaftliche Leben durchzieht. Anstelle der Frage, wie ich mir einen möglichst großen Anteil der Welt aneignen kann, tritt die Haltung des »Sich-Zueignens«: Ich nutze und pflege einen Ort bzw. einen gemeinsamen Prozess in einer dienenden Haltung und werde dadurch genährt. Was wir Natur nennen, ist in einer Haltung des Zueignens keine Ressource mehr, die Menschen sich aneignen können, sondern ein Gegenüber auf Augenhöhe.


Den Auf- und Abtrieb der Herden beschreibt James Rebanks als ausgetüfteltes Zusammenspiel aller beteiligter Schäferinnen und Schäfer, alle haben ihre Rolle, wenn mehrere Herden mit tausenden Schafen über einige Quadratkilometer zusammengetrieben und die Hänge hinunter gegängelt werden. Zwar übernimmt der oder die Erfahrenste das Kommando, ist damit aber nicht alleinentscheidend oder allein verantwortlich. Auf Augenhöhe agieren kann auch heißen, jemandem zu vertrauen und eine Entscheidung in dessen Hände zu legen. Wie Commoning sich gestaltet, wird von den Beteiligten gemeinschaftlich gefunden. Anstelle von vorgegebenen Schemata tritt ein kreativer Prozess gleichwürdiger Individuen. Solche Prozesse zielen darauf hin, dass es allen dabei gut geht, weil es immer um Kooperation geht. Gesunde Abgrenzungen schließt das aber nicht aus. Ein interessanter gemeinstimmiger Prozess geschieht da, wenn sich die Schlinge aus Schäfern und Hütehunden auf magische Art und Weise um die Herden zusammenzieht, abgespaltene Grüppchen durch schnelle Hunde wieder zusammengetrieben werden und am Ende jedes einzelne Schaf wieder einen Platz in seiner Herde gefunden hat. Manchmal klappt das auch nicht. Dann wird ein Schäfer oder eine Schäferin mit verächtlichem Blick der anderen bestraft, denen ein Schaf oben in den Fells auf Weideland anderer Commoners gerät und es mit anderen Herden hinabgetrieben und später aufwändig zurückgeholt werden muss.

Von seinem Großvater lernte James Rebanks das Mauernbauen. Steine mussten fein säuberlich aufeinander geschichtet werden. Der eine hält den anderen. Kippelt einer, droht die ganze Mauer einzustürzen. Diese Mauern säumen Wege, markieren Sammelstellen für die Herden. Aber es gibt nicht nur sichtbare Grenzen. Die Schafe kennen die imaginären Grenzen in den Fells, wo das Commons, dem sie gemeinsam mit anderen Herden zugehörig sind, beginnt und wo es endet, wie weit sie äsen können, ohne den anderen Herden das Futter wegzufressen. Grenzen entstehen aus dem Leben und Sterben heraus, aus der Versorgungslage der Herden heraus, aber nicht aus politischem Kalkül. Physische, landschaftliche Grenzen spiegeln nicht selten zeitliche Beziehungen wider. Die Bergschäfer und ihre Familien setzen heute im Jahr 2019 eine Jahrtausende alte Kette des Lernens fort, genauso tun es die Schafe und die Hütehunde. »Vergangenheit und Gegenwart bestehen in unserem Arbeitsleben nebeneinander, überlappen sich, greifen ineinander, sodass sich zuweilen schwer sagen lässt, wo die eine endet und die andere beginnt. Jede Aufgabe im Jahreslauf erinnert an die vielen zuvor, in denen wir die gleiche Aufgabe erledigt haben und an die Menschen mit denen wir zusammengearbeitet haben.« Darin spiegelt sich das Commoning-Muster »situiertem Wissen vertrauen« – es drückt aus, wie sehr Kopf, Herz und Hand ineinander fließen, wenn solides Wissen gefragt ist. Die Schäferinnen und Schäfer zeugen davon, »eine besondere Vertrautheit mit Landschaften und Umgebungen« zu pflegen, die ihr Tätigsein prägen. Und zugleich steckt darin etwas Fortwährendes, etwas Wesenhaftes: »Würde ein Wikinger sich neben mich auf den Fell stellen, dann könnte er unsere Arbeit und das Grundmuster unseres Jahresablaufs verstehen», schreibt James Rebanks. »Wer sich als Teil der Welt, der Erde und der Landschaft empfindet, wird die Erde nicht als Ressourcenlager betrachten, sondern als nährende Mutter, die über eine subtil gewirkte Nabelschnur stets mit dem eigenen Organismus verbunden bleibt,« schreibt Matthias Fersterer in der ersten Oya-Ausgabe.


In diesem Sommer lese ich Rebanks liebevoll geschriebene Autobiografie aus der Perspektive der »Muster des Commoning« mit denen uns Silke Helfrich erst im Frühjahr dieses Jahres vertraut gemacht hat. Diese neue und zugleich vertraute Perspektive hilft mir das Selbstverständliche, das die Bergschäferei in den englischen Fells in sich trägt, neu zu verstehen. Ich begreife mehr und mehr, was das Wesentliche einer alltäglichen, lebensfördernden Praxis ist.

Die Arbeit der Schäferinnen und Schäfer ist es harte Arbeit, tagein, tagaus. Sei es das Scheren hunderter Schafe in kurzer Zeit, die Heuernte in zuverlässig regnerischen Sommern oder das Versorgen der Herden in meterhohen Schneewehen. Trotz einiger Maschinen oder dem Quad bleiben die Menschen bei dieser Tätigkeit Wind und Wetter ausgesetzt, das ganze Jahr lang. Seinen früheren Büroalltag als Mitarbeiter einer Redaktion in klimatisierten Räumen erlebte James Rebank allerdings viel stärker von Anstrengung, Langeweile und Stress geprägt. Das bäuerliche Leben zeugt von Beständigkeit. Sich immer wieder neu einer Aufgabe zu widmen, ist etwas völlig anderes als etwas wieder und wieder zu tun. Das hat nicht in erster Linie etwas damit zu tun, Bäuerin oder Bauern zu sein, wenngleich diese Haltung bei ihnen lebendig und sichtbar ist. Ich kann mein Kind jedes Mal mit größter Freude stillen, ein dutzend Mal am Tag, ohne irgendeine Abstumpfung zu empfinden. Diese Art der Zuneigung höre ich auch aus dem Arbeiten mit dem Jahreslauf heraus, die das Leben der Bergschäfer prägt.

In meiner Heimat gehören gehören die auf den Elbdeichen grasenden Schafe zum Landschaftsbild. Immer noch lassen einige traditionelle Schäfer ihre Herden dort weiden. Hunderte kleiner Schafherden existieren noch und in den letzten Jahren entstanden viele neue, motiviert durch das Schaffen einer Gegenbewegung zur Massentierhaltung. Handwerkliche Meiereien schaffen feine Käsesorten wie den Elbtaler, ein Schnittkäse mit Gartenkräutern oder Kornblumenblüten. Allerhand hübsche und nützliche Gegenstände aus hiesiger, kratzig-robuster Wolle lassen sich schon hier und da in den Haushalten und an den Menschen entdecken. Es gibt gemeinsame, hofübergreifende Ansätze. Allerdings: Vermarktungsstrukturen aufzubauen scheint mir oft im Mittelpunkt zu stehen. Die kleinbäuerliche Schafhaltung droht vereinnahmt und durch die gräßlichen Schraubzwingen des Auf-dem-Markt-bestehen-Müssens geknebelt zu werden. Der Druck lastet sicherlich auch auf den englischen Bergschäfereien, aber die wachen, commonischen Prozesse nehmen ihnen in Teilen diesen Druck. Ein wesentliches Muster, das dort heute stärker hervortritt als bei den Bergschäfern zwei oder drei Generationen zurück ist »Arbeit dem Markt entziehen«. Ohne Einnahmen aus Zuchtverkäufen könnte Rebanks anfallende Kosten nicht decken. Aber er beschreibt, dass es sich bewährt hat, den Geldfluss klein zu halten, nicht für alles eine Rechnung zu schreiben, nicht jeden Geldhahn anzuzapfen. Geld spielt eine Rolle. Die Bergschäferei ist kein Beispiel für eine Umsonst-Ökonomie, aber entscheidend für das Wesen ihres Tätigseins ist das Geld nicht. Mit dem Blick auf die mich umgebenden Elbschafe frage ich: Wie gelänge von vornherein eine andere Perspektive, die dem Gemeinstimmigen, dem Tätigsein im Dienste des Lebens gerecht würde? Würden die vielen kleinen Elb-Höfe, die heute fast unabhängig voneinander arbeiten, ihren Alltag miteinander verweben und damit Stärkung und Beständigkeit davon erfahren, dass sie »auf verteilte Strukturen« setzen?
Es erfordert viel Zeit, neue Commoning-Traditionen aufzubauen. Die noch existierenden Beispiele wie die Schäferei in den Fells können Mut machen.

 

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Die nächste Oya-Ausgabe landet Anfang Oktober in den Briefkästen der Abonnentinnen und Abonnenten. Bald darauf kann das Heft auch im Bahnhofsbuchhandel gekauft werden.

Wer noch kein Abonnement hat, kann dieses hier bestellen – oder Teil des Oya-Hütekreises werden.

 

Anja Marwege

geschrieben von Anja Marwege
am 06.09.2019

1 Kommentar

von Angelika Hoffmann am 02.11.2019

«Spannender Blick auf dieses wunderbare Buch. Danke. Und Gruss von der anderen Elbseite.»


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